Buch #19: Siri Hustvedt – Was ich liebte

Ich glaube nicht an die Liebe. Zumindest glaube ich nicht, dass sie für jeden erhältlich ist, à la „jeder Topf besitzt einen Deckel“. Vielmehr denke ich, dass es sich auch hier um ein gesellschaftliches Konstrukt handelt, gefüttert von diversen Industrien. Eine dieser Industrien ist die Liebesroman und -filmbranche. Damit kann ich wenig bis nichts anfangen. Hat irgendjemand schon einmal so etwas erlebt, wie dort dargestellt? Eben.

Aus diesem Grund bin ich mit einer gesunden Portion Skepsis an das Werk mit dem Titel „Was ich liebte“ herangegangen. Aber natürlich, ich hätte es besser wissen müssen – auf der Liste sollten ja eigentlich keine Schundromane vertreten sein. Und dieser – ich war nie so froh, diese Liste zu lesen bisher, denn ich hätte dieses Buch wohl nie in die Hand genommen.

Der Roman besteht aus drei Teilen. Der erste Teil beschreibt das Leben, das ich leben würde, könnte ich mir eines aussuchen. Zwei (Ehe-)Paare leben in New York. Eines ist der Erzähler, Professor Leo Hertzberg und seine frisch angetraute Frau Erica, das andere der Künstler William Wechsler mit seiner Frau Lucille, von der er sich später trennen wird, um Violet zu heiraten.

Alle vier sind in irgendeiner Weise schöpferisch tätig, Leo und Erica sind Professoren und schreiben Bücher, Lucille schreibt Gedichte, Violet betreibt intensive Studien zu Gesellschaft und schreibt darüber, aber der Mittelpunkt ist William – Bill – der Künstler mit seinen Werken, den Entstehungsgeschichten und den Verarbeitungen seines Lebens.

Sie wohnen übereinander, ihre Söhne – Matt Hertzberg und Mark Wechsler – werden fast zeitgleich geboren, und alle sind eng befreundet (wobei die Freundschaft der Hertzbergs enger mit Violet ist als sie mit Lucille war). Die Familien fahren gemeinsam in Urlaub, verbringen unglaublich viel Zeit damit, sich auszutauschen, und es herrscht eine Symbiose zwischen ihnen, die in mir blanken Neid entstehen lässt. Nächtelang erzählen sie sich von ihren Forschungen, von dem, was sie gelesen haben, inspirieren sich gegenseitig, machen sich auf Dinge aufmerksam, philosophieren… Gott, was würde ich darum geben.

Aber nun gut, alles hat seinen Preis. Und dies wird in den beiden anderen Teilen sehr deutlich. Matthew stirbt bei einem Unfall, und die Hertzbergs zerbrechen fast daran. Die Wechslers helfen ihnen durch diese Zeit, aber nichts ist mehr so wie vorher. Erica und Leo trennen sich auf Zeit, und Violet und Bill werden mehr oder weniger zu Leos Familie. Bill verarbeitet seine Trauer in seinen Kunstwerken,und mit der Zeit wird er ziemlich bekannt.

Die Zeit vergeht, und Mark, der Sohn der Wechslers, wächst heran, ein wenig nimmt er auch Matts Rolle in Leos Leben ein, er ist zumindest ein wichtiger Bezugspunkt. Irgendwann jedoch stellen sich leichte Störungen ein, Mark lügt über gegessene Donuts, stiehlt ein wenig Geld, treibt sich nächtelang herum und begegnet Teddy Giles, einem Künstler, der durch inszenierte Morde, Zerstückelungen und dergleichen versucht, die gleichgültige Gesellschaft aufzurütteln. Doch handelt es sich tatsächlich nur um Inszenierungen? Und wird Mark in seinen Bann geraten?

