Buch #20: J.M. Coetzee – Elizabeth Costello

Da hätten wir nun also meinen ersten Coetzee. Ich weiß auch nicht, warum ich bisher noch nicht mit dem Werk des Literatur-Nobelpreis-Trägers in Berührung gekommen bin. Dieser Roman war vielleicht auch nicht der geeignete Einstieg, aber manchmal muss man eben nehmen, was die Bibliothek hergibt.

Elizabeth Costello ist eine Mischung aus Roman und Essayistik, was es einigermaßen schwierig macht, es zu rezensieren.  Die Protagonistin ist eine „alte Dame“, eine Schriftstellerin, die in jungen Jahren einen Bestseller geschrieben hat, indem sie aus der Perspektive von Leopold Blooms Frau Molly schrieb, des Leopold Bloom aus Ulysses. Heute verbringt sie ihre Tage damit, zu verschiedenen Gegebenheiten Vorträge zu halten.

So ist das Buch auch in acht Lehrstücke unterteilt, plus einem Nachtrag. Fast jedes Lehrstück schildert eine Vortragssituation, sei es, dass ihr ein Preis verliehen wird, oder auf einem Kreuzfahrtschiff etwas für bildungshungrige Reisende erzählt, auf einem Kongress spricht oder bei einem Abendessen.

Sie setzt sich mit verschiedenen Themen auseinander (wie ich las, sind viele dieser Lehrstücke schon vorher von Coetzee veröffentlicht worden), unter anderem zum Humanismus und den Humanwissenschaften, über das Böse, über Erotik in der Literatur, und – was mich am Meisten beeindruckt hat – über den Missbrauch der Tiere durch den Menschen.

Hierbei eckt sie immerzu an. Sie ist nicht mehr jung, und lebt langsam mit der Einstellung, dass sie zu alt sei, um ihre Meinung zu vertuschen. So spricht sie sie gerade heraus, was meistens auf keinerlei Zustimmung trifft, sondern vielmehr auf Ablehnung, und oft löst sie hitzige Diskussionen aus.

Sie ist nicht wirklich sympathisch, meine Zuneigung hat sie dennoch erworben, eben durch ihre Art, etwas zu reflektieren, und Dinge auszusprechen, auch wenn sie bei der feinen Abendgesellschaft nicht am rechten Platz zu sein scheinen.  Sie hat mir einiges zu denken gegeben, und ich konnte das Buch nicht einfach durchlesen, ich musste immer wieder unterbrechen, nochmal lesen, Notizen machen – aber ich habe es gern getan.

Sie erreicht nicht oft etwas mit ihren Diskussionen und Meinungen, obwohl sie Leute dazu bringt, darüber nachzudenken. Und sie hat auch keine Patentlösungen. Wenn sie zum Beispiel die Schlachthofthematik anspricht, ist es bei ihr genauso wie in meinem Leben – die Gesprächspartner wollen eine Patentlösung. Trägt man als Vegetarier Lederschuhe, meinen diese Gesprächpartner, sie könnten einen allein dadurch schon ad absurdum führen. Auch Elizabeth erfährt, dass die Menschen lieber ihre Augen davor verschließen, als sich damit auseinander zu setzen.

Das letzte Kapitel ist eine Auseinandersetzung mit Kafka, sie befindet sich in einer Situation, in der sonst nur Kafkas Protagonisten erscheinen. Sie ist in einer Art Nachwelt, und dort muss sie vor einem Gericht beschreiben, an was sie glaubt. So sehr sie aber versucht, dem Gericht verständlich zu machen, dass sie eigentlich an nichts glaubt, so absurd sind die Reaktionen.

Ich habe die Lektüre sehr genossen, auch wenn sie einiges von mir verlangt hat. Kein typischer Roman, aber viele Dinge werden angesprochen, über die man einmal nachdenken sollte. Somit empfehle ich dieses Buch für ruhige Stunden, in denen man Zeit hat, nachzudenken.

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Buch #19: Siri Hustvedt – Was ich liebte

Ich glaube nicht an die Liebe. Zumindest glaube ich nicht, dass sie für jeden erhältlich ist, à la „jeder Topf besitzt einen Deckel“. Vielmehr denke ich, dass es sich auch hier um ein gesellschaftliches Konstrukt handelt, gefüttert von diversen Industrien. Eine dieser Industrien ist die Liebesroman und -filmbranche. Damit kann ich wenig bis nichts anfangen. Hat irgendjemand schon einmal so etwas erlebt, wie dort dargestellt? Eben.

