Buch #24: Jonathan Franzen – Die Korrekturen

Ich habe so meine Marotten: Bücher werden von Anfang bis Ende gelesen, niemals nehme ich das Ende vorweg. Reihen werden von Band 1 an chronologisch gelesen. Verfilmungen werden erst dann angeschaut, wenn ich das Buch gelesen habe. Und allem, was gehypt wird, stehe ich zutiefst misstrauisch gegenüber.

Mit den Korrekturen habe ich nun so ein gehyptes Buch. Jonathan Franzen gewann mit ihm den National Book Award, war Finalist für den Pulitzer-Preis und verkaufte dieses Buch weltweit bisher 2,85 Millionen Mal. Im Klappentext steht, „er hat ein Werk der Weltliteratur geschaffen, das – seiner Menschlichkeit, vor allem aber der literarischen Reichtümer wegen – aus unseren Regalen bald nicht mehr wegzudenken ist“.

Es handelt sich bei den Korrekturen um einen Familienroman. Erzählt wird die Geschichte der Familie Lambert, Alfred und Enid mit ihren Kindern Gary, Chip und Denise. Die Lamberts leben im Mittelwesten der USA, jenem Landstrich, der viel aus Traditionen schöpft, ein wenig „zurückgeblieben“ ist und weder landschaftlich noch kulturell viel zu bieten hat.

Alfred und Enid sind seit 48 Jahren verheiratet, aber sie stecken in einer Ehe fest, die sie nie hätten schließen sollen. Alfred ist ein Mann mit Prinzipien, der sich in seiner Privatsphäre am wohlsten fühlt und gerne alles mit sich selbst ausmacht. Enid hingegen hatte gehofft, einen Mann zu heiraten, der stark ist und ihr etwas bieten könne. Nun, sie hat ein Haus und eine Familie, sie sind nicht reich und nicht arm, geleistet haben sie sich Zeit ihres Lebens aber nicht viel, von ein paar Reisen einmal abgesehen.

Ihre Kinder wachsen in einem Haushalt auf, in dem der Vater meist auf der Arbeit ist, und ihre Mutter ständig etwas auszusetzen hat. Keines der Kinder kann je etwas richtig machen. Und alle Kinder gehen, sobald sie ihre Highschool abgeschlossen haben, möglichst weit weg.

Gary, der Älteste, der sich stets mit einem gewissen Grad an Humor der Enge des Familienlebens und der elterlichen Ansichten entzogen hat, wird Abteilungsleiter bei einer Bank, heiratet eine wunderschöne Frau und bekommt mit ihr drei Söhne. Diese Frau jedoch versucht ihm eine Depression einzureden, wenn sie nicht bekommt, was sie will. Sie verbündet sich mit den Kindern und hetzt sie gegen sich auf.

Als Enid schließlich den Wunsch äußert, ein letztes Mal Weihnachten mit allen Kindern zu Hause zu feiern, gerät Gary in eine Zwickmühle: Er möchte seiner Mutter die Freude machen, aber Caroline, seine Frau, tut alles dagegen, was in ihren Möglichkeiten steht…

Chip, der zweite Sohn, ist Geisteswissenschaftler geworden. Immer trägt er sich mit dem Gedanken, in den Augen seiner Eltern versagt zu haben, dass er nicht Anwalt oder Arzt geworden ist, was seinen Eltern in der Heimat doch ein gewisses Ansehen verleihen würde. Selbst als angehender Professor fühlt er sich, als sei dies alles nichts wert, und schließlich setzt er alles aufs Spiel und beginnt eine Affäre mit einer Studentin. Dieses Spiel verliert er, er verliert seinen Job und findet sich in New York wieder, wo er sich als Drehbuchschreiber versucht und zwischendurch als Lektor arbeitet. Eines Tages bekommt er aber ein gutes Angebot, das ihm helfen könnte, seine inzwischen erwirtschafteten Schulden begleichen zu können und das auch noch eine Menge Vergnügen verspricht: Ein litauischer Geschäftsmann verdingt ihn als Internetbetrüger. Dies geht solange gut, bis in Litauen politische Unruhen ausbrechen…

