Buch #50: Antonio Tabucchi – Erklärt Pereira

41v-KHRiqbL._SY344_BO1,204,203,200_Antonio Tabucchi wurde am 24. September 1943 in Vecchiano bei Pisa geboren. Er war ein italienischer Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler. Er studierte Geisteswissenschaften in Pisa und Paris, an der Universität Genua war er Professor für portugiesische Sprache und Literatur. Erklärt Pereira ist seine wichtigste Arbeit und machte ihn bekannt. Er erhielt mehrere Preise, unter anderem den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Er starb am 25. März 2012 in Lissabon.

 

Pereira erklärt. Pereira, erkläre! Erkläre diesen Pereira!

– Ein vielseitiger Titel, der all dies beinhaltet. Der Untertitel spezifiert weiter: Eine Zeugenaussage, doch weiß man lange nicht, wem er Zeugnis ablegt. Pereira ist ein alternder, übergewichtiger, ehemaliger Lokaljournalist in Portugal. Es ist das Jahr 1938 und die Salazar-Diktatur hat sich gerade etabliert. Pereira arbeitet bei einer Lokalzeitung, bei der er für den Kulturteil verantwortlich ist. Hier veröffentlicht er Übersetzungen von Erzählungen und Nachrufe. Auch wenn der Kulturteil vielleicht nicht auf den ersten Blick im Mittelpunkt der Zensur stehen mag, betrifft diese Pereira doch nicht unwesentlich.

Es beginnt damit, dass Pereira sich Gedanken über den Tod macht, im Spezifischen darüber, ob der gesamte Leib ins Jenseits hinübergeht:

„Und Pereira war Katholik, oder zumindest fühlte er sich in diesem Augenblick als Katholik, als guter Katholik, auch wenn er an eines nicht glauben konnte, an die Auferstehung des Fleisches. An die Seele schon, gewiß, denn er war sich sicher, eine Seele zu besitzen; aber das ganze Fleisch, das Fett, das seine Seele umschloß, das würde nicht auferstehen, und warum auch, fragte sich Pereira. (8)“

Der Gedanke, all das Gewicht in alle Ewigkeit mit sich herumzutragen macht ihm Angst. Dann liest er die Dissertation eines gewissen Monteiro Rossi, eine philosophische Abhandlung über den Tod. Spontan ruft er ihn an und trägt ihm seine Gedanken vor, ohne jedoch zu einem Ergebnis zu kommen. Ebenso spontan geht er auf ein Treffen mit dem jungen Mann ein.

Dieses Treffen soll Pereiras Leben verändern. Er lernt Monteiro Rossis Freundin kennen und erfährt, dass die beiden im Widerstand tätig sind. Pereira, der Bequeme, der sich eher angepasst hat an die Umwelt, wird nun nach und nach zu einem Anlaufpunkt für Monteiro Rossi. Dieser schreibt Nachrufe für ihn, die Pereira aber nicht veröffentlichen kann, da diese zu politisch sind. Dennoch gibt er ihm die Honorare. Nach und nach kommen kleine Gefälligkeiten hinzu, auch wenn Monteiro Rossi nie konkret sagt, wofür er Hilfe oder Geld braucht, und Pereira fragt nie genau nach.

Überhaupt sagt nie jemand etwas Konkretes über die Situation, weder Pereiras engster Freund, Pater António, noch sein Arzt, Doktor Cardoso. Die Situation in dem Land ist ein Tanz mit den Umständen, welches Wort ist zu viel, welches Wort nicht genug?! Nebenbei gesagte Worte, wie z.B. die Bemerkung eines Kellners, sein Cousin empfange BBC, bleiben unkommentiert, allerdings folgt doch die Frage nach „etwas Neuem“ bei jedem Besuch.

Pereira fängt im Laufe der Zeit an, sich Gedanken zu machen, er veröffentlicht Kurzgeschichten von nicht regimekonformen Künstlern, schafft es aber immer, sich herauszureden. Reden, das tut er sonst nicht viel. Er ist einsam seit dem Tod seiner Frau, er spricht mit ihrem Bild, ansonsten nur mit Pater António, der aber nie Zeit hat, und dann kommen Monteiro Rossi und seine Freundin.

Doch die Geheimpolizei ist Monteiro Rossi schon auf den Fersen, und so folgen sie ihm eines Tages bis in Pereiras Wohnung, wo Pereira attackiert und Monteiro Rossi getötet wird. Daraufhin veröffentlicht Pereira einen Artikel über die Vorkommnisse, muss jedoch natürlich ins Exil gehen deswegen…

Dieses schmale Buch von 213 Seiten ist wie eine Zwiebel. Man fängt an zu lesen, und Lage um Lage, Schicht um Schicht löst sich. Es kommt immer mehr und immer Neues zum Vorschein, weswegen die Geschichte lange Zeit beim Leser bleibt. Da Pereira nicht frei heraussprechen kann, muss man die Schichten freilegen, die das eigentlich Gemeinte verdecken. Und hier kann man viel finden. Es ist ein Buch über Freiheit, Meinungsfreiheit, darüber, sich ergeben in sein Schicksal zu fügen, oder sich in Gefahr zu begeben und aufzubegehren.

Ich möchte dieses Buch jedem ans Herz legen, es ist schnell gelesen und hält doch so vieles bereit, das einen nicht so schnell wieder loslässt.

Erklärt Pereira wurde 1995 mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt.

Antonio Tabucchi: Erklärt Pereira. Deutsch von Karin Fleischanderl. DTV, 1997. 212 Seiten.

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Buch # 49: Rose Tremain – Die Farbe der Träume

Rose Tremain wurde am 2. August 1943 als Rose Thomson in London geboren. Sie studierte an der Sorbonne Anglistik und schloss ihr Studium 1967 an der University of East Anglia ab. Von 1988 bis 1995 war sie dort Dozentin für Creative Writing. Neben ihren Romanen veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Hörspiele und Drehbücher für Fernsehfilme. Sie hat zahlreiche Preise erhalten, unter anderem den Orange Prize for Fiction. Sie lebt mit dem Biographen Richard Holmes in Norfolk.

die_farbe_der_traeume-9783458357025_xlDie Farbe der Träume ist ein historischer Roman, der 2003 erschienen ist. Er handelt vom englischen Ehepaar Joseph und Harriet, die im 19. Jahrhundert mit Josephs Mutter nach Neuseeland auswandern, um dort ihr Glück zu finden. In Neuseeland gibt es günstiges Land, und sie wären nicht die Ersten, die dort durch harte Arbeit zu Wohlstand, und, wie sie hoffen, zu ihrem Glück kommen.

