Buch #41: Zadie Smith – Von der Schönheit

Zadie Smith wurde 1975 in einer Arbeitergegend in Nordlondon geboren, wo sie heute noch lebt. Ihre Mutter stammt aus Jamaica, ihr Vater war weißer Engländer. Ihr erster Roman, Zähne zeigen, erschien 2001 und wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, er war ein Bestseller. Von der Schönheit (On Beauty) ist ihr drittes Buch. Es wurde für den Man Booker Prize nominiert und sowohl mit dem Orange Prize for Fiction als auch dem Somerset Maugham Award ausgezeichnet.

„Und von allen Therapeuten, die sie im Lauf der Jahre in Anspruch genommen hatte, war es Byford, der sie einem Durchbruch am nächsten gebracht hatte. Denn eines war sicher: Claire Malcolm zerstörte ihr Leben eigenhändig, und das zwanghaft. (…) Zwanghaft sabotierte Claire jedes persönliche Glück. Irgendwie schien sie davon auszugehen, dass sie dieses Glück nicht verdiente. Die Howard-Episode war nur das letzte und augenfälligste Beispiel für die Grausamkeiten, die sie sich selbst zufügte. Man brauchte sich bloß den Zeitpunkt anzusehen. Endlich,  endlich hatte sie diesen wundervollen Engel, dieses Gottesgeschenk gefunden, nämlich Warren Crane (…).

Endlich, mit dreiundfünfzig. Und genau deshalb der ideale Zeitpunkt, ihr Leben wieder zu zerstören. Nur deshalb hatte sie die Affäre mit Howard Belsey begonnen, einem ihrer ältesten Freunde. (263/264)“

Claire spielt hier nur eine Nebenrolle, aber die Affäre mit Howard ist schließlich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Eigentlich sollte Howard Belsey ein glücklicher Mensch sein. Er stammt aus einer weißen Arbeiterfamilie in England und hat sich eigenständig hochgearbeitet. Nun ist er Dozent für Kunstgeschichte an der Uni in Wellington und genießt einen guten Ruf. Er hat zwar eine wissenschaftliche Fehde mit Montague (Monty) Kipps, aber diese sollte seine wissenschaftliche Arbeit eigentlich beleben und voranbringen.

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Howard ist seit dreißig Jahren glücklich verheiratet mit Kiki, einer jamaikanisch-stämmigen Amerikanerin, die Krankenschwester ist und eine moderne Frau, wenn sie sich auch ausdrücklich vom Feminismus distanziert. Als sie sich kennenlernten, war für Howard klar, dass sie die Frau für ihn ist. Sie haben drei Kinder miteinander, Jerome, Zora und Levi.

Doch als Jerome ins Ausland geht, genau genommen in Howards Heimat England, und dort bei der konservativen Familie Kipps bleibt, lernt er Victoria, Kippsens Tochter Vee, kennen und verliebt sich in sie. Doch Victoria entdeckt gerade erst sich selbst und ihre Sexualität, weswegen Jerome den Kürzeren zieht. Howard ist erleichtert – ausgerechnet die Tochter seines Erzfeindes!

Doch Howards Leben gerät ab hier in eine Abwärtsspirale. Seine Frau erfährt von seiner Affäre, die Kipps-Familie zieht in ihre Stadt, Monty Kipps bekommt einen Lehrstuhl an „seiner“ Uni und macht ihm, dem Liberalen, der sich für die Rechte der Schwarzen einsetzt, mit seiner konservativen Sturheit das Leben schwer. Dann fängt auch noch Zora an, Erfolg an der Uni zu haben und mehr im Unileben zu stehen als er selbst. Und sein Buch über Rembrandt hängt wie ein Phantom über seinem Kopf, obwohl alle inzwischen akzeptieren, dass er es wohl nie zu Ende führen wird.