Denise, die Person, mit der ich eigentlich am Meisten anfangen konnte, ist das Nesthäkchen. Ihre Mutter hatte so viele Hoffnungen in sie gesetzt, das hübsche und kluge Mädchen hätte einen wundervollen Ehemann in der Nähe finden und eine wundervolle Familie gründen können. Doch sie ging ans College, das sie aber nach einiger Zeit schmiss, um als Köchin zu arbeiten. Hier ist sie sehr erfolgreich. Sie heiratet ihren Chefkoch, doch als sie alles von ihm gelernt hat und ihm überlegen ist, zerbricht die Ehe.

Sie bekommt ein Angebot von einem reichen Mann, ein Restaurant mit ihm zu eröffnen. Dieser Mann, dessen Ehe nicht mehr so richtig rundläuft, begleitet sie auf einer Reise durch Europa, um sich kulinarische Ideen zu holen. Kommt es, wie es kommen muss? Fast. Aber die Entwicklung, die tatsächlich stattfindet, ist eine überraschend andere…

Derweil verfällt Alfred immer mehr. Er hat Parkinson, Depressionen, Demenz und ein Nervenleiden in den Beinen. Seine klaren Momente, oder zumindest die, die seiner Außenwelt Beachtung schenken, werden immer seltener. Enid bemüht sich, so gut es geht, alles beisammen zu halten. Aber sie hat ein Hüftleiden und ist mit ihrem Mann vollkommen überfordet. Sie kann ihm seine Eigenheiten, seine Abweisung und Insichgekehrtheit während der langen Jahre ihrer Ehe nicht verzeihen. Sie kann ihm nicht verzeihen, dass die anderen Männer ihren Frauen so viel mehr bieten. Sie kann ihren Kindern nicht verzeihen, dass sie nicht die Leben leben, die sie sich ausgemalt hat.

Ihr größter Wunsch ist es nun, noch einmal die ganze Familie um den Weihnachtstisch zu scharen. Ein letztes Zusammentreffen, wie in glücklicheren Jahren. Mit ihrem Mann, der sich kümmert, und allen Kindern und Enkelkindern.

Doch wie wird es um Alfreds Gesundheit bestellt sein? Kommt Garys Familie doch ein letztes Mal mit? Macht Denise sich frei aus dem Restaurant? Und Chip, der in Litauen ist? Wird Enids Wunsch erfüllt werden – und wenn ja, mit welchem Ergebnis?
Dieser Roman hat unglaublich viele Facetten, und ich bin froh, dass ich ihn trotz meiner Vorbehalte gelesen habe. Diese habe ich auch größtenteils aufgegeben, auch wenn das Nörgelige Enids, ihre ständige Unzufriedenheit und ihr ständiges Beschweren mich mit der Zeit schon ziemlich genervt haben. Sprachgewaltig ist dieser Roman ohnegleichen, die Bilder, die Franzen heraufbeschwört, haben oft eine dermaßen kühle Poesie, dass es einem den Atem verschlägt.

Auch fand ich die Entwicklung sehr interessant. Durch Rückblenden erfährt man, wie die Ehe begonnen hat, welche Stimmung im Haus herrschte, als die Kinder klein waren. Viele kleine Begebenheiten führten zu dem, was die Personen heute sind. Die Korrekturen, die die Kinder ihrem Leben auferlegt haben, um nicht so zu werden wie ihre Eltern, haben nicht immer zum gewünschten Ziel geführt.

Alle Personen strampeln sich ab, um ein einigermaßen zufriedenes Leben zu führen, aber alle Personen sind auch zerfressen von Schuldgefühlen darüber, nicht so zu sein, wie sie sein sollen. Ein ständiges Dilemma, das einige umpopuläre Entscheidungen treffen lässt, aber doch immer nachvollziehbar bleibt.

