Magischer Realismus

Da das nächste Buch auf der Liste Haruki Murakamis Mister Aufziehvogel ist, möchte ich vorher etwas darstellen, was seine Werke ausmacht und prägt:  der magische Realismus.

Der magische Realismus ist eine Strömung in der Malerei und der Literatur, die seit den 1920er Jahren besteht.  Es handelt sich um eine Verschmelzung der realen, greifbaren, rationalen Welt und der Welt der Träume und Halluzinationen. So wird eine dritte Realität geschaffen. Hauptsächlich wird der magische Realismus in der südamerikanischen Literatur verwendet, um Mythen und Legenden zu beschreiben und sich vom „rationalen“ Europäer abzugrenzen.

Hier ein Beispiel aus der Malerei von Rob Gonsalves

(Hier ein Beispiel aus der Malerei von Rob Gonsalves)

Oft wird eine Parallele zur Fantasy-Literatur gezogen, die ich persönlich jedoch nicht bestätigen kann. Er ist natürlich kein „Realismus“, aber die Fantasy-Literatur beinhaltet meiner Meinung nach noch viele andere wesentliche Elemente, wie z.B. fantastische Wesen, andere Welten usw. Mein Eindruck des magischen Realismus ist aber vielmehr der, dass man nicht mehr genau weiß, was Traum ist und was Wirklichkeit. Die Traumwelten, die hier dargestellt werden, sind immer so nah an der Realität angesiedelt, dass der Übergang fließend ist.

Jeder hat schon einmal erlebt, dass Träume wie die Realität vorkommen, oder die Realität wie ein Traum. Man befindet sich in einem Zustand, als habe sich die Welt ein klein wenig verrückt, etwas stimmt nicht, aber man kann es nicht fassen. Sieht man seine Umgebung an, ist alles wie immer, normal, aber doch scheint die Realität ein wenig anders zu sein. Wie bei einem déjà-vu, zum Beispiel.

Normalerweise dauert dieser Zustand nicht lange an, man wundert sich ein wenig und sagt sich, dass man eine ähnliche Situation vorher geträumt haben müsse und nun komme sie einem bekannt vor.

Die Personen in der Literatur des magischen Realismus allerdings bleiben in dieser Art „Zwischenwelt“ hängen. Die reale Welt mischt sich mit einer Traumwelt, merkwürdige Dinge passieren in der Realität, wie sie sonst nur in Träumen vorkommen. Personen rufen an, die scheinbar alles wissen und geben kryptische Hinweise. Die Welt läuft anders als zuvor, aber die anderen Menschen scheinen dies nicht wahrzunehmen und gehen ihrer gewohnten Tätigkeit nach. Nur ab und an kommt wieder eine Person, die auch mehr zu wissen scheint, aber nur noch mehr Verwirrung stiftet.

Dennoch erscheint auch diese „Nicht-Realität“ wie eine Realität, da die Personen ja wirklich da sind, sprechen, essen, leben. Bei Haruki Murakami haben zum Beispiel auch Katzen eine wichtige Rolle, das Verschwinden oder Auftauchen, sie können mit bestimmten Personen reden, die dafür empfänglich sind, oder dienen als Symbol.

Ich bin nun auch einer dieser „realistischen“ Europäer und halte nichts von HokusPokus und Mummenschanz. Nichts desto trotz glaube ich, dass es Menschen gibt, die empfindsamer sind als andere und anderes wahrnehmen. Vielleicht eine kleine genetische Veränderung oder sowas, ich weiß es nicht. Aber viele Urvölker leben ja heute noch eng mit ihren Mythen verbunden, und wie man in Toni Morrisons Menschenkind sehen konnte, war der Gedanke, dass ein Geist mit im Haus lebt, für die Menschen nicht abwegig.

Es geht allerdings nicht darum, ob ich an diese Zwischenwelt glaube. Ich finde es nur äußerst faszinierend, wie Murakami sie beschreibt. Diese traumähnliche Wirklichkeit, ich kenne sie aus kurzen Momenten. Und wie Murakami sie erschafft, ist wahrhaft meisterhaft. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich ein wenig damit auseinanderzusetzen.

Advertisements

4 Gedanken zu „Magischer Realismus

  1. Vielen Dank für deine Definition zum magischen Realismus. Ich bin schon häufiger auf diesen Begriff gestoßen und mir war bis heute nicht wirklich klar, wie genau ich mit dem Begriff umzugehen habe. Jetzt habe ich eindeutig einen besseren Bezug dazu. Ich sehe das ähnlich wie du und glaube auch, dass es Menschen gibt, die für bestimmte Dinge eine besondere Sensibilität haben. Ich bin nicht abergläubisch, aber allein durch das bewusste Durchs-Leben-Gehen mit einer Kamera habe ich oft das Gefühl, einen neuen Blickwinkel auf das Leben zu bekommen. Fürs Fotografieren brauchst du Ruhe & Gespür, die Dinge anders und näher zu betrachten, hinter die Fassade zu blicken und dann vielleicht auf Dinge zu stoßen, die anderen Menschen verborgen bleiben. Beim magischen Realismus ist das vielleicht ähnlich. Man muss sicherlich in der Lage sein, sich darauf einzulassen und nur mithilfe der Fantasie & einem besonderen Gespür weiß man mit bestimmten Dingen in einer Geschichte umzugehen. Liebe Grüße, Steffi

    Gefällt mir

    • Das ist ein sehr schönes und anschauliches Beispiel, liebe Steffi, da scheint mir etwas dran zu sein – der Blick fürs Detail, das Sich-auf-Etwas-Einlassen, und sei es nur darauf, auf einen Augenblick zu warten, oder eben Dinge durch die Linse anders zu sehen… Danke für Deinen Kommentar, der mir einen schönen neuen Blickwinkel eröffnet hat!

      Gefällt mir

  2. Pingback: Haruki Murakami – 1Q84 | 1001 Bücher - das Experiment

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s