Buch #46: Philip Roth – Verschwörung gegen Amerika

Philip Milton Roth wurde am 19. März 1933 in Newark, New Jersey, geboren. Er schreibt Romane, Essays und Erzählungen, und wird seit Jahren als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.

Roth schreibt größtenteils autobiographisch geprägte Werke, in denen er sich mit seiner jüdischen Herkunft, seiner Jugend in seiner Geburtsstadt Newark, seinen Wohnsitzen und seinen beiden Ehen befasst. Sein erstes Buch, Goodbye, Columbus, wurde positiv besprochen, zehn Jahre später schrieb er mit Portnoy`s Complaint einen Skandalroman. Später war die Figur des Nathan Zuckerman Protagonist in zwei Trilogien, am bekanntesten wohl in Der menschliche Makel, das mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle verfilmt wurde. Roth gab im Oktober 2012 bekannt, dass er sich vom Schreiben zurückziehe.

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In Verschwörung gegen Amerika beschreibt Roth seine Kindheit in seiner Geburtsstadt Newark. Doch verbindet er diese Autobiographie mit einem Setting, dass die Nazifizierung Amerikas als Hintergrund hat und sich dementsprechend anders darstellt als tatsächlich passiert. Norman Mailer hat hierfür den Begriff der „faction“ geprägt, eine Mischung aus „fact“ und „fiction“.

Wir beginnen mit den facts.  Es ist 1940, Philip Roth ist sieben Jahre alt und lebt mit seinen Eltern und seinem fünf Jahre älteren Bruder Sandy in Newark. Sie sind nicht reich, kommen aber gut über die Runden, da sein Vater einen Job als Versicherungsvertreter bei einer großen Firma hat. Roth erzählt aus seiner kindlichen Sicht (nicht jedoch mit einer kindlichen Stimme), wie sein wertvollster Besitz seine Briefmarkensammlung ist, dass sein Bruder einiges Zeichentalent besitzt, er beschreibt die Familienabende vor dem Radio, an denen sie gemeinsam die Sendung von Walter Winchell hören, einem Juden, der Millionen Hörer hat, und der kein Blatt vor den Mund nimmt. Sein Cousin, der früh verwaiste Alvin, macht sich auf, gegen die Nazis zu kämpfen. Er verpflichtet sich bei der kanadischen Armee und verschwindet erstmal aus Philips Leben.

Doch gleichzeitig wird die fiction hineingemischt. Denn im Roman ist im Juni 1940 Charles Lindbergh als Präsidentschaftskandidat für die Republikaner nominiert wurden. Lindbergh hat im Jahre 1938 den Deutschen Adlerorden verliehen bekommen, eine Goldmünze mit vier kleinen Hakenkreuzen, die Ausländern für Verdienste um das Deutsche Reich erhalten (fact). Vor diesem Hintergrund ist die jüdische Gemeinde in Newark natürlich sehr besorgt, vor allem nachdem Lindbergh sich in Island mit Hitler trifft und dort einen Nichtangriffspakt unterschreibt. Lindbergh hatte die Wahlen nämlich nur gewinnen können, da er sich vehement dafür eingesetzt hatte, Amerika aus jeglichem Krieg herauszuhalten. Für die Juden jedoch bedeutet dies, dass Hitler erstmal Ruhe mit Amerika haben will, um sich ihm später zuzuwenden.

Die Verwirrung ist groß, denn als zuerst einmal das Leben normal weitergeht, weiß niemand so recht, wie die Lage tatsächlich aussieht. Dann kommt Alvin nach Hause, er hat in der Normandie sein Bein verloren. Für Philip bekommt die Angst dadurch eine völlig neue Dimension, da er erstmals eine konkrete Folge sieht. Philips Mutter fängt an zu arbeiten, damit sie Geld für eine eventuelle Flucht beiseite legen kann. Philip ist unbeaufsichtigt, was einerseits bedeutet, dass er seine Welt durch Streifgänge vergrößert, andererseits ist er jedoch mit seinen Ängsten komplett allein.