Joseph war in England Viehauktionator, ein Beruf, den er von seinem Vater übernahm, für den ihm jedoch jegliches Talent fehlte. Er war nicht glücklich, doch eines Tages traf er Rebecca, und diese eröffnete ihm eine völlig neue Welt. Doch nun, als er in Neuseeland ankommt, wird er von seinen Schuldgefühlen Rebecca und ihrer Familie gegenüber geplagt. Er will zu Geld kommen, um eine Schuld zu begleichen.

Harriet war lange Jahre als Gouvernante tätig, fast hätte sie ihren Traum von Freiheit, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit aufgegeben. Dann traf sie Joseph, und sie heiratete ihn, in der Hoffnung, Liebe und ein neues Leben zu finden.

Als Josephs Vater stirbt, brechen sie nun nach Neuseeland auf, im Schlepptau seine Mutter Lilian, die unter dem Verlust ihres Mannes und der Verpflanzung in eine neue, unbekannte Welt sehr leidet.

Joseph erwirbt Land und baut eine Hütte für die drei darauf, wobei er Ratschläge der Einheimischen in den Wind schlägt und sie auf einer Anhöhe errichtet. Als die Hütte fertig ist, holt er die Frauen, wobei Lilian einen Plan nach dem anderen schmiedet, um wieder in die Stadt zurückzugehen. Harriet hingegen geht voller Elan ihre neuen Aufgaben an: sie legt einen großen Gemüsegarten an, und kümmert sich um die Kuh.

Bald zeigt sich, dass der Platz auf der Anhöhe ein schlechter Platz war, den Elementen jederzeit ausgesetzt, und als einmal überraschend Schnee fällt, verlieren sie die Kuh, was für die Darbenden ein herber Verlust ist.

Doch eines Tages scheint sich das Blatt zu wenden: Joseph findet einen Schimmer Gold. Von nun an ist er besessen – wenn er nur Gold finden würde, wären alle seine Probleme wie fortgeblasen. Er könnte seiner Mutter endlich zeigen, dass er ein Mann ist, der für sie sorgen kann, er könnte Harriet ein richtiges Haus bauen und er könnte seine Schuld begleichen. Und so begibt er sich in den Westen des Landes, an die Goldschürferorte, und hofft auf sein Glück.

Harriet bleibt derweil beim Haus und versorgt Lilian, die jedoch eines Tages stirbt. Um dies Joseph mitzuteilen, reist sie ihm hinterher. Doch sie findet einen ausgezehrten, besessenen Mann vor, der an nichts anders mehr denken kann als an Gold. Doch das Wunder geschieht – Harriet findet Gold. Aber das Land ist unberechenbar, und ob es sein Gold einfach so hergibt, und ob ein Mann mit so einer Schuld es verdient, sein Glück zu finden, sind ganz andere Fragen…

Zuerst einmal muss ich sagen, dass ich sehr gerne historische Romane lese. Aber dieses Genre ist inzwischen ein riesiger Markt, und somit gibt es eine ganze Menge interessanter, spannender und gut zu lesender historischer Romane. Dieser gehört meiner Meinung nach nicht unbedingt dazu. Die Hauptfigur ist mit einem heulenden Waschlappen besetzt worden, dessen einziger Verdienst darin besteht, Harriet nach Neuseeland gebracht zu haben. Harriet ist eine recht gut gelungene Figur, die ihre Chancen dort ergreift, wo sie sich ihr bieten, die harte Arbeit nicht ablehnt, und Versprechen nicht bricht, selbst wenn es bedeutet, sich in Lebensgefahr zu begeben.

Wovon der Roman aber im Grunde lebt, das sind die Nebenfiguren. Hier ist die Maori-Frau Pare, die, als sie jung ist, als Kindermädchen arbeitet und dort in Konflikt mit ihrer Geisterwelt gerät. Dieser Konflikt hält ihr Leben lang an und belastet nicht nur sie, sondern auch den Jungen, den sie damals gehütet hat. Oder der Chinese Pao Yi, der Gemüse an die Goldgräber verkauft und ebenfalls eine Schuld gegenüber seiner Familie hat, der jedoch auch Harriet ein großes Geschenk macht. Diese Figuren sind fein gezeichnet und geben der Glückssuche-Geschichte einen eigenen Anstrich, der es für mich dann noch ein wenig herausgerissen hat.

Doch auch sprachlich ist alles sehr steif, die Figuren werden insgesamt wenig empathisch gezeichnet und bleiben sehr blass, was ich von historischen Romanen wirklich anders erwarte. Hier erwarte ich, in eine andere Zeit und eine andere Welt einzutauchen und dort eine Zeitlang zu leben, doch Die Farbe der Träume war für mehr wie das Betrachten einiger Photographien. Insgesamt kann ich sagen, dass der Roman sich gut lesen lässt, aber es nicht unbedingt ein Verlust ist, wenn man dies nicht tut.

Rose Tremain: Die Farbe der Träume. Aus dem Englischen von Christel Dormagen. Insel Verlag Berlin 2010. 456 Seiten.

Wer das Buch käuflich erwerben möchte, sollte sich selbst und seiner Buchhandlung um die Ecke einen Gefallen tun und seine Kondition ein wenig trainieren, indem er sich dorthin bewegt.

Buch #48: Raymond Chandler – Der lange Abschied

Raymond Chandler wurde am 23. Juli 1888 in Chicago geboren, wuchs aber in England auf.  Er besuchte von 1900 bis 1905 das Dulwich College, wo er sich für Fremdsprachen und Altphilologie interessierte, verbrachte jedoch die nächsten zwei Jahre in Vorbereitung auf die Aufnahme für den britischen Staatsdienst,  woraufhin er ein halbes Jahr für das britische Marineministerium arbeitete. Eine Begegnung mit Richard Barham Middleton (Autor von phantastischen Kurzgeschichten) beeinflusste ihn dahin, eine Schriftstellerkarriere zu verfolgen. Er arbeitete als Reporter für verschiedene Zeitungen, und veröffentlichte erste Werke. Er diente als Soldat im Ersten Weltkrieg, war freier Journalist, Buchhalter und schließlich Direktor einer kalifornischen Ölgesellschaft. Als er hier 1932 entlassen wurde, widmete er sich ernsthaft dem Schreiben.

Sein erster Roman The Big Sleep erschien 1939 und war ein großer Erfolg, ebenso wie seine Verfilmung 1946. Er schrieb in den folgenden Jahren mehrere Drehbücher und Romane, von denen The Long Good-Bye als Höhepunkt gilt, für den er den Edgar-Allan-Poe-Award erhielt. 1954 starb Chandlers Frau, woraufhin er zu trinken begann. Ein Selbstmordversuch schlug fehl, er wurde wegen Alkoholismus mehrmals in Kliniken behandelt. 1959 starb er an einer Krankheit in Kalifornien.

