Buch #43: Margaret Atwood – Der blinde Mörder

Margaret Atwood wurde am 18.November 1939 in Ottawa, Kanada, geboren. Ihre frühe Kindheit verbrachte sie in Ottawa, Quebec und Ontario. 1946 bekam ihr Vater, der Entomologe war, eine Stelle an der University of Toronto, wo Atwood bis zu ihrem Collegeabschluss lebte. Sie studierte englische Sprache und Literatur an der University of Toronto und in Harvard, und lehrte dann Literaturwissenschaften. Sie ist mit dem Schriftsteller Graeme Gibson verheiratet und hat eine Tochter.  Margaret Atwood veröffentlichte zunächst Lyrik und Literaturkritiken, bis 1969 ihr erster Roman, Die essbare Frau (The Edible Woman) erschien. Große Bekanntheit erlangte sie mit ihrem Roman Der Report der Magd (The Handmaid`s Tale), der auch von Volker Schlöndorff verfilmt wurde. Margaret Atwoods Hauptthema ist die Stellung der Frau in der Gesellschaft, aber auch gesellschaftliche Probleme und Umweltfragen werden von ihr behandelt, des Weiteren kanadische Geschichte und Literatur.  Für Der Blinde Mörder (The Blind Assassin) erhielt sie 2000 den Booker Prize und 2001 den Hammett Prize. Für ihr Gesamtwerk bekam sie 2008 den Prinz-von-Asturien-Preis in Spanien und 2009 den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund.

Der blinde Mörder ist der Lebensbericht, man könnte sogar sagen, die Lebensbeichte von Iris Chase. Drei ineinander verschlungene Geschichten ergeben ein Panorama des Lebens in Kanada im 20. Jahrhundert. Die Rahmenhandlung bilden die Aufzeichnungen der nun alten Iris Chase gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Sie erzählt in diesen Aufzeichnungen, die direkt an Myra, ihre Freundin, und indirekt an ihre Enkelin Sabrina gerichtet sind, zunächst einmal von ihrem momentanen täglichen Leben, dem Wechsel der Jahreszeiten, ihren Herzproblemen, wie alle Handlungen langsam schwieriger werden, vom selbständigen Wäschewaschen bis hin zu den Spaziergängen, die sie unternimmt. Sie bemerkt, dass ihre Zeit langsam kommt, und beginnt mit ihren Aufzeichnungen.

Ihre Erinnerungen beginnen zu Anfang des 20. Jahrhunderts, als Iris und ihre jüngere Schwester Laura noch klein sind. Ihre Familie, die reich geworden ist mit der Herstellung von Knöpfen, hat ein feudales Haus, befindet sich hoch oben in der Gesellschaft, was hauptsächlich an der Großmutter liegt, und „stellt etwas dar“. Es gibt drei Söhne, von denen zwei im Ersten Weltkrieg fallen, und der dritte eine junge, verträumte Frau heiratet, mit seinem Kriegstrauma aber nicht fertig wird. Als die junge Frau stirbt, stehen er und seine Haushälterin, Reenie, alleine da mit zwei kleinen Mädchen, Iris und Laura. Der Vater ist kein guter Geschäftsmann, den Fabriken geht es schlechter und schlechter, und somit beginnt auch der soziale Abstieg der Familie.

Um die Mädchen und ihre Erziehung kümmert sich niemand, so dass Iris ein naives junges Mädchen ist, als ihr Vater sie, um die Fabriken und somit die Arbeitsplätze zu retten, an Richard Griffen, einen Fabrikanten, der das junge Mädchen als notwendiges gesellschaftliches Anhängsel sieht, verheiratet. Die junge Iris wird durch Griffens Schwester Winifred „gesellschaftstauglich“ gemacht, einen eigenen Willen zu haben ist ihr aber streng verboten. Derweil bleibt Laura bei Vater und Reenie, und entwickelt sich zu einer verträumten jungen Frau, die die Welt ein wenig anders sieht als andere Leute.

