Buch #65: Charlotte Brontë – Jane Eyre

Meine lieben Leser,

ich verbrachte die letzten Wochen damit, der Geschichte eines jungen Mädchens bzw. einer jungen Frau zu folgen. Es handelt sich um die Autobiographie einer gewissen Jane Eyre, in der sie von ihrer Kindheit, Jugend und Zeit als junge Frau erzählt. Sie lebte in England, im 19. Jahrhundert, einer Zeit, in der Waisenkinder nicht viel Hoffnung auf eine gute Zukunft haben konnten, und in der die Konventionen so viel bedeuteten.jane-eyre

Ein Waisenkind, ja, Jane Eyre ist ein Waisenkind. Nach dem Tod ihrer Eltern wurde sie ins Haus ihres Onkels geholt, der ihr sehr zugetan war. Aber nach dessen Tod wandte sich ihr Leben in eine üble Richtung. Sie wurde nur als lästiges Übel betrachtet, ihr Cousin und ihre Cousinen, ebenso wie ihre Tante, machten sie für alles verantwortlich, und der einzige Trost waren ihr die Bücher.

Eines Tages eskaliert die Situation, und Jane wird fortgeschickt, auf ein Internat, auf dem sie letztlich zur Gouvernante ausgebildet werden soll. Voller Hoffnung macht Jane sich auf den Weg, schlimmer als bei der Tante kann es ja wohl nicht werden… aber weh, das Internat ist ein kaltes Haus, geleitet von einem religiös obsessiven Mann, der nichts von warmer Kleidung und genug Nahrung hält.

Aber Jane gewinnt Freunde, und ihr Schicksal wendet sich ein wenig. Als sie alt genug ist, nimmt sie eine Stelle an: Sie wird Gouvernante im Hause von Mister Rochester, einem Adligen, dem das Leben bisher auch nicht die Sonnenseiten gezeigt hat. Sie verlieben sich ineinander… doch diese Liebe steht unter keinem guten Stern. Es wird noch ein weiter Weg sein für Jane, und ob er sie jemals zu ihrem geliebten Mister Rochester führen wird, das sollte der Leser selbst herausfinden, und mit ihr gemeinsam die vielen Hindernisse angehen.

 

Als ich nach meiner Lektüre von Sturmhöhe die Diskussion verfolgte, die sich darum entspann, ob man lieber eben Sturmhöhe oder Jane Eyre mag, war ich schon sehr gespannt auf diese Lektüre. Und ich muss sagen, dass ich nicht enttäuscht wurde, auch wenn Jane Eyre doch um einiges umfangreicher ist.

Charlotte Brontë erzählt die Geschichte Janes aus deren Sicht, in Form einer Autobiographie. Sie reicht von Janes Kindheit bis zu ungefähr ihrem dreißigsten Lebensjahr, und erzählt ausführlich, was ihr alles widerfahren ist. Erwartet man aufgrund der Zeit, zu der der Roman verfasst wurde und in der er spielt, eine unbedarfte, naive, hilfsbedürftige, junge Frau in Jane Eyre, wird man schnell eines besseren belehrt. Keineswegs entspricht sie diesem Bild – sie geht erhobenen Hauptes durchs Leben und kämpft für ihr Recht. Und hat ihre ganz eigenen Gedanken und eine starke Meinung – Dinge, die von einer jungen Frau ihrer Zeit eher nicht erwartet wurden.

Sie setzt sich auch mit vielen Dingen auseinander, wichtig sind hier z.B. Klasse und soziale Stellung, exemplarisch an Jane, die der Unterschicht angehört, und Mister Rochester, einem Adligen. Wichtig ist auch die Religion, der Jane an mehreren Stellen begegnet und die sie immer wieder versucht, für sich zu vereinnahmen – auch hier kein einfacher Kampf für Jane. Aber am Wichtigsten ist doch die Selbstbestimmtheit, über die sie verfügt. Sie ist ein durchaus realistischer Mensch, nicht schön, nicht reizend und attraktiv, sondern dünn, unscheinbar, mit streng gescheiteltem Haar und anspruchslosen, aber ordentlichen Kleidern. Ihr Reiz beginnt, sobald sie den Mund aufmacht – Jane weiß, was sie kann, und ist oft ehrlich bis an die Schmerzgrenze, jedoch bringt ihr das den Respekt, den sie braucht, und ein Ansehen, das ihr Mut macht.

Ich kann mir vorstellen, dass das Buch bei Erscheinen ein kleiner Skandal war, das Porträt einer so selbstbewussten jungen Frau konnte nicht nach jedermanns Geschmack sein. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass Jane Eyre nun schon für viele Generationen von Frauen ein Vorbild war, dafür, was möglich ist, wenn man die Hoffnung nicht aufgibt und selbstbewusst ist.

In diesem Sinne stimme ich den meisten der Diskutanten darin zu, dass ich Jane Eyre der Sturmhöhe vorziehe, und rate denjenigen, die wie ich nicht vorher das Vergnügen hatten, unbedingt der Lektüre zu.

