Buch #26: Kazuo Ishiguro – Was vom Tage übrig blieb

Dies ist eine der seltenen Gelegenheiten, wo ich den Film gesehen habe, bevor ich das Buch las. Die Verfilmung mit Anthony Hopkins und Emma Thompson ist großartig und auf jeden Fall zu empfehlen. Dementsprechend gespannt war ich auf das Buch, und es stellt sich heraus, dass die Verfilmung recht eng an den Roman angelehnt ist. Doch zuerst ein paar Worte zum Autor.

Kazuo Ishiguro wurde 1954 in Nagasaki, Japan, geboren, zog mit seiner Familie jedoch im Alter von 5 Jahren nach England. Er wuchs in Surrey auf und studierte Philosophie und Englisch an der Universtity of Kent in Canterbury. Seinen Master in Literatur machte er 1980 an der University of East Anglia in Norwich. Er veröffentlichte Kurzgeschichten und bekam daraufhin einen Vertrag für seinen ersten Roman, A Pale View of Hills (dt. Damals in Nagasaki), den er 1982 veröffentlichte. Für The Remains of  the Day erhielt er den Booker Prize. Heute lebt er mit Frau und Tochter in London.

Wir schreiben das Jahr 1956, und der Butler Stevens, der auf Darlington Hall lange Jahre Lord Darlington bedient hat, hat nun einen neuen Chef, den Amerikaner Farraday. Dieser ist oft auf Geschäftsreisen, und nun erlaubt er Stevens, sein Auto zu nehmen und einige Tage sein Land zu erkunden. Stevens nimmt das Angebot an und fährt los, mit dem Ziel, Miss Kenton zu treffen, eine langjährige Mitarbeiterin auf Darlington Hall.

Die Reise findet in mehreren Etappen statt, er sieht, wie wunderschön sein Land ist, und während der Reise fängt er an, über sein Leben nachzudenken. Er räsonniert über die Jahre unter Lord Darlington, der nach dem Ersten Weltkrieg ein wichtiger Mann in der Politik war, und Darlington Hall zu einem wichtigen Haus mit vielen Anlässen, zu denen hochrangige Persönlichkeiten kamen, gemacht hat.

Er geht die Jahre durch, schildert die Erlebnisse im Haus, an denen er als stiller Beobachter teil hatte, aber auch die Dinge, die ihm persönlich zugestoßen sind. Wie zum Beispiel der Tod seines Vaters, ebenfalls Butler in Darlington Hall, den er kaum mitbekommen hat vor lauter Bestreben, seine Pflicht zu erfüllen. Ebenso hat er kaum realisiert, dass Miss Kenton ihm zugetan war, dass sie mit ihren Problemen zu ihm kam und er sie nie wirklich erfasst hat.

Er denkt lange darüber nach, was einen guten Butler ausmacht, und ja, nach dem, was er aufzählt, war er ein guter Butler. Er war loyal, hat alles für seinen Arbeitgeber getan, und ein zentraler Begriff ist Würde, und ja, würdevoll ist er immer gewesen. Er übt sich auch darin, Konversation zu betreiben, kleine Späße zu formulieren, alles, um ein besserer Butler zu sein. Was er allerdings darüber vergisst, ist er selbst. Er geht vollkommen in seinem Beruf – seiner Berufung – auf, und vergisst dabei, zu leben.

Als er schließlich an seinem Ziel anlangt und Miss Kenton trifft, offenbart sie ihm einiges, was er vielleicht wahrgenommen hat in den Jahren, und was wohl auch der Grund für seine Reise ist, was aber nun auch geschehen und abgeschlossen, nicht mehr zu ändern ist. Und nun muss er sich fragen, ob er sein Leben richtig gelebt hat, ob das Dasein als der perfekte Butler es wert war, alles andere darüber zu vergessen.

Was vom Tage übrig blieb ist ein sehr ruhiges Buch, mit den Etappen der Reise sind die Etappen eines Lebens verbunden. Ein Leben, das von Pflichterfüllung geprägt ist, und das wenig außerhalb dieser Pflichterfüllung wahrnimmt. Die Reise führt Stevens in die Vergangenheit, seine eigene, aber auch die historische Vergangenheit.