Aus diesem Grund bin ich mit einer gesunden Portion Skepsis an das Werk mit dem Titel „Was ich liebte“ herangegangen. Aber natürlich, ich hätte es besser wissen müssen – auf der Liste sollten ja eigentlich keine Schundromane vertreten sein. Und dieser – ich war nie so froh, diese Liste zu lesen bisher, denn ich hätte dieses Buch wohl nie in die Hand genommen.

Der Roman besteht aus drei Teilen. Der erste Teil beschreibt das Leben, das ich leben würde, könnte ich mir eines aussuchen. Zwei (Ehe-)Paare leben in New York. Eines ist der Erzähler, Professor Leo Hertzberg und seine frisch angetraute Frau Erica, das andere der Künstler William Wechsler mit seiner Frau Lucille, von der er sich später trennen wird, um Violet zu heiraten.

Alle vier sind in irgendeiner Weise schöpferisch tätig, Leo und Erica sind Professoren und schreiben Bücher, Lucille schreibt Gedichte, Violet betreibt intensive Studien zu Gesellschaft und schreibt darüber, aber der Mittelpunkt ist William – Bill – der Künstler mit seinen Werken, den Entstehungsgeschichten und den Verarbeitungen seines Lebens.

Sie wohnen übereinander, ihre Söhne – Matt Hertzberg und Mark Wechsler – werden fast zeitgleich geboren, und alle sind eng befreundet (wobei die Freundschaft der Hertzbergs enger mit Violet ist als sie mit Lucille war). Die Familien fahren gemeinsam in Urlaub, verbringen unglaublich viel Zeit damit, sich auszutauschen, und es herrscht eine Symbiose zwischen ihnen, die in mir blanken Neid entstehen lässt. Nächtelang erzählen sie sich von ihren Forschungen, von dem, was sie gelesen haben, inspirieren sich gegenseitig, machen sich auf Dinge aufmerksam, philosophieren… Gott, was würde ich darum geben.

Aber nun gut, alles hat seinen Preis. Und dies wird in den beiden anderen Teilen sehr deutlich. Matthew stirbt bei einem Unfall, und die Hertzbergs zerbrechen fast daran. Die Wechslers helfen ihnen durch diese Zeit, aber nichts ist mehr so wie vorher. Erica und Leo trennen sich auf Zeit, und Violet und Bill werden mehr oder weniger zu Leos Familie. Bill verarbeitet seine Trauer in seinen Kunstwerken,und mit der Zeit wird er ziemlich bekannt.

Die Zeit vergeht, und Mark, der Sohn der Wechslers, wächst heran, ein wenig nimmt er auch Matts Rolle in Leos Leben ein, er ist zumindest ein wichtiger Bezugspunkt. Irgendwann jedoch stellen sich leichte Störungen ein, Mark lügt über gegessene Donuts, stiehlt ein wenig Geld, treibt sich nächtelang herum und begegnet Teddy Giles, einem Künstler, der durch inszenierte Morde, Zerstückelungen und dergleichen versucht, die gleichgültige Gesellschaft aufzurütteln. Doch handelt es sich tatsächlich nur um Inszenierungen? Und wird Mark in seinen Bann geraten?

Dieses Buch ist ein kleines Schmuckstück. Siri Hustvedt, die ich ausdrücklich nicht als die Frau von Paul Auster bezeichnen möchte, da sie ohne dieses Anhängsel für sich stehen sollte, gelingt es, den Leser absolut in ihren Bann zu ziehen. Man sieht Glück und betrachtet sein Zerbrechen, mühsam aufrechterhaltene Normalität und kleines neues Glück, Verzweiflung und ja, auch Liebe. Zwischenmenschliche, nicht auf Paarliebe reduzierte Liebe.

Gleichzeitig ist es unglaublich spannend, wie sich im Verlauf der Geschichte die Handlung um Mark verdichtet, wie niemand mehr weiß, was wahr ist und was eingebildet, und wie sich die Geschichte schließlich auflöst.

Besonders betonen möchte ich auch, wie beeindruckt ich von ihren Beschreibungen bin. Ich glaube, ich habe meine schlechteste Deutschnote überhaupt bekommen (und das war mein Paradefach), als ich einmal ein Bild beschreiben sollte; es ist mir überhaupt nicht gelungen. Und Siri Hustvedt macht es in einer Art, dass man meint, man stünde dem Gemälde gegenüber, man befinde sich inmitten einer Installation, man sieht alles genau vor sich. Auch die Theorien, die besprochen und verfasst werden, sind immer gut verständlich und leicht nachvollziehbar, obwohl es sich doch um Studien handelt.

