Buch #55: Hella S. Haasse – Die Teebarone

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Hella Serafia Haasse wurde am 2. Februar 1918 in Batavia, Niederländisch Indien (heute Indonesien), geboren. Niederländisch Indien war eine Kolonie der Niederlande, und Hella Haasse wuchs sowohl hier als auch in Amsterdam auf. Das Leben in der Kolonie ist aber Mittelpunkt von zahlreichen ihrer Werke. Ein anderer Schwerpunkt ihres Werkes sind historische Romane. Die Teebarone gehört zu beiden Kategorien. Hella Haasse hat zahlreiche Literaturpreise erhalten, unter anderen den P.C.Hooft-prijs und der Prijs der Nederlandse Letteren, außerdem eine Ehrendoktorwürde der Universität Utrecht. Drei ihrer Bücher waren Buchwochengeschenke. Sie ist eine der meistgelesenen niederländischen Autoren. Sie starb am 20. September 2011 in Amsterdam.

Bild: hellahaasse.nl

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Im Quellennachweis des Romans schreibt Hella S. Haasse, dass Die Teebarone zwar ein Roman, aber keine Fiktion sei. Ihr wurden von einer Stiftung Briefe und andere Dokumente zur Verfügung gestellt, die diese von den Nachkommen der Personen im Roman erhielt. Hätte ich dies vorher gewusst, wäre ich anders an die Lektüre herangegangen. Die Hauptperson des Romans ist Rudolf Kerkhoven, der zu Beginn der Geschichte, Mitte des 19. Jahrhunderts, in Delft ein Ingenieursstudium absolviert, es aber eigentlich kaum erwarten kann, nach Westjava auf die Plantage seiner Eltern zu reisen und in das Familiengeschäft einzusteigen: der Handel mit Tee, Kaffee und Gewürzen.

Er steht in stetem Briefkontakt mit seinen Eltern, kümmert sich um die Geschwister, die in die Niederlande zur Schule geschickt wurden, bekommt aber nur halbherzige Antworten und Anweisungen. Auch nach Ende seines Studiums sagt ihm niemand, dass er die Reise und seine Stelle antreten soll. Schließlich erreicht er jedoch in Niederländisch Indien und fängt an, den Anbau von der Pike auf zu lernen. Er ist sehr ehrgeizig und will alles genau wissen und können. Schließlich ist es soweit: mit familiärer Unterstützung bekommt er seine eigene Plantage. Er arbeitet von morgens früh bis abends spät, das Land muss gerodet, Grenzen müssen gezogen, Gebäude gebaut und Maschinen in Betrieb genommen werden. Dann ist da die Schwierigkeit mit der Landessprache, die zu lernen Zeit braucht. Und er muss die vollkommen andere Lebens- und Arbeitsweise seiner Angestellten, der einheimischen Bevölkerung, verstehen.

Der Angang ist hart und steinig, mit Fortschritten und mehr Rückschlägen, aber langsam entwickelt die Plantage sich. Er erhält gute Produkte und seine Experimente laufen auch gut. Bei einem Besuch in der Stadt lernt er Jenny kennen, und für beide steht sofort fest, dass sie heiraten wollen. Jenny erhofft sich ein mondänes Leben auf einer Plantage, und als sie als Braut Gambung, Rudolfs Plantage, erreicht, ist sie entsetzt: ein schäbiges Haus mitten im Nirgendwo. Rudolf und Jenny bekommen Kinder, leben aber in absoluter Armut.

Nach Jahren hat Rudolf genug Geld zusammen, dass er Gambung den Miteigentümern abkaufen kann. Doch die wollen mehr, als er zu zahlen bereit ist. Ein Familienstreit entspinnt sich, der Rudolfs Ehrgeiz und Trotz noch mehr ankurbelt und Jenny noch mehr Zugeständnisse abverlangt. Hat Rudolf mit seinem Ehrgeiz alles zerstört, oder hatte er keine andere Wahl, um am Ende zu Wohlstand zu gelangen? Wird sein Projekt und damit die Jahrzehnte harter Arbeit Erfolg hat haben, oder bleibt nur ein zerbrochenes Leben? teebarone

Wie ich oben bereits andeutete, hätte ich vorher gewusst, wie der Roman entstanden ist, wäre ich anders an die Geschichte herangegangen. Die Schilderung Rudolfs lässt nicht viel Sympathie zu, dennoch fiebert man mit, ob es ihm gelingt, Erfolg zu haben. Dann kommt Jenny ins Spiel, und auch ihre Perspektive wird geschildert, die eine gänzlich andere Sicht bietet als diejenige Rudolfs. Ebenso kommen diverse Familienmitglieder zur Sprache, was das Bild noch weiter verwirrt. Doch im Allgemeinen kann man der Story gut folgen, nur dass eben ein Sympathieträger fehlt.

Ab dem letzten Drittel des Buches wird es jedoch wirklich schwierig, denn dann werden ganze Briefwechsel wiedergegeben, zu bestimmten Themen, zwischen bestimmten Personen, und da hätte ich mir eigentlich denken können, dass es sich um echte Briefe handelt. Wer diese Familienfehden nicht kennt, sei es in Wort oder Schrift, kann sich glücklich schätzen. Mir kam das alles leider sehr bekannt vor. Und wie es meistens ist mit der Wahrheit: jede Perspektive hat ihren Anteil daran. Das ist dem Roman aber leider nicht zuträglich, da man als Leser nun vollends verwirrt ist. Man weiß nicht, wer die Wahrheit sagt, wer übertreibt, wer sich hineinsteigert…

Aus meiner Sicht ist das dann auch der große Nachteil des Romans. Eine interessante Entwicklungsgeschichte verlagert sich in eine Familienfehde, die leider am Ende auch nicht aufgeklärt wird (es sei denn, ich habe etwas missverstanden). Das liegt dann wohl am realen Hintergrund. Aber die Mixtur von realem Material und Fiktion hat hier nicht funktioniert, sie hat mich äußerst unbefriedigt zurückgelassen. Dennoch, wer auf erzählerische Weise etwas über die Niederlande, die Menschen und die Kolonien erfahren möchte, ist hier gut aufgehoben, denn hier funktioniert das Konzept.

Hella S. Haasse: Die Teebarone. Aus dem Niederländischen von Maria Csollány. Wunderlich, Reinbek 1995. 351 Seiten.