Charlotte Brontë: Jane Eyre. Aus dem Englischen neu übersetzt von Gottfried Röckelein. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1998. OA: Jane Eyre. An Autobiography. London 1847.654 Seiten.

charlotte-bronte

Bild: en.wikipedia.org

Charlotte Brontë wurde am 21. April 1816 in Thornton, Yorkshire, geboren. Sie begann schon im Kindesalter zu schreiben, ebenso wie ihre Geschwister Patrick, Emily Jane und Anne. Charlotte veröffentlichte hauptsächlich unter männlichen Pseudonymen, so erschien Jane Eyre unter dem Namen Currer Bell. Sie war selbst Lehrerin und Gouvernante, wollte eine Schule leiten, was mangels Schülern nicht umgesetzt wurde.1847 gelang ihr der literarische Durchbruch mit Jane Eyre. Nachdem sie zugab, den Roman verfasst zu haben, wurde sie in die literarischen Kreise in London eingeführt. 1854 heiratete sie Arthur Bell Nichols. Am Karsamstag, dem 31. März 1855, starb sie, vermutlich an Schwindsucht, in Haworth, Yorkshire. Ihr Fragment gebliebener Roman Emma erschien postum

Chad Harbach – Die Kunst des Feldspiels

„Genau das verlieh der Geschichte nämlich etwas Episches: Der Spieler, der Held, musste auf dem Weg zum finalen Triumph erst gehörig leiden. Schwartz wusste, dass die Leute es liebten zu leiden, solange das Leiden zu etwas führte. Alle Menschen litten. Das Entscheidende war, sich für eine Form des Leidens zu entscheiden.“ (183)

In Die Kunst des Feldspiels erzählt Chad Harbach das Aufeinander- und voneinander-Abprallen mehrerer Personen während der vier College-Jahre, die Henry Skrimshander am Westish College in der Nähe von Chicago, verbringt. Henry ist ein großes Baseballtalent, er spielt jedoch als Shortstop, welches nicht die glamouröseste Position ist, weswegen er auch nicht angeworben wurde. Bis eines Tages Mike Schwartz auf ihn aufmerksam wird und sein großes Talent erkennt. Mike leitet in die Wege, dass Henry nach Westish kommt und wird, obwohl nur ein Jahr weiter, sein Mentor.

Henrys Zimmergenosse ist der Buddha – Owen, schwul, belesen, mit einem Preis ausgezeichnet und auch Baseballspieler. Die beiden, obwohl grundverschieden, freunden sich an. Mit wem der Buddha sich noch anfreundet, ist der Zeit seines Lebens heterosexuelle Direktor des Colleges, Guert Affenlight. Dieser fand als junger Student – ebenfalls am Westish – ein verschollenes Manuskript von Herman Melville. Dies brachte ihm eine Karriere und dem College eine gewisse Berühmtheit ein.

Affenlights Tochter Pella, die noch als Schülerin weglief und einen älteren Mann heiratete, kommt zu Affenlight zurück. Sie will sich aus ihrer unglücklichen Ehe lösen und ein neues Leben aufbauen – Studium, neuer Freund – aber auch sie kämpft mit ihren Grenzen.

Die Kunst des Feldspiels beschreibt die Höhen und Tiefen der verschiedenen Lebensläufe. Fünf vollkommen unterschiedliche Personen treffen aufeinander, manchmal intensiver, manchmal nur am Rande. Und doch hängen alle Schicksale zusammen, gerät eines ins Wanken, verlieren auch die anderen die Balance.

Hier sind keine „Helden“ beschrieben, sondern Lebensläufe, die heute aus dem Leben gegriffen scheinen. Es gibt Höhen, doch der Fall danach ist umso tiefer. Licht und Schatten, Erfolg und Misserfolg, Kampf und Kapitulation, viele Themen werden geschickt aufgegriffen und miteinander verwoben. Dass Baseball, ein Sport, der hierzulande nicht allzu geläufig ist, den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte bildet, stört hierbei überhaupt nicht. Auch wenn man nicht genau weiß, was die Sportler gerade tun, die Spannung und Dramatik kommen beim Leser an, man fiebert und leidet mit den Figuren mit.

Ich möchte der lieben Bingereaderin danken, dass sie mich auf dieses Buch aufmerksam machte – ich wäre wohl daran vorbei gegangen. Und dann könnte ich kein Loblied auf diesen Roman singen, der für mich jetzt schon ein Highlight in diesem Jahr ist. Ich habe lange keinen so intensiven Roman mehr gelesen, der die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, der Erfolge und Misserfolge, denen man sich im Leben stellen muss, so eindringlich behandelt. Aber nicht nur das, auch schon scheinbar „eingefahrene“ Lebensläufe werden thematisiert, Wendungen, die sich spät im Leben ereignen und mit denen man umgehen lernen muss.

Hier sind Lebensläufe, die krumm und schief sind, sich nach vorne und rückwärts winden, die schmerzhaft sind, und doch ihre wundervollen Momente haben. Es sind Figuren, die kämpfen müssen, und ich als Leser habe mich verstanden und geachtet gefühlt, weil hier einer schreibt, der weiß, wie Leben ist, und der sich und seinen Lesern keine Träumereien und Illusionen aufbürdet. Dabei hat er ganz charmante Figuren geschaffen mit denen man sich identifizieren kann und die man ins Herz schließt.

