Buch #2: Antonia S. Byatt – Besessen

Besessen. Einen besseren Titel hätte ich mir für dieses Buch nicht vorstellen können. Es gibt zwei Paare, die besessen sind, die Autorin muss besessen gewesen sein, und ich bin es auch geworden.

Aber alles der Reihe nach.

Zuerst einmal etwas zur Autorin. Antonia Susan Byatt wurde am 24. August 1936 in Sheffield, Großbritannien, geboren. Sie studierte in York und Cambridge und lehrte eine Zeitlang, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Possession gewann 1990 den Booker Price und verhalf ihr zum internationalen Durchbruch. Außerdem verlieh ihr die Queen den Titel Commander of the British Empire und 1999 wurde sie zur Dame Commander, was die Erhebung in den persönlichen Adelsstand bezeichnet. Ihr seht also, die Dame ist nicht ohne.

58132551Genauso wenig ist es dieses Buch. Die Geschichte zusammenzufassen ist nicht ganz einfach. Wir befinden uns im Jahr 1988, und lernen Roland Mitchell kennen, einen Literaturforscher, der zu Henry Randolph Ash forscht, einem Lyriker des 19. Jahrhunderts. Roland  befindet sich in einer Sackgasse, hat keinen richtigen Job und keine Aussicht, bald einen zu bekommen. In seiner Beziehung ist er unglücklich, duldet sie aber. Nun findet er eines Tages zufällig zwei Briefe Ashs an eine unbekannte Frau. Er nimmt die Briefe an sich und zieht Erkundigungen ein. Er findet heraus, dass es sich bei der Frau um Christabel LaMotte handeln muss, die Henry bei einem Frühstück eines gemeinsamen Freundes getroffen haben muss. Daraufhin wendet er sich an Maud Bailey, die zu Christabel LaMotte forscht, aus höherem Hause stammt, Feministin ist und um einiges erfolgreicher als Roland. Beide mögen sich zu Anfang nicht sonderlich, aber die Aufregung über die vielleicht bestehende Beziehung zwischen ihren Forschungsobjekten lässt sie zusammen weitersuchen nach Hinweisen zu dieser Beziehung. Sie wenden sich an Nachfahren Christabels und aufgrund eines von Maud erinnerten Gedichtes, das Christabel verfasst hat, finden sie ein Geheimversteck mit einem Packen Briefe.

Nun gelangen wir zur Geschichte in der Geschichte. Anhand ihres Briefwechsels können wir nachvollziehen, wie sich die beiden kennengelernt haben und sich ihre Beziehung von einer bloß freundschaftlichen zu einer Liebesbeziehung entwickelt. Wir lesen ihre Briefe, und die Gedichte, die sie verfasst haben. Langsam wird klar, dass diese Gedichte aus einer gemeinsamen Reise entstanden sind, von der beide viele Motive mitnahmen. Randolph Henry Ash jedoch war verheiratet, was, wie sich jeder denken kann, eine Beziehung in der damaligen Zeit quasi unmöglich machte. Was möglich war, und wie diese Liebesbeziehung verlief, möge jeder für sich selbst entdecken, ich würde hier zuviel Spannung wegnehmen.

Roland und Maud erfahren also mit und mit, wie die Beziehung Randolphs und Christabels sich entwickelte. Dabei wachsen die beiden auch immer mehr zusammen, können sich aber in den 80ern, einer Zeit, in der jeder Angst vor der Liebe hat (ist das heute anders?) nicht zu ihren Gefühlen für einander äußern. Da es mehrere Forscher gibt, die Wind von beider Entdeckung bekommen haben und nun die Briefe für sich beanspruchen, entwickelt sich die Geschichte außerdem zu einem spannenden Plot um die Jagd nach dem wahren Geschehen. Auch hier werde ich nicht weitererzählen, denn es lohnt sich durchaus, diesen selbst zu lesen.

