Buch #36: Thomas Pynchon – Die Enden der Parabel

Thomas Pynchon wurde 1937 auf Long Island, New York, geboren. Er studierte Physik und Englisch an der Cornell University und war ein Schüler Nabokovs. Nach Erscheinen seines ersten Romans, V., im Jahre 1963, schottete er sich vollkommen von der Außenwelt ab; er lebt irgendwo an der amerikanischen Westküste. Seit diesem Zeitpunkt sind seine Bücher die einzigen öffentlichen Spuren seiner Existenz. – Das finde ich ziemlich stark von Pynchon, wenn sein Werk draußen ist, kann er ja nichts mehr daran ändern, es liegt dann im Auge des Betrachters, liegt daran, was dieser daraus macht. Und Pynchon entzieht sich der ganzen Interpretiererei, indem er sich dem ganzen Literaturbetrieb entzieht. Er entlässt seine Bücher, und dann sind sie auf sich allein gestellt.-

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Die Enden der Parabel ist 1973 erschienen und gilt heute als Pynchons Opus Magnum. Magnum ist es auf jeden Fall, es umfasst 1200 kleinbedruckte Seiten in der Taschenbuchausgabe, und diese sind nicht so leicht zu verdauen – was man auch an der Zeit ersehen dürfte, die es mich gekostet hat, es mir einzuverleiben. Opus Magnum ist es aber auch in jeder anderen Hinsicht: Mehrere hundert Figuren treten auf, es gibt zahlreiche Handlungsstränge und Nebenschauplätze, chronologisch wird vor- und zurückgesprungen, es gibt Rückblenden in die Zeit der frühen Besiedlung Amerikas und Vorausblenden in die, ich schätze, 70er Jahre. Ihr seht schon, hier ist es nicht einfach, eine Handlung zu erzählen.

Deswegen will ich dies auch nur grob tun. Man könnte als Protagonisten den GI Tyrone Slothrop bezeichnen. Dieser wurde als Kind einer Pawlowschen Konditionierung unterzogen, aufgrund derer er, wenn eine Bombe sich nähert, eine Erektion bekommt. Die Handlung spielt zuerst in London gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, weswegen diese Eigenheit sehr nützlich sein konnte, und weiterhin in Deutschland nach Ende des Krieges. Hier sucht Slothrop nach den Gründen seiner Konditionierung, und nach einer bestimmten Rakete, der 00000, die ein Schwarzgerät birgt und von dem Slothrop sich erhofft, einige Antworten zu erfahren.

Hinter dieser Rakete und dem Schwarzgerät sind mehrere Personen her, ein russischer Offizier – Tschitscherin – ebenso wie ein deutscher SS-Mann – Blicero, der Herero (Angehöriger eines afrikanischen Stammes) Enzian und einige Nebenfiguren. Dann gibt es noch die niederländische Agentin Katje, die immer wieder auftaucht und in alles verstrickt zu sein scheint.

Von all diesen Figuren (und noch vielen mehr) werden Geschichten erzählt, persönliche, vor oder während des Krieges, Interaktionen zwischen den Figuren, kurze zufällige Treffen oder lange Vorausbestimmtes. Oft folgt man auch ihren Gedankengängen, die sich nicht selten im Nirgendwo verlieren. Oder es handelt sich um Drogenphantasien, oder manchmal auch Träume, von denen man nicht weiß, ob es sich um Realität oder einen Trip handelt.

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Die Darstellung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, die sogenannte Zone, beschreibt ein Land, das seiner Ordnung enthoben wurde und noch keine neue Ordnung gefunden hat. Jeder denkt an seinen Vorteil, ob es sich um die Schmugglerin handelt oder den Jungen, der sein Frettchen sucht. Drogen spielen eine sehr große Rolle, und Geschlechtsverkehr. Hier geht alles, was geht. Pynchon beschreibt Dinge, von denen ich jetzt eigentlich lieber hätte, sie wären meiner lebhaften Phantasie nicht zum Fraß vorgeworfen worden. Jeder mit jedem und jeder mit allem und alles ist möglich. Näher gehe ich nicht darauf ein, um die zarten Seelchen zu schonen, aber es ist teilweise schon harter Tobak.

Dieses Buch ist der reine Wahnwitz. Dies ist das erste Mal, das ich nicht so erfahrenen Lesern abraten möchte. Die Story ist unglaublich komplex, und man darf nicht zu sehr aus der Handlung kommen – was mir fast passiert wäre. Man braucht Zeit und Muße, und oft genug einen guten Magen. Hat man all dies, wird man für die Arbeit jedoch sehr belohnt. Pynchon bedient sich einer unglaublichen Sprache, in ein paar Worten schafft er es, Bilder heraufzubeschwören, die einem den Atem nehmen, gleich, ob im Positiven oder im Negativen. Er beschreibt Zustände, wie das schon kommentierte „Die Zivilisten sind jetzt draußen, die Uniformen innen.“, und trifft es mitten ins Mark. Ich habe sehr oft gedacht, Wahnsinn, wie macht der das bloß?!

Und dies nicht nur bei den Bildern, sondern im Grunde genommen bei dem ganzen Buch. Es ist mir unbegreiflich, wie jemand auf die Idee kommt, ein derartiges Buch zu schreiben, seine Leser derart zu bombadieren mit Personen, Handlungssträngen, Anekdoten, Einwürfen, Einschüben, Gedichten, Liedern, mit Anleihen aus der Wissenschaft, der Musik, der Technik, Religionen, Filme, Märchen und – Schweinen, die wohl Pynchons Lieblingstiere sind. Es ist eine Tour de Force, dieses Buch, und es fordert viel, aber wer sich mal auf einen genialen Trip begeben möchte, dem kann ich es nur ans Herz legen. Allerdings ist es auch ein Buch, das man wohl mehrmals lesen muss, denn vieles wird sich wohl erst nach und nach erschließen. Also, im Großen und Ganzen halte ich das Buch durchaus für lesenswert, aber es ist keine Lektüre zur Entspannung, die man nebenher liest, diese Buch möchte die ganze Aufmerksamkeit.

Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz

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