Die Schwester seiner Mutter, Evelyn, lässt sich mit einem älteren Rabbiner ein, der ganz opportunistisch Lindbergh unterstützt, und quasi bei ihm ein- und ausgeht. Die Regierung richtet ein Programm ein, das jüdische Kinder in den Sommermonaten auf Farmen bringt, damit sie Neues kennenlernen und von zu Hause getrennt sind. Sandy hat Glück, er kommt zu einer netten Familie und fühlt sich sehr wohl, doch als er zurückkommt, ist er nicht mehr der Gleiche. Dann sollen Familien umgesiedelt werden, und als sein Vater seinen Job verliert, weil er sich weigert, und Philip seiner Tante vom ungeliebten Nachbarsjungen erzählt, der daraufhin tatsächlich umgesiedelt wird, ist er komplett verwirrt.

Dann geht Walter Winchell auf Sendung und spricht über die Umsiedelungen, will seine Zuhörer aufwecken, und beschwört einen Streit zwischen Alvin und Philips Vater herauf. Dies alles bringt Philip dazu, von zu Hause wegzulaufen, er denkt, wenn er anonym in ein Kloster gehe, könne ihn niemand wegen seiner Herkunft verurteilen. Der ungeliebte Nachbarsjunge rettet ihn, als er im Dunkeln von einem Pferd getreten wird, und zu allem Überfluß verliert er seine Briefmarken.

Walter Winchell verliert aufgrund der Sendung seinen Sponsor, und schließlich auch seinen Job als Moderator. Er kandidiert gegen Lindbergh. Und nun zeigt sich, was wirklich los ist: Pogrome brechen los, Krawalle in vielen Städten, ganz, wie man es aus Europa kennt. Viele Juden lassen ihr Leben, auch die Mutter des Nachbarjungen. Doch als Winchell getötet wird, und Lindbergh sich nicht dazu äußert, kommt die Frage auf, „Wo ist Lindbergh?“. Kümmert es ihn nicht, was in seinem Volk passiert? Läßt er die Leute sich einfach abschlachten? Oder ist er tatsächlich nicht mehr da?!

9783499240874Es ist ziemlich schwierig, ein solches Buch wiederzugeben, wie ich gerade bemerke. Dagegen war es eigentlich ziemlich einfach zu verstehen, grob weiß man ja, was damals los war, und deshalb auch, wo die Fakten aufhören und wo die Fiktion anfängt. Mir hat das Buch eigentlich ganz gut gefallen, da ich gerne solche Gedankenexperimente mag. Dennoch muss ich dann auch sagen, dass mir die Auflösung des Experiments nicht glaubhaft erschien, aber wahrscheinlich gab es nicht viele Wege, einen anderen Abschluss zu erreichen. Hm, vielleicht hätte er es dann überhaupt nicht auflösen sollen.

Ebenfalls war es einerseits schön, dass die Perspektive die des kleinen Jungen war, von Philip Roth selbst, dem der Verlust seiner Briefmarken auch heute noch sehr nahe gehen muss, der aber auch eine einzigartige Perspektive auf die damalige Zeit ist. Dann ist diese Perspektive durch den Blickwinkel natürlich auch wieder sehr beschränkt, man ist nie so ganz sicher, was sich jetzt in der Phantasie eines Kindes zu etwas ungeheurem aufbläht und was nicht.

Insgesamt kann ich sagen, dass es sich bei Verschwörung gegen Amerika um ein spannendes Gedankenexperiment handelt, das man durchaus einmal durchspielen kann, und das durch seine Nähe zu den tatsächlichen Geschehnissen zeigt, dass es vielleicht haarscharf war, dass es nicht anders verlaufen ist. Die Perspektive des Kindes und das Ende des Buches allerdings sind etwas schwach, aber das mag auch persönlicher Geschmack sein.

Am Ende des Buches hat Roth noch die Biographien einiger seiner handelnden Personen und einige Ausschnitte aus den Reden Lindberghs zusammengestellt, die das Verständnis erleichtern.