Dieses Buch ist ein kleines Schmuckstück. Siri Hustvedt, die ich ausdrücklich nicht als die Frau von Paul Auster bezeichnen möchte, da sie ohne dieses Anhängsel für sich stehen sollte, gelingt es, den Leser absolut in ihren Bann zu ziehen. Man sieht Glück und betrachtet sein Zerbrechen, mühsam aufrechterhaltene Normalität und kleines neues Glück, Verzweiflung und ja, auch Liebe. Zwischenmenschliche, nicht auf Paarliebe reduzierte Liebe.

Gleichzeitig ist es unglaublich spannend, wie sich im Verlauf der Geschichte die Handlung um Mark verdichtet, wie niemand mehr weiß, was wahr ist und was eingebildet, und wie sich die Geschichte schließlich auflöst.

Besonders betonen möchte ich auch, wie beeindruckt ich von ihren Beschreibungen bin. Ich glaube, ich habe meine schlechteste Deutschnote überhaupt bekommen (und das war mein Paradefach), als ich einmal ein Bild beschreiben sollte; es ist mir überhaupt nicht gelungen. Und Siri Hustvedt macht es in einer Art, dass man meint, man stünde dem Gemälde gegenüber, man befinde sich inmitten einer Installation, man sieht alles genau vor sich. Auch die Theorien, die besprochen und verfasst werden, sind immer gut verständlich und leicht nachvollziehbar, obwohl es sich doch um Studien handelt.

Dieses Talent, all dies leicht zu präsentieren, nicht eine Sekunde Langeweile aufkommen zu lassen – im Gegenteil, man möchte Teil haben, mittendrin sein – bewundere ich sehr und ich möchte jedem empfehlen, einmal Teil dieser Geschichte zu werden. Ich weiß, es gibt viele Kandidaten für den sogenannten „großen amerikanischen Roman“, ich habe durchaus auch schon einige gelesen, die auf die Bewerberliste gehören: dieser gehört auf jeden Fall weit nach oben auf diese Liste – und auf meine.

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Buch #17: Jonathan Safran Foer – Alles ist erleuchtet

Dieses Buch hat zwei Emotionen bei mir geweckt: Ratlosigkeit und Wut. „Alles ist erleuchtet“ ist Foers Erstling aus dem Jahre 2002, und ich habe vor einigen Jahren sein zweites Buch, „Extrem laut und unglaublich nah“ gelesen und fand es wundervoll. Ebenso, wie ich es gut finde, dass jemand, der eine „Stimme“ hat, ein Buch darüber schreibt, ob es sinnvoll ist, Tiere zu essen. Man kann also sagen: ich hatte einige Erwartungen.

Nun also sein erstes Buch. Um das einmal vorweg zu nehmen: sprachlich ist es wundervoll. Ich mag es auch, wenn der Leser gefordert wird. Dies ist hier der Fall, da es sich um drei Geschichten in einer handelt.

Die Geschichte, die alles zusammenhält, ist die, dass Jonathan Safran Foer mit 20 in die Ukraine fährt, um die Frau zu finden, die seinen Großvater vor den Nazis gerettet hat, da ja auch er ihr sein Leben zu verdanken hat. In der Ukraine hat er einen Führer und Übersetzer, Alex. Dieser, sein Großvater und der Hund Sammy Davis Jr. Jr. machen sich also auf die Suche.

Die zweite Geschichte besteht aus Briefen, die Alex Jonathan schreibt, und in denen er Teile der Suche aufarbeitet. Hierzu gehören Übersetzungen, die in der kurzen Zeit verloren gingen und nun ausführlich nachgeholt werden, die Geschichte bekommt mehr Hintergrund, und auch Alex erzählt seine Geschichte, da Foer für ihn ein „Held“ ist und er ihm alles anvertraut, was er sonst niemandem erzählen kann.

Die dritte Geschichte nimmt im 18. Jahrhundert ihren Beginn, in Trachimbrod, dem Ort, in dem auch Jonathans Großvater gelebt hat, bevor er in die USA flüchtete. Sie erzählt vom jüdischen Leben im Dorf, ist komisch, ist tragisch, und endet am 18. März 1942, dem Tag, als die Nazis einmarschieren.