Als der Krieg vorbei ist und Kommunisten langsam zum Feindbild werden, helfen die beiden Mädchen dem linken Agitator Alex Thomas, der des Mordes verdächtigt wird. Laura verfällt seinem Charme und auch Iris kann sich diesem nicht entziehen. Als Iris dann viele Jahre später, am Ende des Zweiten Weltkriegs, die Nachricht von Alex`Tod erhält und Laura davon erzählt, bringt Laura sich um.  Ihre Hinterlassenschaft ist eine Geschichte, Der blinde Mörder, die von Iris postum veröffentlicht wird und aufgrund der freizügigen Szenen einen Skandal verursacht.  Daraufhin trennt sich Iris von ihrem Mann, was dieser, der eine politische Karriere verfolgt, ihr sehr übel nimmt, und im Endeffekt muss Iris`Tochter Aimée am meisten darunter leiden.

Der Roman ist wie ein Puzzle aufgebaut, man bekommt die Informationen nur stückweise und muss sie dann zusammensetzen. Kapitel aus „Der blinde Mörder“, Zeitungsausschnitte, Iris`Erzählungen ihres Lebenslaufs und des Jetzt ergeben nach und nach ein Gesamtbild, das mit jedem Teilchen komplexer wird und auf einmal die Frage aufwirft, ob wirklich alles so ist, wie man angenommen hat…

Ich bin schon seit Jahren eine große Verehrerin von Margaret Atwood. Ihr Schreibstil ist so fein, einfach, ruhig und dabei so eindringlich und klar, dass es mich jedes Mal wieder wegpustet. Der Report der Magd ist das bisher eindringlichste Werk, das ich von ihr las, aber auch Das Jahr der Flut hat mich nachhaltig mit intensiven Bildern und Gedanken versorgt. Der Blinde Mörder ist nun keine Dystopie wie die beiden anderen, sondern eine Mischung aus verschiedenen Genres, die mich auch sehr beeindruckt hat. Das Kanada des 20. Jahrhunderts, der Stand der Frau in den dreißiger Jahren, und die Entwicklung bis heute hin waren schon ungemein spannend. Aber die Intensität der Lebensbeichte einer alten Frau, die weiß, dass sie nicht mehr viel Zeit hat und unbedingt noch etwas ins Reine bringen möchte, hat mich umgehauen. Die Art und Weise, wie sie vom „Jetzt“ berichtet, wie sich langsam ihre Gebrechen bemerkbar machen, wie sie schwankt zwischen Verwunderung, Abwehr und Akzeptanz, das ist ein sehr intensives Stück Literatur. Aber auch die anderen Teile der Geschichte, Lauras ‚Roman‘ und die Lebensgeschichte von Iris und Laura, und die Teile, die so gekonnt ineinander greifen und den Leser zweifeln lassen, ob das, was er weiß, auch so geschehen ist, sind hervorragend.

Ich kann jedem nur empfehlen, Margaret Atwood zu lesen. Diese Frau schreibt ungemein intensiv und eindrücklich, dabei aber immer leicht und klar und verständlich, und sie lässt ihre Leser nachdenklich zurück. Für mich ist sie eine der größten Autorinnen und sollte sehr viel (mehr) Aufmerksamkeit erhalten. Ich bin froh, dass ich noch immer sehr viel von ihr zu entdecken habe und freue mich schon sehr darauf!

(Ihre Vorlesungen, die sie über das Schreiben hielt, Negotiating with the Dead: A Writer on Writing, sind ebenfalls sehr zu empfehlen!)

Hier ist noch ein Interview, das Denis Scheck mit der Autorin geführt hat.

Margaret Atwood: Der blinde Mörder. Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek.

