Davide Longo – Der aufrechte Mann

Homo homini lupus.

 Italien im Jahr 2045. Die Grenzen sind gesperrt, die Bevölkerung ist eingeschlossen. Fernseh- und Radiosender laufen auf Endlosschleife, Zeitungen bekommt man, wenn überhaupt, erst Wochen später. Polizei und Militär existieren nicht mehr.

Leonardo, ehemaliger Literaturprofessor, 52 Jahre alt, hat sich nach einem Vorfall an der Universität vor acht Jahren in sein Elternhaus auf dem Land zurückgezogen. Er lebt dort allein, seine Frau hat ihn mit seiner Tochter verlassen damals. Benzin und gewisse Vorräte sind schwierig zu bekommen, und so sorgen die Dorfbewohner für alle, einer besorgt Benzin, ein anderer Öl, ein nächster Zigaretten. Die Gemeinschaft hält zusammen, hilft sich aus, doch einer nach dem anderen verlässt das Dorf und macht sich Richtung Grenze auf, in der Hoffnung, einen Passierschein zu bekommen.

Eines Tages steht Leonardos Frau vor der Tür, sie sagt, sie wolle ihren neuen Mann suchen, der verschollen ist. Er soll sich um die Tochter, Lucia, und ihren Sohn aus zweiter Ehe, Alberto, kümmern. Lucia ist sehr verschlossen ihm gegenüber, aber Alberto lebt vollkommen in sich zurückgezogen. Leonardo weiß nicht, was sie gesehen oder erlebt haben. Das Leben wird immer schwieriger, keinerlei Nachrichten erreichen das Dorf, die Banken schließen, Lebensmittel werden rar.

Und dann sind da die marodierenden Banden, die durchs Land ziehen, plündern und zerstören, vergewaltigen und morden. So wird auch Leonardos Haus geplündert, und er fühlt sich nutzlos, hat er es doch geschehen lassen und nichts dagegen unternommen. Doch er ist kein Kämpfer, und er sagt sich, unversehrt zu überleben ist wichtiger als die Dinge im Haus. Sie ziehen in das Haus eines Freundes, der das Dorf schon lange verlassen hat. Aber Leonardo weiß, hier können sie nicht bleiben.

Was nun beginnt, ist eine lange Odyssee Richtung Meer, in der Hoffnung, dort nach Frankreich übersetzen zu können. Es wird ein Marsch durch Kälte und Hunger, bei dem eine kleine Verletzung das Leben kosten kann. Die Menschen, die Waffen haben, haben das Recht. Und so wandern sie mit nicht mehr als den Kleidern am Leib dem Meer entgegen.

Gruppen haben sich zusammengeschlossen, in der Gemeinschaft ist man sicherer. Doch der Preis, den man bezahlen muss, um in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, ist hoch. Und dann gibt es die, die einfach wie ein Gebrauchsgegenstand behandelt, ihrer Menschlichkeit beraubt werden. Wie die Frauen. Will man sein Leben behalten, muss man Dinge aufgeben.

Sie treffen auf eine Gruppe, die so etwas wie einen neuen Jesus, einen neuen Heilsbringer hat. Die Methoden, die er anwendet, um seine Gefolgschaft unter Kontrolle zu halten, sind grausam, aber effektiv. Brot und Spiele sind immer noch funktionierende Hilfsmittel, um den Mob unter Kontrolle zu halten.

Leonardo aber versucht stets, seine Menschlichkeit zu behalten. Er ist ein friedfertiger Mensch, und doch ist er gezwungen, sich anzupassen. Er lernt dies auf grausame Weise. Er sieht das Licht aus so vielen Augen weichen, aber sein Licht will er behalten. Alles, was für ihn zählt, ist, Lucia in Sicherheit zu bringen.

Dieser Weg, den er gehen muss, ist mit Unmenschlichkeit gepflastert. Innerhalb kürzester Zeit scheint jegliche Zivilisation zum Teufel geschickt worden zu sein, und übrig bleibt nur das Animalische. Und so muss der Leser einen guten Magen mitbringen, will er diese Geschichte bis zum Ende verfolgen. Denn die schlimmsten Albträume werden wahr, homo homini lupus.

Es gibt Lichtblicke, Menschen, die sich Menschlichkeit bewahrt haben, die aber auch die leichtesten Opfer abgeben. Tiere, die sich an der Seite der Menschen durchkämpfen, mit ihnen und für sie. Stille Begleiter, die sich nicht beirren lassen.

Aber im Gegensatz zu der herrschenden Grausamkeit, zur kompletten Entmenschlichung, die ihnen überall entgegenschlägt, sind sie Tropfen auf einen heißen Stein. Tut man nicht besser daran, das Ich aufzugeben und mit allen Mitteln ums Überleben zu kämpfen? Oder sind die Tropfen, die Menschlichkeit, die Fürsorge, Freundschaft, das Mitgefühl, das, was einen am Ende am Weitesten bringt?

Dieser Roman hat mich viel gekostet. Es ist eines dieser Bücher, die ich nicht mehr vergessen werde. Longo lässt die schlimmsten Albträume wahr werden, er lässt zweifeln, ob die Zivilisation überhaupt eine Errungenschaft ist, und ob die Menschheit, wenn es nur ums pure Überleben geht, sie abwirft wie eine Haut und zum Wolf wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Umstände nie so sein werden, dass wir es erfahren. Longo kreiert mit ruhiger Stimme eine Welt, die einen schaudern lässt, die sich tief unter die Haut gräbt. Diese Ruhe macht das Szenario umso beängstigender, der Leser kann Leonardos Verwirrung, seine Angst, aber auch sein Verlangen, sich nicht selbst aufzugeben, genau mitverfolgen und nachvollziehen. Er gibt dem Leser Leonardo als Körper, aber setzt ihn hinein, so dass er mit ihm beobachten und abwägen kann, was er als nächstes tut.

Wer Mut und einen guten Magen mitbringt, wird in diesem Buch einen großen Gewinn erfahren. Denn es wirft viele Fragen und Gedanken auf, auch, wie man sich selber stellt in seinem Leben. Es ist eine Dystopie, aber ist es? Das sollte jeder für sich herausfinden. Viel Glück.

Foto by Paolo Giagheddu

Foto by Paolo Giagheddu

Davide Longo wurde 1971 in Carmagnola im Piemont geboren. Er lebt in Turin und unterricht am Literaturinstitut Scuola Hlden. Neben Prosa verfasst er Hörspiele und Drehbücher für Kurzfilme.

Davide Longo: Der aufrechte Mann. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Rowohlt, 2012. 488 Seiten.

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