Es ist also wie ein Puzzle, und dass Alex‘ Englisch so angelegt ist, als sei er wirklich Ukrainer und der deutschen englischen Sprache nicht ganz mächtig, ist recht anstrengend, verleiht der Geschichte aber auch „Glaubwürdigkeit“. Es passiert unheimlich viel, auf der Fahrt nach Trachimbrod, das nicht mehr existiert, wo sie eine alte Frau finden, die als einzige Überlebende die Hinterlassenschaften aller gesammelt hat und nun einige Antworten für Jonathan, Alex und seinen Großvater hat. Und als herauskommt, dass auch der Großvater nicht unbeschadet durch die Nazi-Zeit gekommen ist.

Wenn Alex Jonathan von seinem Leben schreibt, und seine Träume und Hoffnungen preisgibt, Jonathan wiederum Alex Kraft gibt und ihn dazu bringt, sich zu behaupten… das ist schon großartig.

Auch das Stilmittel, das Foer benutzt, wenn die Nazis eintreffen, und der Großvater seine Geschichte erzählt – er läßt jede Interpunktion sausen und macht nur gelegentlich Satzpunkte, schreibt Worte aneinander, so dass man meint, es sei atemlos erzählt worden – das verleiht der Szene einen unglaublichen Nachdruck.

Also, was das alles anbelangt, würde ich das Buch unbedingt empfehlen.

Aber. Ja, es gibt ein aber. Ein großes, fettes Aber. Es handelt sich um eine Geschichte aus dem alten Trachimbrod. Brod hat den Kolker geheiratet. Sie sind sehr glücklich miteinander bis zu dem Tag, als dem Kolker im Sägewerk eine Säge den Kopf spaltet. Er überlebt mit dem Blatt im Kopf, hat aber nunmehr zwei Persönlichkeiten. Die eine ist die, die Brod liebt und ihr ein guter und liebevoller Ehemann ist.

Die andere ist die, in der er Brod prügelt, beißt, tritt, auf jede erdenkliche Art misshandelt. Und Brod erträgt alles mit dem Gedanken, dass sie es auch nicht anders verdient habe. Dass es so sein müsse. Sie holt sich ihre Prügel quasi ab. Irgendwann später wird noch gesagt werden, dass dies die wahre Form der Liebe sei.

Und das regt mich auf. Ich habe schon alles Mögliche an Unmöglichkeiten gelesen. Mord, Totschlag, Folter, den ganzen menschlichen Abschaum. Ich denke auch, dass dies ein Thema ist, das angesprochen werden muss, denn häusliche Gewalt gab es immer und wird es wohl leider immer geben.

Aber diese Art und Weise hat mich angewidert. Es klingt so wie „er kann ja nichts dafür.“ Und „so ist das in einer Ehe, man muss sowas von seinem Mann erdulden.“ „Es gibt halt Opfer und Täter.“ „So war es schon immer, warum sollte es jetzt anders sein.“ Und dagegen spreche ich mich vehement aus. Das ist nicht das, was ich von guter Literatur erwarte.

Und deswegen wird Herr Foer auch ganz unten auf meiner Liste landen. (Hinzugefügt 7.6.: Wie ich erfahren habe, sehe ich die Situation vielleicht etwas harsch. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass man das Buch verschieden auslegen kann, ich fand die Szene schrecklich, andere fanden sie als zum Buch gehörig in das Thema passend. Darüber kann man streiten, und das gehört ja auch dazu, wenn man sich mit Literatur beschäftigt. Also, ich persönlich möchte das Buch nicht empfehlen, aber die Leute, die es tun, haben auch nicht ganz unrecht. Es ist ein gutes Buch, aber es hat eben – in meinen Augen – auch seine negativen Seiten.)