Ich weiß, Literatur soll einen in andere Welten führen und neue Perspektiven eröffnen. Aber manchmal ist es auch ganz hervorragend, von „normalen“ Menschen zu lesen, deren Lebensläufe dem eigenen ähnlich sind, und die trotzdem keine Millisekunde langweilen. Eine absolute Empfehlung für diesen Roman (auch wenn ich Baseball immer noch nicht verstanden habe)!

Foto: wikipedia.deChad Harbach wurde 1975 in Racine, Wisconsin, geboren. Er studierte Journalistik in Harvard und machte seinen Master an der University of Virginia. Mit mehreren Autoren und Journalisten gründete er die Literaturzeitschrift n + 1. Die Kunst des Feldspiels ist sein Debütroman, mit dem er viele Erfolge feierte.

Eine weitere Besprechung findet man bei Mara auf Buzzaldrins.

Chad Harbach: Die Kunst des Feldspiels. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner und Johann Christoph Maass. DuMont Buchverlag, Köln. 2013. OA: The Art of Fielding. Little, Brown and Company, New York. 2011. 606 Seiten.

Nederlandstalig! Connie Palmen – Die Gesetze

flagge„Ich war nicht auf der Suche nach Liebe. Ich suchte die Gesetze.“ (236)

Das realisiert Marie, die in diesem Roman die Geschichte ihres Studiums und damit die Geschichte von sieben Männern erzählt, die in dieser Zeit wichtig in ihrem Leben waren. Sie stammt aus einem kleinen Dorf, ist katholisch aufgewachsen, und als sie herausfand, dass man auch nicht an Gott glauben kann, und sie – als Mädchen – intelligenter als die meisten Anderen ist, ändert sich ihre Weltsicht drastisch. Von nun an versucht sie herauszufinden, wie die Welt funktioniert und was ihr Platz in ihr ist.die gesetze

Als erstes begegnet sie dem Astrologen, der ihr Horoskop erstellt und versucht, über die Konstellation der Sterne Aussagen über ihre Persönlichkeit und ihr Leben zu machen. Er selbst hat sein ganzes Leben den Sternen untergeordnet, was ihn meistens wahnsinnig erscheinen lässt, auch für Marie, aber eine gewisse Faszination kann sie nicht absprechen, scheint er doch genau zu wissen, was er zu tun und zu glauben hat. Aber sie versteht nie so ganz, worauf er hinaus will, und ihre anfängliche Hoffnung, einen Plan fürs Leben zu erfahren, löst sich in Luft auf.

Dann trifft sie den Epileptiker, den Philosophen, den Priester, den Physiker, den Künstler und den Psychiater. All diese Männer sind grundverschieden. Aber jeder dieser Männer hat sich seine besondere Weltsicht aufgebaut, und lässt sie daran teilhaben, und sie hört zu und lernt. Aber auch wenn die Männer glauben, die Antworten gefunden zu haben, ist es doch immer etwas anderes für Marie.

Der Roman besteht aus sieben Kapiteln, jedes Kapitel ist einem dieser Männer zugeordnet und erzählt von der Begegnung mit ihm und seiner „Wahrheit“. Marie ist unsicher, aber wissensdurstig, und so sind diese Begegnungen meist sehr intensiv. Sie geben Stückchen für Stückchen Maries Persönlichkeit wider, und zeigen ihre Entwicklung auf. Ist es da nur konsequent, dass der letzte der Psychiater ist? Das möge jeder selbst herausfinden.

Ich habe Die Gesetze schon einmal mit Anfang zwanzig gelesen, und war jetzt sehr gespannt, wie ich es heute empfinden würde. Damals hat der Roman mich nämlich aus den Socken gehauen. Und auch dieses mal hat er mich wieder beeindruckt, wenn auch auf eine andere Art und Weise. Ich habe meine eigene Reise unternommen und Begegnungen gehabt, aber so wie ich damals hoffte, ähnliche Menschen kennenzulernen und ähnliche  Gespräche zu führen und eine Entwicklung zu machen, so muss ich heute sagen: in Ermangelung solcher Menschen habe ich meistens die Bücher zu Rate gezogen.

Und so ist dieses solch ein Buch für mich, das mich wie mit einem Holzhammer mit Erkenntnissen und Gedanken auf den Kopf haut.  Ja, es sind auch Banalitäten darunter, oder sie mögen so scheinen, da sie für mich offensichtlich sind, und für andere nicht, ebenso wie es andersherum sein mag. Es regt zum Nachdenken an, und das Checken und Überdenken seiner Weltsicht kann ja gerade dieser Tage nicht schaden. Wie dem auch sei, ich denke, ob man etwas daraus mitnimmt oder nicht, hängt sehr von der Persönlichkeit des Lesers ab.

Auf jeden Fall ist es äußerst amüsant geschrieben, denn nicht alle Begegnungen sind so, wie man es erwarten würde. Es ist ein Entwicklungsroman, und wie in jeder Entwicklung läuft nicht immer alles glatt, was manchmal zu sehr bizarren Situationen führt. Also, selbst wenn man sich nicht personifizieren kann, bereitet dieser Roman meiner Meinung nach viel Lesefreude. Und man setzt sich mit seinem eigenen Weg und Weltbild auseinander, was ja nie schaden kann. Und ist dann eine Station auf der Selbstwerdung, denn meiner Meinung nach hört dieser Weg erst auf, wenn man das Atmen drangibt.