Der Roman hat mir insgesamt gut gefallen, vor allem die Sprache Franzens. Ich glaube allerdings nicht, dass er nachhaltig hängen bleiben wird, dafür war er an einigen Stellen doch zu seicht und hat zu oft auf etwas herumgeritten. Allerdings kann ich ihn empfehlen, denn die Lektüre geht leicht von der Hand, und irgendetwas in den Personen findet man mit Sicherheit auch in sich selbst oder seinem Leben wieder.

Jonathan Franzen: Die Korrekturen. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt, 2002

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27 Gedanken zu „Buch #24: Jonathan Franzen – Die Korrekturen

    • Ich würde mir doch einen anderen Ton wünschen. Die Sprachgewalt kam vom Schriftsteller und nicht vom Übersetzer, der ja wohl auch nur mit dem arbeiten kann, was er vorliegen hat. Es tut mir leid, wenn Übersetzer nicht genügend Beachtung finden, aber ich verfasse meine Rezensionen so, wie ich es für richtig halte.
      Nebenbei, die Übersetzung des Textes von Jonathan Franzen kam von Bettina Abarbanell.

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      • Nana, dieser Ton hat auch mein zartes Seelchen beim Frühstück erschreckt. Und natürlich hat Juneautumn recht. Ist das Original nicht sprachgewaltig, wird es auch die Übersetzung nicht sein. Zumindest eine gediegene Übersetzung lässt die Sprache des Originals sehr wohl erkennen.

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      • Ich bin mir bis jetzt nicht sicher, ob das nicht nur für wissenschaftliche Arbeiten gilt. Wie ich beobachte, machen die meisten anderen Rezensenten es auch nicht. Naja, schaden tuts nicht, und sicher ist sicher, denke ich 🙂

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  1. Es war kein besonderer Ton. Da aber die Übersetzer die Urheber der deutschen Fassung sind, sind sie auch zu nennen, genau wie Fotografen als Urheber von Fotos. Es ist ein leider immer noch weit verbreiteter Irrtum, dass die Nennung von Übersetzernamen überflüssig ist. Nehmen Sie das einfach als den freundlichen Hinweis, als der er gemeint ist.

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  2. Must agree with the previous commenter. I’ve read the book through in its original English and read bits and pieces of the German translation. Hats off to Bettina Abarbanell, whose fabulous work merits far more than a „nebenbei.“

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  3. Ja, in der Tat ein schönes Stück, auch in der übersetzten Fassung. Franzens Freiheit hat mir sogar noch besser gefallen, obwohl ich normalerweise um gehypten Kram auch einen riesigen Bogen mache.

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  4. Ich kann deine Skepsis gegenüber gehypten Büchen verstehen, aber ich denke, im Falle von Franzens Korrekturen war der Hype vollkommen berechtigt. Ein großartiger Roman, wie ich finde, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Freiheit habe ich leider noch nicht gelesen, wird aber mit Sicherheit früher der später folgen.

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    • Ja, ich habe mich ja auch eines Besseren belehren lassen 🙂 Es ist zwar keines von meinen neuen Lieblingsbüchern, aber auf jeden Fall zu empfehlen! Und wenn Freiheit noch besser ist, sollte man ihn sich wohl nicht entgehen lassen…

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    • Nicht mehr schleichen, lesen 😉
      Ich hab`s in Englisch gelesen und mich sehr am Stil erfreut. Diese deutsche Übersetzung, über die weiter oben diskutiert wurde, kenne ich nicht. Aber das englische Original lohnt zwei bis drei Leseabende.

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  5. Dann will ich die Empfehlungsrunde mal rund machen: Von den drei Franzen-Romanen (Korrekturen, Freiheit, Die 27ste Stadt), die ich gelesen hab, finde ich Die 27ste Stadt, seinen Debütroman, am besten – obwohl ich die anderen beiden auch sehr mochte.
    Franzen ist wirklich gut darin, Figuren zu erfinden, zu denen man irgendwie eine Verbindung bekommt.
    Leider habe ich aber auch das Gefühl, dass seine Romane in die Kategorie „Mit großem Vergnügen lesen, nach der Lektüre rasch wieder vergessen“ gehören … Irgendwie finde ich, dass seine Bücher immer so flott durch einen hindurch „rutschen“.

