Buch # 47: Julian Barnes – Flauberts Papagei

Julian Patrick Barnes ist ein englischer Schriftsteller, der am 19. Januar 1946 in Leicester geboren wurde. Er studierte Sprachen und Jura und arbeitete zunächst als Journalist und Lexikograph. Seit 1980 widmet er sich dem Schreiben. 1979  heiratete er Patricia Olive Kavanagh, seine Agentin, und verwendete ihren Nachnamen oft als Pseudonym. Als Dan Kavanagh veröffentlichte er in den 1980er Jahren vier Kriminalromane, als Julian Barnes das Buch Metroland, weitere Romane, Erzählungen und Essays. Außerdem war er Übersetzer französischer Literatur, unter anderem von Flaubert. Sein Roman Flauberts Papagei erschien 1984, war für den Booker Prize nominiert und wurde mit dem Prix Médicis ausgezeichnet.

UnbenanntGeoffrey Braithwhite ist ein englischer Rentner, der verwitwet ist und früher einmal Arzt war. Er hatte ein glückliches Leben und ein Hobby – Gustave Flaubert. Der Roman beginnt damit, dass er mehrere Orte in Frankreich besucht, die mit Flaubert verbunden sind, und ihm fällt auf, dass der ausgestopfte Papagei, der Flaubert bei seiner Beschreibung für Un cœur simple als Vorbild diente, gleich in zwei Museen ausgestellt ist. Nun versucht er herauszufinden, welcher Papagei der Echte ist, und von dem Punkt aus entspannen sich zwei Biographien – Flauberts und Braithwhites.

Der Roman ist in 15 Kapitel unterteilt, von denen jedes ein Thema behandelt. So handelt das erste Kapitel von der Reise nach Frankreich und der Entdeckung der zwei Papageien. Im zweiten Kapitel lesen wir gleich drei Chronologien von Flauberts Leben, die erste eine normale Übersicht über sein Leben, die zweite eine eher negative Übersicht, die viele Todesfälle und Rückschläge beinhaltet, die dritte eine Sammlung von Zitaten Flauberts, die ich als die Eindringlichste empfunden habe, da hier geballt verschiedene Wesenszüge und Emotionen Flauberts versammelt sind.

Im dritten Kapitel trifft Braithwhite sich mit einem anderen Flaubert-Verehrer, der ihm von einer spannenden Entdeckung erzählt, die die Sicht auf Flauberts Leben für immer verändern könnte… Könnte.  Kapitel vier beschreibt Braithwaites Gedanken zu Flauberts Verhältnis zu Tieren; Flaubert sah sich immer als Bären –

„Das menschliche Wort ist wie ein gesprungener Kessel, auf dem wir Melodien trommeln, nach denen Bären tanzen können, während wir doch die Sterne rühren möchten.  Madame Bovary“ (S.59)-

er nannte sich selber scherzhaft Gourstave (ours = der Bär), aber auch andere Tiere haben wichtige Rollen gespielt, wie das Kamel, das Schaf und nicht zuletzt der Papagei.

Kapitel 5 beschäftigt sich mit dem Zufall. Braithwhites Meinung:

„Und was die Zufälle in Büchern angeht – dieser Kniff hat etwas Kitschiges und Sentimentales; ästhetisch gesehen wirkt es einfach immer billig. Der Troubadour, der gerade rechtzeitig vorbeiläuft, um das Mädchen zu retten, das hinter die Hecke gezerrt werden soll; die unverhofft, aber wie gerufen auftauchenden Wohltäter bei Dickens; der saubere Schiffbruch an einer fremden Küste, der Geschwister und Liebende wiedervereint.“ (78).

Ich zitierte, weil ich mich dem nur voll und ganz anschließen kann. Von hier aus spannt Braithwhite den Bogen zu Flaubert, der den Zufall mit Hilfe von Ironie in sein Werk einbaute, und auch zu denjenigen Zufällen, die ihm tatsächlich zustießen.