Auch wenn die Aufarbeitung der Geschichte gut gelungen ist, hat diese Geschichte in der Geschichte einen ganz, ganz bitteren Nachgeschmack hinterlassen.

Das mag man anders sehen (ich bin gespannt, ob es jemanden gibt, der das anders sieht und mich wissen lässt, warum), aber ich sehe es so. Gewalt als harmlos darzustellen geht in keiner Art und Weise. Nie.

Buch #14: Gabriel García Márquez – Hundert Jahre Einsamkeit

Hundert Jahre Einsamkeit? Ja. Hundert Jahre Alleinsein? Nein. Denn dies ist die Geschichte einer ganzen Familiensippe, der Buendías. Ursula und José Arcadio, Cousine und Cousin, heiraten und läuten damit das Schicksal einer Familie ein, das hundert Jahre währen soll.

Sie haben zwei Söhne, José Arcadio und Aureliano. Und nun wird es kompliziert. Denn alle männlichen Nachkommen werden entweder den einen oder den anderen Namen tragen. José Arcadio, der ungestüme und immer wissensdurstige Mann, der tatkräftig ist und ohne Rücksicht auf Verluste durchs Leben schreitet, und Aureliano, der gewissenhafte, nachdenkliche Gegenpart, der mit den Prinzipien.

Es werden viele Frauen geliebt, Schwestern, Tanten, Cousinen, und auch Außenstehende. Und es werden viele Söhne gezeugt. Und hier wird es wieder einfach. Man muss sich nicht jeden Einzelnen merken, denn die Familiengeschichte dreht sich im Kreis. Es ist, als ob das Schicksal immer wiedergeboren würde.

Über allem steht Ursula, die Matriarchin, die die ganze Sippe beisammenhält. Wenn das Schicksal alles zerstört, baut Ursula es wieder auf. Und Melchíades, der Zigeuner, der im ersten José Arcadio den Wissensdurst auslöst, den dieser nie löschen können wird. Melchíades, der sich in einem Zimmer des gewaltigen Hauses einschließt und dort unentzifferbare Notizen anfertigt. Und der nach seinem Tod das Zimmer weiter bewohnt, bis sich das Schicksal der Familie endgültig vollzieht. Nach hundert Jahren.

In diese vielfältige Familiengeschichte eingewoben ist das Schicksal eines Dorfes. Das der erste José Arcadio mit einigen Männern gegründet hat und das hundert Jahre des Auf und Ab erlebt.  Erfindungen werden gemacht, Krieg geführt, neue Technologien kommen und gehen. Und am Ende… wird auch das Dorf seinem Schicksal zugeführt.

Und auch hier gibt es wieder die Welt der Geister. Die Menschen, die ihr Schicksal nicht erfüllen konnten, leben neben den noch lebendigen Menschen. Sie geben Rat oder machen Anmerkungen, sehen manchmal Dinge voraus und manchmal wissen sie über die Vergangenheit zu berichten.

All dies ergibt eine kolossale Geschichte, die überladen ist mit Geschichten. So viele José Arcadios und Aurelianos ziehen vorüber, dass manchmal nur kurz, über ein paar Seiten hinweg, ihre Geschichte erzählt wird. Ein kurzes Aufglimmen eines Familienmitglieds, und schon ist es vorüber.

Verderben in voller Blüte

Dazu dieses Land, glühendheiß, in einem Sumpf gelegen, und der tägliche Kampf gegen die Unbillen. Insekten, Ameisen, Termiten, Schmetterlinge, es kreucht und fleucht, und es ist heiß und schwül, oder es regnet über Jahre hinweg. Menschen kommen und gehen, hinterlassen Dinge und fordern sie wieder ein; Liebe wird erfüllt, nur um vom Tod unterbrochen zu werden. Vielleicht wird sie in der Welt der Geister weitergeführt, man weiß es nicht.

