Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore I – Eine Idee erscheint

Es ist ein offenes Geheimnis, dass ich einer der zahlreichen Murakami-Verehrer bin und deshalb sofort seinen neuen Roman verschlingen musste (meine Rezension ist etwas spät, da bei Erscheinen jeder darüber schrieb). Also, der neue Roman, erster Teil von zweien, in wunderschöner Aufmachung, zog mich mit diesen Zeilen

„Als ich heute nach einem kurzen Mittagsschlaf erwachte, sah ich den „Mann ohne Gesicht“ vor mir. Er saß auf einem Stuhl gegenüber dem Sofa, auf dem ich geschlafen hatte, und blickte mich aus seinen nicht vorhandenen Augen an.“ (S.7)

sofort in seinen Bann. Wieder einmal ist es ein namenloser Ich-Erzähler, der hier seine Geschichte mit uns teilt. Er ist Maler und wurde gerade von seiner Frau verlassen. Daraufhin packt er seine Sachen und fährt kreuz und quer durch Japan, ziellos, so wenig Kontakt zur Außenwelt eingehend wie möglich.

Schließlich ruft er einen alten Malerfreund an, der ihm eine Hütte in den Bergen anbietet. Es ist eine schlichte Behausung, die seinem Vater gehört hat, der nun in einem Heim lebt. Dieser war ein bekannter Maler, der mit seiner Interpretation des japanischen Nihonga-Stils Berühmtheit erlangt hatte.

Der Ich-Erzähler hingegen ist Porträt-Maler, hauptsächlich porträtiert er höhergestellte Personen in Firmen. Seine Werke sind sehr beliebt, versteht er es doch, die Essenzen der Personen einzufangen. Er betrachtet es jedoch mehr als Handwerk, das seine Miete zahlt, denn als Kunst. Eines Tages bekommt er in seiner selbstgewählten Einsamkeit jedoch einen neuen Auftrag: er soll den geheimnisvollen Menshiki porträtieren, und dafür großzügig entlohnt werden.

Dann findet der Erzähler ein Bild auf dem Dachboden, das der alte Maler dort versteckt haben musste. Es heißt „Die Ermordung des Commendatore“ und ist so ganz anders als die anderen Werke des Meisters. Der Ich-Erzähler verbringt viele Stunden mit dem Bild, kann sich jedoch keinen Reim darauf machen.

Und so beginnt die Murakami-typische Sogentfaltung – ein Mensch, der eigentlich nur in Ruhe vor sich hinleben und seine Wunden lecken möchte, wird in allerhand merkwürdige und unerklärliche Situationen hineingezogen. Und da dies erst Teil 1 der Geschichte ist, bleibt der Leser mit noch mehr Fragen als Antworten zurück, als er es bei Murakami gewohnt ist…

Wer kein Murakami-Fan ist, wird auch mit diesem Roman nicht in sein Werk finden. Wer jedoch etwas für magischen Realismus übrig hat und diese besondere Verbindung von japanischer und westlicher Welt liebt, wird auch hier voll auf seine Kosten kommen. Ich würde den Roman als „typischen Murakami“ bezeichnen, in dem er viele von seinen Motiven aufgreift (wenn auch nicht alle). Dennoch ist er vielleicht leichter zugänglich als z.B. Hardboiled Wonderland  oder IQ84, in denen die erschaffenen Welten viel komplexer sind.

Wie immer ist es die ruhige Erzählweise in seiner hervorragenden Sprache (bzw. Ursula Gräfes wie immer hervorragende Übersetzung und Übertragung), die die Geschichte zu etwas Besonderem macht. Wieder erschafft er Charaktere, die so geheimnisvoll sind, dass man unbedingt mehr wissen will, und dann wirft er seinen Protagonisten in eine Situation, in der niemand wissen kann, wie er damit umgehen soll.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht, wie der Ich-Erzähler zurechtkommt und was noch auf den Leser wartet. Es ist wiederum ein gelunger Murakami, und ich fühlte mich sofort zu Hause. Das fordert mich als Leser vielleicht nicht so sehr heraus, aber es macht mich glücklich. Und ich denke, man braucht beide Arten der Lektüre, um ein rundes Leseleben zu haben.

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore I. Eine Idee erscheint. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Buchverlag Köln, 2018. OA: Kishidancho goroshi. Killing Commendatore. Shinchosha, Tokio, 2017. 477 Seiten.

Ich danke dem DuMont Buchverlag für das Rezensionexemplar.

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3 Gedanken zu „Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore I – Eine Idee erscheint

  1. Pingback: Haruki Murakami – Die Ermordung des Commentarore II – Eine Metapher wandelt sich | 1001 Bücher - das Experiment

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