Dann befasst er sich mit dem Kritikertum, anhand des Beispiels von Emma Bovarys Augen, die eine Kritikerin als Fehler bei Flaubert bemängelte, habe er sie doch einmal braun, einmal tiefschwarz und einmal sogar blau genannt. Ob dem wirklich so ist?! Kapitel sieben gibt Einblicke in mehrere Teile von Flauberts Leben und Braithwhites Gedanken dazu, die allesamt sehr lesenswert sind und zum Nachdenken anregen. So zum Beispiel, wie viel man tatsächlich über jemanden wissen kann, oder wissen muss, um sich ein Bild zu machen:

„Was hilft uns denn? Was müssen wir wissen? Nicht alles. Alles verwirrt nur. Direktheit verwirrt auch. Das Vollporträt, das einen anstarrt, hypnotisiert. Auf seinen Porträts und Fotos schaut Flaubert normalerweise weg. Er schaut weg, damit Sie seinen Blick nicht erhaschen können; und er schaut auch weg, weil das, was er über Ihre Schulter hinweg sehen kann, interessanter ist als Ihre Schulter.“ (124)

Mein persönliches Lieblingskapitel ist Kapitel acht, Der Flaubert-Führer für Eisenbahngucker. Ein letztes Zitat:

„Doch er haßte die Eisenbahn nicht nur als solche; er haßte die Art, wie sie den Leuten mit der Illusion von Fortschritt schmeichelte. Was nutzte wissenschaftliches Vorwärtskommen ohne moralisches Vorwärtskommen? Die Eisenbahn würde bloß noch mehr Leuten gestatten herumzufahren, sich zu treffen und zusammen dumm zu sein.“ (132)

Ich schätze, Flaubert kann sich unter diesen Umständen glücklich schätzen, nicht heute zu leben, wo Menschen noch nicht einmal mehr die Eisenbahn brauchen. Kapitel neun beschäftigt sich dann mit den ungeschriebenen Werken Flauberts, Kapitel zehn könnte man als Anklageschrift gegen Flaubert bezeichnen, die alle seinen kleinen und großen Mängel thematisiert und kommentiert.

Kapitel elf beschreibt die Sicht einer von Flauberts Geliebten, Louise Colet, auf ihre Sicht der Ereignisse. Kapitel zwölf besteht aus Braithwhites Wörterbuch der übernommenen Ideen, das weitere Gedanken zu Flauberts Leben und Werk beinhaltet, wie man sie notieren würde, um später noch einmal darauf einzugehen. Kapitel dreizehn befasst sich mit Braithwhite und seiner Trauer um seine Frau, seinen Verlust und seine Fragen. Mit Fragen geht es Kapitel vierzehn weiter, die Prüfungsfragen zu Flaubert beinhaltet, und die ganz schön knifflig sind. Aber ich schätze, Brauthwhite als Flaubert-Kenner könnte sie ohne weiteres zufriedenstellend lösen.

Das Buch schließt den Kreis dann wieder mit der Frage nach dem Papagei. Ob Braithwhite herausfindet, welcher Papagei der Echte ist, und ob es überhaupt wichtig ist?!

Einen Roman wie Flauberts Papagei habe ich bisher noch nicht gelesen. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, wie ich ihn bezeichnen würde, vielleicht wäre es etwas wie „Die Entstehung einer Biographie“. Braithwhite, der sich zeit seines Lebens mit Flaubert beschäftigt hat, schafft anhand der Fakten über Flaubert und seiner Gedanken dazu ein sowohl detailliertes wie differenziertes Bild zu einem Autor, der sicherlich nicht leicht zu fassen ist. Das Genre des Romans und nicht der Biographie gibt Julian Barnes die Möglichkeit, Dinge aus allen Perspektiven zu beleuchten, Kleinigkeiten zu beachten, eigene Überlegungen anzustellen, die in der Nüchternheit der Biographie natürlich keinen Platz gehabt hätten.

Dies verbindet er dann mit einem Protagonisten, der von seinen eigenen Problemen oder Erlebnissen auf bestimmte Situationen in Flauberts Leben verweist, wobei er manchmal Parallelen findet und manchmal Gegensätze. All dies verbindet sich schließlich zu einem Bild über Flaubert, das dem Leser ziemlich umfassend erscheint. Ich habe mich nicht viel mit Flaubert beschäftigt, und Madame Bovary hat mir auch nicht gefallen, als ich es vor Jahren gelesen habe (das mag aber meinem noch recht jugendlichen Alter geschuldet gewesen sein), weswegen ich erwartet hatte, dass ich mich recht langweilen würde bei diesem Roman.

Das Gegenteil ist eingetreten: ich habe mich bestens unterhalten gefühlt, aber nicht nur das, ich habe mich auch bestens informiert gefühlt. Ich halte Flauberts Papagei für ein großartiges Buch, das ich sehr genossen habe, jedem nur empfehlen kann und das Inspiration für Nachahmer geben sollte, ähnliche Werke über andere Personen zu schreiben, um ein unterhaltsames Bild auf ihr Leben und Werk zu geben und zum Nachdenken anzuregen.

Julian Barnes: Flauberts Papagei. Aus dem Englischen von Michael Walter. 235 Seiten.