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    • Ja, auch wenn es nicht mein neues Lieblingsbuch ist, lohnt es sich auf jeden Fall, es zu lesen. Schade, dass ich die Dokumentation verpasst habe. Aber vielleicht bekomme ich irgendwann noch eine Chance 🙂

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  6. Wow, eine tolle Franzen-Diskussion. Ich habe zuerst „Freiheit“ gelesen und dann die „Korrekturen“. Was für ein Unterschied. Sind in der „Freiheit“ alle Personen so angenehm und haben aber im Laufe des Buches ihre Macker. Mehr oder weniger. So ist es in den „Korrekturen“ gerade andersum. Acht Jahre vorher geschrieben rotzt sich Franzen so richtig ab. Mann, aber er hat recht. Und seine Personen haben eigentlich alle einen guten Kern. Und: Habt ihr schon mal sprechende Scheisse gehört. Ich meine das im Ernst. Diese Passage im Schiff, als dem dementen Vater die Wahrheit gesagt wird. Das ist großartig und das meine wirklich so. Ich freue mich schon auf die Essays, die demnächst bei Rowohlt herauskommen und auf englisch bei uns schon im Buchladen liegen.

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    • Ja, die Episode mit der Scheiße war nicht schlecht, sehr eindrücklich 😉 Das Buch ist Gesellschaftskritik, das macht Franzen an seinen Personen mehr als deutlich, und ja, obwohl sie alle mit sich kämpfen, sind sie doch im Grunde anständige Menschen. Aber das sind die meisten, er reflektiert fein über die Gesellschaft. Über „Freiheit“ kann ich nun nichts sagen, aber auch dieser Roman scheint sich ja zu lohnen.

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  7. Eine sehr treffende Besprechung. Den Roman habe ich vor vielen Jahren gelesen, in English, und leider muss ich sagen, dass ich mich gerade eben beim Lesen deiner Rezension an kaum einen Aspekt des Inhalts noch erinnern konnte. Auch nicht, ob ich den Roman mochte oder nicht. Hm, gutes oder schlechtes Zeichen?

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    • Nun ist die Lektüre und die Besprechung auch bei mir eine ganze Weile her, und ich muss sagen, ich habe es zwar noch positiv in Erinnerung, aber viele Details weiß ich auch nicht mehr. Aber im Regal steht „Freiheit“ von Franzen, vielleicht mache ich mich bald mal daran, wo Du mich jetzt erinnert hast 🙂

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  8. Pingback: Jonathan Franzen – Freiheit | 1001 Bücher - das Experiment

  9. Obwohl die Diskussion hier ja schon längst abgeschlossen ist, muss ich meinen Senf noch dazugeben, denn es wurmt mich ganz ungeheuer, dass hier nur Leser*innen kommentiert haben, für die Franzen gut lesbare, aber schnell vergessene Lektüre war. Für mich unnachvollziehbar!! Die Figuren aus den Korrekturen und Freiheit begleiten mich z.T. seit über 10 Jahren wie wirkliche Menschen und oft erinnern mich Alltagsbegebenheiten in meinem Leben bzw. dem meiner Bekannten/Freunde an Szenen bei Franzen. Für mich gibt es keine besseren Bücher, höchstens ähnlich gute, z.B. A.S. Byatt oder J. Eugenides

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    • Das ist ja gerade das Schöne an der Literatur, nicht wahr?! Jeder hat ein anderes Empfinden beim Lesen, dem Einen sagt das eine Werk mehr und dem Anderen das andere. Und ich denke, dass Franzen vielen Leuten so viel bedeutet wie Dir, sonst hätte er nicht diesen Erfolg. Auch in der Diskussion kommt ja rüber, dass er sehr beliebt ist. Aber ich muss doch sagen, dass ich wirklich nicht mehr viel von den „Korrekturen“ erinnern kann, so schade das vielleicht ist.

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