Mit Philip Marlowe hat Chandler einen Vertreter des hardboiled detective geschaffen, eines Ermittlers, der einen zynischen Blick auf die Welt hat und sich nur seinem eigenen Gesetz verpflichtet fühlt, gerne von seiner Schusswaffe Gebrauch macht, Alkohol, Zigaretten und Frauen nicht abgeneigt ist und oft mit der Polizei in Konflikt gerät.

chandlerPhilip Marlowe lernt eines Tages Terry Lennox kennen, der sich betrunken mit seiner Frau streitet, die ihn deshalb nicht im Auto mit nach Hause nehmen will.  Marlowe kümmert sich um ihn und sie freunden sich an. Lennox‘ schneeweißes Haar und sein narbiges Gesicht faszinieren ihn, er erfährt, dass Lennox und  seine Frau schon einmal verheiratet waren und die meisten Menschen ihn für einen Goldgräber halten, da seine Frau sehr reich ist.

Dann steht Lennox vor Marlowes Tür und bittet ihn darum, ihn über die Grenze zu bringen. Marlowe stellt nicht viele Fragen, je weniger er weiß, umso weniger muss er lügen. Er bringt Lennox zum Flughafen und fährt nach Hause. Dort wartet die Polizei: Lennox‘ Frau wurde ermordet, und Marlowes Telefonnummer in Lennox‘ Sachen gefunden. Marlowe äußert sich nicht dazu und kommt in Untersuchungshaft, wo er weiterhin den Mund hält. In der Zwischenzeit erschießt Lennox sich in Mexiko, was als Schuldspruch gewertet wird und woraufhin das Verfahren eingestellt wird.

Ein paar Tage später bekommt Marlowe den Anruf eines Verlegers, der über den Fall gelesen hat und ihn nun bittet, sich um einen seiner Autoren zu kümmern, der ein Buch fertig stellen soll, sich aber mehr um den Alkohol kümmert, dabei schon einmal seine Frau verletzt hat und nun als unberechenbar gilt. Marlowe lernt die wunderschöne Frau kennen, lehnt den Auftrag aber ab. Bis sie ihn anruft und ihn darum bittet, ihren Mann zu suchen, der im Delirium abgehauen ist und sich womöglich etwas antun wird. Marlowe findet ihn und bringt ihn zu seiner Frau.

Die beiden lassen ihn nicht mehr los, denn irgendetwas stimmt nicht in dem Haus. Die Ereignisse spitzen sich zu, und am Ende wird nicht jeder leben. Aber wie die beiden Fälle zusammengehören, wird auf einmal klar…

Dies war mein erster Roman von Raymond Chandler und ich habe ihn sehr genossen. Ich habe schon einige Kriminalromane gelesen, gerade auch mit desillusionierten Ermittlern, aber Philip Marlowe nimmt für mich eine ganz besondere Rolle ein. Der Roman ist aus seiner Perspektive geschrieben, so erfahren wir nur soviel, wie er erfährt. Dabei gibt er sich aber nicht groß damit ab, seine Befindlichkeiten darzulegen, oder warum er dieses Mal den Mund hält und ein anderes Mal spricht. Das ergibt eine recht nüchterne – oder ernüchterte – Beschreibung der Welt und der Ereignisse.

Wenn er zum Beispiel bei der Polizei ist, die mehr nach dem Recht des Stärkeren handelt als nach dem tatsächlichen Recht,  und er sich nicht einschüchtern lässt, ist das ganz großartig. Ganz nüchtern beschreibt er, wie der Ermittler ihn verhört, und man sieht die Bulldogge vor sich:

„Seine Stimme war kalt, entschieden und so widerlich wie seine routinierte Gewißheit, die Sache zu schaffen. Aber seine rechte Hand wurde immer wieder von der Schreibtischschublade angezogen. Er war noch zu jung, um Äderchen an der Nase haben zu dürfen, aber er hatte sie, und das Weiß seiner Augen war von übler Einfärbung.

„Ich hab das allmählich derart satt“, sagte ich.

„Was haben Sie satt?“ schnappte er.

„Harte kleine Männer in harten kleinen Büros, die harte kleine Redensarten von sich geben, wo nichts dahinter ist. Ich hab jetzt sechsunfünfzig Stunden im Schwerverbrechertrakt gesessen. Kein Mensch da hat mich herumgeschubst, kein Mensch hat mir beweisen wollen, daß er ein zäher Kerl ist. Das brauchten die gar nicht.“ (63)

Wer eine schnelle Story mit vielen Actionszenen erwartet, ist bei Chandler definitiv falsch. Seine Story entwickelt sich langsam, und durch die Erzählperspektive weiß man oft nicht, warum er jetzt davon berichtet, und wie der Zusammenhang zu den anderen Erlebnissen besteht. Aber nach und nach entfaltet sich eine komplexe Geschichte, Zusammenhänge werden offensichtlich und Motive entstehen. Man kann also hervorragend selbst ermitteln, da man soviel weiß wie der Ermittler. Keine harte Action, sondern ein ernüchterter Bericht eines desillusionierten Detektivs, der an der Welt verzweifelt, aber dennoch versucht, anderen zu helfen. Ich bin schon gespannt darauf, Chandlers Erstling The Big Sleep zu lesen, um mehr über Marlowe zu erfahren und empfehle Marlowes „Bericht“ jedem, der einen ebenso anspruchsvollen wie unterhaltsamen Zeitvertreib sucht.

Raymond Chandler: Der lange Abschied. Aus dem Amerikanischen von Hans Wollschläger. Diogenes, 382 Seiten. Original aus dem Jahre 1953.

Buch # 47: Julian Barnes – Flauberts Papagei

Julian Patrick Barnes ist ein englischer Schriftsteller, der am 19. Januar 1946 in Leicester geboren wurde. Er studierte Sprachen und Jura und arbeitete zunächst als Journalist und Lexikograph. Seit 1980 widmet er sich dem Schreiben. 1979  heiratete er Patricia Olive Kavanagh, seine Agentin, und verwendete ihren Nachnamen oft als Pseudonym. Als Dan Kavanagh veröffentlichte er in den 1980er Jahren vier Kriminalromane, als Julian Barnes das Buch Metroland, weitere Romane, Erzählungen und Essays. Außerdem war er Übersetzer französischer Literatur, unter anderem von Flaubert. Sein Roman Flauberts Papagei erschien 1984, war für den Booker Prize nominiert und wurde mit dem Prix Médicis ausgezeichnet.

