Buch #27: Umberto Eco – Das Foucaultsche Pendel

„Die Menschheit kann den Gedanken nicht ertragen, daß die Welt per Zufall entstanden ist, durch einen Irrtum, bloß weil vier unvernünftige Atome auf der nassen Autobahn ineinandergerast sind. Also muß sie eine kosmische Verschwörung suchen. Gott, die Engel oder die Teufel.“ (372)

Von genau solch einer kosmischen Verschwörung erzählt Umberto Eco in „Das Foucaultsche Pendel“. Es beginnt damit, dass Casaubon, der Erzähler, sich im Conservatoire des Arts et Métiers in Paris einschließen lässt, um herauszufinden, was mit seinem Freund Jacopo Belbo geschehen ist. Dieser rief ihn zwei Tage vorher an, um ihm zu sagen, dass er in Gefahr sei und der Große Plan wahr.

Von hier aus entspinnt sich die Geschichte; Casaubon lässt sie Revue passieren. Wie er als Doktorand in Kontakt mit den Templern gekommen ist, wie sie ihn nie losgelassen haben, wie sie ihn über die ganze Welt verfolgt haben. Er hat Belbo und Diotallevi kennengelernt, die in einem Verlag arbeiten, und auch er hat dort später angefangen, jedoch mit einer Geschichte der Technik. Doch immer wieder kam das Thema der Templer auf und die Verschwörungstheorien, die sich damit befassen.

Sie lernen mysteriöse Menschen kennen, und befinden sich irgendwann in einem Tanz mit ihnen, wobei keiner führen möchte, sondern der eine den anderen umkreist, begierig zu erfahren, was derjenige mehr wissen könnte. Sie nehmen an Ritualen teil, sehen Druidinnen bei ihren Ritualen zu, und schließlich hat der Verlagschef die Idee, eine Reihe mit diesen Verschwörungsschriften herauszugeben.

Anfangs tragen sie nur ihr Wissen zusammen und machen sich einen Spaß aus dem Quatsch, den die Verfasser niedergeschrieben haben. Und auch aus Spaß geben sie einige Zeilen in einen Computer ein und lassen sich willkürlich etwas ausspucken. Auf einmal fangen aber auch sie an, ein Muster zu sehen hinter der Willkürlichkeit.

Von nun an nimmt der Große Plan Gestalt an. Sie sitzen an der Quelle der Schriften, haben ein breites Wissen, recherchieren und bauen sich langsam ein Gebilde durch die Jahrhunderte. Von der Zerschlagung des Templerordens geht es weiter über die Mannen, die im Untergrund überlebt und ihr Wissen weitergegeben haben, die in verschiedene Länder gegangen sind und alle 120 Jahre Treffen arrangiert haben, um ihrem Wissen einen weiteren Aspekt hinzuzufügen.

Doch eines dieser Treffen schlug fehl, und nun suchen sich die Nachkommen aus der ganzen Welt, suchen die Verbindung herzustellen über die Schriften, die Rituale, über Gebäude und dergleichen mehr.

Um was es sich bei dem Wissen handelt, das schließlich 1944 an Licht hätte kommen sollen? Um kein geringeres Wissen als das, wie die Welt funktioniert und wie man die Macht über sie erringen kann. Kein Wunder also, dass so viele prominente Figuren im Laufe der Jahrhunderte immer wieder mit den Templern und ihren Nachfolgern – den Rosencreutzern, Maurerlogen, Illuminaten, Orden und Riten – in Verbindung gebracht wurden.

Irgendwann droht der Große Plan, der ja nur die Interpretation der Drei ist, aber Überhand zu nehmen. Er ist Teil ihres Lebens, sie glauben fast selber daran, und einer macht schließlich den Fehler, ihn einer wichtigen Person gegenüber zu erwähnen… was zum Versteck im Museum führt und unglaubliche Ereignisse nach sich zieht.

Umberto Eco hat einen großartigen Roman geschrieben, der vor Fabulierlust nur so brummt. Man wird selbst in den Großen Plan hineingezogen, die Erklärungen und Verbindungen scheinen plausibel, und der Bombast an Quellen und Theorien macht es schwer, einen gelassenen Überblick zu bewahren. Vielmehr ist es so einfach, daran zu glauben. Eine Erklärung für die Welt, für alles, was geschieht, geschehen ist und geschehen wird – wer würde da nicht schwach?!

Des Weiteren hat er eine perfekte Figurenkonstellation geschaffen: derjenige, der immer ein wenig außen vor ist, derjenige, der sich schnell begeistert, derjenige, der zur Ruhe gemahnt. Und diese werden umkreist von der mysteriösesten aller Personen und von der Vernünftigsten.

Es ist nicht immer leicht, diesen Roman zu verdauen, da doch unglaublich viele Fakten und Ideen hineinspielen, die sich abwechseln mit persönlichen Geschichten und Anekdoten, die wiederum zu einem großen Ganzen zusammenfließen… aber, wie eines der Zitate besagt, das jedem Kapitel vorangestellt ist:

„Erwartet euch nicht zuviel vom Weltuntergang.“ (61)

Auch wenn es mich einige Zeit gekostet hat, habe ich dieses Buch sehr genossen, und, wie schon einige Kommentatoren angemerkt haben, es ist ein Heidenspaß, wie Eco die Verschwörungstheorien auseinanderpflückt und neu zusammenfügt und nachher einen großen Knall entstehen lässt. Eine sehr vergnügliche Lektüre, bestens geeignet für die kommenden dunklen Abende.

Umberto Eco: Das foucaultsche Pendel. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. Carl Hanser Verlag 1989

Wer noch etwas mehr über Umberto Eco erfahren möchte, hier gibt es noch zwei tolle Webseiten:

EcoOnline

Umberto Eco: Porto Ludovica