Nederlandstalig! Herman Koch – Angerichtet

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Ich-Erzähler Paul Lehmann berichtet in Angerichtet von einem Essen, das er in einem Nobelrestaurant mit seiner Frau Claire, seinem Bruder Serge und dessen Frau Babette einnimmt. Die einzelnen Gänge geben dem Roman dabei die Struktur. Es beginnt damit, dass Paul klar macht, wie wenig Lust er auf dieses Essen hat, und wie wenig er seinen Bruder, den Spitzenkandidaten für das Ministerpräsidentenamt, leiden kann.

Schon zu Beginn fällt der wichtigste Satz: „Wir müssen uns über unsere Kinder unterhalten.“ Es liegt etwas in der Luft, doch dies geht immer wieder verloren in Pauls Abschweifungen, in denen er von seinem Bruder und seiner Frau erzählt, die neben ihren beiden leiblichen Kindern ein Kind aus Burkina Faso adoptiert haben. Was er, um es ganz aktuell auszudrücken, allzu gutmenschlich findet. Sie haben ein Haus in Frankreich, aber Paul meint, die Franzosen würden sie am liebsten um die Ecke bringen.

koch - angerichtetPaul war Lehrer, doch er hat sich mit seinen Ansichten, der Zweite Weltkrieg habe auch reinigend gewirkt, herausgeschossen. Er hat irgendeine Krankheit, doch er sagt nicht, welche, nur, dass er Stimmungsdämpfer nimmt. Seine Frau erkrankte, als sein Sohn Michel vier war, aber er sagt nicht, an was. Es wird nur deutlich, dass er mit der alleinigen Sorge um das Kind überfordert war, aber Hilfe hat er im wahrsten Sinne des Wortes abgeschlagen.

Er ist ein jedoch ein Löwenvater. Wann immer es um seinen Sohn ging, hat er alles für ihn getan, und ihn bis aufs Blut verteidigt. Nun aber hat sein Sohn etwas verbrochen, gemeinsam mit Serges und Babettes leiblichen Sohn. Die Frage steht im Raum, wie man als Eltern damit umgehen soll, was das Kind schützt, was zuviel, was zu wenig ist…

Ich muss es sofort von vornherein unumwunden zugeben: Ich habe den Roman nur zu Ende gelesen, weil er ein Geschenk war und ich ihn mir aufgrund der euphorischen Kritiken gewünscht hatte. Für mich war es eine Qual, von vorne bis hinten. Paul ist ein unzuverlässiger Erzähler, der erst mit und mit preisgibt, was eigentlich los ist. Aber anstatt es als Spannungsbogen zu empfinden, ist er mir die ersten hundert Seiten nur auf die Nerven gegangen. Er nörgelt über das Restaurant, über das Essen, über die Bedienung, über seinen Bruder am Meisten, der seiner Meinung nach ein ungehobelter Bauer ist, was er bis ins Detail exemplifiziert.

Dann kommt langsam seine wahre Seite durch, und mit jedem Detail seines Lebens und schließlich auch mit den Details der Taten der Kinder wuchs mein Ekel und meine Abneigung. Mir ist bewusst, dass Herman Koch diese Erzählperspektive bewusst so gewählt hat, um sein Lesepublikum zu provozieren und zu schockieren. Bei mir hat er jedoch das Gegenteil erreicht. Ich wollte irgendwann nicht mehr wissen, wie es weitergeht oder wie es ausgeht.

Den Großteil seines Publikums hat das aber wohl schon interessiert. Es stellen sich Grundsatzfragen, vor allem für Eltern (zu denen ich nicht gehöre, weswegen die Fragen für mich natürlich rein hypothetischer Natur blieben). Wie groß kann Kindesliebe sein, wie weit geht man als Eltern? Das sind große und wichtige Fragen, aber durch die „Krankheit“ des Erzählers werden sie in diesem Fall, in diesem Setting meiner Meinung nach verfälscht.

Also, um einen Schlussstrich zu ziehen: Mir hat dieser Roman überhaupt nicht zugesagt, ich habe mich wirklich gequält. Aber ich kann sehen, wie andere Leser ihn anders aufgenommen haben und die Argumentation verstehen, auch wenn ich sie nicht unterstützen kann. Mit seinen gut 300 Seiten ist er aber schnell gelesen (falls man nicht so wie ich dem Ekel verfällt), so dass sich jeder ein eigenes Bild machen kann, der Lust dazu hat.

Weitaus positivere Meinungen gibt es zum Beispiel im Bücherwurmloch:

https://buecherwurmloch.wordpress.com/2012/01/09/herman-koch-angerichtet/

oder bei der FAZ: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/herman-koch-angerichtet-henkersmahlzeit-fuer-einen-lehrer-11014431.html

Herman Koch: Angerichtet. Aus dem Niederländischen von Heike Baryga. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2010. OA: Het Diner, Ambo/Anthos Uitgevers, Amsterdam, 2009. 311 Seiten.

Bild: Wikipedia.de

Herman Koch wurde am 5. September 1953 in Arnhem geboren. Er studierte Slawistik mit Schwerpunkt Russisch. Sein fünfter Roman Het Diner (Angerichtet) stand für sieben Monate an der Spitze der niederländischen Bestsellerliste, Koch erhielt für ihn den renommierten Literaturpreis „NS Publieksprijs“. Koch ist mit einer Spanierin verheiratet, mit der er einen Sohn hat. Sie leben überwiegend in Spanien.

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Ein Gedanke zu „Nederlandstalig! Herman Koch – Angerichtet

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