UnbenanntGeoffrey Braithwhite ist ein englischer Rentner, der verwitwet ist und früher einmal Arzt war. Er hatte ein glückliches Leben und ein Hobby – Gustave Flaubert. Der Roman beginnt damit, dass er mehrere Orte in Frankreich besucht, die mit Flaubert verbunden sind, und ihm fällt auf, dass der ausgestopfte Papagei, der Flaubert bei seiner Beschreibung für Un cœur simple als Vorbild diente, gleich in zwei Museen ausgestellt ist. Nun versucht er herauszufinden, welcher Papagei der Echte ist, und von dem Punkt aus entspannen sich zwei Biographien – Flauberts und Braithwhites.

Der Roman ist in 15 Kapitel unterteilt, von denen jedes ein Thema behandelt. So handelt das erste Kapitel von der Reise nach Frankreich und der Entdeckung der zwei Papageien. Im zweiten Kapitel lesen wir gleich drei Chronologien von Flauberts Leben, die erste eine normale Übersicht über sein Leben, die zweite eine eher negative Übersicht, die viele Todesfälle und Rückschläge beinhaltet, die dritte eine Sammlung von Zitaten Flauberts, die ich als die Eindringlichste empfunden habe, da hier geballt verschiedene Wesenszüge und Emotionen Flauberts versammelt sind.

Im dritten Kapitel trifft Braithwhite sich mit einem anderen Flaubert-Verehrer, der ihm von einer spannenden Entdeckung erzählt, die die Sicht auf Flauberts Leben für immer verändern könnte… Könnte.  Kapitel vier beschreibt Braithwaites Gedanken zu Flauberts Verhältnis zu Tieren; Flaubert sah sich immer als Bären –

„Das menschliche Wort ist wie ein gesprungener Kessel, auf dem wir Melodien trommeln, nach denen Bären tanzen können, während wir doch die Sterne rühren möchten.  Madame Bovary“ (S.59)-

er nannte sich selber scherzhaft Gourstave (ours = der Bär), aber auch andere Tiere haben wichtige Rollen gespielt, wie das Kamel, das Schaf und nicht zuletzt der Papagei.

Kapitel 5 beschäftigt sich mit dem Zufall. Braithwhites Meinung:

„Und was die Zufälle in Büchern angeht – dieser Kniff hat etwas Kitschiges und Sentimentales; ästhetisch gesehen wirkt es einfach immer billig. Der Troubadour, der gerade rechtzeitig vorbeiläuft, um das Mädchen zu retten, das hinter die Hecke gezerrt werden soll; die unverhofft, aber wie gerufen auftauchenden Wohltäter bei Dickens; der saubere Schiffbruch an einer fremden Küste, der Geschwister und Liebende wiedervereint.“ (78).

Ich zitierte, weil ich mich dem nur voll und ganz anschließen kann. Von hier aus spannt Braithwhite den Bogen zu Flaubert, der den Zufall mit Hilfe von Ironie in sein Werk einbaute, und auch zu denjenigen Zufällen, die ihm tatsächlich zustießen.

Dann befasst er sich mit dem Kritikertum, anhand des Beispiels von Emma Bovarys Augen, die eine Kritikerin als Fehler bei Flaubert bemängelte, habe er sie doch einmal braun, einmal tiefschwarz und einmal sogar blau genannt. Ob dem wirklich so ist?! Kapitel sieben gibt Einblicke in mehrere Teile von Flauberts Leben und Braithwhites Gedanken dazu, die allesamt sehr lesenswert sind und zum Nachdenken anregen. So zum Beispiel, wie viel man tatsächlich über jemanden wissen kann, oder wissen muss, um sich ein Bild zu machen:

„Was hilft uns denn? Was müssen wir wissen? Nicht alles. Alles verwirrt nur. Direktheit verwirrt auch. Das Vollporträt, das einen anstarrt, hypnotisiert. Auf seinen Porträts und Fotos schaut Flaubert normalerweise weg. Er schaut weg, damit Sie seinen Blick nicht erhaschen können; und er schaut auch weg, weil das, was er über Ihre Schulter hinweg sehen kann, interessanter ist als Ihre Schulter.“ (124)

Mein persönliches Lieblingskapitel ist Kapitel acht, Der Flaubert-Führer für Eisenbahngucker. Ein letztes Zitat:

„Doch er haßte die Eisenbahn nicht nur als solche; er haßte die Art, wie sie den Leuten mit der Illusion von Fortschritt schmeichelte. Was nutzte wissenschaftliches Vorwärtskommen ohne moralisches Vorwärtskommen? Die Eisenbahn würde bloß noch mehr Leuten gestatten herumzufahren, sich zu treffen und zusammen dumm zu sein.“ (132)

Ich schätze, Flaubert kann sich unter diesen Umständen glücklich schätzen, nicht heute zu leben, wo Menschen noch nicht einmal mehr die Eisenbahn brauchen. Kapitel neun beschäftigt sich dann mit den ungeschriebenen Werken Flauberts, Kapitel zehn könnte man als Anklageschrift gegen Flaubert bezeichnen, die alle seinen kleinen und großen Mängel thematisiert und kommentiert.

Kapitel elf beschreibt die Sicht einer von Flauberts Geliebten, Louise Colet, auf ihre Sicht der Ereignisse. Kapitel zwölf besteht aus Braithwhites Wörterbuch der übernommenen Ideen, das weitere Gedanken zu Flauberts Leben und Werk beinhaltet, wie man sie notieren würde, um später noch einmal darauf einzugehen. Kapitel dreizehn befasst sich mit Braithwhite und seiner Trauer um seine Frau, seinen Verlust und seine Fragen. Mit Fragen geht es Kapitel vierzehn weiter, die Prüfungsfragen zu Flaubert beinhaltet, und die ganz schön knifflig sind. Aber ich schätze, Brauthwhite als Flaubert-Kenner könnte sie ohne weiteres zufriedenstellend lösen.

Das Buch schließt den Kreis dann wieder mit der Frage nach dem Papagei. Ob Braithwhite herausfindet, welcher Papagei der Echte ist, und ob es überhaupt wichtig ist?!

Einen Roman wie Flauberts Papagei habe ich bisher noch nicht gelesen. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, wie ich ihn bezeichnen würde, vielleicht wäre es etwas wie „Die Entstehung einer Biographie“. Braithwhite, der sich zeit seines Lebens mit Flaubert beschäftigt hat, schafft anhand der Fakten über Flaubert und seiner Gedanken dazu ein sowohl detailliertes wie differenziertes Bild zu einem Autor, der sicherlich nicht leicht zu fassen ist. Das Genre des Romans und nicht der Biographie gibt Julian Barnes die Möglichkeit, Dinge aus allen Perspektiven zu beleuchten, Kleinigkeiten zu beachten, eigene Überlegungen anzustellen, die in der Nüchternheit der Biographie natürlich keinen Platz gehabt hätten.

