Buch #15: Joseph Conrad – Herz der Finsternis

Das Herz der Finsternis ist weniger ein Roman denn eine autobiographische Erzählung. Im Großen und Ganzen hat Joseph Conrad dies alles wirklich erlebt, er war im „Herzen der Finsternis“, und neun Jahre nach seiner Rückkehr, krank und immer noch angeschlagen, hat er diese Erzählung verfasst.

Sein Alter Ego, Marlow, erzählt in der Dunkelheit auf einem Schiffsdeck, während sie darauf warten, nach London einfahren zu können, den Mitreisenden einen Teil seiner Lebensgeschichte. Als junger Mann hat er sich seinen unbedingten Wunsch erfüllt, einen der letzten „weißen Flecken“ auf der Landkarte zu bereisen: den Kongo. Er wird also Kapitän und bekommt ein Flusschiff unter sein Kommando.

Damit reisen er, einige Pilger und ein Schwarzer, den sie angelernt haben, den Kessel zu befeuern, den Kongo hinauf. Das Ziel ist eine Niederlassung, die von einem gewissen Kurtz geleitet wird. Über diesen hört man hinter vorgehaltener Hand Bewunderung und Verachtung, auf jeden Fall sei er der erfolgreichste Agent.

Durch dichten Dschungel geht es zum Herzen der Finsternis

Das Navigieren auf dem Fluss mit den Sandbänken und dem immer dichter werdenden Dschungel ist nicht einfach, aber die Fahrt verläuft relativ reibungslos. Bevor sie allerdings zu Kurtz‘ Station gelangen, werden sie angegriffen, und die „Pilger“, die sich an Bord befinden, toben sich mit ihren Gewehren amüsiert, aber erfolglos aus.

An der Station angelangt, trifft Marlow einen jungen Russen, der in einem fort in großer Bewunderung von Kurtz redet. Er sei ein Mann, der nur mit seinen Reden Unglaubliches vollbringen könne, er sei kompromisslos und sehr erfolgreich, vor allem im Beschaffen von Elfenbein. Man hört jedoch auch die Methoden heraus, mit denen dieses Elfenbein beschafft wird. Kurtz geht über unzählige Leichen, die „Wilden“ sind für ihn offenbar Tieren gleich, und er befindet sich in einem Taumel der Gier, die ihn immer mehr wollen lässt.

„Schmuck“ an Kurtz‘ Station

Die Meisten, auch Marlow, sind von ihm angewidert. Aber Marlow ist auch fasziniert ob seines Mutes, seinen Zielen in den Dschungel zu folgen, ob seiner Rücksichtslosigkeit, mit der er seine Ziele verfolgt, und auch er muss zugeben, dass der Mann eine gewisse Macht über Menschen ausübt.

Sie holen ihn jedoch aus der Station raus, unter den Augen von ungezählten Eingeborenen, und auf der Heimreise stirbt er an Malaria. Seine letzten Worte lauten „Das Grauen! Das Grauen!“. Er hat das Grauen in sich gesehen, den Pakt mit dem Teufel geschlossen, und ist sich dessen vollkommen bewusst.

Nun, die meiste Zeit war ich angewidert von der Lektüre. Dass die Kolonialisierung Afrikas eine blutige Angelegenheit war, ist ja hinlänglich bekannt. Aber diese Menschenverachtung mit den Augen und den Gedanken eines tatsächlichen Teilnehmers einer dieser Expeditionen zu lesen, ist schon harter Tobak.

Auch wenn die Geschichte recht gleichgültig erzählt ist, und man die Empörung nur herauslesen kann und sie nicht offen zutage tritt, merkt man doch, dass diese Erlebnisse Conrad nachhaltig beeindruckt haben.

Im Grunde ist diese Erzählung eine Kritik an der Zivilisation, so lässt er Marlow zum Beispiel sagen:

“ Plötzlich war ich wieder in der Stadt, die wie eine Totengruft aussieht, und die Leute dort gingen mir auf die Nerven, wie sie durch die Straßen rannten, um einander ein bißchen Geld auszureißen, um ihren trostlosen Fraß herunterzuschlingen, um ihr ungesundes Bier zu trinken, um ihre bedeutungslosen und dummen Träume zu träumen. Sie überschwemmten mein Denken. Sie drangen in mich ein, Menschen, deren Lebenserfahrungen für mich irritierend und anmaßend waren, weil ich ganz genau fühlte, daß sie von dem, was ich wußte, keine Ahnung hatten. Sie betrugen sich so, wie sich hundsgewöhnliche Individuen benehmen, die ihren Geschäften in der Gewißheit völliger Sicherheit nachgehen, und das machte mich wütend, weil sie in ihrer Blödheit völlig übertriebene Grimassen zu schneiden schienen, angesichts einer Gefahr, die zu erkennen sie unfähig waren.“

Ja, diese Menschen leben ihr kleines Leben vor sich hin, ohne über den Tellerrand zu schauen. Sie wollen nicht, dass es einem übel wird im Angesicht eines Massengenozids, sie verschließen ihre Augen und leben weiter. Die Zivilisation hält die Triebe zurück, die dort im Dschungel ungetrübt ausgelebt werden.

Man denkt jetzt vielleicht, das alles ist 150 Jahre her, und so ist es ja nicht mehr. Die „Zivilisation“ setzt sich mehr und mehr durch. Aber ist das so? In einer Gesellschaft, in der Jäger immer noch einer höheren „Kaste“ anzugehören scheinen und sich mit ihren Gewehren durch unsere Felder schlagen? Oder in der jeder Depp, meldet er sich in einem Schützenverein an, eine Waffe anwenden darf? Oder in Ländern, in denen es das Recht jedes Menschen ist, eine Waffe zu tragen? Ganz zu schweigen von Kriegen oder sonstigen Auseinandersetzungen, die aufgrund von gegenseitiger Intoleranz geführt werden, und dergleichen mehr.

Jospeh Conrad hat seine Erlebnisse aufgeschrieben, damit er sie verarbeiten kann, aber auch, damit sie als Ermahnung gesehen werden. Mir scheint aber, dass die Gesellschaft hier nicht viel weiter gekommen ist. Die Erzählung ist nicht leicht zu lesen, aber ich empfehle sie dringend als ein Stück Geschichte, das nicht vergessen werden darf.

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