Literatur zum 2. Weltkrieg

Da ich gerade Transit von Anna Seghers lese, möchte ich hier noch ein paar Anmerkungen machen. Ich habe vor einigen Jahren Das siebte Kreuz gelesen, das mich schon sehr beeindruckt hat. Und auch Transit ist eines dieser Bücher, die man nicht so schnell vergisst.

Aber natürlich sind das als Germanistikstudentin nicht meine einzigen Berührungspunkte mit dieser Literatur. Ganz im Gegenteil, ich habe mehrere Seminare besucht, in denen sie Thema war, und deshalb auch einen – wahrscheinlich immer noch winzig kleinen – Einblick gewonnen. Als unbedingten Lesetipp möchte ich hier – da nicht auf der Liste – Hermann Kasacks Stadt hinter dem Strom empfehlen. Wenn man etwas über die Gefühlslage und die Aussichtslosigkeit lernen möchte, ist dieses Buch sehr erhellend.

Aber nun zum eigentlichen Anreiz für diesen Artikel. Ich gehöre zu der sogenannten „Enkelgeneration“. Für mich heißt das, dass man damit aufgewachsen ist, bei bestimmten Wörtern, Gesten, kurz, allem, was mit dem 2. Weltkrieg zu tun hat, leicht zusammenzuzucken. Es war immer ein großes Tabuthema. Darüber wurde nicht gesprochen, das war ein absolutes No-Go.

Natürlich hat man das Thema in der Schule behandelt, aber es blieb doch immer abstrakt. Wie sollte es auch anders sein, wir hatten es ja nicht miterlebt. Es ist mehr wie ein Schatten, den man in die Wiege gelegt bekommt, er ist immer da, aber man kann ihn nicht fassen.

Ich bin mir nicht sicher, ob und wie man sich ein Urteil über unsere Vorfahren erlauben darf. Und alle, die es tun, haben meiner Meinung nach nicht das Recht dazu, solange sie nicht in der Situation gewesen sind. Hier helfen auch die Bücher zum Thema. Das, was mir am meisten aufgefallen ist, ist nämlich die Hilflosigkeit angesichts dessen, was in der Welt passiert. Die Welt ist verrückt geworden, und alles bricht zusammen. Und man kann nur hilflos zusehen.

Ich weiß nicht, ob und was man hätte tun können. Sicher, es gibt die Beispiele der Widerstandskämpfer, aber diese mussten ihren Widerstand meist mit dem Leben bezahlen. Was, wenn man eine Familie hatte? Kinder, Großeltern, für die man sorgen musste? Wenn man etwas gegen das Regime unternommen hätte, hätte man sie in den Sog mit hineingerissen. Man war verantwortlich.

Wie gesagt, ich kann nur ahnen, wie es damals war. Und ich bin froh über die kleinen Einblicke. Und natürlich hat meine Erziehung, egal wo sie stattgefunden hat, immer für Aufklärung gesorgt, immer war das Thema irgendwie präsent, und ich denke, in vielen Köpfen ist es auch genauso verankert: so etwas darf nie wieder passieren.

Was aber nun mit all den Hohlköpfen anfangen, bei denen das nicht angekommen ist? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass der Kampf noch nicht ausgestanden ist, das Trauma ist nach wie vor da, und man muss alles tun, damit die Geschichte sich nicht wiederholt.

Was mir nun aber wieder übel aufstößt, ist etwas, was mir letztens passiert ist. Ein ausländischer Gaststudent fand es lustig, die erste Strophe zu singen. Ich sagte ihm, ich könne den Mist noch nicht einmal. Und irgendwie hat mich das sehr verletzt. Wir sind Freunde, und ich habe ihm nie Gelegenheit gegeben, anzunehmen, dass ich so denke.