Buch #42: Doris Lessing – Das goldene Notizbuch

Doris Lessing wurde 1919 als Doris May Tayler in Kermanschah (Iran) geboren. 1925 zog ihre Familie von Persien nach Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe, wo sie ein hartes Leben auf dem Land führte. Den Besuch der Klosterschule brach Doris Lessing im Alter von 14 Jahren ab. Sie hatte eine schwierige Kindheit, die sich in ihren Texten widerspiegelt. 1939 heiratete sie Frank Charles Wisdom, von dem sie 1943 geschieden wurde, und 1945 heiratete sie den deutschen Emigranten Gottfried Lessing, dessen Namen sie auch nach der Scheidung 1949 beibehielt.  Das goldene Notizbuch stammt aus dem Jahr 1962 und gilt gemeinhin als ihr Hauptwerk, auch wenn Doris Lessing selbst die Romane des Zyklus Canopus in Argos als ihr Hauptwerk bezeichnet. Sie erhielt zahlreiche Preise, darunter 2007 den Nobelpreis für Literatur.

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Das goldene Notizbuch beinhaltet eine Handlung auf mehreren Ebenen. Die Rahmenhandlung mit dem Titel „Ungebundene Frauen“ besteht aus fünf Teilen und erzählt die Geschichte der Schriftstellerin Anna Wulf. Sie ist geschieden und hat eine Tochter, ihre Freundin Molly, mit der sie zeitweise unter einem Dach lebt, ist ebenfalls geschieden und hat einen Sohn. Anna und Molly führen lange Gespräche über ihre Sicht der Welt und ihre Probleme als „ungebundene Frauen“, mit den Kindern, mit der Umgebung, mit den Ex-Ehemännern und mit den Männern, die sie kennenlernen. Anna hatte eine fünf Jahre währende Beziehung mit Michael, der sie verlassen hat, was sie nie ganz verwinden konnte. Die beiden Frauen leben in einer Welt, in der ungebundene Frauen gesellschaftlich nicht geachtet sind, aber diese Gesellschaft meiden sie größtenteils. Aber auch wenn sie nicht bereit sind, sich auf ein Leben als Ehefrau, als Anhängsel, als Haushälterin und Mutter einzulassen, ist ihre größte Hoffnung doch immer noch, den Mann zu finden, den Mann, der sie so nimmt, wie sie sind, und sie ihr eigenständiges Leben leben lassen.

Anna hat einen erfolgreichen Roman geschrieben über ihre Zeit in Afrika, als sie dort als junge Frau mit der Kommunistischen Partei versucht hat, dem Volk zu helfen. Dies ist ihr einziger Roman, sie leidet unter einer Schreibblockade. Diese rührt zum Teil daher, dass es ihr als Schriftstellerin unmöglich ist, eine Figur als komplexes Wesen mit all seinen Facetten darzustellen. Daher beginnt sie, vier Notizbücher zu führen. Jedes Notizbuch soll eine Facette ihrer Persönlichkeit behandeln. So will  sie sich selbst als Person in ihrer Ganzheit erfassen.

Das schwarze Notizbuch ist der Zeit in Afrika gewidmet, ihren Erlebnissen dort, die zu ihrem Roman „Frontiers of War“ geführt haben. Sie ist als  Mitglied einer Gruppe von Kommunisten damit beschäftigt, die Bevölkerung zu informieren, sie etwas zu „lehren“, sie in ihrer Entwicklung voranzubringen. Doch ist die Gruppe aus so unterschiedlichen Mitgliedern besetzt, dass allein ihre Dynamik Herausforderung genug ist. Der Rassismus sitzt tief in der Bevölkerung, und die Weißen durch die Unterstützung der Schwarzen aufzubringen, mündet letztendlich in einer Katastrophe. Aber nicht nur ihre Zeit in Afrika wird beschrieben, auch die Entwicklung nach dem Erscheinen des Romans und seine Rezeption werden erfasst.