Dies verbindet er dann mit einem Protagonisten, der von seinen eigenen Problemen oder Erlebnissen auf bestimmte Situationen in Flauberts Leben verweist, wobei er manchmal Parallelen findet und manchmal Gegensätze. All dies verbindet sich schließlich zu einem Bild über Flaubert, das dem Leser ziemlich umfassend erscheint. Ich habe mich nicht viel mit Flaubert beschäftigt, und Madame Bovary hat mir auch nicht gefallen, als ich es vor Jahren gelesen habe (das mag aber meinem noch recht jugendlichen Alter geschuldet gewesen sein), weswegen ich erwartet hatte, dass ich mich recht langweilen würde bei diesem Roman.

Das Gegenteil ist eingetreten: ich habe mich bestens unterhalten gefühlt, aber nicht nur das, ich habe mich auch bestens informiert gefühlt. Ich halte Flauberts Papagei für ein großartiges Buch, das ich sehr genossen habe, jedem nur empfehlen kann und das Inspiration für Nachahmer geben sollte, ähnliche Werke über andere Personen zu schreiben, um ein unterhaltsames Bild auf ihr Leben und Werk zu geben und zum Nachdenken anzuregen.

Julian Barnes: Flauberts Papagei. Aus dem Englischen von Michael Walter. 235 Seiten.

Buch #46: Philip Roth – Verschwörung gegen Amerika

Philip Milton Roth wurde am 19. März 1933 in Newark, New Jersey, geboren. Er schreibt Romane, Essays und Erzählungen, und wird seit Jahren als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.

Roth schreibt größtenteils autobiographisch geprägte Werke, in denen er sich mit seiner jüdischen Herkunft, seiner Jugend in seiner Geburtsstadt Newark, seinen Wohnsitzen und seinen beiden Ehen befasst. Sein erstes Buch, Goodbye, Columbus, wurde positiv besprochen, zehn Jahre später schrieb er mit Portnoy`s Complaint einen Skandalroman. Später war die Figur des Nathan Zuckerman Protagonist in zwei Trilogien, am bekanntesten wohl in Der menschliche Makel, das mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle verfilmt wurde. Roth gab im Oktober 2012 bekannt, dass er sich vom Schreiben zurückziehe.

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In Verschwörung gegen Amerika beschreibt Roth seine Kindheit in seiner Geburtsstadt Newark. Doch verbindet er diese Autobiographie mit einem Setting, dass die Nazifizierung Amerikas als Hintergrund hat und sich dementsprechend anders darstellt als tatsächlich passiert. Norman Mailer hat hierfür den Begriff der „faction“ geprägt, eine Mischung aus „fact“ und „fiction“.

Wir beginnen mit den facts.  Es ist 1940, Philip Roth ist sieben Jahre alt und lebt mit seinen Eltern und seinem fünf Jahre älteren Bruder Sandy in Newark. Sie sind nicht reich, kommen aber gut über die Runden, da sein Vater einen Job als Versicherungsvertreter bei einer großen Firma hat. Roth erzählt aus seiner kindlichen Sicht (nicht jedoch mit einer kindlichen Stimme), wie sein wertvollster Besitz seine Briefmarkensammlung ist, dass sein Bruder einiges Zeichentalent besitzt, er beschreibt die Familienabende vor dem Radio, an denen sie gemeinsam die Sendung von Walter Winchell hören, einem Juden, der Millionen Hörer hat, und der kein Blatt vor den Mund nimmt. Sein Cousin, der früh verwaiste Alvin, macht sich auf, gegen die Nazis zu kämpfen. Er verpflichtet sich bei der kanadischen Armee und verschwindet erstmal aus Philips Leben.

Doch gleichzeitig wird die fiction hineingemischt. Denn im Roman ist im Juni 1940 Charles Lindbergh als Präsidentschaftskandidat für die Republikaner nominiert wurden. Lindbergh hat im Jahre 1938 den Deutschen Adlerorden verliehen bekommen, eine Goldmünze mit vier kleinen Hakenkreuzen, die Ausländern für Verdienste um das Deutsche Reich erhalten (fact). Vor diesem Hintergrund ist die jüdische Gemeinde in Newark natürlich sehr besorgt, vor allem nachdem Lindbergh sich in Island mit Hitler trifft und dort einen Nichtangriffspakt unterschreibt. Lindbergh hatte die Wahlen nämlich nur gewinnen können, da er sich vehement dafür eingesetzt hatte, Amerika aus jeglichem Krieg herauszuhalten. Für die Juden jedoch bedeutet dies, dass Hitler erstmal Ruhe mit Amerika haben will, um sich ihm später zuzuwenden.

Die Verwirrung ist groß, denn als zuerst einmal das Leben normal weitergeht, weiß niemand so recht, wie die Lage tatsächlich aussieht. Dann kommt Alvin nach Hause, er hat in der Normandie sein Bein verloren. Für Philip bekommt die Angst dadurch eine völlig neue Dimension, da er erstmals eine konkrete Folge sieht. Philips Mutter fängt an zu arbeiten, damit sie Geld für eine eventuelle Flucht beiseite legen kann. Philip ist unbeaufsichtigt, was einerseits bedeutet, dass er seine Welt durch Streifgänge vergrößert, andererseits ist er jedoch mit seinen Ängsten komplett allein.

Die Schwester seiner Mutter, Evelyn, lässt sich mit einem älteren Rabbiner ein, der ganz opportunistisch Lindbergh unterstützt, und quasi bei ihm ein- und ausgeht. Die Regierung richtet ein Programm ein, das jüdische Kinder in den Sommermonaten auf Farmen bringt, damit sie Neues kennenlernen und von zu Hause getrennt sind. Sandy hat Glück, er kommt zu einer netten Familie und fühlt sich sehr wohl, doch als er zurückkommt, ist er nicht mehr der Gleiche. Dann sollen Familien umgesiedelt werden, und als sein Vater seinen Job verliert, weil er sich weigert, und Philip seiner Tante vom ungeliebten Nachbarsjungen erzählt, der daraufhin tatsächlich umgesiedelt wird, ist er komplett verwirrt.

Dann geht Walter Winchell auf Sendung und spricht über die Umsiedelungen, will seine Zuhörer aufwecken, und beschwört einen Streit zwischen Alvin und Philips Vater herauf. Dies alles bringt Philip dazu, von zu Hause wegzulaufen, er denkt, wenn er anonym in ein Kloster gehe, könne ihn niemand wegen seiner Herkunft verurteilen. Der ungeliebte Nachbarsjunge rettet ihn, als er im Dunkeln von einem Pferd getreten wird, und zu allem Überfluß verliert er seine Briefmarken.