Auch wenn mich dieser Roman schon sehr berührt hat, ist er mir doch zu überladen. Ein paar handelnde Personen weniger wären für mich auch okay gewesen. Andererseits kommt nur so das ewig sich drehende Schicksalsrad zur Geltung, nur so kann die Geschichte funktionieren. Und dazu gehören auch all die Verrücktheiten, die vielleicht dem Inzest, vielleicht der Erziehung, vielleicht diesem Ort geschuldet sind.

Ich bin nun um ein tolles Zitat reicher, das ich Euch nicht vorenthalten möchte:

„Die Welt wird an dem Tag im Arsch sein“, sagte er damals, „wenn die Menschheit erster Klasse reist und die Literatur im Gepäckwagen.“

(Gabriel García Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit, S. 450)

Ich fühle mich jetzt auf jeden Fall, als sei ich aus der flirrenden Hitze eines kolumbianischen Dorfes wiedergekommen, als hätte ich eine Unmenge neuer Menschen kennengelernt. Die Geschichte ist ein Rätsel und gleichzeitig rund. Wenn man nicht darauf besteht, jeden einzelnen Strang unbedingt nachzuvollziehen und es bei der Lektüre etwas locker angehen lässt, ist es eine durchaus Vergnügliche. Also, insgesamt ist es nicht mein liebstes der bisher gelesenen Bücher, aber durchaus lesenswert.

Buch #13: Isabel Allende – Das Geisterhaus

Chile. Ich wusste bisher eigentlich nichts über dieses Land. Aber Isabel Allende hat mit ihrem Roman einen großen Teil der Geschichte des letzten Jahrhunderts in diesem Land erzählt. Ich dachte mir schon, dass es nicht nur bei uns schlimm war.

Das Geisterhaus beinhaltet eigentlich zwei Geschichten. Die eine ist eine Familiensaga, die mehrere Generationen umgreift. Und die andere ist die eines geschlagenen Landes, das aus seiner Blüte hinausgemetzelt wurde.

Isabel Allende

Es beginnt damit, dass Esteban Trueba, ein junger mittelloser Mann, sich in das schönste Mädchen verliebt, das er je gesehen hat: Rosa. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie, und er fühlt sich nicht angemessen für sie, solange er nicht gut für sie sorgen kann. So fängt er in den Minen an zu arbeiten und erwirtschaftet sich mit der Zeit etwas Geld. Rosas Vater ist Politiker, und eines Tages wird sie krank und trinkt einen Schnaps, der ihm zugedacht war. Sie stirbt.

Esteban ist verzweifelt, sein Ziel hat er verloren, und in seiner Familie, die in einem Kreis von Schuld und Sühne steckt, möchte er nicht verweilen. Also geht er auf das alte Gut der Familie, die Drei Marien. Hier baut er alles wieder auf, und mit der Zeit erschafft er ein blühendes Gut. Ihm gehört das Land, und mit ihm die Leute, er versorgt sie, aber er bestimmt auch über sie.  Das setzt in der Zeit des aufkeimenden Sozialismus einiges an Kräften frei.

Eines Tages hält Esteban Trueba um die Hand von Clara an, der Schwester Rosas. Diese ist ein spirituelles Geschöpf, sie kann Geister sehen und mit ihnen reden, sie kann Dinge vorhersehen und dergleichen mehr. Esteban wird nie jemanden mehr lieben als Clara, die aber immer ein wenig außerhalb von allem steht.

Sie haben drei Kinder, Blanca und die Zwillinge Jaime und Nicolas. Alle drei erben einige der merkwürdigen Eigenschaften aus der Familie ihrer Mutter, aber auch die Dickköpfigkeit und Stoigkeit des Vaters. Blanca wächst auf den Drei Marien mit Pedro Tercero Garcia auf, dem Sohn des Verwalters, und sie werden sich ein Leben lang lieben.