Philip Roth: Verschwörung gegen Amerika. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag. 431 Seiten.

 

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Buch #36: Thomas Pynchon – Die Enden der Parabel

Thomas Pynchon wurde 1937 auf Long Island, New York, geboren. Er studierte Physik und Englisch an der Cornell University und war ein Schüler Nabokovs. Nach Erscheinen seines ersten Romans, V., im Jahre 1963, schottete er sich vollkommen von der Außenwelt ab; er lebt irgendwo an der amerikanischen Westküste. Seit diesem Zeitpunkt sind seine Bücher die einzigen öffentlichen Spuren seiner Existenz. – Das finde ich ziemlich stark von Pynchon, wenn sein Werk draußen ist, kann er ja nichts mehr daran ändern, es liegt dann im Auge des Betrachters, liegt daran, was dieser daraus macht. Und Pynchon entzieht sich der ganzen Interpretiererei, indem er sich dem ganzen Literaturbetrieb entzieht. Er entlässt seine Bücher, und dann sind sie auf sich allein gestellt.-

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Die Enden der Parabel ist 1973 erschienen und gilt heute als Pynchons Opus Magnum. Magnum ist es auf jeden Fall, es umfasst 1200 kleinbedruckte Seiten in der Taschenbuchausgabe, und diese sind nicht so leicht zu verdauen – was man auch an der Zeit ersehen dürfte, die es mich gekostet hat, es mir einzuverleiben. Opus Magnum ist es aber auch in jeder anderen Hinsicht: Mehrere hundert Figuren treten auf, es gibt zahlreiche Handlungsstränge und Nebenschauplätze, chronologisch wird vor- und zurückgesprungen, es gibt Rückblenden in die Zeit der frühen Besiedlung Amerikas und Vorausblenden in die, ich schätze, 70er Jahre. Ihr seht schon, hier ist es nicht einfach, eine Handlung zu erzählen.

Deswegen will ich dies auch nur grob tun. Man könnte als Protagonisten den GI Tyrone Slothrop bezeichnen. Dieser wurde als Kind einer Pawlowschen Konditionierung unterzogen, aufgrund derer er, wenn eine Bombe sich nähert, eine Erektion bekommt. Die Handlung spielt zuerst in London gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, weswegen diese Eigenheit sehr nützlich sein konnte, und weiterhin in Deutschland nach Ende des Krieges. Hier sucht Slothrop nach den Gründen seiner Konditionierung, und nach einer bestimmten Rakete, der 00000, die ein Schwarzgerät birgt und von dem Slothrop sich erhofft, einige Antworten zu erfahren.

Hinter dieser Rakete und dem Schwarzgerät sind mehrere Personen her, ein russischer Offizier – Tschitscherin – ebenso wie ein deutscher SS-Mann – Blicero, der Herero (Angehöriger eines afrikanischen Stammes) Enzian und einige Nebenfiguren. Dann gibt es noch die niederländische Agentin Katje, die immer wieder auftaucht und in alles verstrickt zu sein scheint.

Von all diesen Figuren (und noch vielen mehr) werden Geschichten erzählt, persönliche, vor oder während des Krieges, Interaktionen zwischen den Figuren, kurze zufällige Treffen oder lange Vorausbestimmtes. Oft folgt man auch ihren Gedankengängen, die sich nicht selten im Nirgendwo verlieren. Oder es handelt sich um Drogenphantasien, oder manchmal auch Träume, von denen man nicht weiß, ob es sich um Realität oder einen Trip handelt.

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Die Darstellung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, die sogenannte Zone, beschreibt ein Land, das seiner Ordnung enthoben wurde und noch keine neue Ordnung gefunden hat. Jeder denkt an seinen Vorteil, ob es sich um die Schmugglerin handelt oder den Jungen, der sein Frettchen sucht. Drogen spielen eine sehr große Rolle, und Geschlechtsverkehr. Hier geht alles, was geht. Pynchon beschreibt Dinge, von denen ich jetzt eigentlich lieber hätte, sie wären meiner lebhaften Phantasie nicht zum Fraß vorgeworfen worden. Jeder mit jedem und jeder mit allem und alles ist möglich. Näher gehe ich nicht darauf ein, um die zarten Seelchen zu schonen, aber es ist teilweise schon harter Tobak.

