Buch #71: Muriel Spark – Die Blütezeit der Miss Jean Brodie

„Gebt mir ein Mädchen im beeinflußbaren Alter, und es ist mein fürs Leben.“ (S.13)

Miss Jean Brodie tritt in die „Blütezeit ihres Lebens“ ein, als sie Lehrerin von Sandy, Jenny, Rose, Mary, Monica und Eunice wird, die zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt sind. In den späten 20er und frühen 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ist sie eine der vielen englischen Frauen, die aufgrund des Ersten Weltkriegs keinen Mann haben und sich einen anderen Sinn im Leben suchen mussten, als eine Familie zu gründen. Miss Brodie wurde Lehrerin.

Sie interessiert sich für fast alles, und ihr Unterricht ist den anderen Lehrern ein Dorn im Auge, da sie nichts auf den Lehrplan gibt, sondern die Mädchen zur crème de la crème formen will, gebildete junge Damen, die Einfluss haben. Und so erzählt sie ihnen von den Dingen, die in der Welt passieren, auch wenn es nicht das ist, was die Mädchen eigentlich lernen sollen.

Doch auch ihr persönliches Leben wird von ihr vor den Mädchen ausgebreitet. Als sie jung sind, sehen diese in Miss Brodie eine schöne, tragische Heldin, eben so, wie Miss Brodie sich inszeniert. Sie verzichtet großmütig und tragisch auf ihre verheiratete große Liebe, um dann großzügig und tragisch für einen Mann zu sorgen, der sie nicht interessiert. All dies erzählt sie großartig und tragisch „ihren“ Mädchen, ebenso wie die großangelegte und tragische Verschwörung gegen ihre Person, die sie im Endeffekt ihren Job kosten soll.

Dies ist kein Spoiler, denn der Roman ist in einer nicht chronologischen Technik erzählt, die Vor- und Rückblenden vornimmt. Er wurde erstmals im The New Yorker veröffentlicht, was Muriel Spark eine breite öffentliche Aufmerksamkeit verschuf. Er ist Sparks bekanntestes Werk und wurde mit Maggie Smith verfilmt, die dafür einen Oscar erhielt (ich muss diese Verfilmung unbedingt sehen!).Tatsächlich war er der Grundstein für Sparks Karriere.

Der Roman ist nicht ganz einfach einzuordnen. Sparks Sprache ist sehr einfach und nüchtern, sie verwendet kein Wort zu viel. Dies und die nicht chronologische Handlung führen dazu, dass man beim Lesen ein Puzzle zusammensetzt, dessen Teile jedoch klar an ihre Plätze zu legen sind. Auch die Charakterisierung der einzelnen Personen ist recht schablonenhaft – Sandys „kleine Augen“ gingen mir nach der Hälfte doch sehr auf die Nerven – ja, sie hat kleine Augen, das braucht man nicht jedesmal dazuzuschreiben. Und ja, Mary ist nicht der hellste Stern am Firmament, we get it. Natürlich stehen sowohl die kleinen Augen als auch die Einfalt für etwas, aber etwas weniger penetranter Holzhammer hätte es für mich sein dürfen.

Die schillernde Hauptperson ist Miss Brodie, deren Facetten mit und mit auftauchen, und irgendwann versteht man Sandys Verhalten besser. Jede weitere Facette ließ mich doch die Nase krausziehen und überlegen, dass ich dieser Person wohl längst den Rücken zugekehrt hätte. Aber wir haben es mit jungen Mädchen zu tun, die sich in der wichtigsten Zeit ihrer Entwicklung befinden. Aufgrund der Bevorzugung durch Miss Brodie erleben sie Ablehnung durch den Rest der Welt, was sie zu einer Gruppe zusammenschweißt, aus der es schwierig ist, sich zu befreien.

Zu keiner Zeit habe ich Miss Brodie – und auch keines der Mädchen – als Sympathieträger empfunden, dort, wo ihre Charakterisierung über mehr als eine Schablone hinausging, kam nie viel Positives zustande. Und so lege ich diesen kurzen Roman mit gemischten Gefühlen weg – ich mochte ihn nicht, er hat mir nicht viel Freude bereitet, und doch: Ich denke, dass er mich noch eine Zeit lang beschäftigen wird, und ist es dies nicht am Ende, was gute Literatur ausmacht?!

Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie. Aus dem Englischen von Peter Naujack. Diogenes Verlag AG Zürich,1983. OA: The Prime of Miss Jean Brodie. Macmillan Publishers Ltd., London, 1961. 231 Seiten.

Bild: literaryramblings.com

Dame Muriel Spark wurde am 1. Februar 1918 in Edinburgh als Muriel Sarah Camberg geboren. Sie gilt als eine der bedeutendsten britischen Schriftstellerinnen. 1961 erschien ihr Roman Die Blütezeit der Miss Jean Brodie, der zu einem Klassiker der englischsprachigen Literatur im Jahrhundert wurde. Sie starb am 13. April 2006 in Florenz. Sehr ausführlich kann man ihren Lebenslauf hier nachlesen.