Das rote Notizbuch erzählt von ihren Erfahrungen mit dem Kommunismus bzw. der Kommunistischen Partei. Für diese ist sie nicht nur in Afrika, auch zurück in London bleibt sie ihr treu, tritt sogar ein. Doch nach und nach beginnen Zweifel zu nagen, Zweifel an Russland, dem Mutterland des Kommunismus, Zweifel an der KP in England und Zweifel an ihrem Tun, an der Sinnhaftigkeit und daran, ob sie etwas bewirkt. Dazu kommt der Preis, den sie zahlen muss: der Kampf, ihren Idealismus angesichts der Geschehnisse in Russland und Afrika aufrecht zu erhalten, das wachsende Misstrauen der Bevölkerung gegen die Partei und ihre Mitglieder, und der geringer werdende Glauben an die Partei.

Das gelbe Notizbuch befasst sich mit Annas aktueller Arbeit als Schriftstellerin. Ihre Überlegungen und ihre Erlebnisse verarbeitet sie in einem Text über „Ella“, ihr Alter Ego. Ella lebt ebenfalls alleine, hat eine enge Freundin, im Gegensatz zu Anna einen Sohn (der den Namen von Annas großer Liebe, Michael, trägt), und im Grunde genommen hat sie die gleichen Probleme wie Anna.

Das blaue Notizbuch ist eine Art Tagebuch, über lange Strecken nur mit Zeitungsartikeln oder Überschriften beklebt. Es beinhaltet aber auch den Versuch, ihren Tagesablauf minutiös wiederzugeben, in der Hoffnung, das Erleben genau so darzustellen, wie es erlebt wurde. Es ist aber am Ende doch nur eine Aufzählung von Tätigkeiten, Tagesabläufen in all ihrer Banalität.

Der Versuch, ihre Persönlichkeit in ihre Facetten aufzuteilen, scheitert. Es ist Anna unmöglich, alles aufzunehmen, die Person als komplette und komplexe  Person darzustellen. Dazu kommt, dass sie einen Mann als Untermieter aufnimmt, der an einer gespaltenen Persönlichkeit leidet. Er ist quasi das, was sie in ihren Notizbüchern versucht hat zu erreichen. Sie wollte sich aufspalten, er ist aufgespalten, und mehr noch, er lebt jede dieser Persönlichkeiten voll aus. Das macht ihn kaputt, und es zerstört auch fast Anna. Sie sieht, dass die Notizbücher ihr Ziel nicht erreichen, und schließt alle mit einem dicken schwarzen Strich ab.

Nun lässt Anna wieder alle Handlungsstränge, alle Lebensbereiche, alle Persönlichkeiten zusammenfließen, im Goldenen Notizbuch. Sie wird wieder eine Person. Der Roman schließt dann mit dem letzten Teil von „Ungebundene Frauen“ ab.

Es ist also ein sehr komplexer Roman, der viele Aspekte abhandelt. Die verschiedenen Erzählebenen sind dazu da, die Schwierigkeit herauszuarbeiten, das Leben in seiner Komplexität zu beschreiben. Es finden sich viele Reflexionen darüber, wie schwierig dieser Vorgang ist. Aber dies ist nicht alles.

Der Roman wurde lange Zeit als Manifest für den Feminismus gebraucht, auch wenn Doris Lessing sich ausdrücklich dagegen wehrt, nur diese eine Sichtweise zu sehen. Allerdings beinhaltet er sehr ausdrücklich Frauenthemen, vom weiblichen Orgasmus über die Menstruation, von der Schwierigkeit, sich als Frau zu behaupten und das Leben zu leben, das man möchte, ohne in der Abhängigkeit eines Mannes zu sein, vielmehr mit ihm auf gleicher Höhe. Wie schwierig es manchmal ist, alleine zu sein, sich nicht auf einen faulen Kompromiss einzulassen, um diese Einsamkeit zu beenden. Oder wie man sich auf einen faulen Kompromiss einlässt, um von den Männern als „exotisches Wesen“ angesehen zu werden, eine Frau, die gut fürs Bett ist, die interessant und spannend ist, die man jedoch nicht in seinem Heim an seiner Seite haben möchte. Oder, wenn die Einsamkeit zu groß wird, oder man sich doch verliebt, die unglaubliche Einfachheit, mit der man sich selbst aufgibt, seine ganze Persönlichkeit dem Mann zu Füßen schmeißt, der, wenn er ihrer überdrüssig ist, sie mit eben diesen Füßen tritt.