Bild: diogenes.ch

Connie Palmen, kompletter Name Aldegonda Petronella Huberta Maria Palmen, wurde am 25. November 1955 in Sint Odilienberg in Limburg geboren. Sie studierte Philosophie und Niederländische Literatur, ihre Abschlussarbeit widmete sich dem Autor Cees Nooteboom. Ihr Debütroman De Wetten – Die Gesetze war sehr erfolgreich, sowohl in den Niederlanden als auch international. Für den nächsten Roman, De Vriendschap – Die Freundschaft, erhielt sie den AKO Literatuurprijs. Von 1991 bis zu seinem Tod 1995 war sie mit Ischa Meijer, einem Journalisten, Schriftsteller und Talkmaster, liiert. Darüber schrieb sie I.M. – auf deutsch I.M Ischa Meijer – In Margine, In Memoriam, das die Beziehung und den plötzlichen Tod verarbeitet. Connie Palmen lebt in Amsterdam.

Connie Palmen: Die Gesetze. Aus dem Niederländischen von Barbara Heller. Diogenes Verlag, 1993. OA: De Wetten. Prometheus, Amsterdam, 1991. 247 Seiten.

Haruki Murakami – Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Tsukura Tazaki ist 36 Jahre alt, ledig, ein Einzelgänger. Er baut Bahnhöfe, was sein Traumberuf ist, aber das ist die einzige Erfüllung, die er in seinem Leben hat. Dann lernt er Sara kennen, und aus einem Flirt könnte mehr werden. Würde Sara nicht spüren, dass etwas auf Tazakis Seele lastet, das sein Leben beeinflusst und sie auf Distanz hält. Sie rät ihm dazu, sich damit auseinanderzusetzen.pilgerjahre

Und dies tut Tazaki. Es begann damit, dass er in seiner Schulzeit Teil einer Fünfergruppe war, drei Jungs, zwei Mädchen, die sich vorstellten, in kompletter Harmonie miteinander zu sein. Dies schloss jede sexuelle Komponente aus, da dies die Harmonie gestört hätte. Doch Tsukura Tazaki hielt sich schon damals für einen Außenseiter, da jeder der vier anderen eine Farbe im Namen hatte, sein Name jedoch „etwas bauen, schaffen“ bedeutet. So sah er sich als das farblose Element der Gruppe, zwar Teil von ihr, aber nicht so leuchtend wie die anderen.

Als die Schulzeit zu Ende geht, hat er nur einen Berufswunsch: Bahnhöfe zu bauen. Für das Studium muss er nach Tokio ziehen und die Gruppe zurücklassen. Er hält jedoch weiterhin so engen Kontakt wie möglich, fährt zu jeder Gelegenheit nach Hause und baut auch an der Universität keine Kontakte oder Freundschaften auf, da er ja die perfekten Freundschaften hat.

Bis er eines Tages nach Hause kommt und keiner seiner Freunde Zeit für ihn hat. Dies kommt ihm merkwürdig vor, und nach einiger Zeit verdichtet sich sein schlechtes Gefühl. Einer der vier sagt ihm schließlich, dass sie den Kontakt zu ihm abbrechen, nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen.

Tazaki ist wie vor den Kopf gestoßen, innerlich gelähmt, zu keiner Reaktion fähig. Ein halbes Jahr schwebt er am Rand des Selbstmords, verändert sich seelisch wie körperlich. Dann nimmt er sein Leben wieder auf, zu dem nun keine anderen Personen mehr gehören. Er hält sich an der Routine fest und macht weiter.

Er lernt neue Leute kennen, auch Frauen, aber nichts ist von Dauer. Alle machen einen Zwischenhalt in seinem Leben, aber alle reisen sie nach einiger Zeit weiter. Bis Sara da ist, die bleiben möchte, aber nur, wenn er sich seiner Vergangenheit stellt. Und so fährt Tazaki in seine Heimatstadt und trifft sich mit dem ersten seiner früheren Freunde. Und erfährt Erstaunliches.  Ebenso vom Zweiten. Und dann muss er noch eine weite Reise antreten, um die Dinge wirklich verstehen zu können. Und sich darüber klar werden zu können, ob er Sara in seinem Leben behalten möchte.

Ihr wisst es alle, Murakami ist mein Lieblingsautor. Ich liebe seine Welten, und fühle mich geborgen, sobald ich eines seiner Bücher aufschlage. Seine Figuren sind mir nah, oft frage ich mich, wie er wissen kann, wie ich mich fühle. Aber es gibt wohl genug dieser Figuren auf der Welt. Nun hat er mit dem farblosen Herrn Tazaki eine weitere dieser Figuren geschaffen, und auch mit ihm fühlte ich mich wieder verbunden.

