Textschnipsel zum Montag – 30.1.2017

Ich las 1984 vor ungefähr 20 Jahren zum ersten Mal und war erschüttert. Der Eindruck war nachhaltig, es blieb immer eines der wichtigsten Bücher für mich. Aber es jetzt, in der aktuellen Weltsituation, wiederzulesen, verlangt noch einiges mehr vom Leser. Es scheint tatsächlich manchmal, als werde es als Handbuch missbraucht. Jeder sollte es wenigstens einmal im Leben gelesen haben.

[…] das Schrecklichste war, daß einfach alles wahr oder falsch sein konnte. Wenn die Partei sich so in die Vergangenheit einmischen und von diesem oder jenem Ereignis behaupten konnte, es habe nie stattgefunden – war das nicht wirklich furchtbarer als Folter und Tod?

Die Partei sagte, Ozeanien sei nie mit Eurasien verbündet gewesen. Er, Winston Smith, wußte seinerseits, daß Ozeanien noch vor nicht länger als vier Jahren mit Eurasien verbündet gewesen war. Aber wo war dieses Wissen verankert? Nur in seinem eigenen Bewußtsein, das unausweichlich bald in Staub zerfallen mußte. Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten -, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit. »Wer die Vergangenheit beherrscht«, lautete die Parteiparole, »beherrscht die Zukunft; wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit.« Und doch hatte sich die Vergangenheit, so wandelbar sie von Natur aus sein mochte, nie gewandelt. Das gegenwärtig Wahre blieb wahr bis in alle Ewigkeit. Es war ganz einfach. Es war nichts weiter nötig als eine nicht abreißende Kette von Siegen über das eigene Gedächtnis. Wirklichkeitskontrolle nannten sie es; in der Neusprache hieß es Zwiedenken. (S.34)

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George Orwell: 1984. Aus dem Englischen von Kurt Wagenseil. Ullstein GmbH, Frankfurt/M. – Berlin – Wien, 1976.

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5 Gedanken zu „Textschnipsel zum Montag – 30.1.2017

  1. Pingback: [1001 Bücher] Textschnipsel zum Montag – 30.1.2017 – #Literatur

  2. Das Handbuch Gefühl habe ich bei 1984 und auch bei Margaret Atwoods „The Handmaids Tale“ – es ist so gruselig im Moment. Jeden Tag aufs Neue: Nicht verzweifeln, weiter kämpfen für das was es zu bewahren gilt. Kostet aber echt Kraft. Take care 🙂

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    • Ja, der Reread steht auch noch an. Vielleicht mach ich „die großen 3“ und nehm noch Brave New World mit rein. Ich finde es fürchterlich, dass man quasi den ganzen Tag vorm PC verbringen kann und eine Hiobsbotschaft nach der anderen kommt. Aber das Gute ist: Es kommen noch viel mehr tolle Botschaften, und ich liebe die Menschen, die sich nichts gefallen lassen. Also, wie Du schon sagt: weiter kämpfen 🙂
      Hab eine gute Woche!

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  3. Was für ein großartiges Buch, aber so deprimierend und pessimistisch.
    Ich habe auch noch einen Textauszug: „Aber immer – vergessen Sie das nicht, Winston – immer wird es den Rausch der Macht geben, die ständig wächst und immer subtiler wird. Immer, in jedem Moment wird es den erregenden Kitzel des Sieges geben, die Empfindung, auf einem wehrlosen Feind herumzutrampeln. Wenn Sie ein Bild von der Zukunft haben wollen, dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der auf ein Gesicht tritt – unaufhörlich.“ (S.331)

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    • So weit bin ich noch nicht, aber ich weiß, dass da noch einiges kommt… Ich wundere mich immer über diesen „Rausch der Macht“, wieviel Befriedigung man anscheinend daraus ziehen kann, den Schwächeren zu besiegen. Versteh ich nunmal nicht. Aber ich weiß, dass es so ist. Es steht nur zu hoffen, dass es immer genug Starke gibt, die den Schwächeren helfen.
      Danke und viele Grüße!

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