Auch sucht Anna eine Psychiaterin auf, von der sie sich einerseits Hilfe erhofft, deren Hilfe sie aber auch immer wieder verweigert. Es ist ein Kampf zwischen diesen beiden Frauen, der den Kampf Annas mit sich selbst widerspiegelt, ihren Problemen, ihren Ängsten.

Dann wird auch noch das Feld der Politik behandelt, der Idealismus, der sich als hohl entpuppt, die Versuche, zu helfen, die im Nichts verlaufen. Auch hier findet eine lange Entwicklung statt, die ein wichtiger Teil von Annas Persönlichkeit ist.

Bestimmt habe ich jetzt noch einiges vergessen, aber das ganze ist auch so schon komplex genug. Aber jetzt kommt der Clou: ich habe mich unglaublich schwer getan mit dieser Rezension, da mir nicht gelingen wollte, diese Komplexität mit der Leichtigkeit von Doris Lessing wiederzugeben. Die über 800 Seiten sind nämlich in einer leichten und angenehmen Sprache verfasst, durch die Abgrenzung in die verschiedenen Ebenen behält man immer den Überblick, und Doris Lessing, die das Verfassen dieses Romans für sich selber als „eine Art Ausbildung“ beschrieben hat, die „ihr Denken über Literatur tief greifend und nachhaltig verändert hat“ (Nachwort, S. 839), vermag es, den Leser mit Leichtigkeit in den Bann zu ziehen. Dabei stellt sie ganz nebenbei essentielle Fragen, die mich noch jetzt grübeln lassen.

Der Roman spielt hauptsächlich in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, aber wieviel hat sich an der Rolle der Frau wirklich geändert? Wie viele Frauen haben immer noch lieber die Sicherheit, auch wenn sie dafür einen Kompromiss eingehen müssen? Wie viele Frauen warten nur darauf, weggeheiratet zu werden, und wie viele Männer wollen wegheiraten, aber trotzdem noch „Spaß“ haben?  Wie hat sich das Bild der Hausfrau und Mutter wirklich verändert, wo es doch so schön einfach ist, sie als „gering“ abzutun, weil sie nicht arbeiten, und die arbeitenden Frauen als „gering“, weil es ihnen so schwer gemacht wird, Hausfrau und Mutter zusätzlich zu sein? Wie sieht es mit dem Idealismus aus, dem Willen und dem Kampf, etwas zu verändern? Ist es eher möglich heutzutage, aktiv etwas zu tun, oder noch unmöglicher?

Es gibt noch eine Menge mehr Fragen, die ich aber jedem empfehlen möchte, für sich selbst herauszufinden, und sich selbst zu stellen. Mich hat dieser Roman umgehauen, ich habe es zugleich als tröstlich und verstörend empfunden, dass sich Frauen vor fünfzig Jahren, als die Emanzipation erst ins Rollen kam, die gleichen Fragen stellten wie ich es heute oft tue. Dass viele alleinstehenden Frauen als mindestens „merkwürdig“ angesehen werden, weil sie keine Kompromisse mit ihrem Leben eingehen. Ich schreibe und schreibe, und habe noch nicht einen Bruchteil dessen ergriffen, was ich eigentlich alles loswerden möchte. Daher nun nur noch die Empfehlung: lesen und etwas daraus lernen!

Doris Lessings Reaktion auf den Gewinn des Nobelpreises.

Doris Lessing: Das goldene Notizbuch. Aus dem Englischen von Iris Wagner.