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Buch #70: Zora Neale Hurston – Und ihre Augen schauten Gott

„Tja, so war dat alles gewesen, Pheoby, genau so, wie ich dir dat erzählt hab. Jetz bin ich also wieder zu Hause, un ich bin froh, dat ich hier bin. Ich bin bis nachen Horizont un wieder zurück, un jetz kann ich beruhigt hier in mein Haus leben un mich an meine eigne Erfahrungen halten.“ (273/274)

Dies sagt Janie Crawford zu ihrer Freundin Pheoby, als sie nach eineinhalb Jahren nach Hause zurück kommt und ihrer Freundin über diese Zeit Bericht erstattet hat. Doch nicht nur von dieser Zeit erzählt sie, sie berichtet von ihrem ganzen Leben und wie sie an dem Punkt angelangt ist, an dem sie sich jetzt befindet.

Ihre Großmutter, die sie aufgezogen hat, erlebte noch die Sklaverei. Sie wollte ihre Enkelin sicher verheiratet und versorgt wissen, weswegen Janie mit sechzehn Logan Killicks heiratet, einen wesentlich älteren Mann, der eine eigene Farm besitzt und Janie ehrlich mag, aber nicht in der Lage ist, ihr dies zu zeigen. Janie ist unglücklich in dieser arrangierten Ehe, hat sie doch immer gehofft, dass die Liebe sich einstellen würde, wenn sie verheiratet sei, und sie muss einsehen, dass eine Ehe nicht automatisch Liebe mit sich bringt.

Dann trifft sie eines Tages an ihrem Gartenzaun Joe Starks, der nach Eatonville will, eine Stadt, die von Schwarzen gegründet wurde und in der nur Schwarze leben. Sie treffen sich regelmäßig, Joe Starks ist von ihrer Anmut und ihrem besonderen Haar hingerissen, und er bietet ihr an, sie mitzunehmen und sie zu heiraten. Janie hofft, in Joe endlich die Liebe ihres Lebens zu finden, ebenso wie ein aufregenderes Leben als ihr die Farm jemals hätte bringen können, und so willigt sie ein.

Sie treffen als Ehepaar in Eatonville ein, und da sich niemand um die Belange der Stadt zu kümmern scheint, macht Joe sich zum Bürgermeister und leitet die Angelegenheiten fortan, ebenso wie seinen eigenen Laden, den jedoch mehr Janie führt. Und so wird Janie zur angesehensten Frau vor Ort, doch Joe ist eifersüchtig, und so muss sie ihr Haar verstecken und darf nicht mit den anderen reden. Sie leben sich auseinander, bis Joe eines Tages stirbt.

Janie, nun eine reiche Witwe, weiß nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, ihre Träume hat sie begraben, und, obschon man ihr ihr Alter nicht ansieht, ist sie keine junge Frau mehr, der die Welt offensteht. Doch dann kommt eines Tages Tea Cake in ihren Laden, ein wesentlich jüngerer Mann, der von Janie hingerissen ist und sie fortan umwirbt. Sie hat mit den Konventionen zu kämpfen, dem Gerede, den schiefen Blicken. Doch Tea Cake gibt ihr etwas, das keiner vor ihm ihr geben konnte, und so trifft Janie eine Entscheidung…

Ich weiß, die ganzen Tagediebe un Maulhelden drüben auf der Veranda, die wern fast platzen vor Neugier, datse endlich rauskriegen, von wat wir zwei beide am Reden warn. Soll mir recht sein, Pheoby, kannsdse ruich alles erzähln. Die wern sich wundern, weil meine Liebe nich so funktioniert hat wie ihre Liebe, wennse überhaupt welche erlebt ham. Dann muß duse erzähln, dat Liebe eem nich wien Mühlstein is, war rundrum gleich is un mit alles, wat er berührt, dat gleiche macht. Liebe is wie die See. Immer in Bewegung, un trotz alledem krichtse ihr Form von der Küste, wo se drauf trifft, bei jeder Küste wieder ne andre.“ (274)

Der Buchumschlag sagt, „Zora Neale Hurston erzählt […] in der Sprache der Veranda, in den dunklen Vokalen des Südens. Die Übersetzerin Barbara Henninges hat eine Sprache erfunden, die die Synkopen und Blue-notes des Slangs im Deutschen zum Klingen bringt“. Die Dialoge sind in diesem „Slang“ verfasst, in den man sich, wenn man sich erst einmal eingelesen hat, ein wenig verliebt, der Singsang entwickelt einen eigenen Sog und eine Intensität, die nicht so schnell loslässt. Die Textpassagen sind in „normalem Englisch“ verfasst, aber ich kann mir vorstellen, dass es nicht so leicht ist, diesen Roman im Original zu lesen und denke, die Übersetzerin hat hier einen außergewöhnlichen Job gemacht.