Was mich an dem Roman gestört hat, ist, dass er sich so perfekt dazu eignet, als Grundlage einer Arbeit zu dienen. So viele Begriffe werden abgearbeitet, und so viele Themen werden auf dem Tablett serviert. Man muss sich nichts erschließen, alles liegt vor. Das ist ein wenig einfach, aber als Grundlage für eine Hausarbeit natürlich perfekt. Trotzdem muss ich sagen, dass mir der Roman gut gefallen hat, und das liegt vor allem an der Geschichte um Lord Darlington und sein politisches Streben und Einwirken, an den Gästen und den Intrigen im Laufe der Jahre.

Auch hat mir der Aufbau gut gefallen, mit jeder Etappe der Reise wird eine Etappe der Erinnerung verbunden. Die Sprache ist hervorragend gewählt, man kann ihn buchstäblich hören, mit seinem Akzent, und seiner Wortwahl, an der er immerzu feilt, um noch perfekter und distinguierter zu erscheinen.

Es ist ein Roman über ein Leben, das im Dienste anderer Leben gestanden hat, und an dessen Ende die Frage steht, ob Pflichtbewusstsein und Pflichterfüllung, die im Grunde von klein an im Mittelpunkt seines Lebens standen, es wert waren, sich selber vollkommen darüber zu vergessen.

Insgesamt habe ich das Buch gemocht, und auch die Verfilmung ist sehr zu empfehlen. Beides sind sehr ruhige, nachdenkliche Werke, die sehr von der Atmosphäre leben und einen Anstoß geben, sich auch über sein eigenes Leben ein paar Gedanken zu machen.

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17 Gedanken zu „Buch #26: Kazuo Ishiguro – Was vom Tage übrig blieb

  1. Oh, den Film liebe ich sehr, das Buch steht schon lange auf meiner to-read-list (seit ich den FIlm gesehen habe, ehrlich gesagt :oops:)
    Eben habe ich nachgesehen, es ist ja mit unter 300 Seiten viel kürzer als ich angenommen hatte. Dafür eignet es sich gerade damit hervorragend für unseren Book Club. Beim nächsten Treffen werde ich es vorschlagen.

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    • Es liest sich sehr gut, und für einen Book Club ist es hervorragend geeignet, da es unglaublich viel zu diskutieren gibt. Deshalb kann ich es nur empfehlen! Und im Anschluss dann den Film zusammen gucken 🙂

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  2. Liebe June,

    ich kenn den Film auch und finde ihn ganz zauberhaft. Mir fällt auf, dass du nichts zum Autor schreibst. Wer ist denn der Autor? Hast du zu ihm etwas recherchiert? Der Name klingt so japanisch und der Roman spielt in Europa. Das finde ich interessant. Vielleicht schreien jetzt Fans des Autors auf, aber ich habe mich noch nicht mit ihm beschäftigt … =)

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  3. Ich habe vor einer Weile auch ein Buch von Kazuo Ishiguro gelesen, es war Alles, was wir geben mussten war für mich gewöhnungsbedürftig, aber nicht schlecht, aber das liest du ja auch noch 🙂

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      • Kannst du auch sein, für mich war es ein Ausflug in ein neues Genre, wobei nicht unbedingt neu, aber eine andere Erzählweise und -art, trifft es auch nicht genau, vielleicht passt Sichtweise. Es erzählt nicht von den Rebellen und das war neu für mich.

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  4. Um dieses Buch habe ich mich immer gedrückt, dabei hat mir meine Schwägerin vor mittlerweile peinlich vielen Jahren ihr Exemplar geliehen (das seitdem bei jedem Umzug wieder mitwandert, jedes Mal kriege ich rote Ohren und stell’s dann in die hinterste Ecke vom Regal, um mich nicht ständig dran erinnern zu müssen, dass ich das wirdklich längst hätte zurückgeben müssen). Aber so richtig Lust hab ich jetzt immer noch nicht, es zu lesen. Ich mag es oft nicht, wenn mir Autoren die Dinge zu einfach machen.

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    • Das ging mir ähnlich, am Anfang hab ich mich auch geärgert und gedacht, dass ich keine Arbeit drüber schreiben will. Allerdings ist das Porträt der Zeit, das erzählt wird, ganz hervorragend und interessant. Und aus dieser Perspektive wird es wohl nichts Ähnliches geben, was es im Endeffekt wieder sehr lesenswert macht 🙂

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