Dieses Talent, all dies leicht zu präsentieren, nicht eine Sekunde Langeweile aufkommen zu lassen – im Gegenteil, man möchte Teil haben, mittendrin sein – bewundere ich sehr und ich möchte jedem empfehlen, einmal Teil dieser Geschichte zu werden. Ich weiß, es gibt viele Kandidaten für den sogenannten „großen amerikanischen Roman“, ich habe durchaus auch schon einige gelesen, die auf die Bewerberliste gehören: dieser gehört auf jeden Fall weit nach oben auf diese Liste – und auf meine.

Buch #18: Michael Ondaatje – Der englische Patient

Ein Roman, der mit vielen Preisen, unter anderem dem Booker Prize, ausgezeichnet wurde. Die Verfilmung gewann neun Oscars, unter anderem für den besten Film. Ein großer Erfolg also, wohin man blickt. Und doch kann ich nur sagen: ich fand es wirklich langweilig.

Wir befinden uns in Italien, kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs, die deutschen Truppen sind schon abgezogen. Hier lebt Hana in einer ehemaligen Villa. Sie ist Kanadierin und Krankenschwester, hat sich freiwillig gemeldet und ist hier gestrandet. Sie kümmert sich um den „englischen Patienten“, der am ganzen Körper verbrannt ist und deswegen nicht bewegt werden kann.

Hana hat in diesem Krieg ein Kind verloren, und auch ihr Vater ist gestorben. Sie hat etliche Soldaten sterben sehen, und irgendwann hat sie sich vollkommen in sich selbst zurückgezogen. Der englische Patient – er kann sich nicht mehr an seinen Namen erinnern – besitzt eine Ausgabe von Herodot, in die er Notizen gemacht hat und Seiten aus anderen Büchern, die ihm gefallen, hineingeklebt hat. Bücher sind es dann auch, die eine Verbindung zwischen Hana und dem Engländer herstellen.

Seine Geschichte ist die Hauptgeschichte. Vor dem Krieg hat er versucht, die Wüste zu kartographieren, was ihm teilweise auch gelungen ist. Dann lernt er jedoch eine verheiratete Frau kennen und verliebt sich in sie, was nicht gut enden kann. Zu Hanna ist er gestoßen, weil er aus einem brennenden Flugzeug fiel, und die Wüstenvölker ihn am Leben erhielten.

Eines Tages stößt Caravaggio zu ihnen. Er ist ein Dieb, und hat sich früher in den Gesellschaftskreisen von Hanas Vater bewegt, sie kennen sich also. Caravaggio hat gegen die Deutschen gearbeitet und wichtige Dokumente gestohlen; daraufhin haben sie ihm beide Daumen abgeschnitten.

Der vierte im Bunde ist Kip. Dieser ist Inder und wurde von den Engländern dazu ausgebildet, Bomben zu entschärfen. Es wurden während des Krieges zig Bomben gebaut und alles wurde damit verwanzt, und im gleichen Maß wie sie lernten, sie zu entschärfen, wurden neue Varianten ersonnen. Kip befreit also die Villa und mit und mit die Umgebung von Bomben.

Die Vier, die auf so merkwürdige Art dort gestrandet sind, sind alle traumatisiert von dem, was sie erlebt haben. Sie sind hauptsächlich auf sich selbst fixiert. Das Zimmer des englischen Patienten wird allmählich aber zu einer Art Fixpunkt, an dem die Wege der Vier sich immer wieder kreuzen. Hauptsächlich, um herauszufinden, wer der verbrannte Fremde ist.

Und so kommen die unterschiedlichen Lebensgeschichten Stück für Stück ans Licht, langsam gewöhnt man sich aneinander und fängt an, sich zu einem gewissen Grad zu vertrauen. Es entspinnt sich sogar eine zarte Liebe zwischen Hana und Kip.  Und dann kommt der Tag, an dem sie die Nachricht über die  Atombomben erhalten…

Die Geschichte wird hauptsächlich aus der Retrospektive erzählt. Die Szenen, die tatsächlich im „Jetzt“ handeln, zeigen die Auswirkungen, die die langsam enthüllten Lebenswege auf die Figuren hatten. Hierbei hat der englische Patient den größten Anteil. Alles wird jedoch in einer ruhigen Art erzählt, wie ein langsamer Fluss, der immer gleich fließt. Das mag ich bei Geschichten nicht, ich habe gerne Abwechslung zwischen Phasen, in denen ruhig erzählt wird und denen, in denen eine Menge passiert.

