Buch #12: Tom Wolfe – Fegefeuer der Eitelkeiten

25 Jahre alt und wohl noch immer topaktuell. Ein Roman über schwarz und weiß, arm und reich, Wallstreet und Bronx… alles verpackt in eine fast comic-hafte Farce.

Im Grunde dreht sich dieser Roman um drei Männer. Da ist zunächst Sherman McCoy. Er stammt aus gutem Hause, hat einen brillanten Collegeabschluss, arbeitet an der Börse als einer der Leithammel und wohnt in der Park Avenue in einer fast 3 Millionen Dollar teuren Wohnung, die er mit monatlichen 22.000 Dollar abbezahlt. Er sieht sich selber als Master of the Universe; schließlich sitzt er am Hebel des Umschlagplatzes für mehrere Millionen Dollar am Tag. Seine Frau hat er aus Liebe geheiratet, die aber nun abgekühlt ist, und es gibt noch eine 6jährige Tochter. Und natürlich, wie es sich für einen Master of the Universe gehört, hat er eine wunderschöne Geliebte.

Äußerst wichtig ist auch sein Aussehen. Tom Wolfe beschreibt immer minutiös seine Kleidung, wieviel was gekostet hat, aus welchem Stoff es besteht usw. Und sein wichtigstes äußeres Merkmal ist das aristokratische Kinn. Man sieht ihm seine Herkunft und seinen Status an.

Eines Tages holt er nun seine Geliebte, Maria Ruskin, vom Flughafen ab. Sie verfahren sich und landen in der Bronx. Dort irren sie umher, bis sie schließlich meinen, eine Auffahrt zur Stadtautobahn gefunden zu haben. Diese wurde aber mit Reifen blockiert. Als Sherman die Reifen weglegen will, wird er von einem kräftigen schwarzen Jugendlichen gefragt, ob er Hilfe brauche. Dieser ist in Begleitung von einem ruhigen, zarten schwarzen Jungen. Der Kräftige kommt auf Sherman zu, dieser fühlt sich bedroht, wirft einen Reifen nach ihm und läuft zum Auto, in dem Maria auf den Fahrersitz geklettert ist. Sie rast los, muss aber zurücksetzen, um an den Reifen vorbeizukommen. Hierbei trifft sie den anderen Jungen.

Sie rasen nach Hause, wo Sherman die Polizei verständigen will, Maria ihn aber davon überzeugt, es zu unterlassen. Tage später erfährt ein schwarzer Geistlicher von der Mutter des überfahrenen Jungen, dass dieser wohl unwiderrufbar im Koma läge, er ihr aber noch etwas über den Unfallhergang erzählt habe, bevor er bewusstlos wurde.

Dieser Reverend Bacon nimmt es nun in Angriff, für Rache und Gerechtigkeit zu sorgen. Zuerst wendet er sich an jemanden, der einen Zeitungsmann kennt. Dieser Zeitungsmann ist Peter Fallow, ein Brite, der nun in New York lebt, es verabscheut, seinen Job nicht macht und sich jeden Abend ins Koma säuft. Ich habe ja schon öfter einen Kater gehabt, aber wie hier beschrieben wird, wie Fallow jeden Tag aufwacht, das möchte ich im Leben nicht erleben. Peter Fallow ist ein großer Mensch, der eine spitze Nase hat und weiche lange Haare. Mit diesen Eigenschaften scheint er prädestiniert zu sein für Schnüffeleien, wie es in diesem Fall nötig ist, aber auch zu weich, um sich ernsthaft und allein, ohne Hilfe durchzusetzen.

Peter Fallow veröffentlicht jedenfalls die Geschichte des überfahrenen Jungen, was ihm ein gewisses Ansehen verleiht. Und Sherman mit jedem weiteren Artikel weiter in die Bredouille bringt. Er ist unkonzentriert und lässt mehrere Geschäfte fehlschlagen, weil er nur noch daran denken kann, erwischt zu werden.

Nun kommt der Dritte im Bunde, Lawrence – Larry – Kramer, ins Spiel. Dieser kommt aus der Mittelschicht, hat einen akzeptablen Collegeabschluss und arbeitet nun als Unterstaatsanwalt in der Bronx. Dies ist ein Job, bei dem weder viel Geld noch viel Ansehen zu verdienen ist. Er hat mit seiner Frau und dem Neugeborenen eine winzige Wohnung und muss auch sonst alles Geld zusammenkratzen. Dennoch möchte er keinen anderen Job machen.

Und nun wird dieser Fall an ihn herangetragen. Das ist es: der große weiße Angeklagte. Ein Fall, mit dem man berühmt werden kann. Er spannt seine ausgeprägte Nackenmuskulatur an, mit der er immer noch aussieht wie der Captain des Football-Teams, und macht sich an die Arbeit.

Man hat also drei Handlungsstränge, die ineinander laufen. Wird Fallow den wahren Täter aufdecken können? Wird Sherman es schaffen, davonzukommen? Oder wird Kramer ihn vors Gericht zerren und ins Gefängnis werfen lassen?

Tödlich oder reinigend?

Die ganze Geschichte ist schon interessant und spannend. Die schematischen Charakterisierungen, die Tom Wolfe benutzt, sind herrlich. Man hat oft den Eindruck, man könne eine dieser bösen Karikaturen mit den langen Nasen und großen Ohren anfertigen lassen, nur aufgrund einer Szene. Man hat die Masters of the Universe, Sherman hat im Dschungel gekämpft, als er den Reifen warf, und die Frauen – die sind nach Shermans Geschmack viel zu sehr im Dünnsein und der Aerobic aufgegangen, so nennt er sie durchweg alle Röntgenbilder.

Es macht also durchaus Spaß. die Geschichte zu lesen, und schwarz und weiß verschwimmen oft genug ins Graue, so dass man manchmal selber nicht mehr weiß, wie man urteilen soll. Die Sprache ist nicht die Schwerste, allerdings sind die Beschreibungen manchmal wirklich etwas langatmig, das langweilt ein wenig. Nichts desto trotz kann ich jedem diese bitterböse Wallstreet-Arm-gegen-Reich-Satire guten Gewissens empfehlen.

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