Buch #41: Zadie Smith – Von der Schönheit

Zadie Smith wurde 1975 in einer Arbeitergegend in Nordlondon geboren, wo sie heute noch lebt. Ihre Mutter stammt aus Jamaica, ihr Vater war weißer Engländer. Ihr erster Roman, Zähne zeigen, erschien 2001 und wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, er war ein Bestseller. Von der Schönheit (On Beauty) ist ihr drittes Buch. Es wurde für den Man Booker Prize nominiert und sowohl mit dem Orange Prize for Fiction als auch dem Somerset Maugham Award ausgezeichnet.

„Und von allen Therapeuten, die sie im Lauf der Jahre in Anspruch genommen hatte, war es Byford, der sie einem Durchbruch am nächsten gebracht hatte. Denn eines war sicher: Claire Malcolm zerstörte ihr Leben eigenhändig, und das zwanghaft. (…) Zwanghaft sabotierte Claire jedes persönliche Glück. Irgendwie schien sie davon auszugehen, dass sie dieses Glück nicht verdiente. Die Howard-Episode war nur das letzte und augenfälligste Beispiel für die Grausamkeiten, die sie sich selbst zufügte. Man brauchte sich bloß den Zeitpunkt anzusehen. Endlich,  endlich hatte sie diesen wundervollen Engel, dieses Gottesgeschenk gefunden, nämlich Warren Crane (…).

Endlich, mit dreiundfünfzig. Und genau deshalb der ideale Zeitpunkt, ihr Leben wieder zu zerstören. Nur deshalb hatte sie die Affäre mit Howard Belsey begonnen, einem ihrer ältesten Freunde. (263/264)“

Claire spielt hier nur eine Nebenrolle, aber die Affäre mit Howard ist schließlich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Eigentlich sollte Howard Belsey ein glücklicher Mensch sein. Er stammt aus einer weißen Arbeiterfamilie in England und hat sich eigenständig hochgearbeitet. Nun ist er Dozent für Kunstgeschichte an der Uni in Wellington und genießt einen guten Ruf. Er hat zwar eine wissenschaftliche Fehde mit Montague (Monty) Kipps, aber diese sollte seine wissenschaftliche Arbeit eigentlich beleben und voranbringen.

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Howard ist seit dreißig Jahren glücklich verheiratet mit Kiki, einer jamaikanisch-stämmigen Amerikanerin, die Krankenschwester ist und eine moderne Frau, wenn sie sich auch ausdrücklich vom Feminismus distanziert. Als sie sich kennenlernten, war für Howard klar, dass sie die Frau für ihn ist. Sie haben drei Kinder miteinander, Jerome, Zora und Levi.

Doch als Jerome ins Ausland geht, genau genommen in Howards Heimat England, und dort bei der konservativen Familie Kipps bleibt, lernt er Victoria, Kippsens Tochter Vee, kennen und verliebt sich in sie. Doch Victoria entdeckt gerade erst sich selbst und ihre Sexualität, weswegen Jerome den Kürzeren zieht. Howard ist erleichtert – ausgerechnet die Tochter seines Erzfeindes!

Doch Howards Leben gerät ab hier in eine Abwärtsspirale. Seine Frau erfährt von seiner Affäre, die Kipps-Familie zieht in ihre Stadt, Monty Kipps bekommt einen Lehrstuhl an „seiner“ Uni und macht ihm, dem Liberalen, der sich für die Rechte der Schwarzen einsetzt, mit seiner konservativen Sturheit das Leben schwer. Dann fängt auch noch Zora an, Erfolg an der Uni zu haben und mehr im Unileben zu stehen als er selbst. Und sein Buch über Rembrandt hängt wie ein Phantom über seinem Kopf, obwohl alle inzwischen akzeptieren, dass er es wohl nie zu Ende führen wird.