Walter Winchell verliert aufgrund der Sendung seinen Sponsor, und schließlich auch seinen Job als Moderator. Er kandidiert gegen Lindbergh. Und nun zeigt sich, was wirklich los ist: Pogrome brechen los, Krawalle in vielen Städten, ganz, wie man es aus Europa kennt. Viele Juden lassen ihr Leben, auch die Mutter des Nachbarjungen. Doch als Winchell getötet wird, und Lindbergh sich nicht dazu äußert, kommt die Frage auf, „Wo ist Lindbergh?“. Kümmert es ihn nicht, was in seinem Volk passiert? Läßt er die Leute sich einfach abschlachten? Oder ist er tatsächlich nicht mehr da?!

9783499240874Es ist ziemlich schwierig, ein solches Buch wiederzugeben, wie ich gerade bemerke. Dagegen war es eigentlich ziemlich einfach zu verstehen, grob weiß man ja, was damals los war, und deshalb auch, wo die Fakten aufhören und wo die Fiktion anfängt. Mir hat das Buch eigentlich ganz gut gefallen, da ich gerne solche Gedankenexperimente mag. Dennoch muss ich dann auch sagen, dass mir die Auflösung des Experiments nicht glaubhaft erschien, aber wahrscheinlich gab es nicht viele Wege, einen anderen Abschluss zu erreichen. Hm, vielleicht hätte er es dann überhaupt nicht auflösen sollen.

Ebenfalls war es einerseits schön, dass die Perspektive die des kleinen Jungen war, von Philip Roth selbst, dem der Verlust seiner Briefmarken auch heute noch sehr nahe gehen muss, der aber auch eine einzigartige Perspektive auf die damalige Zeit ist. Dann ist diese Perspektive durch den Blickwinkel natürlich auch wieder sehr beschränkt, man ist nie so ganz sicher, was sich jetzt in der Phantasie eines Kindes zu etwas ungeheurem aufbläht und was nicht.

Insgesamt kann ich sagen, dass es sich bei Verschwörung gegen Amerika um ein spannendes Gedankenexperiment handelt, das man durchaus einmal durchspielen kann, und das durch seine Nähe zu den tatsächlichen Geschehnissen zeigt, dass es vielleicht haarscharf war, dass es nicht anders verlaufen ist. Die Perspektive des Kindes und das Ende des Buches allerdings sind etwas schwach, aber das mag auch persönlicher Geschmack sein.

Am Ende des Buches hat Roth noch die Biographien einiger seiner handelnden Personen und einige Ausschnitte aus den Reden Lindberghs zusammengestellt, die das Verständnis erleichtern.

Philip Roth: Verschwörung gegen Amerika. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag. 431 Seiten.

 

Buch #45: Margaret Mazzantini – Geh nicht fort

Margaret Mazzantini wurde 1961 in Dublin geboren und ist eine italienische Schriftstellerin und Schauspielerin. Sie ist die Tochter des Schriftstellers Carlo Mazzantini und der Malerin Anne Donnelly. Aufgewachsen ist sie in Irland und der Toskana. Sie ist verheiratet mit dem Schauspieler, Drehbuchautoren und Regisseur Sergio Castellito, der auch Geh nicht fort verfilmt hat. Die beiden leben mit ihren vier Kindern in Rom.

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Angela, die 15jährige Tochter des erfolgreichen Chirurgen Timoteo hat einen Unfall mit ihrem Motorroller und wird mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht. Während sie operiert wird und Timoteo wartet, hofft und bangt, fängt er an, ihr seine Lebensgeschichte zu „erzählen“.

Eines Tages, Timoteo ist schon mit Elsa, Angelas Mutter verheiratet, bleibt sein Auto auf dem Weg in ihr Sommerhaus liegen. Es ist sehr heiß, und die Werkstatt kann zwar sein Auto reparieren, hat aber kein Telefon, um Elsa Bescheid zu sagen. Eine zufällig anwesende Frau, Italia, bietet ihm an, bei ihr zu Hause zu telefonieren. Also folgt er ihr in ihr schäbiges Heim und ruft an. Er geht zurück zur Werkstatt, trinkt Wodka und entschließt sich, zum Haus von Italia zurückzukehren. Dort vergewaltigt er sie.

Danach fährt er, zwar von Schuldgefühlen geplagt, zu Elsa. Bei jedem Polizisten, den er in der nächsten Zeit sieht, fürchtet er, verhaftet zu werden. Doch nichts geschieht, und er lebt sein Leben normal weiter. Dann verliert er seinen Vater, und fährt wieder zu Italia. Sie ist nicht zu Hause, er muss auf sie warten.

„Dabei war ich auf dem Sitz nach unten gerutscht, ich keuchte vor Lust. Denn plötzlich erinnerte ich mich… ihr Körper, erloschen wie jener Kamin ohne Feuer, der gebeugte weiße Hals, der rätselhafte traurige Blick. Nein, das war nicht allein von mir ausgegangen. Sie hatte es genauso gewollt. Mehr als ich. „(61)

Wieder haben sie Sex, wieder wehrt sie sich nicht. Er gibt ihr Geld. Mit seiner Frau läuft sein Leben weiter, und irgendwann kommt ihm die Idee, ein Kind zu machen. Sie aber möchte nicht. Wenn sie im Sommerhaus ist, er aber arbeiten muss, fährt er weiterhin zu Italia. Er weiß nichts über ihr Leben, vermutet jedoch, dass sie eine Prostituierte ist. Wobei das natürlich auch eine Art Entschuldigung für sich selbst sein kann, da er immer wieder zu ihr fährt, obwohl sie

„nicht schön (war), sie war farblos, deprimierend. Ihre Unauffälligkeit erschien mir wie ein Schutz, keiner konnte sich vorstellen, wie sich ihr Körper mit Leben füllte und sie eine ganz andere wurde. Aber vielleicht war sie bei allen so.“ (84)

Langsam entwickelt sich zwischen den beiden eine Beziehung, Italia verliebt sich in ihn. Er aber scheint in einer Midlife-Crisis zu stecken, fühlt sich alt und hofft, dass Italia ihn „gesund“ macht. Im Kopf rechtfertigt er sich immer wieder dafür.