Nun zu meiner Meinung: wie ich schon sagte, besessen, das ist das, was das Buch nach einiger Zeit mit uns macht. Die Autorin beweist eine unglaubliche Erzählfreude, neben dem Plot um Roland und Maud ist die Geschichte um Randolph und Christabel um einiges aufregender. Mrs. Byatt lässt uns an dem Verlauf der Entdeckungen teilhaben, als würden wir sie selber machen. Sie mixt ihren Erzählplot mit Gedichten, Märchen und Briefen der beiden, und nach einiger Zeit wird man süchtig nach den kleinen Entdeckungen, die man dabei macht. Ich will nicht verhehlen, dass das manchmal nicht ganz einfach zu lesen und zu verdauen ist, aber ist man einmal in der Geschichte, zieht sie einen in ihren Sog.  All die verschiedenen Formen und Erzählstränge greifen ineinander wie Zahnräder, und heraus kommt ein exzellent laufendes Ganzes. Mrs. Byatt wirft einige interessante Gedanken auf, so zum Beispiel der, wie sich unsere Weltsicht nach Freud verändert hat, und vergleicht diese beiden Welten quasi miteinander. Damals, als Dinge wie z.B. Sex oder phallische Symbole noch ganz anders bewertet wurden, im Gegensatz zu unserer heutigen Welt, in der sie allgegenwärtiges Gemeingut sind.

Am besten gefallen hat mir die Figur Christabels. Sie ist eine für damalige Verhältnisse unglaublich emanzipierte Frau, die mit einer anderen Frau zusammenlebt (ob in einer tatsächlichen Beziehung, erfährt man nie so ganz genau) und ihren eigenen Haushalt unabhängig von Männern bestreitet. Das war eine sehr große Herausforderung, und sie hat viel Gegen- und Abwehr erhalten. Nichts desto trotz hat sie sich durchgesetzt, und auch Henry Randolph Ash hat sie lange abgewiesen, bis sie ihm gestattete, ein intellektueller Freund zum Gedankenaustausch zu werden. Dieser hat sie in ihrer selbsterwählten Rolle allerdings immer akzeptiert und respektiert, was eine Beziehung erst ermöglichte. Sie muss ein unglaublich starkes Persönchen gewesen sein, und ich bewundere ihre Figur sehr. Maud ist dann ihre Fortführung in der modernen Welt, mit nicht mehr ganz so großen Schwierigkeiten und einem Institut für Geschlechterforschung, aber immer noch in dem Kampf verloren, dass – besonders schöne Frauen – von Männern als Objekte gesehen werden, sind sie intelligent dazu, stellen sie ein schönes Spielzeug dar. Auch sie muss ihren Weg gegen einige Herren verteidigen, hat allerdings Unterstützung von ebenfalls sehr starken Damen.

Mein abschließendes Urteil lautet also: Nach einigen Anlaufschwierigkeiten hat mich das Buch in seinen Bann gezogen, ich kann es jedem nur ans Herz legen und empfehlen. Ich muss allerdings dazu sagen, dass man sich nicht von den für manche nicht so einfachen Formen wie den Gedichten abschrecken lassen, sondern mit etwas Geduld an dieses Buch herangehen sollte. Ich nehme an, auf meiner Liste wird es immer einen Platz recht weit oben bekommen, aufgrund der großartigen Erzählfreude und der perfekt ineinandergreifenden Konstruktion.

Vielen Dank für dieses Buch, Dame Byatt.

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4 Gedanken zu „Buch #2: Antonia S. Byatt – Besessen

  1. Ich habe das Buch vor Jahren gelesen und so geliebt! Leider hat es jetzt diesen scheußlich unpassenden Einband. Es ist schier ein Ding der Unmöglichkeit es so zu verkaufen. Sieht aus wie ein simpler Kitschroman und so reagieren die Kunden auch immer. Was sich der Verlag nur dabei gedacht hat?

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    • Ich kenne den heutigen Einband nicht, aber das wäre ja grobe Kundentäuschung. Der Roman ist gar nicht so einfach zu lesen, und wenn man mit Kitschroman-Erwartungen herangeht, kann ja nicht Gutes dabei rauskommen. Aber niemand hat gesagt, dass Verleger nicht auch einfach nur geldgeile Menschen sein können, nicht wahr?!

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  2. Oh, das klingt danach, dass ich es auch mal lesen wollen würde. 🙂 Byatt ist in der Tat nicht einfach zu lesen, ich habe in der Uni mal „Angels & Insects“ (bzw. „Morpho Eugenia“) gelesen. Großartig, aber nicht so einfach. „Besessen“ werde ich mir jedenfalls notieren!

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