Margaret Atwood -Das Jahr der Flut

Zweiter Teil der MadAddam-Trilogie

 

Das Jahr der Flut spielt zur gleichen Zeit und am gleichen Ort wie Oryx und Crake. Auch Jimmy bzw. Schneemensch spielt eine kleine Rolle, aber die eigentlichen Protagonisten sind dieses Mal zwei Frauen: Toby und Ren. Es ist Anfangs etwas verwirrend, den Handlungen zu folgen, da die Kapiteleinteilung etwas gewöhnungsbedürftig ist. Jede der Beiden erzählt ihre Geschichte, einmal den Teil, der zu den Ereignissen führt, die schon in Oryx und Crake beschrieben werden, dann den Teil, der im „Jetzt“ spielt, im Jahr 25, und ihr Leben nach der Katastrophe schildert. Unterbrochen werden diese Berichte von „Predigten“ und „Kirchenliedern“ der „Gottesgärtner“. Diese bilden eine Gruppe, die es sich zur Religion gemacht hat, möglichst „grün“ zu leben, sie sind Veganer, produzieren alles, was sie konsumieren, selber und verkaufen auch einen Anteil davon. Sie sind radikal, aber ihre größte Radikalität besteht meines Erachtens darin, dass sie sich komplett vom Rest der Welt und seiner Lebensweise distanzieren.

fcd30214d1Toby hat früh ihre Mutter verloren, sie ist nicht ganz sicher, was passiert ist, vermutet jedoch, dass diese einem Experiment zum Opfer fiel. Um die Familie ruhigzustellen, wurde sie bedroht und fast vernichtet. Toby beginnt, bei einem Burgerrestaurant zu arbeiten und gerät dort in die Hände des Chefs, der sie als sein Eigentum und seine persönliche Sklavin betrachtet. Eines Tages bekommt sie unerwartet Hilfe von den Gottesgärtnern und schließt sich diesen an, auch wenn sie nicht von der „Religion“ überzeugt ist. Aber es geht ihr gut, sie hat zu essen und ihren Frieden, und vor allem Schutz.

Ren bzw. Brenda wächst bei den Gottesgärtnern auf. Ihre Mutter ist mit einem der führenden Gottesgärtner durchgebrannt und lebt nun mit diesem zusammen. Ren kennt es nicht anders und ist recht zufrieden dort, auch wenn sie die sogenannten Plebsler sieht, die „normal“ lebenden Jugendlichen und sich auch manchmal wünscht, schöne Dinge und Kleidung zu haben. Aber sie hat eine Freundin und eines Tages kommt mit Amanda eine Plebslerin zu den Gottesgärtnern, die Rens beste Freundin wird. Nach einem Streit nimmt Rens Mutter sie allerdings wieder mit in einen der Komplexe, wo Ren dann ein „normales“ Leben führt, mit allem Luxus, richtigem Schulunterricht und danach der Uni. Hier trifft sie auch auf Jimmy, in den sie sich unsterblich verliebt.

Doch nun, in der „Jetzt-Zeit“, ist die Katastrophe passiert, die wasserlose Flut über sie hinweggerollt. Es leben nicht mehr viele Menschen, und diejenigen, die noch da sind, sind gewalttätig und nur auf den momentanen Vorteil bedacht. Ren hat überlebt, weil sie als Tänzerin in Quarantäne war, abgeschottet vom Rest der Welt. Toby hat sich in einem Spa verschanzt und lebt von dem, was noch übrig ist und was eventuell neu wächst.

Doch eines Tages kreuzen sich ihre Wege wieder, und nicht nur ihre, sondern auch die von Gewalttätern, von ehemaligen Gottesgärtnern, von Jimmy, und auch die Craker werden entdeckt. Wie all dies weitergeht und zusammenfindet, wird hoffentlich in Die Geschichte von Zeb thematisiert, der dritte Teil, der die Trilogie hoffentlich befriedigend abschließt.

Ich habe Das Jahr der Flut vor Jahren schon einmal gelesen, ohne damals vorher Oryx und Crake zu kennen. Es ist kein allzu großes Problem, die Geschichte auch so zu verstehen, aber wenn man die Möglichkeit hat, sie in der Reihenfolge zu lesen, würde ich das schon auf jeden Fall empfehlen, vor allem, weil die „wasserlose Flut“ sonst ein sehr schwammiges Ereignis bleibt. Mir hat der zweite Teil aber auch sehr gut gefallen, vor allem natürlich wegen Margaret Atwoods immer hervorragender Sprache.

Aber auch die Geschichte wird weiterentwickelt, von der Perspektive Jimmys, der im Mittelpunkt all dessen stand, was passierte und passiert, wird übergeschwenkt auf die Gesellschaft, die plötzlich mit etwas vollkommen Ungeheurem konfrontiert wird. Diese Gesellschaft ist damit heillos überfordert, ist sie doch durch und durch technisiert und, Entschuldigung, zu größten Teilen vollkommen verblödet. Sogar für die Gottesgärtner ist das Überleben eine Herausforderung, doch sie haben am Ende die besten Karten… oder nicht?

Auch wenn es nicht immer leicht ist zu wissen, wo in der Handlung man gerade steht, ist auch dieses Buch absolut zu empfehlen. Die Welt, die Margaret Atwood erschaffen hat, wird konsequent weitergeführt, und mit Unbehagen fragt man sich oft, ob sie nicht doch nur ein Fenster in die Zukunft geöffnet hat. Man muss sich auch mit diesem Buch auseinandersetzen, aber es lohnt sich.

Margaret Atwood: Das Jahr der Flut. Deutsch von Monika Schmalz. Berlin Verlag, 478 Seiten.

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3 Gedanken zu „Margaret Atwood -Das Jahr der Flut

  1. Pingback: Margaret Atwood – Oryx und Crake | 1001 Bücher - das Experiment

  2. Oh wie schön dich wieder mal zu lesen 🙂

    Ich habe bislang nur den 3. Teil „Maddaddam“ gelesen, werde die anderen beiden aber auch noch lesen. Das ist eine ganz besondere Buch-Reihe. Margaret Atwood ist eine meiner liebsten Autorinnen. Da gibts nix.

    Wenn man dringend einen Zug erwischen muss und nur noch ein paar Minuten Zeit hat, dann kann man ohne Probleme einfach unter A einen Atwood greifen und kann gar nix falsch machen 😉

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    • Danke, ich bemühe mich, wieder mehr zu schreiben 🙂
      Ich würde Dir auf jeden Fall empfehlen, die anderen beiden Bücher auch zu lesen – man kann sie wohl auch einzeln lesen und verstehen, aber das Gesamtbild bekommt man so nicht hin, denke ich. Und ja, ich stimme Dir absolut zu, mit Atwood kann man nichts falsch machen 🙂

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