Dieses Buch ist der reine Wahnwitz. Dies ist das erste Mal, das ich nicht so erfahrenen Lesern abraten möchte. Die Story ist unglaublich komplex, und man darf nicht zu sehr aus der Handlung kommen – was mir fast passiert wäre. Man braucht Zeit und Muße, und oft genug einen guten Magen. Hat man all dies, wird man für die Arbeit jedoch sehr belohnt. Pynchon bedient sich einer unglaublichen Sprache, in ein paar Worten schafft er es, Bilder heraufzubeschwören, die einem den Atem nehmen, gleich, ob im Positiven oder im Negativen. Er beschreibt Zustände, wie das schon kommentierte „Die Zivilisten sind jetzt draußen, die Uniformen innen.“, und trifft es mitten ins Mark. Ich habe sehr oft gedacht, Wahnsinn, wie macht der das bloß?!

Und dies nicht nur bei den Bildern, sondern im Grunde genommen bei dem ganzen Buch. Es ist mir unbegreiflich, wie jemand auf die Idee kommt, ein derartiges Buch zu schreiben, seine Leser derart zu bombadieren mit Personen, Handlungssträngen, Anekdoten, Einwürfen, Einschüben, Gedichten, Liedern, mit Anleihen aus der Wissenschaft, der Musik, der Technik, Religionen, Filme, Märchen und – Schweinen, die wohl Pynchons Lieblingstiere sind. Es ist eine Tour de Force, dieses Buch, und es fordert viel, aber wer sich mal auf einen genialen Trip begeben möchte, dem kann ich es nur ans Herz legen. Allerdings ist es auch ein Buch, das man wohl mehrmals lesen muss, denn vieles wird sich wohl erst nach und nach erschließen. Also, im Großen und Ganzen halte ich das Buch durchaus für lesenswert, aber es ist keine Lektüre zur Entspannung, die man nebenher liest, diese Buch möchte die ganze Aufmerksamkeit.

Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz

Buch #30: Neal Stephenson – Cryptonomicon

Ein 1200-Seiten-Wälzer mit vier Handlungssträngen auf zwei Zeitebenen… wow. Und dies ist nicht alles, es gibt zahlreiche Nebenhandlungen, die durchaus erwähnenswert wären, den Rahmen hier jedoch sprengen würden.

Die erste Zeitebene ist die des Zweiten Weltkriegs. Hier haben wir zum einen Lawrence Pritchard Waterhouse, einen genialen Mathematiker, der nach einigen Verwicklungen zu einem Geheimkommando kommt, das deutsche Kryptographiesysteme entschlüsselt. Dies sind hauptsächlich Funksprüche der Wehrmacht. Waterhouse ist ein Mensch, der mit anderen Menschen nicht allzu gut zurechtkommt, aber in der Welt der Mathematik ist er fast einzigartig. Es dauert allerdings einige Zeit, bis das festgestellt wird.

Ebenfalls auf merkwürdigem Wege, der ihn über Manila und die Philippinen führt, stößt Bobby Shaftoe, ein amerikanischer Corporal, zu dieser Truppe. Er entschlüsselt allerdings nicht, er führt geheime Missionen aus. Shaftoe ist eine Person, die man als Haudegen bezeichnen könnte; vor welche Probleme er auch immer gestellt wird, er geht sie unerschrocken an und stellt sich ihnen. Aber dies geht nicht immer unter Befolgung der „Befehle von oben“…

Zwei nicht ganz so ausführliche Handlungsstränge behandeln zum einen Enoch Root, einen Priester, der immer wieder in die Ereignisse verwickelt wird, und auch im späteren Zeitstrang wieder auftaucht. Und Goto Dengo, ein japanischer Soldat, der alles Elend des Krieges abbekommt und nach einer Odyssee, bei der fast zu ertrinken und dann anschließend fast von Kannibalen gegessen zu werden nur einige Stützpunkte sind, und der  schließlich ein geheimes Goldlager anlegen soll und wird.