Aber lesen sollte man Und ihre Augen schauten Gott, von dem Alice Walker sagte: „Es gibt kein wichtigeres Buch für mich.“, auf jeden Fall. Dies ist eine Geschichte einer außergewöhnlichen Emanzipation, von der ich nicht gedacht hätte, dass sie in diesen Umständen überhaupt möglich sei. Die Sklaverei ist vorbei, doch ist Janie eine junge schwarze Frau in den zwanziger, dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Es bilden sich „schwarze Städte“, doch viele Menschen bleiben nach wie vor Wanderarbeiter. Jedoch geht von dem Roman insgesamt eine positive Aufbruchsstimmung aus, und die Wanderarbeiter wissen sich ihr Leben – unter den Umständen – doch gut zu gestalten.

Der Roman entstand 1937 und ist ein Klassiker der schwarzen Literatur Amerikas. Ich kann ihn unbedingt empfehlen, denn nicht nur die Geschichte, die erzählte wie auch die der Umstände, ist es wert, erlesen zu werden, auch sprachlich ist er sehr außergewöhnlich, etwas, das man nicht alle Tage findet.

Zora Neale Hurston: Und ihre Augen schauten Gott. Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Glossar versehen von Barbara Henninges. Ammann Verlag AG, Zürich, 1993. OA: Their Eyes Were Watching God. J.B.Lippincott, Inc., Philadelphia 1937.

Zora Neale Hurston, Fotograf Carl van Vechten, 3. April 1938. Foto: wikipedia.de

Zora Neale Hurston wurde am 7. Januar 1891 in Alabama geboren. Sie wuchs in Eatonville, Florida, auf. Sie besuchte die Howard University in Washington, D.C. und lernte die Schriftsteller der Harlem Renaissance kennen, zu der auch sie gezählt wird. Ab 1927 sammelte sie in den Südstaaten Folklore, Geschichten, Lieder, Tänze und Gebete der schwarzen Bevölkerung, die sie vorstellte und verarbeitete. Sie gehörte in den 1930er Jahren zu den wichtigsten Autoren der afroamerikanischen Literatur. In den 50er Jahren war ihr Ruhm jedoch verblasst, sie starb in Armut an einem Herzleiden am 28. Januar 1960 in Fort Pierce, Florida.

1973 spürte Alice Walker das Grab von Hurston auf und begann mit dem Artikel „In Search of Zora Neale Hurston“ die Wiederentdeckung von Werk und Person.

Paul Auster – 4 3 2 1

Viel wurde schon über diesen Roman geschrieben, aber auch ich muss mein Loblied loswerden über diesen Roman.

Alles beginnt mit dem Zusammenfinden von Rose Adler und Stanley Ferguson, das in der Zeugung von Archibald gipfelt, dem Helden des Romans. Ausgehend von Archies Geburt ändert Paul Auster den Lauf der Dinge und kreiert so vier verschiedene Lebensläufe, vier verschiedene Archies, die sich ab den 50er Jahren durch die Geschichte Amerikas kämpfen.

Archies Vater, Stanley, wird zunächst in eine sehr schwierige Situation gebracht, und aufgrund seiner Reaktionen darauf werden die Weichen für Archies weiteres Leben gestellt. Diese vier Möglichkeiten unterscheiden sich von Grund auf, und so werden die Leben sehr unterschiedlich verlaufen, auch wenn er im Grunde der gleiche Junge ist.

Archie ist ein aufgewecktes Kind, sportbegeistert, intelligent, mit einer ausgeprägten Liebe zu Literatur und Filmen. Doch die Umstände, in denen er aufwächst, werden diese Fähigkeiten beeinflussen, und sie verschieden stark in seinem Leben gewichten. Dies führt dazu, dass der Leser viele Einblicke in die Kultur Amerikas ab den 50er Jahren erhält, anhand von Archies Bildungswegen werden zum Beispiel Filmgeschichte und Archies Weg vom Liebhaber der Laurel-und-Hardy-Filme zum Filmkritiker verfolgt.

Ebenso verhält es sich mit der Literatur, wobei diese in allen vier Lebensläufen eine große Rolle spielt. Und so erhält der Leser mit Archies Bildung eine ganz eigene Bildung, aus den Leselebensläufen ergibt sich ein aus vielen Puzzleteilen zusammengesetztes großes Bild, über das zumindest diese Leserin sehr gerne verfügen würde, bzw. das zu erhalten sie in Angriff nehmen wird.

Keiner der Archies wird jedoch vom Verlauf der Geschichte verschont bleiben, und diese wiederum wird im Laufe der Zeit ebenfalls großen Einfluss auf die Wege der Archies nehmen. Und so vermittelt Auster nicht nur Literatur und Film, sondern auch Zeitgeschichte, vor allem des Amerika der 60er Jahre, die sehr prägend für den Helden sein werden. Er muss sich mit dem Vietnam-Krieg auseinandersetzen, der Bedrohung, eingezogen zu werden, die ständig wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der jungen Männer hing, den Rassenunruhen, den Studentenunruhen. Ich habe viel darüber gelernt, und auch hier weitere Puzzlestücke zu meinem Bild hinzugewonnen. (Kurze Bemerkung am Rande: Man kann auch viel darüber in Jeffrey Eugenides‘ Middlesex erfahren, der Bilder schafft, die mir bis heute im Kopf geblieben sind, ebenso wie die von Auster hier es tun werden).

