Buch #20: J.M. Coetzee – Elizabeth Costello

Da hätten wir nun also meinen ersten Coetzee. Ich weiß auch nicht, warum ich bisher noch nicht mit dem Werk des Literatur-Nobelpreis-Trägers in Berührung gekommen bin. Dieser Roman war vielleicht auch nicht der geeignete Einstieg, aber manchmal muss man eben nehmen, was die Bibliothek hergibt.

Elizabeth Costello ist eine Mischung aus Roman und Essayistik, was es einigermaßen schwierig macht, es zu rezensieren.  Die Protagonistin ist eine „alte Dame“, eine Schriftstellerin, die in jungen Jahren einen Bestseller geschrieben hat, indem sie aus der Perspektive von Leopold Blooms Frau Molly schrieb, des Leopold Bloom aus Ulysses. Heute verbringt sie ihre Tage damit, zu verschiedenen Gegebenheiten Vorträge zu halten.

So ist das Buch auch in acht Lehrstücke unterteilt, plus einem Nachtrag. Fast jedes Lehrstück schildert eine Vortragssituation, sei es, dass ihr ein Preis verliehen wird, oder auf einem Kreuzfahrtschiff etwas für bildungshungrige Reisende erzählt, auf einem Kongress spricht oder bei einem Abendessen.

Sie setzt sich mit verschiedenen Themen auseinander (wie ich las, sind viele dieser Lehrstücke schon vorher von Coetzee veröffentlicht worden), unter anderem zum Humanismus und den Humanwissenschaften, über das Böse, über Erotik in der Literatur, und – was mich am Meisten beeindruckt hat – über den Missbrauch der Tiere durch den Menschen.

Hierbei eckt sie immerzu an. Sie ist nicht mehr jung, und lebt langsam mit der Einstellung, dass sie zu alt sei, um ihre Meinung zu vertuschen. So spricht sie sie gerade heraus, was meistens auf keinerlei Zustimmung trifft, sondern vielmehr auf Ablehnung, und oft löst sie hitzige Diskussionen aus.

Sie ist nicht wirklich sympathisch, meine Zuneigung hat sie dennoch erworben, eben durch ihre Art, etwas zu reflektieren, und Dinge auszusprechen, auch wenn sie bei der feinen Abendgesellschaft nicht am rechten Platz zu sein scheinen.  Sie hat mir einiges zu denken gegeben, und ich konnte das Buch nicht einfach durchlesen, ich musste immer wieder unterbrechen, nochmal lesen, Notizen machen – aber ich habe es gern getan.

Sie erreicht nicht oft etwas mit ihren Diskussionen und Meinungen, obwohl sie Leute dazu bringt, darüber nachzudenken. Und sie hat auch keine Patentlösungen. Wenn sie zum Beispiel die Schlachthofthematik anspricht, ist es bei ihr genauso wie in meinem Leben – die Gesprächspartner wollen eine Patentlösung. Trägt man als Vegetarier Lederschuhe, meinen diese Gesprächpartner, sie könnten einen allein dadurch schon ad absurdum führen. Auch Elizabeth erfährt, dass die Menschen lieber ihre Augen davor verschließen, als sich damit auseinander zu setzen.

Das letzte Kapitel ist eine Auseinandersetzung mit Kafka, sie befindet sich in einer Situation, in der sonst nur Kafkas Protagonisten erscheinen. Sie ist in einer Art Nachwelt, und dort muss sie vor einem Gericht beschreiben, an was sie glaubt. So sehr sie aber versucht, dem Gericht verständlich zu machen, dass sie eigentlich an nichts glaubt, so absurd sind die Reaktionen.

Ich habe die Lektüre sehr genossen, auch wenn sie einiges von mir verlangt hat. Kein typischer Roman, aber viele Dinge werden angesprochen, über die man einmal nachdenken sollte. Somit empfehle ich dieses Buch für ruhige Stunden, in denen man Zeit hat, nachzudenken.