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Der andere Handlungsstrang behandelt Ende der 90er Jahre hauptsächlich Randall (Randy) Lawrence Waterhouse, ein klassischer Nerd, Enkel von Lawrence Pritchard und in seinen bisherigen Unternehmungen nicht sehr erfolgreich. Zusammen mit seinem Freund Avi will er nun ein Projekt starten, das das Internet auf die Philippinen bringt.

Im Verlauf dessen trifft er auf Douglas McArthur Shaftoe (ja, Shaftoe) und dessen Tochter America (Amy), die die Leitungen verlegen sollen. Sie finden ein Unterseeboot aus dem Zweiten Weltkrieg und einiges an Material an Bord. Randy muss einige persönliche Entwicklungen durchmachen, wobei die schöne Amy nur eine Rolle spielt, der Verlust seines Hauses, ein Gang über Minen und ein Aufenthalt im Gefängnis ein paar weitere…

Langsam stellt sich heraus, dass es um viel Gold geht, um ein geheimes Goldlager, und dieses wollen natürlich einige für sich haben…

Verwirrt? Das kann ich mir vorstellen, ich war es auch manchmal. Aber weniger aufgrund der Handlung, da jedes Kapitel eine der Personen behandelt und man so leicht den Überblick behalten kann. Aber die Erklärungen zur Mathematik und Kryptographie haben mich doch teilweise überfordert – Mathe war nie meine Stärke. Gut, dass man die Handlung trotzdem nachvollziehen kann.

Und diese hat es in sich. Der Goldschatz ist eigentlich nur ein roter Faden. Was mich viel mehr beeindruckt hat, ist die Darstellung des Krieges. Man hat den Eindruck, dass ein Krieg nicht viel mehr ist als ein taktisches Gesellschaftsspiel. Die Spieler (für die Waterhouse tätig ist) bewegen ihre Figuren (zu denen Shaftoe gehört). Was genau all den Menschen passiert, über die sie so bestimmen, kommt gar nicht an sie heran. Sie sitzen quasi im Elfenbeinturm und spielen. Und da das so ist, wird das wohl nie aufhören, da die Verantwortlichen nicht wirklich verantwortlich sein müssen. Sie bewegen nur Züge, Schiffe, versuchen, die anderen zu überlisten… fürchterlich.

Und doch wird die Geschichte mich wohl so schnell nicht loslassen. Stephenson ist ein großartiger Erzähler. Natürlich, dies ist ein Roman, der weniger von seiner Sprache, als von seiner Handlung lebt. Aber diese Handlung ist unbedingt zu empfehlen! Stephenson erschafft ein Geflecht, das mal enger, mal lockerer gewebt ist, aber immer ein Ganzes ergibt.

Wenn Ihr eine kurzweilige Lektüre mögt, die den Zweiten Weltkrieg aus Sicht der Amerikaner erzählt (auch die Deutschen kommen natürlich vor, und zwar nicht nur als hirnlose Befehlsausführer, sondern als Menschen), kann ich Euch diesen Roman wirklich ans Herz legen. Gut, er ist ein Schinken, aber er wird nie langweilig, da die Haupthandlungsstränge schon interessant sind, aber durch die zahlreichen Nebenhandlungen auch immer wieder aufgelockert werden. Eine schöne Lektüre für einige dunkle Winterabende!

Hier geht es zu Stephensons Website, ich glaube, er hat noch einiges mehr zu bieten: http://www.nealstephenson.com

Buch #18: Michael Ondaatje – Der englische Patient

Ein Roman, der mit vielen Preisen, unter anderem dem Booker Prize, ausgezeichnet wurde. Die Verfilmung gewann neun Oscars, unter anderem für den besten Film. Ein großer Erfolg also, wohin man blickt. Und doch kann ich nur sagen: ich fand es wirklich langweilig.