4 3 2 1 ist ein gewaltiger Schinken von 1259 Seiten, aber für mich hätten es nochmal so viele sein dürfen. Auster erschafft ein gewaltiges Bild vom Amerika der 50er und 60er Jahre, und was es bedeutete, jung zu sein und künstlerisch veranlagt, oder wie es war, in bestimmten Kreisen zu verkehren oder diese Zeit gar nicht in den USA zu verbringen und alles aus der Distanz zu beobachten.

Natürlich haben alle Archies damit zu kämpfen, ihren Weg zu finden, was durch die Umstände begünstigt oder erschwert wird, in denen jeder einzelne lebt. Aber jeder entwickelt sich nachvollziehbar zu dem, was in ihm veranlagt ist, auch wenn der Weg manchmal sehr hart ist und um Ecken und über steinige Passagen führt. Ich habe manchmal überlegt, ob ich eine der Geschichten bevorzuge, aber ich kann entschieden sagen, dass ich alle vier Versionen liebe, die sich vielleicht aber auch ergänzen und so einen einzigen sehr facettenreichen Archie ergeben.

Dieser Roman ist mit das Beste, was ich je in meinem Leben gelesen habe. Und ich weiß, dies kommt hier jetzt wie eine weitere dieser Lobhudeleien daher, aber das macht mir nichts, denn ich würde mich am liebsten sofort wieder hineinbegeben in Austers und Archies Welten, ich möchte noch einmal die Möglichkeit haben, alles kennenzulernen und die Entwicklungen zu verfolgen, mit zu Bangen und zu Hoffen. Und somit empfehle ich denjenigen, die Archie noch nicht kennen, dies so schnell wie möglich nachzuholen.

Man geht mit viel Wissen aus dieser Lektüre heraus, über Film, über Geschichte, und vor allem über Literatur. Die Begeisterung und tiefe Liebe für die Literatur, die Auster durch Archie vermittelt, hat mich überwältigt und tief ins Herz getroffen, und das werde ich Herrn Auster nie vergessen. Einige der von Archie gelesenen Werke liegen schon bereit, und 4 3 2 1 wird immer einen Ehrenplatz in meinem Regal und meinem Herzen behalten.

Paul Auster: 4 3 2 1. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 2017. Die OA erschien bei Henry Holt and Company, New York, 2017. 1259 Seiten.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar.

Paul Benjamin Auster wurde am 3 Februar 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Viele Eckpunkte seines Lebens sind in diesem Roman verarbeitet. Bekanntheit erlangte Auster 1987 mit seiner New-York-Trilogie. Für viele der Autoren, die ihn beeinflusst haben, findet er auch in 4 3 2 1 Raum. Neben seiner Tätigkeit als Autor arbeitet er auch als Regisseur, Kritiker, Übersetzer und Herausgeber. Er ist in zweiter Ehe mit Siri Hustvedt verheiratet und lebt in Brooklyn.

Buch #69: James Baldwin – Giovannis Zimmer

In Giovannis Zimmer erzählt James Baldwin die Geschichte von David, einem jungen, weißen Amerikaner, der nach Paris geht, um sich selbst zu finden. Die Geschichte beginnt mit Davids Abschied aus einem Haus in Südfrankreich, seine Freundin Hella ist abgereist, er denkt über Giovanni nach. Und breitet in Retrospektive seine Geschichte vor dem Leser aus.

Er erzählt von seiner Kindheit und Jugend, von seinem Vater, der ihn nach dem Tod seiner Mutter aufzieht und starker Trinker ist und ihn nie verstand. Und von einem Erlebnis, das er mit einem seiner Freunde hatte, und das ihn so sehr verwirrte, dass er nie mehr davon sprach.

In Paris angekommen, geht Davids Geld schnell zur Neige, und so wendet er sich an einen älteren Freund um Hilfe. Dieser gewährt sie ihm und nimmt ihn mit in eine Kneipe, wohl hoffend, David sei unter dem Einfluss von Alkohol zu mehr bereit. Doch David begegnet Giovanni, dem neuen Barmann. Sie sehen sich an und beiden ist klar, was geschehen wird. Davids Freundin ist in Spanien, und so zieht er zu Giovanni, wo die beiden in einem Zimmer zusammen leben. Es ist eine Zeit voller Glück, für Giovanni jedoch mehr als für ihn. Und je mehr Giovanni an ihm hängt, umso mehr fragt David sich, was er tun soll.

