Buch #45: Margaret Mazzantini – Geh nicht fort

Margaret Mazzantini wurde 1961 in Dublin geboren und ist eine italienische Schriftstellerin und Schauspielerin. Sie ist die Tochter des Schriftstellers Carlo Mazzantini und der Malerin Anne Donnelly. Aufgewachsen ist sie in Irland und der Toskana. Sie ist verheiratet mit dem Schauspieler, Drehbuchautoren und Regisseur Sergio Castellito, der auch Geh nicht fort verfilmt hat. Die beiden leben mit ihren vier Kindern in Rom.

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Angela, die 15jährige Tochter des erfolgreichen Chirurgen Timoteo hat einen Unfall mit ihrem Motorroller und wird mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht. Während sie operiert wird und Timoteo wartet, hofft und bangt, fängt er an, ihr seine Lebensgeschichte zu „erzählen“.

Eines Tages, Timoteo ist schon mit Elsa, Angelas Mutter verheiratet, bleibt sein Auto auf dem Weg in ihr Sommerhaus liegen. Es ist sehr heiß, und die Werkstatt kann zwar sein Auto reparieren, hat aber kein Telefon, um Elsa Bescheid zu sagen. Eine zufällig anwesende Frau, Italia, bietet ihm an, bei ihr zu Hause zu telefonieren. Also folgt er ihr in ihr schäbiges Heim und ruft an. Er geht zurück zur Werkstatt, trinkt Wodka und entschließt sich, zum Haus von Italia zurückzukehren. Dort vergewaltigt er sie.

Danach fährt er, zwar von Schuldgefühlen geplagt, zu Elsa. Bei jedem Polizisten, den er in der nächsten Zeit sieht, fürchtet er, verhaftet zu werden. Doch nichts geschieht, und er lebt sein Leben normal weiter. Dann verliert er seinen Vater, und fährt wieder zu Italia. Sie ist nicht zu Hause, er muss auf sie warten.

„Dabei war ich auf dem Sitz nach unten gerutscht, ich keuchte vor Lust. Denn plötzlich erinnerte ich mich… ihr Körper, erloschen wie jener Kamin ohne Feuer, der gebeugte weiße Hals, der rätselhafte traurige Blick. Nein, das war nicht allein von mir ausgegangen. Sie hatte es genauso gewollt. Mehr als ich. „(61)

Wieder haben sie Sex, wieder wehrt sie sich nicht. Er gibt ihr Geld. Mit seiner Frau läuft sein Leben weiter, und irgendwann kommt ihm die Idee, ein Kind zu machen. Sie aber möchte nicht. Wenn sie im Sommerhaus ist, er aber arbeiten muss, fährt er weiterhin zu Italia. Er weiß nichts über ihr Leben, vermutet jedoch, dass sie eine Prostituierte ist. Wobei das natürlich auch eine Art Entschuldigung für sich selbst sein kann, da er immer wieder zu ihr fährt, obwohl sie

„nicht schön (war), sie war farblos, deprimierend. Ihre Unauffälligkeit erschien mir wie ein Schutz, keiner konnte sich vorstellen, wie sich ihr Körper mit Leben füllte und sie eine ganz andere wurde. Aber vielleicht war sie bei allen so.“ (84)

Langsam entwickelt sich zwischen den beiden eine Beziehung, Italia verliebt sich in ihn. Er aber scheint in einer Midlife-Crisis zu stecken, fühlt sich alt und hofft, dass Italia ihn „gesund“ macht. Im Kopf rechtfertigt er sich immer wieder dafür.