Wir befinden uns in Italien, kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs, die deutschen Truppen sind schon abgezogen. Hier lebt Hana in einer ehemaligen Villa. Sie ist Kanadierin und Krankenschwester, hat sich freiwillig gemeldet und ist hier gestrandet. Sie kümmert sich um den „englischen Patienten“, der am ganzen Körper verbrannt ist und deswegen nicht bewegt werden kann.

Hana hat in diesem Krieg ein Kind verloren, und auch ihr Vater ist gestorben. Sie hat etliche Soldaten sterben sehen, und irgendwann hat sie sich vollkommen in sich selbst zurückgezogen. Der englische Patient – er kann sich nicht mehr an seinen Namen erinnern – besitzt eine Ausgabe von Herodot, in die er Notizen gemacht hat und Seiten aus anderen Büchern, die ihm gefallen, hineingeklebt hat. Bücher sind es dann auch, die eine Verbindung zwischen Hana und dem Engländer herstellen.

Seine Geschichte ist die Hauptgeschichte. Vor dem Krieg hat er versucht, die Wüste zu kartographieren, was ihm teilweise auch gelungen ist. Dann lernt er jedoch eine verheiratete Frau kennen und verliebt sich in sie, was nicht gut enden kann. Zu Hanna ist er gestoßen, weil er aus einem brennenden Flugzeug fiel, und die Wüstenvölker ihn am Leben erhielten.

Eines Tages stößt Caravaggio zu ihnen. Er ist ein Dieb, und hat sich früher in den Gesellschaftskreisen von Hanas Vater bewegt, sie kennen sich also. Caravaggio hat gegen die Deutschen gearbeitet und wichtige Dokumente gestohlen; daraufhin haben sie ihm beide Daumen abgeschnitten.

Der vierte im Bunde ist Kip. Dieser ist Inder und wurde von den Engländern dazu ausgebildet, Bomben zu entschärfen. Es wurden während des Krieges zig Bomben gebaut und alles wurde damit verwanzt, und im gleichen Maß wie sie lernten, sie zu entschärfen, wurden neue Varianten ersonnen. Kip befreit also die Villa und mit und mit die Umgebung von Bomben.

Die Vier, die auf so merkwürdige Art dort gestrandet sind, sind alle traumatisiert von dem, was sie erlebt haben. Sie sind hauptsächlich auf sich selbst fixiert. Das Zimmer des englischen Patienten wird allmählich aber zu einer Art Fixpunkt, an dem die Wege der Vier sich immer wieder kreuzen. Hauptsächlich, um herauszufinden, wer der verbrannte Fremde ist.

Und so kommen die unterschiedlichen Lebensgeschichten Stück für Stück ans Licht, langsam gewöhnt man sich aneinander und fängt an, sich zu einem gewissen Grad zu vertrauen. Es entspinnt sich sogar eine zarte Liebe zwischen Hana und Kip.  Und dann kommt der Tag, an dem sie die Nachricht über die  Atombomben erhalten…

Die Geschichte wird hauptsächlich aus der Retrospektive erzählt. Die Szenen, die tatsächlich im „Jetzt“ handeln, zeigen die Auswirkungen, die die langsam enthüllten Lebenswege auf die Figuren hatten. Hierbei hat der englische Patient den größten Anteil. Alles wird jedoch in einer ruhigen Art erzählt, wie ein langsamer Fluss, der immer gleich fließt. Das mag ich bei Geschichten nicht, ich habe gerne Abwechslung zwischen Phasen, in denen ruhig erzählt wird und denen, in denen eine Menge passiert.

Auch hier kommen wir wohl mal wieder an den Punkt der Geschmackssache. Es handelt sich um eine weitere Aufarbeitung des zweiten Weltkriegs, aus der Perspektive von vier Personen, die manchmal nicht ganz sicher sind, ob sie alles richtig gemacht haben, oder ob sie unfreiwillig dazu verholfen haben, weitere Kriegsschauplätze zu kreieren, oder für neue Konflikte zu sorgen.