Die Geschichte spielt in den (nehme ich an) 50er Jahren, und obwohl Homosexualität in Frankreich nicht unter Strafe stand, war es doch gesellschaftlich nicht akzeptiert. Ganz zu schweigen von den USA. Und so schwankt David, kann sich nicht für oder gegen seine Freundin entscheiden, kann sich nicht für oder gegen Giovanni entscheiden. Und er geht schließlich den vermeintlich leichteren Weg, der in einer Katastrophe endet…

Mit Giovannis Zimmer hat James Baldwin bei Erscheinen 1956 für großes Aufsehen gesorgt. Die Geschichte der Beziehung der beiden jungen Männer muss damals sehr die Gemüter erhitzt haben, und wenn auch keine explizite Sprache gebraucht wird, muss es einem Skandal gleichgekommen sein. Heute ist die Schockwirkung nicht mehr so groß, so dass die Geschichte der Hin- und Hergerissenheit Davids, dem Schwanken zwischen Mut und Feigheit, zwischen Selbstaufgabe oder Ächtung von großen Teilen der Gesellschaft, und der Suche nach dem vermeintlich leichteren oder richtigen Weg eine größere Bedeutung bekommen sollten.

Giovannis Zimmer ist ein Selbstfindungsroman, und David, der die Geschichte Revue passieren lässt, wird am Ende eine Entscheidung treffen. Ich kann mir vorstellen, dass der Roman im Laufe der Jahre viele Menschen berührt, ihnen geholfen, sie aber vielleicht auch mehr verwirrt hat. Ich habe noch nicht viele Romane dieser Art gelesen, aber ich kann mich in Davids Kampf hineinfühlen, und mit dem Wissen vom Hintergrund des Schriftstellers wird es noch einmal um einiges intensiver. Es ist ein Bildungsroman, und manchmal möchte man David feste schütteln und ihm eine Ohrfeige geben, aber unter den Umständen weiß man, dass man dazu kein Recht hat. Und so ist Giovannis Zimmer einer dieser Romane, die zu denken geben, und die noch lange nachhallen.

James Baldwin: Giovannis Zimmer. Aus dem Englischen von Axel Kaum und Hans-Heinrich Wellmann. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1963.

James Baldwin. photo: de.wikipedia.org/wiki/James_Baldwin

Aufgrund des Umfangs von James Baldwins Biographie zitiere ich die Wikipedia:

James Baldwin (* 2. August 1924 in Harlem, New York City, New York, Vereinigte Staaten; + 1.Dezember 1987 in Seint-Paul de Vence, Provence-Alpes-Côte d’Azur, Frankreich) war einer der bedeutendsten afroamerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus bekannt wurde. Viele seiner Arbeiten behandeln Themen wie Rassimus und Sexualität. Seine Erzählungen sind berühmt für den persönlichen Stil, in dem Frangen der Identität von Schwarzen und Homosexuellen und damit verbundener sozialer und psychologischer Druck zur Sprache kommen, lange bevor die soziale, kulturelle oder politische Gleichstellung dieser Gruppen erkämpft wurde. Weiter geht es hier.

Buch #65: Charlotte Brontë – Jane Eyre

Meine lieben Leser,

ich verbrachte die letzten Wochen damit, der Geschichte eines jungen Mädchens bzw. einer jungen Frau zu folgen. Es handelt sich um die Autobiographie einer gewissen Jane Eyre, in der sie von ihrer Kindheit, Jugend und Zeit als junge Frau erzählt. Sie lebte in England, im 19. Jahrhundert, einer Zeit, in der Waisenkinder nicht viel Hoffnung auf eine gute Zukunft haben konnten, und in der die Konventionen so viel bedeuteten.jane-eyre

Ein Waisenkind, ja, Jane Eyre ist ein Waisenkind. Nach dem Tod ihrer Eltern wurde sie ins Haus ihres Onkels geholt, der ihr sehr zugetan war. Aber nach dessen Tod wandte sich ihr Leben in eine üble Richtung. Sie wurde nur als lästiges Übel betrachtet, ihr Cousin und ihre Cousinen, ebenso wie ihre Tante, machten sie für alles verantwortlich, und der einzige Trost waren ihr die Bücher.

Eines Tages eskaliert die Situation, und Jane wird fortgeschickt, auf ein Internat, auf dem sie letztlich zur Gouvernante ausgebildet werden soll. Voller Hoffnung macht Jane sich auf den Weg, schlimmer als bei der Tante kann es ja wohl nicht werden… aber weh, das Internat ist ein kaltes Haus, geleitet von einem religiös obsessiven Mann, der nichts von warmer Kleidung und genug Nahrung hält.

Aber Jane gewinnt Freunde, und ihr Schicksal wendet sich ein wenig. Als sie alt genug ist, nimmt sie eine Stelle an: Sie wird Gouvernante im Hause von Mister Rochester, einem Adligen, dem das Leben bisher auch nicht die Sonnenseiten gezeigt hat. Sie verlieben sich ineinander… doch diese Liebe steht unter keinem guten Stern. Es wird noch ein weiter Weg sein für Jane, und ob er sie jemals zu ihrem geliebten Mister Rochester führen wird, das sollte der Leser selbst herausfinden, und mit ihr gemeinsam die vielen Hindernisse angehen.