Auch hier kommen wir wohl mal wieder an den Punkt der Geschmackssache. Es handelt sich um eine weitere Aufarbeitung des zweiten Weltkriegs, aus der Perspektive von vier Personen, die manchmal nicht ganz sicher sind, ob sie alles richtig gemacht haben, oder ob sie unfreiwillig dazu verholfen haben, weitere Kriegsschauplätze zu kreieren, oder für neue Konflikte zu sorgen.

Die Art, wie die vier Leben an diesem Punkt zusammengeführt werden, hat mir gefallen. Aber dass man ihnen quasi „aus der Nase ziehen muss“, was sie an diesen Punkt gebracht hat und warum sie alle mehr oder weniger resigniert haben, fand ich sehr anstrengend. Der immergleiche Sprachfluss hatte zwischenzeitlich etwas Einschläferndes auf mich.

Ich bin also nicht von dem Buch überzeugt, und werde mir vielleicht die Verfilmung ansehen, um herauszubekommen, was diesen Erfolg verursacht haben könnte.

Buch #17: Jonathan Safran Foer – Alles ist erleuchtet

Dieses Buch hat zwei Emotionen bei mir geweckt: Ratlosigkeit und Wut. „Alles ist erleuchtet“ ist Foers Erstling aus dem Jahre 2002, und ich habe vor einigen Jahren sein zweites Buch, „Extrem laut und unglaublich nah“ gelesen und fand es wundervoll. Ebenso, wie ich es gut finde, dass jemand, der eine „Stimme“ hat, ein Buch darüber schreibt, ob es sinnvoll ist, Tiere zu essen. Man kann also sagen: ich hatte einige Erwartungen.

Nun also sein erstes Buch. Um das einmal vorweg zu nehmen: sprachlich ist es wundervoll. Ich mag es auch, wenn der Leser gefordert wird. Dies ist hier der Fall, da es sich um drei Geschichten in einer handelt.

Die Geschichte, die alles zusammenhält, ist die, dass Jonathan Safran Foer mit 20 in die Ukraine fährt, um die Frau zu finden, die seinen Großvater vor den Nazis gerettet hat, da ja auch er ihr sein Leben zu verdanken hat. In der Ukraine hat er einen Führer und Übersetzer, Alex. Dieser, sein Großvater und der Hund Sammy Davis Jr. Jr. machen sich also auf die Suche.

Die zweite Geschichte besteht aus Briefen, die Alex Jonathan schreibt, und in denen er Teile der Suche aufarbeitet. Hierzu gehören Übersetzungen, die in der kurzen Zeit verloren gingen und nun ausführlich nachgeholt werden, die Geschichte bekommt mehr Hintergrund, und auch Alex erzählt seine Geschichte, da Foer für ihn ein „Held“ ist und er ihm alles anvertraut, was er sonst niemandem erzählen kann.

Die dritte Geschichte nimmt im 18. Jahrhundert ihren Beginn, in Trachimbrod, dem Ort, in dem auch Jonathans Großvater gelebt hat, bevor er in die USA flüchtete. Sie erzählt vom jüdischen Leben im Dorf, ist komisch, ist tragisch, und endet am 18. März 1942, dem Tag, als die Nazis einmarschieren.

Es ist also wie ein Puzzle, und dass Alex‘ Englisch so angelegt ist, als sei er wirklich Ukrainer und der deutschen englischen Sprache nicht ganz mächtig, ist recht anstrengend, verleiht der Geschichte aber auch „Glaubwürdigkeit“. Es passiert unheimlich viel, auf der Fahrt nach Trachimbrod, das nicht mehr existiert, wo sie eine alte Frau finden, die als einzige Überlebende die Hinterlassenschaften aller gesammelt hat und nun einige Antworten für Jonathan, Alex und seinen Großvater hat. Und als herauskommt, dass auch der Großvater nicht unbeschadet durch die Nazi-Zeit gekommen ist.

Wenn Alex Jonathan von seinem Leben schreibt, und seine Träume und Hoffnungen preisgibt, Jonathan wiederum Alex Kraft gibt und ihn dazu bringt, sich zu behaupten… das ist schon großartig.

Auch das Stilmittel, das Foer benutzt, wenn die Nazis eintreffen, und der Großvater seine Geschichte erzählt – er läßt jede Interpunktion sausen und macht nur gelegentlich Satzpunkte, schreibt Worte aneinander, so dass man meint, es sei atemlos erzählt worden – das verleiht der Szene einen unglaublichen Nachdruck.