„Du willst doch auch allein sein, so weit kenne ich dich schon. Du tust, was ich will, dann verschwindest du wie eine Mücke, wenn der Tag anbricht, du setzt dich auf dein Blumensofa und hoffst, daß ich dich nicht bemerke. Du weißt, daß du nur in der Lüsternheit zählst, wenn ich mir die Krawatte umbinde, bevor ich gehe, ekelt mich alles schon an. Du traust dich nicht, dich zu bewegen, solange ich da bin, du traust dich nicht, ins Bad zu gehen und dabei deinen Hintern zu zeigen. Vielleicht hast du Angst, getötet zu werden, Angst, ich könnte dich in das lehmige Flußbett werfen wie das schwarze Auto, das von der Hochstraße gestürzt ist. „(93)

Timoteo wird immer mehr zu Italia hingezogen. Eines Tages wird sie schwanger, und er beschließt, Elsa zu verlassen und mit Italia zusammen zu sein. Als er es Elsa sagen will, hat auch sie eine Überraschung für ihn: Sie ist ebenfalls schwanger. Er bleibt bei Elsa, Italia fühlt sich verlassen und treibt ab, jedoch nicht in einer Klinik. Timoteo nimmt Abstand zu Italia, auch wenn er sie nicht ganz aus seinen Gedanken herausbekommt.

Kurz bevor Elsas Entbindung sieht er Italia von weitem, die wiederum Elsas Bauch sieht. Sie läuft weg, er folgt ihr, und fällt wieder über sie her. Dann wird Angela geboren, alles verläuft gut. Als er am Abend nach Hause geht, beschließt er wieder, Elsa zu verlassen und mit Italia zu leben. Sie fahren los, in ein neues Leben, doch bei der Abtreibung ist etwas schief gegangen…

Dies alles erzählt er in Gedanken, während er auf seine Tochter wartet, die nebenan mit offenem Schädel liegt. Alleine diese Grundvoraussetzung hat in mir schon heftige Ablehnung hervorgerufen. Natürlich kann sie ihn nicht „hören“, aber in der Situation seine Lebensbeichte abzulegen, finde ich schon ziemlich geschmacklos.

Denn diese Beichte ist  keine normale Beichte, sondern eine Geschichte von Gewalt, von Egoismus, von einem Mann, der sich nimmt, was er will, der seine moralischen Begriffe außer Kraft setzt und sich die ganze Zeit rechtfertigt, obwohl er weiß, dass er nicht im Recht ist und es sich dennoch so hinbiegt, dass er sich so fühlen kann.

Er fühlt sich alt, er verliert seinen Vater, natürlich, da kommt eine Frau, die er vergewaltigt und sich gefügig macht, genau recht, um sich „lebendig“ zu fühlen. Abgesehen von der konsequenzlosen Vergewaltigung, wonach ich eigentlich schon keine Lust mehr hatte, weiterzulesen, redet er sich auch alles andere immer wieder schön. Die Frau, die er vergewaltigt hat, verliebt sich in ihn, womit er seine Tat im Endeffekt rechtfertigt. Seine Frau verläßt sich auf ihn, aber sie ist seiner Meinung nach stark genug, dass er sie mit ihrem neugeborenen Kind allein lassen kann. Italia treibt ab, weil er bei Elsa bleibt, das gefällt ihm nicht, er kümmert sich aber auch nicht weiter um sie. Er sieht, dass es Italia schlecht geht, kümmert sich aber bloß darum, dass er so glücklich ist, mit ihr zusammenzusein. Und im Endeffekt hat er ja immer noch Frau und Kind, zu denen er zurückkehren kann.

Ich bin mir nicht sicher, was Margaret Mazzantini mit diesem Buch sagen will. Will sie einen schwachen Mann darstellen, der auf neudeutsch nur als Loser bezeichnet werden kann? Warum will sie das? Warum sollte man diese Geschichte lesen? Ich weiß es nicht, denn sie läßt ihren Protagonisten aus seiner Sicht erzählen, seine Beschönigungen und eigenständige Moral werden nirgendwo angefochten oder hinterfragt, und nicht nur muss er keine richtigen Konsequenzen tragen, er kommt auch noch fein aus der ganzen Geschichte heraus.

Dementsprechend weiß ich auch nicht, warum man dieses Buch lesen oder warum ich es sogar empfehlen sollte, meiner Meinung nach ist es viel verschwendete Lesenszeit, mehr nicht.

Und am Ende noch eine nette Anekdote: Sie hat das Buch ihrem Mann gewidmet. Darüber hat er sich bestimmt sehr gefreut.

Margaret Mazzantini: Geh nicht fort. Aus dem Italienischen von Petra Kaiser.

Eine weitere Besprechung  gibt es bei synaesthetisch.

Buch #44: Iris Murdoch – Der Schwarze Prinz

Die anglo-irische Schriftstellerin und Philosophin Jean Iris Murdoch wurde am 15. Juli 1919 in Dublin geboren und starb am 8. Februar 1999 in Oxford. Sie schrieb über 25 Romane, aber auch mehrere philosophische Werke und Bühnenstücke.  Sie studierte klassische und alte Geschichte und Philosophie in Oxford, in Cambridge promovierte sie unter Ludwig Wittgenstein. 1978 erhielt sie den Booker Prize für Das Meer, das Meer (The Sea, the Sea), und im Jahre 1987 wurde sie zur Dame Commander des Ritterordens Order of the British Empire ernannt. Iris Murdoch erkrankte an Alzheimer und starb 1999. Diese Phase ihres Lebens wurde nach den Tagebüchern ihres Ehemannes John Bayley in der Filmbiographie Iris von 2001 verarbeitet.

Iris-Murdoch-Der-schwarze-PrinzDer Schwarze Prinz ist ein Roman aus dem Jahre 1973. Er erzählt aus der Sicht des Ich-Erzählers Bradley Pearson die Ereignisse nach seiner Pensionierung, die sein Leben vollkommen aus der Bahn werfen sollten. Pearson war ein Finanzbeamter, eine zuverlässige, wenn auch nicht gerade abenteuerlustige Person, der früh in Pension geht, um sich seinen schriftstellerischen Ambitionen widmen zu können. Kurz bevor er sich in ein einsames Dorf zurückziehen kann, beginnen die Ereignisse, aus der Bahn zu laufen.

Zum Einen taucht seine Schwester Priscilla auf, die ihren Mann verlassen hat. Sie leidet und bemitleidet sich, und auch wenn die Geschwister nie ein enges Verhältnis hatten, nimmt Bradley sie auf und kümmert sich um sie (wobei er immer im Hinterkopf hat, dass er ja weg will). Hilfe bekommt er hierbei von Francis Marloe, seinem ehemaligen Schwager. Dessen Schwester, Bradleys Ex-Frau Christin, hat einen  Amerikaner geheiratet, der sie als reiche Witwe zurückgelassen hat, und Francis ist da, um Bradley mitzuteilen, dass sie zurückgekommen sei.