 

Als ich nach meiner Lektüre von Sturmhöhe die Diskussion verfolgte, die sich darum entspann, ob man lieber eben Sturmhöhe oder Jane Eyre mag, war ich schon sehr gespannt auf diese Lektüre. Und ich muss sagen, dass ich nicht enttäuscht wurde, auch wenn Jane Eyre doch um einiges umfangreicher ist.

Charlotte Brontë erzählt die Geschichte Janes aus deren Sicht, in Form einer Autobiographie. Sie reicht von Janes Kindheit bis zu ungefähr ihrem dreißigsten Lebensjahr, und erzählt ausführlich, was ihr alles widerfahren ist. Erwartet man aufgrund der Zeit, zu der der Roman verfasst wurde und in der er spielt, eine unbedarfte, naive, hilfsbedürftige, junge Frau in Jane Eyre, wird man schnell eines besseren belehrt. Keineswegs entspricht sie diesem Bild – sie geht erhobenen Hauptes durchs Leben und kämpft für ihr Recht. Und hat ihre ganz eigenen Gedanken und eine starke Meinung – Dinge, die von einer jungen Frau ihrer Zeit eher nicht erwartet wurden.

Sie setzt sich auch mit vielen Dingen auseinander, wichtig sind hier z.B. Klasse und soziale Stellung, exemplarisch an Jane, die der Unterschicht angehört, und Mister Rochester, einem Adligen. Wichtig ist auch die Religion, der Jane an mehreren Stellen begegnet und die sie immer wieder versucht, für sich zu vereinnahmen – auch hier kein einfacher Kampf für Jane. Aber am Wichtigsten ist doch die Selbstbestimmtheit, über die sie verfügt. Sie ist ein durchaus realistischer Mensch, nicht schön, nicht reizend und attraktiv, sondern dünn, unscheinbar, mit streng gescheiteltem Haar und anspruchslosen, aber ordentlichen Kleidern. Ihr Reiz beginnt, sobald sie den Mund aufmacht – Jane weiß, was sie kann, und ist oft ehrlich bis an die Schmerzgrenze, jedoch bringt ihr das den Respekt, den sie braucht, und ein Ansehen, das ihr Mut macht.

Ich kann mir vorstellen, dass das Buch bei Erscheinen ein kleiner Skandal war, das Porträt einer so selbstbewussten jungen Frau konnte nicht nach jedermanns Geschmack sein. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass Jane Eyre nun schon für viele Generationen von Frauen ein Vorbild war, dafür, was möglich ist, wenn man die Hoffnung nicht aufgibt und selbstbewusst ist.

In diesem Sinne stimme ich den meisten der Diskutanten darin zu, dass ich Jane Eyre der Sturmhöhe vorziehe, und rate denjenigen, die wie ich nicht vorher das Vergnügen hatten, unbedingt der Lektüre zu.

Charlotte Brontë: Jane Eyre. Aus dem Englischen neu übersetzt von Gottfried Röckelein. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1998. OA: Jane Eyre. An Autobiography. London 1847.654 Seiten.

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Bild: en.wikipedia.org

Charlotte Brontë wurde am 21. April 1816 in Thornton, Yorkshire, geboren. Sie begann schon im Kindesalter zu schreiben, ebenso wie ihre Geschwister Patrick, Emily Jane und Anne. Charlotte veröffentlichte hauptsächlich unter männlichen Pseudonymen, so erschien Jane Eyre unter dem Namen Currer Bell. Sie war selbst Lehrerin und Gouvernante, wollte eine Schule leiten, was mangels Schülern nicht umgesetzt wurde.1847 gelang ihr der literarische Durchbruch mit Jane Eyre. Nachdem sie zugab, den Roman verfasst zu haben, wurde sie in die literarischen Kreise in London eingeführt. 1854 heiratete sie Arthur Bell Nichols. Am Karsamstag, dem 31. März 1855, starb sie, vermutlich an Schwindsucht, in Haworth, Yorkshire. Ihr Fragment gebliebener Roman Emma erschien postum

Chad Harbach – Die Kunst des Feldspiels

„Genau das verlieh der Geschichte nämlich etwas Episches: Der Spieler, der Held, musste auf dem Weg zum finalen Triumph erst gehörig leiden. Schwartz wusste, dass die Leute es liebten zu leiden, solange das Leiden zu etwas führte. Alle Menschen litten. Das Entscheidende war, sich für eine Form des Leidens zu entscheiden.“ (183)

In Die Kunst des Feldspiels erzählt Chad Harbach das Aufeinander- und voneinander-Abprallen mehrerer Personen während der vier College-Jahre, die Henry Skrimshander am Westish College in der Nähe von Chicago, verbringt. Henry ist ein großes Baseballtalent, er spielt jedoch als Shortstop, welches nicht die glamouröseste Position ist, weswegen er auch nicht angeworben wurde. Bis eines Tages Mike Schwartz auf ihn aufmerksam wird und sein großes Talent erkennt. Mike leitet in die Wege, dass Henry nach Westish kommt und wird, obwohl nur ein Jahr weiter, sein Mentor.