Also, was das alles anbelangt, würde ich das Buch unbedingt empfehlen.

Aber. Ja, es gibt ein aber. Ein großes, fettes Aber. Es handelt sich um eine Geschichte aus dem alten Trachimbrod. Brod hat den Kolker geheiratet. Sie sind sehr glücklich miteinander bis zu dem Tag, als dem Kolker im Sägewerk eine Säge den Kopf spaltet. Er überlebt mit dem Blatt im Kopf, hat aber nunmehr zwei Persönlichkeiten. Die eine ist die, die Brod liebt und ihr ein guter und liebevoller Ehemann ist.

Die andere ist die, in der er Brod prügelt, beißt, tritt, auf jede erdenkliche Art misshandelt. Und Brod erträgt alles mit dem Gedanken, dass sie es auch nicht anders verdient habe. Dass es so sein müsse. Sie holt sich ihre Prügel quasi ab. Irgendwann später wird noch gesagt werden, dass dies die wahre Form der Liebe sei.

Und das regt mich auf. Ich habe schon alles Mögliche an Unmöglichkeiten gelesen. Mord, Totschlag, Folter, den ganzen menschlichen Abschaum. Ich denke auch, dass dies ein Thema ist, das angesprochen werden muss, denn häusliche Gewalt gab es immer und wird es wohl leider immer geben.

Aber diese Art und Weise hat mich angewidert. Es klingt so wie „er kann ja nichts dafür.“ Und „so ist das in einer Ehe, man muss sowas von seinem Mann erdulden.“ „Es gibt halt Opfer und Täter.“ „So war es schon immer, warum sollte es jetzt anders sein.“ Und dagegen spreche ich mich vehement aus. Das ist nicht das, was ich von guter Literatur erwarte.

Und deswegen wird Herr Foer auch ganz unten auf meiner Liste landen. (Hinzugefügt 7.6.: Wie ich erfahren habe, sehe ich die Situation vielleicht etwas harsch. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass man das Buch verschieden auslegen kann, ich fand die Szene schrecklich, andere fanden sie als zum Buch gehörig in das Thema passend. Darüber kann man streiten, und das gehört ja auch dazu, wenn man sich mit Literatur beschäftigt. Also, ich persönlich möchte das Buch nicht empfehlen, aber die Leute, die es tun, haben auch nicht ganz unrecht. Es ist ein gutes Buch, aber es hat eben – in meinen Augen – auch seine negativen Seiten.)

Auch wenn die Aufarbeitung der Geschichte gut gelungen ist, hat diese Geschichte in der Geschichte einen ganz, ganz bitteren Nachgeschmack hinterlassen.

Das mag man anders sehen (ich bin gespannt, ob es jemanden gibt, der das anders sieht und mich wissen lässt, warum), aber ich sehe es so. Gewalt als harmlos darzustellen geht in keiner Art und Weise. Nie.

Buch #16: Peter Hoeg – Fräulein Smillas Gespür für Schnee

Ich schätze, ich bin nicht die Einzige, die Literatur auch deswegen liebt: man kann in beliebige Länder reisen und Einblicke erhalten. Nun ging es also vom Kongo nach Dänemark und Grönland. In einem der besten Krimis, die ich je gelesen habe (und ich las schon einige).

Ein Porträt von Peter Hoeg

Ein kleiner Junge ist tot. Vom Dach gefallen. Wie sich herausstellt, hatte er Höhenangst. Und dieser Umstand macht Fräulein Smilla stutzig. Der Junge, Jesaja, lebte mit seiner Alkoholiker-Mutter im selben Haus wie Smilla, und oft hat er Zuflucht bei ihr gesucht. Zwei stille Menschen, die nicht viel kommunizieren mussten, um ein Band zu knüpfen.

Smilla beginnt zu recherchieren. Unterstützung bekommt sie vom „Mechaniker“, der ebenfalls im Haus wohnt und eine Verbindung zu Jesaja hatte. Sie erfahren von einer Kryolithgesellschaft, die die Wohnung von Jesaja und seiner Mutter finanziert, ebenso wie eine Rente. Jesajas Vater kam zwei Jahre nach seiner Geburt bei einem Unfall auf einer Expedition für diese Gesellschaft um.

Langsam kristallisieren sich einige Namen heraus, von Forschern und Ärzten, und diese befinden sich immer im Zusammenhang mit Expeditionen nach Grönland. 1966 gab es eine zu einem bestimmten Punkt, die abgebrochen werden musste. Und 1991, die Expedition, bei der Jesajas Vater starb, wurde ebenfalls abgebrochen.

