David Foster Wallace: Unendlicher Spaß/2

Nachdem ich nun ein Drittel durch habe, möchte ich euch wieder etwas über das Buch erzählen. Man sagt ja immer, Schriftsteller würden Welten entstehen lassen in ihren Werken. Dem stimme ich uneingeschränkt zu, aber zu diesem Buch muss ich sagen: David Foster Wallace hat ein Universum kreiert.

Ein Freund hat mir gesagt, wenn ich Unendlicher Spaß lese, solle ich zusehen, dass ich es möglichst am Stück tu. Eine Unterbrechung, und sei es auch nur ein paar Tage, und ich werde unheimliche Schwierigkeiten haben, wieder reinzukommen. Er hatte Recht. Dieses Buch ist so komplex und erzählt von so vielen verschiedenen Personen, die verschiedene Handlungsstränge verfolgen, dass es eine Herausforderung ist, dem zu folgen. Diese Personen und Handlungsstränge verquicken zudem immer wieder ineinander, und die 134 Seiten an Fußnoten tragen auch nicht zum einfacheren Lesen bei. (Letztens dachte ich mir, ich lese noch ein paar Seiten, und dann folgte eine über zwanzig Seiten lange Fußnote).

Nichts desto trotz muss ich sagen: ich liebe es. Es ist ein Kreuz, es zu lesen, und ich denke, wenn ich durch bin, werde ich ein mehr oder weniger zerfleddertes Buch vor mir haben (ja, ich schleppe es auch überall hin mit, das ist nicht hilfreich zur Erhaltung).  Aber die Szenarien, die David Foster Wallace entwirft, sind schon umwerfend.

Gestern las ich das Szenario von einem „Spiel“, das an der Tennisakademie gespielt wird. An einem Feiertag, wenn das Training ruht, spielt die gesamte Akademie seit Jahren ein Spiel: Eschaton. Hier wird auf den Tennisplätzen eine „Welt“ entworfen, mit verschiedenen Ländern, Angriffszielen, Verteidungsanlagen und seit Jahren genau festgelegten Regeln. Jedes Jahr wird eine neue Situation vorgestellt, mit der die Spieler dann umgehen müssen. Diese Situation ist nicht weniger als ein Weltkriegsszenario. Verschiedene Gruppen stellen verschiedene Länder oder Länderpakte dar, z.B. INDPAK, Indien und Pakistan, oder IRLYBSYR (überlegt selbst). Geschlagene Tennisbälle sind Bomben, Treffer nukleare Anschläge und dergleichen. Man stelle sich vor, 11- bis 17jährige spielen ein komplexes Weltkriegsszenario nach. Mit Tennisausrüstung. Sie taktieren und planen, um ihre Verteidigungsposten zu retten, einen atomaren Krieg zu vermeiden und irgendwie als Sieger aus diesem Spiel hervorzugehen.

Dann aber fängt es an zu schneien. Es folgt eine Diskussion, ob der Schnee in der Realität Auswirkungen auf die Weltlage im Spiel hat, und auf einmal brennen die Sicherungen durch, es gibt gebrochene Nasen und die Saison beendende Verletzungen. Alles ist ein großes Chaos.

Man könnte dies jetzt als lächerliches Schulfeiertagsspiel lesen. Die Kinder spielen, haben ihre Nerven nicht im Zaum und alles endet mit einem großen Tohuwabohu. Oder man könnte es als Anspielung auf die Realität sehen. Überall auf der Welt sitzen Nationen und ihre Politiker auf ihren (nuklearen) Waffen, bedrohen sich gegenseitig, und sei es nur durch die Anwesenheit dieser Möglichkeiten, andere Nationen und vielleicht sogar die ganze Menschheit auszulöschen, und dann bekommt einer einen Tennisball an den Kopf und dreht durch. Das Spiel wird beendet, aber die Wirklichkeit sieht anders aus.

Ein schönes Beispiel, wie man in der Literatur spielerisch auf Missstände aufmerksam machen und die Menschen dazu bringen kann, etwas zu Ende zu denken. Nur wird es leider nicht helfen, oder den Tennisball vermeiden, wie ich befürchte.

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