Als die Kipps nach Wellington kommen, kommt die Katastrophe erst richtig ins Rollen. Kiki freundet sich mit Carlene, Mrs. Kipps, an und erfährt hier die Unterstützung und Freundschaft, die sie in ihrer Situation so dringend braucht. Howard hingegen freundet sich mit Vee an, doch diese Freundschaft steht unter keinem guten Stern…

Nicht zuletzt haben wir noch die Geschichte um Levi, der ein wenig außen vor ist in dieser Akademikerfamilie, und seinen eigenen Weg sucht. Er kämpft für seine Rechte bei seiner Arbeit in einem Music-Store, er lernt Menschen kennen, die nicht so privilegiert aufgewachsen sind wie er und versucht, ihnen zu helfen. Diese Menschen sind hauptsächlich Haitianer (man erinnere sich an die schrecklichen Bilder der Zerstörung nach den Wirbelstürmen und vor allem nach dem Erdbeben). Wie gesagt, Levi versucht zu helfen, doch in seiner Naivität wird auch dies nicht einfach durchzuführen sein…

Zadie Smith bedankt sich in einem Vorwort extra bei den Menschen, die ihr dabei geholfen haben, die Sprache der Jugend stilecht wiederzugeben. Hier liegt meiner Meinung nach der Schwachpunkt des Romans, da dies doch etwas gekünstelt herüberkommen muss. Ich denke, dass die Jugendsprache sehr komplex ist, und man daher immer nur einen Zufallstreffer landen kann. Dennoch bekommt man einen Eindruck davon, und Levi und seine Kumpels „hochdeutsch“ reden zu lassen, wäre wohl auch nicht angebracht.

Ansonsten bewegen wir uns im Intellektuellen-, im Akademikermilieu. Und wie die meisten wohl schon vermutet haben, ist hier lange nicht alles Gold, was glänzt. Jeder ist auf seinen Vorteil bedacht und neidisch auf seine Kollegen. Der eine hat ein größeres Büro, die andere mehr Studenten und der dritte sogar eine komplett verschiedene Meinung! Im Mikrokosmos der Uni wird daher intrigiert, hintergangen, gemauschelt und nur sein persönlicher Vorteil gesucht. Talentierte Studenten, die vielleicht unsicher sind, oder talentierte Nicht-Studenten, die eine Chance suchen, sind hierbei die Verlierer. Doch ob die Anderen gewinnen, ist eine andere Frage…

Mir hat der Roman gut gefallen, er lässt sich leicht und flüssig lesen, und Langeweile kommt keine auf, da die Handelnden doch recht oft abwechseln und so die Puzzleteile für die ganze Geschichte liefern. Erstaunt hat mich bei mir selber, dass ich manchmal dachte, man merke gut, dass eine Frau den Roman verfasst hat. Denn so wie von Männern verfasste Klischees über Frauen zwar heutzutage nicht mehr so ins Auge fallen, aber doch vorhanden sind, kommt auch Zadie Smith nicht daran vorbei, mit Klischees zu arbeiten, die hier jedoch hauptsächlich die Männer betreffen. Das ist interessant zu sehen, und ebenso, seine eigene Reaktion darauf zu beobachten.

Und was die Schönheit anbelangt: was ist diese Schönheit? Liegt die Schönheit an der Oberfläche, wie bei Victoria Kipps, die allen den Atem verschlägt? Oder liegt sie eher an der Einstellung, wie bei Zora, die einen festen Willen hat und ihren eigenen Weg geht, selbst wenn dies manchmal bedeutet, dass man nicht glücklich dabei wird? Oder liegt die Schönheit nicht vielmehr im Inneren einer Person, die genauso bleibt wie sie immer war, auch wenn die äußere Schale sich im Laufe der Zeit geändert hat?

Im Endeffekt war ich manchmal nicht ganz glücklich mit den Plattitüden, andererseits kommt ohne sie der satirische Effekt nicht zustande. Dieser stellt den Mikrokosmos hervorragend in seiner Absurdität heraus, und ich denke, das war die Intention der Autorin. Daher kann ich nur sagen: eine gut geschriebene Satire auf die Intellektuellenszene und die zwischenmenschlichen Beziehungen, in einer modernen Zeit und einer modernen Sprache. Wer so etwas gerne liest, sollte also unbedingt zu Von der Schönheit greifen, es lohnt sich!

Zadie Smith: Von der Schönheit. Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay.

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