Die Zeichen verdichten sich zu einer bald stattfindenden dritten Expedition. Diese ist inoffiziell, und die Mannschaft des für Eismeere verstärkten Schiffes ist eine aus dem bunt zusammengewürfelten Untergrund. Smilla gelangt an Bord des Schiffes und somit dem Ziel der Expedition immer näher… aber wird es ihr gelingen, herauszufinden, was man dort zu finden hofft, und warum Jesaja sterben musste? Wem kann sie trauen? Das, meine lieben Leser, bitte ich Euch doch, selbst herauszufinden. Es lohnt sich unbedingt, und es kommt keine Langeweile auf!

Fräulein Smilla weiß, wie man sich hier sicher bewegt

Neben der spannenden Geschichte gibt es aber noch andere Aspekte, die das Buch lesenswert machen. Hoeg erschuf eine durchaus sympathische Heldin, die Grönländerin ist und bis zu ihrem zwölften Lebensjahr dort auf- und mit der Natur des Landes und den Gegebenheiten des Eises verwuchs. Dann wurde sie von ihrem Vater nach Dänemark geholt, was sie ihm nie verziehen hat. Auch konnte sie sich der anderen Kultur zwar anpassen, aber im Herzen ist sie immer noch Inuit.

Sie leidet unter dieser lebenslangen Zerissenheit, lebt für sich alleine, betreibt Gletscherstudien und traut niemandem so richtig. Sie ist aber zäh, und als sie in den Strudel der Ereignisse hineingezogen wird, kämpft sie sich durch. Nie würde sie sich eine Schwäche erlauben, und sie ist es Jesaja schuldig.

Des weiteren erfährt man auch einiges über Grönland, die Annektierung Grönlands durch Dänemark und den tiefgreifenden Wandel, den dies mit sich brachte. Und über das Eis. Eine mir eher unheimliche Substanz, aber, wenn man darin lesen kann wie Smilla, ist es auch eine verlässliche Substanz, wie es scheint.

So habe ich wieder einmal ein richtig gutes Buch gelesen, nein, mehr oder weniger verschlungen, und möchte jedem raten, es mir gleich zu tun. Ich habe mir sagen lassen, die Verfilmung sei auch großartig, also werde ich mir auch diese bald anschauen und darüber berichten.

Buch #15: Joseph Conrad – Herz der Finsternis

Das Herz der Finsternis ist weniger ein Roman denn eine autobiographische Erzählung. Im Großen und Ganzen hat Joseph Conrad dies alles wirklich erlebt, er war im „Herzen der Finsternis“, und neun Jahre nach seiner Rückkehr, krank und immer noch angeschlagen, hat er diese Erzählung verfasst.

Sein Alter Ego, Marlow, erzählt in der Dunkelheit auf einem Schiffsdeck, während sie darauf warten, nach London einfahren zu können, den Mitreisenden einen Teil seiner Lebensgeschichte. Als junger Mann hat er sich seinen unbedingten Wunsch erfüllt, einen der letzten „weißen Flecken“ auf der Landkarte zu bereisen: den Kongo. Er wird also Kapitän und bekommt ein Flusschiff unter sein Kommando.

Damit reisen er, einige Pilger und ein Schwarzer, den sie angelernt haben, den Kessel zu befeuern, den Kongo hinauf. Das Ziel ist eine Niederlassung, die von einem gewissen Kurtz geleitet wird. Über diesen hört man hinter vorgehaltener Hand Bewunderung und Verachtung, auf jeden Fall sei er der erfolgreichste Agent.

Durch dichten Dschungel geht es zum Herzen der Finsternis

Das Navigieren auf dem Fluss mit den Sandbänken und dem immer dichter werdenden Dschungel ist nicht einfach, aber die Fahrt verläuft relativ reibungslos. Bevor sie allerdings zu Kurtz‘ Station gelangen, werden sie angegriffen, und die „Pilger“, die sich an Bord befinden, toben sich mit ihren Gewehren amüsiert, aber erfolglos aus.

An der Station angelangt, trifft Marlow einen jungen Russen, der in einem fort in großer Bewunderung von Kurtz redet. Er sei ein Mann, der nur mit seinen Reden Unglaubliches vollbringen könne, er sei kompromisslos und sehr erfolgreich, vor allem im Beschaffen von Elfenbein. Man hört jedoch auch die Methoden heraus, mit denen dieses Elfenbein beschafft wird. Kurtz geht über unzählige Leichen, die „Wilden“ sind für ihn offenbar Tieren gleich, und er befindet sich in einem Taumel der Gier, die ihn immer mehr wollen lässt.