Henrys Zimmergenosse ist der Buddha – Owen, schwul, belesen, mit einem Preis ausgezeichnet und auch Baseballspieler. Die beiden, obwohl grundverschieden, freunden sich an. Mit wem der Buddha sich noch anfreundet, ist der Zeit seines Lebens heterosexuelle Direktor des Colleges, Guert Affenlight. Dieser fand als junger Student – ebenfalls am Westish – ein verschollenes Manuskript von Herman Melville. Dies brachte ihm eine Karriere und dem College eine gewisse Berühmtheit ein.

Affenlights Tochter Pella, die noch als Schülerin weglief und einen älteren Mann heiratete, kommt zu Affenlight zurück. Sie will sich aus ihrer unglücklichen Ehe lösen und ein neues Leben aufbauen – Studium, neuer Freund – aber auch sie kämpft mit ihren Grenzen.

Die Kunst des Feldspiels beschreibt die Höhen und Tiefen der verschiedenen Lebensläufe. Fünf vollkommen unterschiedliche Personen treffen aufeinander, manchmal intensiver, manchmal nur am Rande. Und doch hängen alle Schicksale zusammen, gerät eines ins Wanken, verlieren auch die anderen die Balance.

Hier sind keine „Helden“ beschrieben, sondern Lebensläufe, die heute aus dem Leben gegriffen scheinen. Es gibt Höhen, doch der Fall danach ist umso tiefer. Licht und Schatten, Erfolg und Misserfolg, Kampf und Kapitulation, viele Themen werden geschickt aufgegriffen und miteinander verwoben. Dass Baseball, ein Sport, der hierzulande nicht allzu geläufig ist, den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte bildet, stört hierbei überhaupt nicht. Auch wenn man nicht genau weiß, was die Sportler gerade tun, die Spannung und Dramatik kommen beim Leser an, man fiebert und leidet mit den Figuren mit.

Ich möchte der lieben Bingereaderin danken, dass sie mich auf dieses Buch aufmerksam machte – ich wäre wohl daran vorbei gegangen. Und dann könnte ich kein Loblied auf diesen Roman singen, der für mich jetzt schon ein Highlight in diesem Jahr ist. Ich habe lange keinen so intensiven Roman mehr gelesen, der die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, der Erfolge und Misserfolge, denen man sich im Leben stellen muss, so eindringlich behandelt. Aber nicht nur das, auch schon scheinbar „eingefahrene“ Lebensläufe werden thematisiert, Wendungen, die sich spät im Leben ereignen und mit denen man umgehen lernen muss.

Hier sind Lebensläufe, die krumm und schief sind, sich nach vorne und rückwärts winden, die schmerzhaft sind, und doch ihre wundervollen Momente haben. Es sind Figuren, die kämpfen müssen, und ich als Leser habe mich verstanden und geachtet gefühlt, weil hier einer schreibt, der weiß, wie Leben ist, und der sich und seinen Lesern keine Träumereien und Illusionen aufbürdet. Dabei hat er ganz charmante Figuren geschaffen mit denen man sich identifizieren kann und die man ins Herz schließt.

Ich weiß, Literatur soll einen in andere Welten führen und neue Perspektiven eröffnen. Aber manchmal ist es auch ganz hervorragend, von „normalen“ Menschen zu lesen, deren Lebensläufe dem eigenen ähnlich sind, und die trotzdem keine Millisekunde langweilen. Eine absolute Empfehlung für diesen Roman (auch wenn ich Baseball immer noch nicht verstanden habe)!

Foto: wikipedia.deChad Harbach wurde 1975 in Racine, Wisconsin, geboren. Er studierte Journalistik in Harvard und machte seinen Master an der University of Virginia. Mit mehreren Autoren und Journalisten gründete er die Literaturzeitschrift n + 1. Die Kunst des Feldspiels ist sein Debütroman, mit dem er viele Erfolge feierte.

Eine weitere Besprechung findet man bei Mara auf Buzzaldrins.

Chad Harbach: Die Kunst des Feldspiels. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner und Johann Christoph Maass. DuMont Buchverlag, Köln. 2013. OA: The Art of Fielding. Little, Brown and Company, New York. 2011. 606 Seiten.