Dennoch ging mir diese Geschichte nicht so nah wie etwa das Hardboiled Wonderland, der Tanz mit dem Schafsmann oder ja, auch 1Q84. Mir fehlte der magische Realismus, die andere Ebene, die Murakami sonst in seine Werke einflicht, die die Welt irrealer, surrealer und damit manchmal realer werden lässt. Bis auf die Geschichte vom Vater seines Freundes – von der ich gerne mehr gehört hätte -, war es eine ganz normale Erzählung. Dies fordert mich zwar nun heraus, das Buch an Personen weiterzugeben, die nichts mit der „anderen Ebene“ anfangen können, aber trotzdem mal in Murakamis Stil eintauchen sollen, aber zu meinen persönlichen Favoriten von ihm gehört es leider nicht. (Was nicht bedeutet, dass es nicht immer noch weit über so manch anderem Roman steht.)

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Buchverlag Köln. OA: 2013, DA 2014. 318 Seiten.

Weitere Rezensionen:  Mister Aufziehvogel und 1Q84

Und dann gab es noch die tolle Aktion der Klappentexterin, die im Rahmen von „Talking about Haruki Murakami“ die Übersetzerin Ursula Gräfe interviewte und mit einigen anderen Personen über Murakami sprach.

Buch #57: John Irving – Gottes Werk und Teufels Beitrag

„Gute Nacht, ihr Prinzen von Maine, ihr Könige Neuenglands!“ Diesen Satz sagt Wilbur Larch seinen Waisenkindern, nachdem er ihnen aus Charles Dickens vorgelesen hat und bevor er das Licht ausmacht. Ein allabendliches Ritual, damit die Kinder ein festes Gefüge, eine Routine kennen lernen.

Wilbur Larch ist Arzt, Gynäkologe, in wohl einem der trostlosesten Käffer der Welt, St. Cloud`s. Dies ist eine ehemalige Sägewerksstadt, die, nachdem alle Bäume abgeholzt waren, die Sägemühle verlegt und St. Cloud`s mit Unmengen an Sägemehlstaub und verrottenden Hütten zurückgelassen hat. Und dem Waisenhaus, für das Wilbur Larch verantwortlich ist, gemeinsam mit Schwester Angela und Schwester Edna. Während seines Studiums hatte Larch eine unangenehme Begegnung mit dem anderen Geschlecht, die darin resultierte, dass er gebeten wurde, eine Abtreibung durchzuführen. Er weigerte sich, und die Frau starb. Das führte Larch zum Äther, und zu der Überlegung, dass jede Frau selbst über ihr Schicksal entscheiden solle, er werde ihr nicht im Weg stehen.

Und so kommen täglich Frauen in dieses Kaff, Frauen, die eine Abtreibung wollen, und Frauen, die ihre dicken Bäuche im Waisenhaus lassen. Einer von diesen Bäuchen enthielt Homer Wells. Homer wächst in St. Cloud`s auf, hat aber mehrere Familien, die ihn adoptieren wollen. Doch aus irgendeinem Grund klappt es nie, und Homer bleibt in St. Cloud`s. Als er größer wird, bekommt er mehr Aufgaben, und irgendwann wird er Larchs Assistent.

Doch Homer kann sich mit „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ nicht anfreunden. Er sieht Abtreibung als Mord, und hilft nur bei den Geburten. Dann kommen eines Tages Wally und Candy, ein junges verliebtes Paar, denen ein Fehler unterlaufen ist. Homer wird mit ihnen zur Apfelfarm von Wallys Eltern fahren, wo er mit und mit immer mehr Aufgaben übernimmt. Er ist in Candy verliebt, doch sie kann sich nicht zwischen den beiden Männern entscheiden. Dann kommt der Vietnam-Krieg, und eine Reihe von Verstrickungen nimmt ihren Anfang…

Homer war immer einsam in St. Cloud`s, war er doch der Älteste, bis auf Melony, was die beiden zusammenschweißt, zu einem innigen, aber fatalen Verhältnis. So öffnet sich für Homer die Welt, als er St. Cloud`s verlässt, und für Melony die Hölle. Sie beschließt, ihn zu suchen, und ruht nicht eher, bis sie ihn wieder hat.

Am Härtesten trifft es jedoch Wilbur Larch. Er ist für Homer wie ein Vater, Homer für ihn wie ein Sohn. Er wollte, dass Homer irgendwann die Klinik und das Waisenhaus übernimmt, es weiterführt, und nun hat Homer sich gegen ihn und sein Lebenswerk entschieden. Hinzu kommt, dass Abtreibungen illegal waren, und ihm das Gesetz bzw. das Vorstandskomitee der Klinik ständig im Nacken sitzt. Und so ersinnt Wilbur Larch einen Plan, der ihn Jahre kostet, aber vielleicht wird es Homer am Ende zu ihm zurückbringen?

Es gibt ein paar Schriftsteller, deren Bücher so wertvoll für mich sind, dass ich vielleicht eines im Jahr lese, damit ich länger davon habe. Dazu gehört Margaret Atwood, dazu gehört Haruki Murakami, und ja, dazu gehört John Irving. Ich weiß, dass auch er einer von denen ist, die die Lesergemeinschaft teilen, die einen lieben ihn, die anderen können nichts mit ihm anfangen. Nun, ich liebe ihn.