„Schmuck“ an Kurtz‘ Station

Die Meisten, auch Marlow, sind von ihm angewidert. Aber Marlow ist auch fasziniert ob seines Mutes, seinen Zielen in den Dschungel zu folgen, ob seiner Rücksichtslosigkeit, mit der er seine Ziele verfolgt, und auch er muss zugeben, dass der Mann eine gewisse Macht über Menschen ausübt.

Sie holen ihn jedoch aus der Station raus, unter den Augen von ungezählten Eingeborenen, und auf der Heimreise stirbt er an Malaria. Seine letzten Worte lauten „Das Grauen! Das Grauen!“. Er hat das Grauen in sich gesehen, den Pakt mit dem Teufel geschlossen, und ist sich dessen vollkommen bewusst.

Nun, die meiste Zeit war ich angewidert von der Lektüre. Dass die Kolonialisierung Afrikas eine blutige Angelegenheit war, ist ja hinlänglich bekannt. Aber diese Menschenverachtung mit den Augen und den Gedanken eines tatsächlichen Teilnehmers einer dieser Expeditionen zu lesen, ist schon harter Tobak.

Auch wenn die Geschichte recht gleichgültig erzählt ist, und man die Empörung nur herauslesen kann und sie nicht offen zutage tritt, merkt man doch, dass diese Erlebnisse Conrad nachhaltig beeindruckt haben.

Im Grunde ist diese Erzählung eine Kritik an der Zivilisation, so lässt er Marlow zum Beispiel sagen:

“ Plötzlich war ich wieder in der Stadt, die wie eine Totengruft aussieht, und die Leute dort gingen mir auf die Nerven, wie sie durch die Straßen rannten, um einander ein bißchen Geld auszureißen, um ihren trostlosen Fraß herunterzuschlingen, um ihr ungesundes Bier zu trinken, um ihre bedeutungslosen und dummen Träume zu träumen. Sie überschwemmten mein Denken. Sie drangen in mich ein, Menschen, deren Lebenserfahrungen für mich irritierend und anmaßend waren, weil ich ganz genau fühlte, daß sie von dem, was ich wußte, keine Ahnung hatten. Sie betrugen sich so, wie sich hundsgewöhnliche Individuen benehmen, die ihren Geschäften in der Gewißheit völliger Sicherheit nachgehen, und das machte mich wütend, weil sie in ihrer Blödheit völlig übertriebene Grimassen zu schneiden schienen, angesichts einer Gefahr, die zu erkennen sie unfähig waren.“

Ja, diese Menschen leben ihr kleines Leben vor sich hin, ohne über den Tellerrand zu schauen. Sie wollen nicht, dass es einem übel wird im Angesicht eines Massengenozids, sie verschließen ihre Augen und leben weiter. Die Zivilisation hält die Triebe zurück, die dort im Dschungel ungetrübt ausgelebt werden.

Man denkt jetzt vielleicht, das alles ist 150 Jahre her, und so ist es ja nicht mehr. Die „Zivilisation“ setzt sich mehr und mehr durch. Aber ist das so? In einer Gesellschaft, in der Jäger immer noch einer höheren „Kaste“ anzugehören scheinen und sich mit ihren Gewehren durch unsere Felder schlagen? Oder in der jeder Depp, meldet er sich in einem Schützenverein an, eine Waffe anwenden darf? Oder in Ländern, in denen es das Recht jedes Menschen ist, eine Waffe zu tragen? Ganz zu schweigen von Kriegen oder sonstigen Auseinandersetzungen, die aufgrund von gegenseitiger Intoleranz geführt werden, und dergleichen mehr.

Jospeh Conrad hat seine Erlebnisse aufgeschrieben, damit er sie verarbeiten kann, aber auch, damit sie als Ermahnung gesehen werden. Mir scheint aber, dass die Gesellschaft hier nicht viel weiter gekommen ist. Die Erzählung ist nicht leicht zu lesen, aber ich empfehle sie dringend als ein Stück Geschichte, das nicht vergessen werden darf.

Buch #14: Gabriel García Márquez – Hundert Jahre Einsamkeit

Hundert Jahre Einsamkeit? Ja. Hundert Jahre Alleinsein? Nein. Denn dies ist die Geschichte einer ganzen Familiensippe, der Buendías. Ursula und José Arcadio, Cousine und Cousin, heiraten und läuten damit das Schicksal einer Familie ein, das hundert Jahre währen soll.