Natürlich gibt es auch hier immer noch genug Hohlbirnen, aber lassen die sich nur auf White Trash festlegen? Ich denke nicht. Abschaum ist Abschaum. Aber dass ich allein durch meine Staatsangehörigkeit dazugerechnet werde, ist ungerecht. Wie gesagt, ich habe das alles nicht miterlebt, ich weiß nicht, wie die Situation war, und diejenigen, die darüber urteilen, wissen es ebensowenig.

Aber der Stempel ist da. Und ich bin mir nicht sicher, ob wir ihn jemals loswerden. Naja, die NPD und die ganzen Rechten, die überall sitzen, machen das alles nicht einfacher. Aber ich weigere mich, diesen Stempel zu tragen.

Ich denke, ich werde meinem Mitbürger das Buch geben, wenn ich damit fertig bin. Damit er sieht, dass es auch anderes gibt. Dass man uns nicht alle verurteilen und in einen Topf werfen kann.

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2 Gedanken zu „Literatur zum 2. Weltkrieg

  1. Ich denke, man kommt gar nicht umhin, Vergangenes aus heutiger Perspektivezu bewerten und zu beurteilen. In der gleichen Situation gewesen muss man da gar nicht gewesen sein, nur sollte man eben die unterschiedlichen Situationen, in denen man sich befindet, berücksichtigen. (aber das ist vielleicht nur meine spezielle Sicht als Historiker).

    Du schreibst in deinem schönen Artikel: „Das, was mir am meisten aufgefallen ist, ist nämlich die Hilflosigkeit angesichts dessen, was in der Welt passiert. Die Welt ist verrückt geworden, und alles bricht zusammen. Und man kann nur hilflos zusehen.“ Irgendwie irritiert mich diese Perspektive doch immer wieder. Irgendwie wird dabei immer auch ein stück weit unsichtbar, dass viele Dinge nicht einfach „passieren“, sondern „gemacht“ werden.

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    • Natürlich können wir alles nur aus heutiger Perspektive beurteilen, das sehe ich genauso. Ich tu mich nur ein wenig schwer mit dem „verurteilen“. Ich möchte nicht verurteilt werden für etwas, mit dem ich im Grunde nichts zu tun gehabt habe, und genauso wenig möchte ich beurteilen, was im Einzelfall passiert ist.
      Hierbei steht natürlich vollkommen außer Frage, dass das meiste „gemacht“ worden ist, und nicht einfach „passiert“. Auch „mitmachen“ ist eine Art von Unterstützung. Oder „nichts machen“. Nehme ich nun den Protagonisten aus ‚Transit‘ – hier greife ich meiner Rezension vor – hat er einem SA-Jungen eins auf die Nase gegeben, ist daraufhin in ein Lager gekommen und geflohen. Dann aber lässt er sich treiben. Und dieses „Sich-treiben-lassen“ ist gleichzeitig verständlich und unverständlich. Aber ich würde ihn deswegen nicht verurteilen.
      Ich bin mit diesem Kapitel groß geworden, ich setze mich damit auseinander, aber wirklich „wissen“ tu ich es nicht. Und das tut keiner, niemand weiß, was er in dem Fall getan hätte. Wir sind heute darüber aufgeklärt, und beurteilen Dinge anders. Und wir können nur immer weiter aufklären, damit derartiges nie wieder passiert.
      Aber genauso möchte ich mich ohne schlechtes Gewissen darüber freuen können, wenn Deutschland ein Tor schießt. Oder ein Athlet eine Medaille mit nach Hause bringt. Wenn dann in z.B. englischen Zeitungen solche Sachen wie „German Bomber“ für einen Torschützen stehen, ist das genauso „gemacht“. Die ganze Sache beruht also auf zwei Seiten.
      Schwieriges Thema, und ich denke, das wird es immer bleiben, auch für die nächsten Generationen. Ich hoffe nur, dass es irgendwann ein wenig leichter wird. Und dabei kann es auch helfen, die Bücher derjenigen zu lesen, die dabei waren.

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