Irving hat seine Themen, Bären, Sport, Prostituierte, aber hier sind es Menschen, die Verluste erfahren, und Beziehungen, die schwierig verlaufen. Und wieder erzählt er in seinem ruhigen Ton von der Tragik des Lebens, findet die richtigen Worte, den Schmerz zu umschreiben, aber ihn doch als Teil des Lebens erscheinen zu lassen, der einen nicht umbringt. Irvings Charaktere haben es nicht leicht, und doch möchte man an ihrer Seite sein, alles mit ihnen durchstehen, und ab und an sagen, dass alles gut werde.

Was es nicht unbedingt tut bei Irving. Manchmal wird es gut, meistens nicht. Wie im richtigen Leben. Und doch verzweifeln seine Figuren meistens nicht, sie nehmen, was sie haben, und gehen von dort aus weiter. Und der Leser klebt an den Seiten fest, muss sie halten, mit den Augen verfolgen, sie umblättern, atemlos, weil die Figuren ihm in kürzester Zeit so nahe stehen wie sein Bein. Und das schafft Irving, immer und immer wieder, und deswegen sind seine Bücher rare Schätze für mich.

Bild: john-irving.com

Bild: john-irving.com

John Irving wurde am 2. März 1942 in Exeter, New Hampshire, geboren. Mit 14 begann er zu ringen und zu schreiben. Er litt unter Legasthenie, weswegen ihm das Ringen und die dazu nötige Disziplin sehr weiterhalfen. Er studierte englische Literatur und verbrachte u.a. zwei Semester in Wien, ein häufig wiederkehrendes Motiv in seinem Werk. Seinen Durchbruch schaffte er 1978 mit „Garp und wie er die Welt sah“, seitdem widmet er sich hauptberuflich dem Schreiben. Er schrieb das Drehbuch für „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ und gewann dafür einen Oscar. Heute lebt er in Vermont und Toronto.

Margaret Atwood – Die Geschichte von Zeb

Dritter Teil der MaddAddam-Trilogie

Im dritten Teil wendet sich Margaret Atwood sowohl einem Teil der Vorgeschichte als auch den Auswirkungen der „Großen Flut“ zu. Die Vorgeschichte ist die Geschichte von Zeb, sie erzählt von seiner Kindheit und wie es kam, dass er Teil der MadAddamiten-Gruppe ist. Die andere Geschichte ist die des weiteren Überlebenskampfs der restlichen Verbliebenen.

zebEinige der übriggebliebenen Menschen haben sich eine Zuflucht aufgebaut. Dort kämpfen sie ums tägliche Überleben, was ein wenig vereinfacht wird durch die Erfahrungen, die die ehemaligen Gottesgärtner mitbringen. So ist das Leben zwar schwer, aber zu bewältigen. Auch die Craker sind bei ihnen, sie sind besorgt um Schneemensch-Jimmy, der schwerverletzt ist und sowohl von Toby als auch von den Crakern gepflegt wird.

Feinde sind die allgegenwärtigen Organschweine, die den Garten verwüsten und bei Gelegenheit auch Menschen angreifen und essen. Und dann sind da noch die ehemaligen Painballer, die jedes menschliche Attribut verloren haben und nur auf Rache und Zerstörung aus sind.

Da Schneemensch-Jimmy verletzt ist, übernimmt Toby die Aufgabe, den Crakern von Crake und Oryx zu erzählen, und auch von der Welt im Allgemeinen. Sie verstehen oft nicht, was Toby meint, vor allem, wenn von Gewalt, Hass und Tod die Rede ist. Doch mit der Zeit nehmen sie Toby als Quelle des Wissens an. Und so wird Zebs Geschichte erzählt, zuerst von Zeb an Toby, die seine „Gefährtin“ wird, und dann von Toby an die Craker, die Zeb nun ebenfalls als eine Art von Prophet und Beschützer ansehen, dies nicht zuletzt, weil er der Bruder von Adam ist, dem Gründer der Gottesgärtner.

In diesen Erzählungen kommt eine Welt zum Vorschein, die praktisch nur noch den Kampf jedes Einzelnen für sich kennt. Geld und Überleben, das sind die Werte, die zählen. Einmal mehr wird offensichtlich, was Crake getrieben haben mag. Äußerst großartig ist Atwoods Coup, Adams und Zebs Vater als „Hochwürden“ darzustellen, das Oberhaupt der Kirche „Church of PetrOleum“, einer Sekte, die dem Öl huldigt.

„Sie dankten dem Allmächtigen, dass er die Welt mit CO2-Ausstößen und Giftstoffen gesegnet hatte, richteten den Blick gen Himmel, als wenn das Benzin von oben käme, und sahen dabei höllisch gottgefällig aus. […] Hochwürden hatte sich eine Theologie zurechtgezimmert, um möglichst effektiv die Kohle einzustreichen. Natürlich hatte er das Ganze auf der Bibel gegründet. Matthäus 16,18: ‚Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich bauen meine Gemeinde.‘ […] Es ist keine höhere Mathematik, hat Hochwürden immer gesagt, dahinterzukommen, dass Petrus das lateinische Wort für Stein ist und dass ich die wirkliche und wahre Bedeutung von ‚Peter‘ auf ‚Petroleum‘ bezieht oder dass Öl aus dem Stein kommt.'“ (146/147)

Man könnte sich totlachen, würde einem dieses Lachen nicht im Halse steckenbleiben angesichts Hochwürdens Erfolg. Und dies ist nur ein Beispiel für die Welt, wie sie nun ist. Und all diese Beispiele, so grotesk sie auf den ersten Blick scheinen, wirken beim zweiten Blick nicht mehr so abwegig, was die Lektüre oft sehr beklemmend macht.