Sie haben zwei Söhne, José Arcadio und Aureliano. Und nun wird es kompliziert. Denn alle männlichen Nachkommen werden entweder den einen oder den anderen Namen tragen. José Arcadio, der ungestüme und immer wissensdurstige Mann, der tatkräftig ist und ohne Rücksicht auf Verluste durchs Leben schreitet, und Aureliano, der gewissenhafte, nachdenkliche Gegenpart, der mit den Prinzipien.

Es werden viele Frauen geliebt, Schwestern, Tanten, Cousinen, und auch Außenstehende. Und es werden viele Söhne gezeugt. Und hier wird es wieder einfach. Man muss sich nicht jeden Einzelnen merken, denn die Familiengeschichte dreht sich im Kreis. Es ist, als ob das Schicksal immer wiedergeboren würde.

Über allem steht Ursula, die Matriarchin, die die ganze Sippe beisammenhält. Wenn das Schicksal alles zerstört, baut Ursula es wieder auf. Und Melchíades, der Zigeuner, der im ersten José Arcadio den Wissensdurst auslöst, den dieser nie löschen können wird. Melchíades, der sich in einem Zimmer des gewaltigen Hauses einschließt und dort unentzifferbare Notizen anfertigt. Und der nach seinem Tod das Zimmer weiter bewohnt, bis sich das Schicksal der Familie endgültig vollzieht. Nach hundert Jahren.

In diese vielfältige Familiengeschichte eingewoben ist das Schicksal eines Dorfes. Das der erste José Arcadio mit einigen Männern gegründet hat und das hundert Jahre des Auf und Ab erlebt.  Erfindungen werden gemacht, Krieg geführt, neue Technologien kommen und gehen. Und am Ende… wird auch das Dorf seinem Schicksal zugeführt.

Und auch hier gibt es wieder die Welt der Geister. Die Menschen, die ihr Schicksal nicht erfüllen konnten, leben neben den noch lebendigen Menschen. Sie geben Rat oder machen Anmerkungen, sehen manchmal Dinge voraus und manchmal wissen sie über die Vergangenheit zu berichten.

All dies ergibt eine kolossale Geschichte, die überladen ist mit Geschichten. So viele José Arcadios und Aurelianos ziehen vorüber, dass manchmal nur kurz, über ein paar Seiten hinweg, ihre Geschichte erzählt wird. Ein kurzes Aufglimmen eines Familienmitglieds, und schon ist es vorüber.

Verderben in voller Blüte

Dazu dieses Land, glühendheiß, in einem Sumpf gelegen, und der tägliche Kampf gegen die Unbillen. Insekten, Ameisen, Termiten, Schmetterlinge, es kreucht und fleucht, und es ist heiß und schwül, oder es regnet über Jahre hinweg. Menschen kommen und gehen, hinterlassen Dinge und fordern sie wieder ein; Liebe wird erfüllt, nur um vom Tod unterbrochen zu werden. Vielleicht wird sie in der Welt der Geister weitergeführt, man weiß es nicht.

Auch wenn mich dieser Roman schon sehr berührt hat, ist er mir doch zu überladen. Ein paar handelnde Personen weniger wären für mich auch okay gewesen. Andererseits kommt nur so das ewig sich drehende Schicksalsrad zur Geltung, nur so kann die Geschichte funktionieren. Und dazu gehören auch all die Verrücktheiten, die vielleicht dem Inzest, vielleicht der Erziehung, vielleicht diesem Ort geschuldet sind.

Ich bin nun um ein tolles Zitat reicher, das ich Euch nicht vorenthalten möchte:

„Die Welt wird an dem Tag im Arsch sein“, sagte er damals, „wenn die Menschheit erster Klasse reist und die Literatur im Gepäckwagen.“

(Gabriel García Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit, S. 450)

Ich fühle mich jetzt auf jeden Fall, als sei ich aus der flirrenden Hitze eines kolumbianischen Dorfes wiedergekommen, als hätte ich eine Unmenge neuer Menschen kennengelernt. Die Geschichte ist ein Rätsel und gleichzeitig rund. Wenn man nicht darauf besteht, jeden einzelnen Strang unbedingt nachzuvollziehen und es bei der Lektüre etwas locker angehen lässt, ist es eine durchaus Vergnügliche. Also, insgesamt ist es nicht mein liebstes der bisher gelesenen Bücher, aber durchaus lesenswert.