Und dann ist da die befreundete Familie Baffin, wobei Arnold Baffin eigentlich alles darstellt, was Bradley gerne wäre und überhaupt nicht ist: Er ist ein erfolgreicher Schriftsteller mit einem umfangreichen, wenn auch nicht sehr anspruchsvollen Werk, Familienvater mit einer attraktiven Frau und einer Tochter, finanziell unabhängig und ein zugänglicher und umgänglicher Kerl. Bradley bekommt einen Anruf von Arnold, schnellstmöglich zu ihrem Haus zu kommen, wo sich herausstellt, dass Arnold seine Frau Rachel geschlagen hat. Bradley interveniert und kümmert sich um Rachel, wobei diese ihre Zuneigung auf ihn projiziert. Es folgen Liebesbriefe und – von Rachels Seite – offene Ermutigungen zu einem Verhältnis. Derweil lernt Arnold Christin kennen, und auch da sprühen einige Funken.

Bradley ist zwar geschmeichelt von Christins Umwerbung, aber so recht überzeugt ist er nicht. Dann trifft er Julian Baffin wieder, die Tochter Arnolds und Christins. Sie ist zwanzig und noch recht unentschlossen in ihrem Leben, möchte aber Schriftstellerin werden und bittet Bradley um Hilfe, da sie ihn für einen – im Gegensatz zu ihrem Vater – ernsthaften Schriftsteller hält. Und nun passiert es: Bradley verliebt sich in Julian.

Von da an bricht Chaos aus: Bradley weiß nicht, wohin mit seinen Gefühlen, die nunmal mehr als unangemessen sind, sein Leben entgleitet ihm, er kümmert sich nicht um Priscilla, die immer weiter abbaut, er weist Rachel grob zurück, ohne auf ihre Gefühle zu achten und tritt so ziemlich jedem auf die Füße, der in seinem Leben eine Rolle spielt. Tage- und nächtelang schlägt er sich mit seinen neuen Gefühlen herum, er ist euphorisiert und hat gleichzeitig so viel Angst wie nie in seinem Leben, das bisher brav ereignislos vor sich hin verlaufen ist. Schließlich platzt es aus ihm heraus – er gesteht Julian seine Gefühle.

Und sie lacht nicht, nein, ganz im Gegenteil, sie erwidert diese Gefühle. Voll der frischgewonnen Gefühle und Euphorie erzählt sie ihren Eltern von ihrer neuen Liebe, die natürlich alles unternehmen, Bradley und Julian auseinander zu bringen. So laufen die beiden schließlich weg, in eine einsame Hütte an der See. Hier haben sie ein paar schöne Tage, bis Bradley erfährt, dass Priscilla sich umgebracht hat. Er entschließt sich, Julian nichts davon zu sagen. Da steht Arnold vor der Tür und erzählt es ihr. Am nächsten Morgen ist Julian verschwunden, und Bradley gelingt es nicht mehr, Kontakt zu ihr aufzunehmen.

Als Rachel zu ihm kommt, ihm Verständnis und Versöhnung anbietet, jedoch nicht bereit ist, Kontakt zu Julian für ihn herzustellen, zeigt er ihr einen Brief Arnolds, in dem dieser Bradley von seinen Gefühlen für Christin erzählt. Rachel rennt hinaus, doch bald folgt ein Telefonanruf, der ihn dringend in das baffinsche Haus ruft…

Der Schwarze Prinz  ist im Grunde genommen die Lebensbeichte Bradley Pearsons, von dem Teil, den er als Leben empfunden hat. Gleichzeitig ist dies jedoch streng subjektiv, in einer Sprache, die stellenweise brillant, dann aber wieder kaum zu ertragen ist. So ist eine der kurzen und prägnanten Beschreibungen Priscillas sehr eindringlich:

Sie lehnte sich in den großen >Hartbourne<-Lehnstuhl zurück und hörte tatsächlich auf. Ihr Haar war strubbelig; am Scheitel, der sich in einer unordentlichen Zickzacklinie über den Kopf zog, sah man den dunklen Ansatz. Schlaff und plump hing sie im Stuhl, mit gespreizten Beinen und offenem Mund. Am Knie war ein Loch in ihrem Strumpf, durch das ein kleiner Wulst von rosarotem, marmoriertem Fleisch quoll. (165)

Dann wiederum wird es – zumindest habe ich es so empfunden – unerträglich (und dies ist nur ein Ausschnitt von vielen):

Die Sterne verblaßten, die roten Fackeln verglommen, und eine beängstigende Stille senkte sich langsam herab, als der Dirigent seinen Stab hob. Stille. Dunkelheit. Dann fuhr ein Windstoß durch die Hörner und Oboen, und ein Schwall von süßer pulsierender Qual ergoß sich in die Dunkelheit. Ich schloß die Augen und senkte den Kopf. Konnte ich all diese von außen kommende Süße in einen Strom reiner Liebe verwandeln? Oder würde sie mich vernichten, ersticken, zerstückeln, schänden? Gleich darauf spürte ich mit einem Stich der Erleichterung, wie mir die Tränen aus den Augen strömten. Die Gabe des Weinens, geschenkt und wieder genommen, war mir wiedergegeben, um mich zu segnen. Ich weinte mit wunderbarer Leichtigkeit, die Verspannng in meinem Arm und meinem Bein löste sich. Vielleicht konnte ich doch noch alles ertragen, wenn ich meinen Tränen nur freien Lauf ließ. Ich hörte nicht auf die Musik, ich erlitt sie, und die Sehnsucht meines Herzens strömte mir wie von selbst aus den Augen und sickerte in meine Weste, wie ich da, so leicht jetzt, in der dunklen, von Feuerblitzen durchbohrten Leere neben Julian schwebte, schwerelos mit ihr dahinglitt, wie ein mit leichtem Flügelschlag dahinsegelnder Doppeladler, wie ein Doppelengel. (327/328)

Um es kurz zu sagen: Ich fand diesen Roman unerträglich und halte ihn für große Zeitverschwendung. Es gibt am Ende einen Clou, der mich – zugegeben – überrascht hat, und der die Perspektive auf alles Gewesene ändert, aber um dorthin zu gelangen, muss man 480 Seiten hinter sich bringen, die einen verrückt machen. Ich verstehe, was Iris Murdoch mit diesem Roman versucht hat, und fände das Experiment gelungen, wenn man vorher nicht so viel leiden müsste. Der Ich-Erzähler steht die ganze Zeit nahe am Rande des Wahnsinns, und der Leser mit ihm. Wer also interessiert ist an einem literarischen Experiment, aber nicht viel auf Sprache und Story gibt, der ist mit diesem Roman bestens bedient. Für mich und alle anderen hoffe ich, dass Murdochs andere Romane mehr Lesefreude bringen werden.