Die Art, wie die vier Leben an diesem Punkt zusammengeführt werden, hat mir gefallen. Aber dass man ihnen quasi „aus der Nase ziehen muss“, was sie an diesen Punkt gebracht hat und warum sie alle mehr oder weniger resigniert haben, fand ich sehr anstrengend. Der immergleiche Sprachfluss hatte zwischenzeitlich etwas Einschläferndes auf mich.

Ich bin also nicht von dem Buch überzeugt, und werde mir vielleicht die Verfilmung ansehen, um herauszubekommen, was diesen Erfolg verursacht haben könnte.

Buch #9: Anna Seghers – Transit

Marseille 1940. Hier ist der Protagonist gestrandet. Frankreich ist noch unbesetzt bzw. rücken die Deutschen gerade vor, und der Hafen ist für viele die letzte Möglichkeit zur Flucht.

Nicht so für den Protagonisten. Er fühlt sich wohl in dieser Stadt, so wohl sich jemand fühlen kann, dem im Grunde genommen alles egal ist. Er hat in seiner Heimat einen SA-Jungen ins Gesicht geboxt, was ihn in ein Lager brachte. Von dort ist er mit einer handvoll Leute geflohen, die immer wieder seinen Weg kreuzen.Transit001

In Paris trifft er einen dieser Bekannten, der ihm einen Brief aushändigt mit der Bitte, diesen an einen Schriftsteller zu überbringen. Als er dort ankommt, erfährt er, dass dieser sich umgebracht hat. Er gelangt in den Besitz des Koffers des Schriftstellers, in dem ein unvollendetes Manuskript und seine Papiere für die Überfahrt nach Mexiko sind. Der Protagonist nimmt den Koffer mit. Über vielfältige Wege, die damals wohl nicht ungewöhnlich waren, ist er nun in Marseille gelandet.

Hier findet er Anschluß an eine kleine Familie, besonders der Sohn liegt ihm am Herzen. Ansonsten lässt er sich treiben, von einem Café ins andere, zum Hafen, hört sich die immer gleichen Geschichte an, von Schiffen, die kommen oder auch nicht, von Transits und Visa, Fahrkarten und dergleichen. Es sind immer andere Menschen, die sie erzählen, aber die Geschichten bleiben gleich.

Als er zum mexikanischen Konsulat geht, um den Koffer abzugeben, wird er dort für den toten Schriftsteller gehalten. Er lässt den Fehler auf sich beruhen und sich weiter treiben.

Doch eines Tages kommt eine Frau in eines der Cafés, augenscheinlich auf der Suche nach jemandem. Er sieht sie wieder und wieder, zu allen möglichen Zeiten in allen möglichen Cafés. Diese Frau rührt ihn an. Er beschließt, ihr zu folgen, doch verliert sie immer wieder aus den Augen.

Dann wird der kleine Junge krank und braucht einen Arzt. Der Protagonist holt einen deutschen Arzt, der auf seine Papiere für die Überfahrt wartet, herbei, und lässt den Jungen von ihm behandeln. Es stellt sich heraus, dass die mysteriöse Frau mit dem Arzt zusammen hier ist. Sie bitten ihn um Hilfe bei der Beschaffung der Papiere. Gewitzt, wie er ist, tut er dies auch.

Irgendwann wird ihm klar, dass die Frau, Marie, die Frau des toten Schriftstellers ist. Nach ihm ist sie auf der Suche, denn sie hat im Konsulat erfahren, dass auch er in der Stadt sei. Der Protagonist spielt daraufhin sein Spiel weiter, er will Marie retten, und erhält als der Schriftsteller schließlich alle nötigen Papiere, die ihm und „seiner Frau“ die Ausreise ermöglichen.

Aber wird er Marie gestehen, was er getan hat? Wird sie auf das Schiff gehen und mit ihm zusammen wegfahren? Das, liebe Leser, empfehle ich euch ganz dringend, selbst herauszufinden.