Als die Kipps nach Wellington kommen, kommt die Katastrophe erst richtig ins Rollen. Kiki freundet sich mit Carlene, Mrs. Kipps, an und erfährt hier die Unterstützung und Freundschaft, die sie in ihrer Situation so dringend braucht. Howard hingegen freundet sich mit Vee an, doch diese Freundschaft steht unter keinem guten Stern…

Nicht zuletzt haben wir noch die Geschichte um Levi, der ein wenig außen vor ist in dieser Akademikerfamilie, und seinen eigenen Weg sucht. Er kämpft für seine Rechte bei seiner Arbeit in einem Music-Store, er lernt Menschen kennen, die nicht so privilegiert aufgewachsen sind wie er und versucht, ihnen zu helfen. Diese Menschen sind hauptsächlich Haitianer (man erinnere sich an die schrecklichen Bilder der Zerstörung nach den Wirbelstürmen und vor allem nach dem Erdbeben). Wie gesagt, Levi versucht zu helfen, doch in seiner Naivität wird auch dies nicht einfach durchzuführen sein…

Zadie Smith bedankt sich in einem Vorwort extra bei den Menschen, die ihr dabei geholfen haben, die Sprache der Jugend stilecht wiederzugeben. Hier liegt meiner Meinung nach der Schwachpunkt des Romans, da dies doch etwas gekünstelt herüberkommen muss. Ich denke, dass die Jugendsprache sehr komplex ist, und man daher immer nur einen Zufallstreffer landen kann. Dennoch bekommt man einen Eindruck davon, und Levi und seine Kumpels „hochdeutsch“ reden zu lassen, wäre wohl auch nicht angebracht.

Ansonsten bewegen wir uns im Intellektuellen-, im Akademikermilieu. Und wie die meisten wohl schon vermutet haben, ist hier lange nicht alles Gold, was glänzt. Jeder ist auf seinen Vorteil bedacht und neidisch auf seine Kollegen. Der eine hat ein größeres Büro, die andere mehr Studenten und der dritte sogar eine komplett verschiedene Meinung! Im Mikrokosmos der Uni wird daher intrigiert, hintergangen, gemauschelt und nur sein persönlicher Vorteil gesucht. Talentierte Studenten, die vielleicht unsicher sind, oder talentierte Nicht-Studenten, die eine Chance suchen, sind hierbei die Verlierer. Doch ob die Anderen gewinnen, ist eine andere Frage…

Mir hat der Roman gut gefallen, er lässt sich leicht und flüssig lesen, und Langeweile kommt keine auf, da die Handelnden doch recht oft abwechseln und so die Puzzleteile für die ganze Geschichte liefern. Erstaunt hat mich bei mir selber, dass ich manchmal dachte, man merke gut, dass eine Frau den Roman verfasst hat. Denn so wie von Männern verfasste Klischees über Frauen zwar heutzutage nicht mehr so ins Auge fallen, aber doch vorhanden sind, kommt auch Zadie Smith nicht daran vorbei, mit Klischees zu arbeiten, die hier jedoch hauptsächlich die Männer betreffen. Das ist interessant zu sehen, und ebenso, seine eigene Reaktion darauf zu beobachten.

Und was die Schönheit anbelangt: was ist diese Schönheit? Liegt die Schönheit an der Oberfläche, wie bei Victoria Kipps, die allen den Atem verschlägt? Oder liegt sie eher an der Einstellung, wie bei Zora, die einen festen Willen hat und ihren eigenen Weg geht, selbst wenn dies manchmal bedeutet, dass man nicht glücklich dabei wird? Oder liegt die Schönheit nicht vielmehr im Inneren einer Person, die genauso bleibt wie sie immer war, auch wenn die äußere Schale sich im Laufe der Zeit geändert hat?

Im Endeffekt war ich manchmal nicht ganz glücklich mit den Plattitüden, andererseits kommt ohne sie der satirische Effekt nicht zustande. Dieser stellt den Mikrokosmos hervorragend in seiner Absurdität heraus, und ich denke, das war die Intention der Autorin. Daher kann ich nur sagen: eine gut geschriebene Satire auf die Intellektuellenszene und die zwischenmenschlichen Beziehungen, in einer modernen Zeit und einer modernen Sprache. Wer so etwas gerne liest, sollte also unbedingt zu Von der Schönheit greifen, es lohnt sich!

Zadie Smith: Von der Schönheit. Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay.