Buch #19: Siri Hustvedt – Was ich liebte

Ich glaube nicht an die Liebe. Zumindest glaube ich nicht, dass sie für jeden erhältlich ist, à la „jeder Topf besitzt einen Deckel“. Vielmehr denke ich, dass es sich auch hier um ein gesellschaftliches Konstrukt handelt, gefüttert von diversen Industrien. Eine dieser Industrien ist die Liebesroman und -filmbranche. Damit kann ich wenig bis nichts anfangen. Hat irgendjemand schon einmal so etwas erlebt, wie dort dargestellt? Eben.

Aus diesem Grund bin ich mit einer gesunden Portion Skepsis an das Werk mit dem Titel „Was ich liebte“ herangegangen. Aber natürlich, ich hätte es besser wissen müssen – auf der Liste sollten ja eigentlich keine Schundromane vertreten sein. Und dieser – ich war nie so froh, diese Liste zu lesen bisher, denn ich hätte dieses Buch wohl nie in die Hand genommen.

Der Roman besteht aus drei Teilen. Der erste Teil beschreibt das Leben, das ich leben würde, könnte ich mir eines aussuchen. Zwei (Ehe-)Paare leben in New York. Eines ist der Erzähler, Professor Leo Hertzberg und seine frisch angetraute Frau Erica, das andere der Künstler William Wechsler mit seiner Frau Lucille, von der er sich später trennen wird, um Violet zu heiraten.

Alle vier sind in irgendeiner Weise schöpferisch tätig, Leo und Erica sind Professoren und schreiben Bücher, Lucille schreibt Gedichte, Violet betreibt intensive Studien zu Gesellschaft und schreibt darüber, aber der Mittelpunkt ist William – Bill – der Künstler mit seinen Werken, den Entstehungsgeschichten und den Verarbeitungen seines Lebens.

Sie wohnen übereinander, ihre Söhne – Matt Hertzberg und Mark Wechsler – werden fast zeitgleich geboren, und alle sind eng befreundet (wobei die Freundschaft der Hertzbergs enger mit Violet ist als sie mit Lucille war). Die Familien fahren gemeinsam in Urlaub, verbringen unglaublich viel Zeit damit, sich auszutauschen, und es herrscht eine Symbiose zwischen ihnen, die in mir blanken Neid entstehen lässt. Nächtelang erzählen sie sich von ihren Forschungen, von dem, was sie gelesen haben, inspirieren sich gegenseitig, machen sich auf Dinge aufmerksam, philosophieren… Gott, was würde ich darum geben.

Aber nun gut, alles hat seinen Preis. Und dies wird in den beiden anderen Teilen sehr deutlich. Matthew stirbt bei einem Unfall, und die Hertzbergs zerbrechen fast daran. Die Wechslers helfen ihnen durch diese Zeit, aber nichts ist mehr so wie vorher. Erica und Leo trennen sich auf Zeit, und Violet und Bill werden mehr oder weniger zu Leos Familie. Bill verarbeitet seine Trauer in seinen Kunstwerken,und mit der Zeit wird er ziemlich bekannt.

Die Zeit vergeht, und Mark, der Sohn der Wechslers, wächst heran, ein wenig nimmt er auch Matts Rolle in Leos Leben ein, er ist zumindest ein wichtiger Bezugspunkt. Irgendwann jedoch stellen sich leichte Störungen ein, Mark lügt über gegessene Donuts, stiehlt ein wenig Geld, treibt sich nächtelang herum und begegnet Teddy Giles, einem Künstler, der durch inszenierte Morde, Zerstückelungen und dergleichen versucht, die gleichgültige Gesellschaft aufzurütteln. Doch handelt es sich tatsächlich nur um Inszenierungen? Und wird Mark in seinen Bann geraten?

Dieses Buch ist ein kleines Schmuckstück. Siri Hustvedt, die ich ausdrücklich nicht als die Frau von Paul Auster bezeichnen möchte, da sie ohne dieses Anhängsel für sich stehen sollte, gelingt es, den Leser absolut in ihren Bann zu ziehen. Man sieht Glück und betrachtet sein Zerbrechen, mühsam aufrechterhaltene Normalität und kleines neues Glück, Verzweiflung und ja, auch Liebe. Zwischenmenschliche, nicht auf Paarliebe reduzierte Liebe.

Gleichzeitig ist es unglaublich spannend, wie sich im Verlauf der Geschichte die Handlung um Mark verdichtet, wie niemand mehr weiß, was wahr ist und was eingebildet, und wie sich die Geschichte schließlich auflöst.

Besonders betonen möchte ich auch, wie beeindruckt ich von ihren Beschreibungen bin. Ich glaube, ich habe meine schlechteste Deutschnote überhaupt bekommen (und das war mein Paradefach), als ich einmal ein Bild beschreiben sollte; es ist mir überhaupt nicht gelungen. Und Siri Hustvedt macht es in einer Art, dass man meint, man stünde dem Gemälde gegenüber, man befinde sich inmitten einer Installation, man sieht alles genau vor sich. Auch die Theorien, die besprochen und verfasst werden, sind immer gut verständlich und leicht nachvollziehbar, obwohl es sich doch um Studien handelt.

Dieses Talent, all dies leicht zu präsentieren, nicht eine Sekunde Langeweile aufkommen zu lassen – im Gegenteil, man möchte Teil haben, mittendrin sein – bewundere ich sehr und ich möchte jedem empfehlen, einmal Teil dieser Geschichte zu werden. Ich weiß, es gibt viele Kandidaten für den sogenannten „großen amerikanischen Roman“, ich habe durchaus auch schon einige gelesen, die auf die Bewerberliste gehören: dieser gehört auf jeden Fall weit nach oben auf diese Liste – und auf meine.

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