Es ist ein sehr eindringliches Buch. Der Protagonist hat alles verloren und scheut sich, sein Herz an etwas zu hängen, sei es an einen Ort, an einen Freund, oder an eine Frau. Er lässt alles geschehen und wartet ab. Es ist von viel Langeweile die Rede, Zeit, die einfach mit Warten verbracht wird, wobei niemand weiß, worauf gewartet wird oder sich zu warten lohnt.

Man erfährt nie den Namen des Protagonisten, was den Eindruck erweckt, er könne eine beliebige Person sein. Vielleicht ist er das auch, ich habe nicht genug Einblick in diese Zeit. Aber mit der Flucht aus Deutschland und dem anschließenden „Spiel“ als der Schriftsteller gibt er auch Teile seiner Identität auf. Vielleicht möchte er auch keine Identität als Deutscher mehr haben, weiß aber auch nicht so genau, was oder wer er sein möchte.

„Inzwischen näherte sich der Tag meiner endgültigen Voladung auf das Konsulat der Vereinigten Staaten. Ich war fest entschlossen, mir das Transit zu sichern. Für mich war das damals alles ein Spiel. Doch die Gesichter der Menschen, die in der Vorhalle warteten, um in die höhere Vorhalle hinaufgelassen zu werden, waren bleich vor Furcht und Hoffnung. Ich wußte, die heute mit mir vorgelassenen Männer und Frauen hatten ihr bestes Zeug geschont und gebürstet, sie hatten auch ihre Kinder zu gutem Verhalten ermahnt, als ob sie zur ersten Kommunion sollten. (…)

Ich aber, ganz elend von dem Transitgeflüster, ich staunte sehr, wenn ich derer gedachte, die in den Flammen der Bombardements und in den rasenden Einschlägen des Blitzkrieges zugrunde gegangen waren, zu Tausenden, zu Hunderttausenden, und viele waren daselbst auch zur Welt gekommen, ganz ohne Kenntnisnahme der Konsuln. Die waren keine Transitäre gewesen, keine Visenantragsteller. Die waren auch hier nicht zuständig. Und selbst wenn von diesen Unzuständigen einige sich bis hierher gerettet hatten, an Leib und Seele noch blutend, sich in dieses Haus hier doch noch geflüchtet hatten, was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“

(Anna Seghers: Transit, S. 132/133)

Anna_SeghersDie Langeweile findet ihre Entsprechung in der fast kafkaesk anmutenden Hetze nach den Papieren. Ohne Transit kein Visa, ohne Visa keine Fahrkarte, dann braucht man noch einen Schein, um in der Stadt bleiben zu dürfen, damit man sich die Papiere zusammensammeln kann, und einen, um die Stadt zu verlassen, ganz zu Schweigen von Schiffen, die dann nicht abfahren. Ist ein Schein abgelaufen, beginnt die ganze Sache von vorne, oder endet in einem Lager. Es ist verrückt, es ist zermürbend, und viele gehen daran (fast) zugrunde.

Die Frauen, die im Leben des Protagonisten eine Rolle spielen, werden alle beim Namen genannt. Sie scheinen also einen Eindruck auf ihn zu machen. Ein Freund, der sein Bein verlor und dem trotzdem die Flucht gelang, ebenso wie ein Mitflüchtling, der sich noch besser als der Protagonist durchfuchst, haben Namen. Die restlichen Personen haben beschreibende Namen, das Kapellmeisterlein, der Mittransitair, dergleichen. Sie sind Teil der ständig wechselnden und doch immer gleichen Masse an Flüchtlingen, sie sind austauschbar.

Wie man schon meinem vorherigen Artikel entnehmen kann, hat mich dieses Buch nicht kalt gelassen. Die Entwurzelung, nicht mehr zu wissen, wer man ist, die ständige Furcht auf der einen Seite und die vollkommene Abstumpfung auf der anderen, das alles ist schwer zu begreifen und doch so nachvollziehbar.

Ich möchte dieses schmale Buch jedem ans Herz legen, denn es ist auch noch sehr spannend geschrieben, ich konnte es kaum aus der Hand legen.