Nederlandstalig! Connie Palmen – Die Gesetze

flagge„Ich war nicht auf der Suche nach Liebe. Ich suchte die Gesetze.“ (236)

Das realisiert Marie, die in diesem Roman die Geschichte ihres Studiums und damit die Geschichte von sieben Männern erzählt, die in dieser Zeit wichtig in ihrem Leben waren. Sie stammt aus einem kleinen Dorf, ist katholisch aufgewachsen, und als sie herausfand, dass man auch nicht an Gott glauben kann, und sie – als Mädchen – intelligenter als die meisten Anderen ist, ändert sich ihre Weltsicht drastisch. Von nun an versucht sie herauszufinden, wie die Welt funktioniert und was ihr Platz in ihr ist.die gesetze

Als erstes begegnet sie dem Astrologen, der ihr Horoskop erstellt und versucht, über die Konstellation der Sterne Aussagen über ihre Persönlichkeit und ihr Leben zu machen. Er selbst hat sein ganzes Leben den Sternen untergeordnet, was ihn meistens wahnsinnig erscheinen lässt, auch für Marie, aber eine gewisse Faszination kann sie nicht absprechen, scheint er doch genau zu wissen, was er zu tun und zu glauben hat. Aber sie versteht nie so ganz, worauf er hinaus will, und ihre anfängliche Hoffnung, einen Plan fürs Leben zu erfahren, löst sich in Luft auf.

Dann trifft sie den Epileptiker, den Philosophen, den Priester, den Physiker, den Künstler und den Psychiater. All diese Männer sind grundverschieden. Aber jeder dieser Männer hat sich seine besondere Weltsicht aufgebaut, und lässt sie daran teilhaben, und sie hört zu und lernt. Aber auch wenn die Männer glauben, die Antworten gefunden zu haben, ist es doch immer etwas anderes für Marie.

Der Roman besteht aus sieben Kapiteln, jedes Kapitel ist einem dieser Männer zugeordnet und erzählt von der Begegnung mit ihm und seiner „Wahrheit“. Marie ist unsicher, aber wissensdurstig, und so sind diese Begegnungen meist sehr intensiv. Sie geben Stückchen für Stückchen Maries Persönlichkeit wider, und zeigen ihre Entwicklung auf. Ist es da nur konsequent, dass der letzte der Psychiater ist? Das möge jeder selbst herausfinden.

Ich habe Die Gesetze schon einmal mit Anfang zwanzig gelesen, und war jetzt sehr gespannt, wie ich es heute empfinden würde. Damals hat der Roman mich nämlich aus den Socken gehauen. Und auch dieses mal hat er mich wieder beeindruckt, wenn auch auf eine andere Art und Weise. Ich habe meine eigene Reise unternommen und Begegnungen gehabt, aber so wie ich damals hoffte, ähnliche Menschen kennenzulernen und ähnliche  Gespräche zu führen und eine Entwicklung zu machen, so muss ich heute sagen: in Ermangelung solcher Menschen habe ich meistens die Bücher zu Rate gezogen.

Und so ist dieses solch ein Buch für mich, das mich wie mit einem Holzhammer mit Erkenntnissen und Gedanken auf den Kopf haut.  Ja, es sind auch Banalitäten darunter, oder sie mögen so scheinen, da sie für mich offensichtlich sind, und für andere nicht, ebenso wie es andersherum sein mag. Es regt zum Nachdenken an, und das Checken und Überdenken seiner Weltsicht kann ja gerade dieser Tage nicht schaden. Wie dem auch sei, ich denke, ob man etwas daraus mitnimmt oder nicht, hängt sehr von der Persönlichkeit des Lesers ab.

Auf jeden Fall ist es äußerst amüsant geschrieben, denn nicht alle Begegnungen sind so, wie man es erwarten würde. Es ist ein Entwicklungsroman, und wie in jeder Entwicklung läuft nicht immer alles glatt, was manchmal zu sehr bizarren Situationen führt. Also, selbst wenn man sich nicht personifizieren kann, bereitet dieser Roman meiner Meinung nach viel Lesefreude. Und man setzt sich mit seinem eigenen Weg und Weltbild auseinander, was ja nie schaden kann. Und ist dann eine Station auf der Selbstwerdung, denn meiner Meinung nach hört dieser Weg erst auf, wenn man das Atmen drangibt.

Bild: diogenes.ch

Connie Palmen, kompletter Name Aldegonda Petronella Huberta Maria Palmen, wurde am 25. November 1955 in Sint Odilienberg in Limburg geboren. Sie studierte Philosophie und Niederländische Literatur, ihre Abschlussarbeit widmete sich dem Autor Cees Nooteboom. Ihr Debütroman De Wetten – Die Gesetze war sehr erfolgreich, sowohl in den Niederlanden als auch international. Für den nächsten Roman, De Vriendschap – Die Freundschaft, erhielt sie den AKO Literatuurprijs. Von 1991 bis zu seinem Tod 1995 war sie mit Ischa Meijer, einem Journalisten, Schriftsteller und Talkmaster, liiert. Darüber schrieb sie I.M. – auf deutsch I.M Ischa Meijer – In Margine, In Memoriam, das die Beziehung und den plötzlichen Tod verarbeitet. Connie Palmen lebt in Amsterdam.

Connie Palmen: Die Gesetze. Aus dem Niederländischen von Barbara Heller. Diogenes Verlag, 1993. OA: De Wetten. Prometheus, Amsterdam, 1991. 247 Seiten.