Textschnipsel zum Montag – 2.1.2017

„Der Brief eines Anwalts fiel in den Briefkasten, und als ich ihn öffnete, stellte ich fest, daß sie mir fünfhundert Pfund im Jahr und auf Lebenszeit ausgesetzt hatte. Von beidem – dem Stimmrecht und dem Geld – schien mir das Geld, das ich nun besaß, unendlich viel wichtiger. […] Ich fürchte, ich muß nicht erst im einzelnen beschreiben, wie hart die Arbeit war, denn Sie kennen vielleicht Frauen, die so gearbeitet haben, noch die Schwierigkeiten schildern, von dem Geld so zu leben, wie es hereinkam, denn das haben Sie vielleicht selbst schon versucht. Was mir aber immer noch als die schlimmste Zumutung von allen in Erinnerung ist, war das Gift der Angst und Verbitterung, das diese Zeiten in mir erzeugten. Vor allem, immer Arbeiten machen zu müssen, die man nicht machen wollte, und sie wie ein Sklave zu tun, schmeichelnd und kriechend, was vielleicht nicht immer notwendig war, aber notwenig schien: es stand zu viel auf dem Spiel, um ein Risiko einzugehen; und dann der Gedanke daran, daß die eine Begabung, die zu verstecken Tod bedeutete, eine kleine Begabung, die ihrer Trägerin aber teuer war, untergehen könnte und mit ihr ich selbst […]

[…]  Keine Macht der Welt kann mir meine fünfhundert Pfund nehmen. Essen, Wohnung und Kleidung sind mir für immer sicher. Es hören dadurch nicht nur Arbeit und Mühsal auf, sondern auch Haß und Bitterkeit. Ich brauche keinen Mann zu hassen; er kann mit nicht weh tun. Ich brauche keinem Mann zu schmeicheln; er kann mir nichts bieten.

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Photo: .BianConiglio.

[…]  wandelten sich nach und nach Angst und Bitterkeit in Mitleid und Nachsicht; und nach ein oder zwei Jahren vergingen auch Mitleid und Nachsicht, und die größte aller Erlösungen trat ein, die Freiheit, an die Dinge selbst zu denken.  […] Tatsächlich, die Erbschaft meiner Tante offenbarte mir den Himmel und setzte an die Stelle einer großen und aufdringlichen Figur, die Milton mir als Gegenstand ständiger Bewunderung empfahl, den Anblick des freien Himmels.“ (S. 45 ff.)

Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein. Aus dem Englischen von Renate Gerhardt. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1981. OA: A Room of One’s Own. Copyright 1929 by Quentin Bell und Angelica Garnett.

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