„Du willst doch auch allein sein, so weit kenne ich dich schon. Du tust, was ich will, dann verschwindest du wie eine Mücke, wenn der Tag anbricht, du setzt dich auf dein Blumensofa und hoffst, daß ich dich nicht bemerke. Du weißt, daß du nur in der Lüsternheit zählst, wenn ich mir die Krawatte umbinde, bevor ich gehe, ekelt mich alles schon an. Du traust dich nicht, dich zu bewegen, solange ich da bin, du traust dich nicht, ins Bad zu gehen und dabei deinen Hintern zu zeigen. Vielleicht hast du Angst, getötet zu werden, Angst, ich könnte dich in das lehmige Flußbett werfen wie das schwarze Auto, das von der Hochstraße gestürzt ist. „(93)

Timoteo wird immer mehr zu Italia hingezogen. Eines Tages wird sie schwanger, und er beschließt, Elsa zu verlassen und mit Italia zusammen zu sein. Als er es Elsa sagen will, hat auch sie eine Überraschung für ihn: Sie ist ebenfalls schwanger. Er bleibt bei Elsa, Italia fühlt sich verlassen und treibt ab, jedoch nicht in einer Klinik. Timoteo nimmt Abstand zu Italia, auch wenn er sie nicht ganz aus seinen Gedanken herausbekommt.

Kurz bevor Elsas Entbindung sieht er Italia von weitem, die wiederum Elsas Bauch sieht. Sie läuft weg, er folgt ihr, und fällt wieder über sie her. Dann wird Angela geboren, alles verläuft gut. Als er am Abend nach Hause geht, beschließt er wieder, Elsa zu verlassen und mit Italia zu leben. Sie fahren los, in ein neues Leben, doch bei der Abtreibung ist etwas schief gegangen…

Dies alles erzählt er in Gedanken, während er auf seine Tochter wartet, die nebenan mit offenem Schädel liegt. Alleine diese Grundvoraussetzung hat in mir schon heftige Ablehnung hervorgerufen. Natürlich kann sie ihn nicht „hören“, aber in der Situation seine Lebensbeichte abzulegen, finde ich schon ziemlich geschmacklos.

Denn diese Beichte ist  keine normale Beichte, sondern eine Geschichte von Gewalt, von Egoismus, von einem Mann, der sich nimmt, was er will, der seine moralischen Begriffe außer Kraft setzt und sich die ganze Zeit rechtfertigt, obwohl er weiß, dass er nicht im Recht ist und es sich dennoch so hinbiegt, dass er sich so fühlen kann.

Er fühlt sich alt, er verliert seinen Vater, natürlich, da kommt eine Frau, die er vergewaltigt und sich gefügig macht, genau recht, um sich „lebendig“ zu fühlen. Abgesehen von der konsequenzlosen Vergewaltigung, wonach ich eigentlich schon keine Lust mehr hatte, weiterzulesen, redet er sich auch alles andere immer wieder schön. Die Frau, die er vergewaltigt hat, verliebt sich in ihn, womit er seine Tat im Endeffekt rechtfertigt. Seine Frau verläßt sich auf ihn, aber sie ist seiner Meinung nach stark genug, dass er sie mit ihrem neugeborenen Kind allein lassen kann. Italia treibt ab, weil er bei Elsa bleibt, das gefällt ihm nicht, er kümmert sich aber auch nicht weiter um sie. Er sieht, dass es Italia schlecht geht, kümmert sich aber bloß darum, dass er so glücklich ist, mit ihr zusammenzusein. Und im Endeffekt hat er ja immer noch Frau und Kind, zu denen er zurückkehren kann.

Ich bin mir nicht sicher, was Margaret Mazzantini mit diesem Buch sagen will. Will sie einen schwachen Mann darstellen, der auf neudeutsch nur als Loser bezeichnet werden kann? Warum will sie das? Warum sollte man diese Geschichte lesen? Ich weiß es nicht, denn sie läßt ihren Protagonisten aus seiner Sicht erzählen, seine Beschönigungen und eigenständige Moral werden nirgendwo angefochten oder hinterfragt, und nicht nur muss er keine richtigen Konsequenzen tragen, er kommt auch noch fein aus der ganzen Geschichte heraus.

Dementsprechend weiß ich auch nicht, warum man dieses Buch lesen oder warum ich es sogar empfehlen sollte, meiner Meinung nach ist es viel verschwendete Lesenszeit, mehr nicht.

Und am Ende noch eine nette Anekdote: Sie hat das Buch ihrem Mann gewidmet. Darüber hat er sich bestimmt sehr gefreut.

Margaret Mazzantini: Geh nicht fort. Aus dem Italienischen von Petra Kaiser.

Eine weitere Besprechung  gibt es bei synaesthetisch.

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