Doch so hart das Leben nun, nach der großen Flut auch ist, es gibt doch auch Positives. Die Menschen sind gewungen, sich zu arrangieren. Zum einen mit den Crakern, was trotz der Verständnisschwierigkeiten recht gut gelingt, vor allem durch Einfühlung, vor allem von Toby. Einer der Craker, Blackbeard, ein kleiner Junge, hat besondere Zuneigung zu ihr gefasst, und vermittelt viel Vertändnis zwischen den beiden Gruppen.

Doch da sind immer noch die Painballer, die permanent wie eine zusätzliche Bedrohung über ihren Köpfen schwebt. Hier bekommen sie Hilfe von unerwarteter Seite: die Organschweine, mit denen unter anderem Hirnmasse für Menschen gezüchtet wurde und die deshalb ziemlich intelligent sind, bitten die Menschen um Hilfe, denn auch ihnen haben die Painballer zugesetzt. Und so kommt es zu einer außergewöhnlichen Allianz, auch hier unter Vermittlung der Craker.

Ich weiß gar nicht so recht, wie anfangen soll, über dies Buch zu urteilen. Zuerst einmal: ja, es ist ein absolut würdiger Abschluss der Trilogie, und ich wünschte, ich hätte die Bücher direkt am Stück gelesen, so dass mir noch mehr Details aufgefallen wären. Doch auch so sind es genügend. Diese Welt, die Margaret Atwood geschaffen hat, hat mich so beeindruckt und sich meinem Hirn so nachhaltig eingepresst, dass es von nun an wohl oft der Fall sein wird, dass ich Bilder hieraus sehe, wenn ich an die Zukunft denke oder irgendetwas passiert, das auf eine derartige Entwicklung schließen lässt. Diese Welt ist zersetzt von Verzweiflung und Bösartigkeit, von Egozentrismus und, ja, Dummheit.

Crake tut etwas Unvorstellbares, aber man kann ihn nicht vollkommen verurteilen. Vor allem, wenn man die Welt danach sieht, die zumindest völlig neue Möglichkeiten offenbart. Man kann Arbeiten über dieses Buch bzw. die Trilogie schreiben, zum Beispiel über die „Rückkehr der Schrift“ oder wie sofort nach Neuanfang ein neuer Gott geschaffen wird, der auch für die Craker das Wichtigste zu sein scheint, und dessen „Wort“ sie tagtäglich zu hören verlangen. Und wie die Menschen ihnen genau das geben, anstatt den Neuanfang als genau solchen zu nehmen und dies gar nicht erst zu installieren. Dies lässt darüber nachdenken, inwieweit Kultur und Glauben überlebensnotwendig sind, und ob es überhaupt möglich ist, ohne eine „höhere Macht“ zu leben bzw. eine Gesellschaftsordung aufzustellen.

Ich möchte jedem diese Trilogie unbedingt ans Herz legen. Ich glaube, mich persönlich werden Teile von ihr für den Rest meines Lebens begleiten, und obwohl ich gerne mehr erfahren würde, finde ich, dass Margaret Atwood einen würdigen Abschluss gefunden hat, mit Kloß im Hals und ein wenig Hoffnung im Lächeln unter Tränen. Es ist ein außergewöhnliches Gedankenexperiment, das auf den zweiten Blick nicht so weit hergeholt ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Und mit diesem sollte man sich durchaus einmal auseinandersetzen. Im Nachwort schreibt Frau Atwood:

„Obgleich „Die Geschichte von Zeb“ ein fiktionales Werk ist, gibt es darin keine Technologien oder Biowesen, die nicht bereits existieren, sich im Bau befinden oder theoretisch möglich wären.“

Margaret Atwood: Die Geschichte von Zeb. Aus dem Englischen von Monika Schmalz. Berlin Verlag, 2013. 477 Seiten.

Die Vorgeschichte:

Oryx und Crake

Das Jahr der Flut

Eine weitere Besprechung gibt es bei Bingereader.

Darren Aronofsky hat sich die Rechte gesichert, eine TV-Serie aus dem MaddAddam-Stoff zu machen. Ich hoffe, das wird passieren!

Buch #51: Donna Tartt – Die geheime Geschichte

Donna Tartt wurde am 23. Dezember 1963 in Greenwood, Mississippi, geboren. Sie studierte an der University of Mississippi umd in Vermont, am Bennington College. Während ihres zweiten Studienjahres begann sie die Arbeit am Roman Die geheime Geschichte, der 1992 veröffentlicht wurde. Er wurde zum weltweiten Bestseller. Donna Tartts neuester Roman Der Distelfink,für den sie den Pulitzer-Preis erhielt, erschien 2013.

die-geheime-geschichte-donna-tarttIm Prolog wird bereits die weitere Handlung angelegt:

„Der Schnee in den Bergen schmolz, und Bunny war seit paar Wochen tot, ehe uns der Ernst unserer Lage allmählich dämmerte. […] Wir hatten nicht die Absicht gehabt, die Leiche an einem unauffindbaren Ort zu verstecken. Genau genommen hatten wir sie überhaupt nicht versteckt, sondern einfach liegengelassen, wo sie hingefallen war, in der Hoffnung darauf, daß irgendein Passant das Pech haben würde, über sie zu stolpern, ehe irgend jemand überhaupt gemerkt hatte, daß Bunny verschwunden war. […] Es fällt schwer zu glauben, daß es zu solch einem Aufruhr wegen einer Tat kam, für die ich teilweise mitverantwortlich war […].“ (S.9)

Die Geschichte wird aus der Sicht von Richard Papen erzählt, der als junger Student ans Hampden College kommt, froh, der Enge seiner kalifornischen Kleinstadt entfliehen zu können und voller Erwartung, was die Welt für ihn bereithalten möge. Er schließt sich einem kleinen Zirkel von Griechisch-Studenten an, die handverlesen und persönlich ausgewählt sind von Professor Julian Morrow. Sie sind nur zu sechst, Henry, der Musterschüler, der leicht autistische Züge trägt, Francis, der Junge aus reichem Hause, die Zwillinge Charles und Camilla (sic!), Edmund, genannt Bunny, und nun Richard. Für ihn ist diese Clique nach und nach ein Zuhause, ein Bezugspunkt, sie ermöglicht ihm ein Zugehörigkeitsgefühl, das er vorher nie erfahren hat. Verstärkt wird dies dadurch, dass Henry ihm das Leben rettet.

Bis hierhin kann man diesen Roman für einen ganz normalen Entwicklungs- oder Collegeroman halten. Doch da schwebt das Damoklesschwert vom Prolog über der Handlung, das von vornherein eine ganz besondere Atmosphäre verleiht. Die Gruppe hat sich, bevor Richard Eingang zu ihr gefunden hat, so in ihren besonderen Status und ihre Andersartigkeit hineingesteigert, dass sie als einzige mögliche Konsequenz für sich folgert, dass sie sich vollends wie ihre Studienobjekte verhalten müssen. So kommen sie auf die Idee, ein Bacchanal, welches eine – diesmal römische – Orgie ist, die zum Ziel hat, sich vollends von seinem Körper zu lösen, mit Hilfe von Alkohol und hallugenen Substanzen.

Bunny bringt nicht die notwendige Geduld auf, doch Henry, Francis, Charles und Camilla schaffen es. Aber es geschieht ein Unglück: Sie töten einen Farmer. Und nun beginnt die Spirale abwärts. Bunny, der nicht teilgenommen hat, ahnt bald, was geschehen ist. Er zieht die anderen damit auf, macht sie langsam aber sicher mürbe, da sie natürlich Angst haben, angezeigt zu werden. Bunny nimmt sie aus, und als sie kein Geld mehr haben, wollen sie fliehen, was misslingt, aber von Richard entdeckt wird. Nun ist auch er Teil der Verschwörung. Bunny wird zusehens paranoid, er hat Angst, dass auch ihm etwas zustößt. Und das ist genau das, was passiert…

Und ab hier wird die Geschichte zäh. Die Auswirkungen nach Bunnys Tod werden in epischer Breite und allen Einzelheiten beschrieben, besonders schön ist der Teil, in dem sie alle zu Bunnys Beerdigung bei seinen Eltern wohnen und sehr, sehr traurig sind. Das FBI ermittelt, und Charles muss seinen Kopf dafür hinhalten, er verfällt daraufhin dem Alkohol. Damit vergrault er seine Schwester, ja, inzestuös wirds auch noch, die mit Henry anbandelt, der damit nicht leben kann, und alles endet in einer Katastrophe.

Dieser Roman lässt einen zwiespältig zurück. Sprachlich ist er hervorragend, daran besteht überhaupt kein Zweifel. Doch die Aussage wird nicht ersichtlich. Soll er dem Stil einer griechischen Tragödie folgen, so ist dies wohl gelungen. Soll eine Art Katharsis stattfinden, so ist diese nicht leicht herauszuarbeiten. Wenn die Autorin sagen möchte, dass man keinen Mord begehen sollte, denn dies hat immer auf die ein oder andere Art Konsequenzen, so sollte man meinen, dass dies zum Allgemeinwissen gehört. Niemand kommt aus dieser Geschichte geläutert heraus, alle, die noch da sind, hängen am seidenen Faden. Für diese Einsicht braucht man jedoch keinen 500 Seiten umfassenden Roman.

Ich habe den Roman wirklich gerne gelesen, aber er hat mir auch einiges Kopfzerbrechen bereitet. Die Figuren kommen dem Leser nie wirklich nahe, sie sind Schablonen, die zwar interagieren, aber letztlich alle für sich allein kämpfen, was bei einer gemeinsam begangenen Tat natürlich verheerend ist. Es kommt aber eigentlich genau so, wie man es erwartet. Interessant wäre es gewesen, wenn ein unvorhersehbares Ende stattgefunden hätte, dann wären wir aber wohl nicht mehr bei der griechischen Tragödie gewesen. Aber die Katharsis bleibt aus.

Donna Tartt: Die geheime Geschichte. Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt. Wilhelm Goldmann Verlag, 1993. 572 Seiten.