Nederlandstalig! Leon de Winter – Ein gutes Herz

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Leon de Winter wurde am 26. Februar 1954 in ’s-Hertogenbosch geboren. Er ist Sohn orthodoxer niederländischer Juden. Diese überlebten den Holocaust, da ihnen zwei Jahre lang eine Gruppe katholischer Priester und Nonnen ein Versteck zur Verfügung stellten. Neun von zehn Onkel und Tanten wurden im Konzentrationslager ermordet.

Foto: De Bezige Bij

Leon de Winter, Foto: De Bezige Bij

Er studierte in München an der Bavaria Filmakademie, verließ sie aber ein Jahr vor dem Abschluss. Mit 24 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Roman, darauf folgten weitere Romane, Erzählungen und Drehbücher. Er ist mit Jessica Durlacher verheiratet, die ebenfalls Schriftstellerin ist, hat zwei Kinder, von denen Solomonica, seine Tochter, soeben ihren ersten Roman veröffentlicht hat. Sie leben in Bloemendaal und Los Angeles.

Seine Figuren sind immer jüdischer Herkunft, die sich mit ihrem Judentum auseinandersetzen. De Winter bezieht stark Positionen, die islamkritisch und pro-israelisch sind. Theo van Gogh, der 2004 ermordet wurde, warf ihm dann auch vor, sein Judentum zu vermarkten und beschimpfte ihn mit antisemitischen Äußerungen. Was genau er noch in die Welt setzte, möge man hier nachlesen, das möchte ich hier nicht wiederholen. Man sollte sich wohl seine eigene Meinung bilden über Leon de Winter, der anscheinend ein unbequemer Mensch ist, und doch oft aneckt.

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Theo van Gogh, Foto: Wikipedia

In seinem neuesten Roman, Ein gutes Herz, spielt auch eben dieser Theo van Gogh eine der Hauptrollen. Theo ist, nachdem er von Mohamed Boujeri (auch dieser ist eine Figur im Roman) ermordet worden ist, in einer Art Fegefeuer. Jahrelang wütet er vor sich hin, raucht und säuft körperlos und trauert seinem Körper und seinem Lebendigsein hinterher. Dann trifft er auf Jimmy, der ihn vor die Wahl stellt, aufzugeben und in die Hölle zu gehen, oder Schutzengel zu werden.

Schutzengel soll er für Max Kohn sein, ein ehemaliger Drogendealer, der ein neues Herz bekommen hat. Dieses Herz ist Jimmys Herz. Max ändert sich daraufhin tatsächlich, aber er kann nicht verstehen, warum ausgerechnet er ein Herz von einem so guten Menschen – Jimmy war Pastor – bekommen hat. Er reist zu dessen Familie und bekommt ein Foto von Jimmy mit einer Frau – Sonja.

Sonja ist Max‘ Ex-Freundin. Sie hat einen kleinen Sohn und hatte eine Affäre mit Jimmy. Jetzt ist sie mit Leon de Winter zusammen. Dessen Frau hat ihn verlassen, und Sonja und Leon und Nathan, Sonjas Sohn, leben nun als eine Familie in Amsterdam. Leon de Winter kommt übrigens gar nicht so gut weg, allerdings ist er eine Romanfigur, wieviel Übereinstimmung mit ihrem Schöpfer besteht, ist offen.

Max‘ hatte einen „Angestellten“ und besten Freund, Kichie, der sein Mann fürs Grobe war. Deswegen wanderte Kichie in den Knast, er hatte für Max getötet. Sein Sohn, Sallie, kann ihm dies nicht verzeihen, und will mit seinem Vater abrechnen…

Dies ist nun schon ein ganzes Netz an handelnden Personen, es wird aber nicht unübersichtlich, da jede Person eigene Kapitel für sich bekommt. In diese fließen zwar immer auch die anderen mit ein, aber man weiß doch stets, was passiert. Und es passiert etwas: Amsterdam wird Ziel von Terroranschlägen. Alle sind auf irgendeine Weise involviert – und Theo muss sich seine Flügel verdienen…

41EbqG43vZL__SY344_BO1,204,203,200_Dies ist wieder einmal ein großartiger Roman von Leon de Winter. Theo van Gogh als eine seiner Figuren zu nehmen, war ein gelungener Schachzug. Denkt man nun aber, es sei eine Abrechnung, denkt man vollkommen falsch – um dies zu verhindern offeriert er Theo das Engel-Dasein und sich selbst als dicklichen, mürrischen, von seiner Frau verlassenen und rechthaberischen Teil des Romans. Dadurch kann er sich mit van Gogh auseinandersetzen, ohne dass man ihm vorwerfen könnte, es sei eine fiese Abrechnung. Dann wiederum gab es wohl die Kritik, man könne nicht zwischen der Figur und dem Autor unterscheiden, oder sie seien eben zu verschieden – hierzu sage ich nur, es ist eine Figur, und die ist nicht identisch mit dem Autor. Punkt.

Durch die vielen Perspektivwechsel wird eine komplexe Geschichte aufgebaut, die dann in den Terroranschlägen und dem Umgang der Figuren damit gipfelt. Jede Figur fügt ein Mosaiksteinchen hinzu, und am Ende bekommt man ein Bild, das man nicht erwartet hätte. Und dies ist die Größe Leon de Winters: er kann erzählen. Nicht alle seiner Romane haben mir so gut gefallen, aber die meisten schon (und ich freue mich, sie im Laufe der Zeit wieder zu lesen). Die Geschichte fängt langsam an, und zunehmend wird Spannung aufgebaut, bis man den Roman am Ende nicht mehr aus der Hand legen kann.

Ich habe mich bestens amüsiert, und halte die Art und Weise der „Abrechnung“ oder auch nur Auseinandersetzung mit van Gogh, mit dem Islam und der ständigen Terrorangst, in der wir leben, nicht für unangemessen. Andere mögen das anders sehen, ich bin ein Fan. Und ich kann jedem diesen Roman ohne Vorbehalte empfehlen.

Leon de Winter: Ein gutes Herz. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Diogenes 2015, 504 Seiten. Originaltitel: VSV, De Bezige Bij, Amsterdam 2012.

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8 Gedanken zu „Nederlandstalig! Leon de Winter – Ein gutes Herz

  1. Mir hat das Buch ebenfalls richtig gut gefallen. Deine Rezension fängt die Atmosphäre sehr gut ein! Und tatsächlich behält man trotz der vielen Handlungsstränge den Überblick und wird bestens unterhalten. Allein schon die Idee, sich selbst als etwas unsympathische Romanfigur zu charakterisieren, ist absolut gelungen.

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  2. Noch ein Fan dieses Romans *meld* – war mein erster Leon de Winter und ich fand ihn sehr unterhaltsam. Hätte auch vermutet, dass man sich bei den vielen Personen und Handlungssträngen unterwegs verläuft, war aber nicht so. Ein tolles Buch. Was würdest Du mir denn noch von Leon de Winter empfehlen ? Tochter und Gattin stehen ebenfalls schon auf dem Wunschzettel.

    Danke für die schöne Rezension und ich wünsche noch eine faul-fröhlichen Sonntag 🙂

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    • Tochter und Gattin stehen auch auf meiner Liste 🙂 Ich hab seine Bücher nicht mehr alle so präsent, ist doch schon einige Jahre her… aber ich erinnere mich auf jeden Fall, dass „Sokolows Universum“ und „Malibu“ sehr gut waren. Ich hab auch noch „Das Recht auf Rückkehr“ hier liegen, das ich noch nicht kenne.
      Ich wünsche eine schöne Woche!

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