Dieser ist aber in Estebans Augen kein angemessener Umgang für Blanca, und als er davon erfährt, verjagt er ihn. Pedro Tercero wird zum Revolutionär, und Blanca bekommt sein Kind, Alba. Diese wiederum ist ihrem Großvater in ihrem Temperament sehr ähnlich, und als die Unruhen ausbrechen, verhält sie sich genauso, wie er es getan hätte, wenn er auch auf der anderen Seite steht.

Dies ist in groben Zügen die Familiengeschichte, und es ist wirklich grob und gibt in keiner Weise die „Geisterhaftigkeit“ der Geschichte wider. Auch hier kann ich nur wieder sagen, dass ich glaube, dass es solche Menschen gibt, und in diesem Fall gebrauchen alle ihre Fähigkeiten, um anderen zu helfen. Und Clara, in ihrer Abwesenheit und Zerstreutheit, die als einzige in der Lage ist, mit Esteban umzugehen… sie kann man nur lieben. Ebenso wie Alba, die die Ereignisse im Land nicht ganz nachvollziehen kann, aber instinktiv das Richtige tut, auch wenn sie teuer dafür bezahlen muss…

Die Geschichte des Landes kommt im Grunde erst auf den letzten hundert Seiten zur Sprache, aber dann mit aller Gewalt. Wenn die Sozialisten demokratisch gewählt werden und als Kommunisten abgeschlachtet werden, wenn tausende Menschen gefangen genommen, gefoltert, in Konzentrationslager gesteckt oder sofort erschossen werden – das ist harter Tobak.

Und genau dieser war es aber, der das Buch für mich lesens- und empfehlenswert gemacht hat. Die Familiengeschichte, nun gut, es sind interessante Charaktere und durch Clara wird sie manchmal magisch, während Esteban den Gegenpart dazu abgibt. Aber wie die Familienmitglieder auf verschiedenen Seiten, aktiv oder passiv, in den Strudel der Geschichte geraten und mitgerissen werden – das ist wirklich lesenswert. Also, durchhalten und auf jeden Fall bis zum Ende lesen, es lohnt sich!

Buch #3: Annie Proulx – Schiffsmeldungen

Nun, ganz ehrlich: damit habe ich nicht gerechnet. Ich habe eine Romanze erwartet, vor dem Hintergrund einer kanadischen Küste. Und dann kommt dieses Buch daher.

In Schiffsmeldungen geschieht nicht viel, die Geschichte ist schnell erzählt. Sie spielt in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts und handelt von Quoyle, einem Jungen, der groß und breit ist, mit einem riesigen Kinn ausgestattet, das er immer mit einer Hand verdeckt, damit es nicht so auffällt. Von seinem Vater und seinem Bruder wird er immer nur ausgelacht und nicht für voll genommen, weswegen er sich selbst auch nichts zutraut. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bis er einen Freund und eine Anstellung bei einer Zeitung findet. Er ist auch hier nur für Belangloses zuständig, trifft aber auf Petal, eine Frau, die ihn will und auch heiratet. Wie sich aber sehr bald herausstellt, ist sie eine Art Nymphomanin und macht Quoyle ebenfalls das Leben zur Hölle.

Doch sie schenkt ihm auch zwei Töchter. Als Petal Quoyle verlassen will und ihre Töchter verkauft, um ihre Reise zu finanzieren, hat sie einen tödlichen Autounfall. Quoyle holt die Mädchen zurück, und eine Tante besucht ihn, um ihn zu unterstützen. Die Familie kommt ursprünglich aus Neufundland, wohin die Tante und Quoyle mit den Mädchen zurückgehen. Hier bauen sie sich ein neues Leben auf, mit echten Freunden, die alle durch die raue Landschaft und das harte Leben an der Küste geprägt sind. Eigentlich sind die Leute dort alles Originale, sie sind komische, traurige, liebenswerte, aufrechte Menschen. Und es gibt eine Frau, Wavey, die ein ähnliches Schicksal erlitten hat wie Quoyle. Langsam, sehr langsam kommen die beiden sich näher.

Dies wird ergänzt durch viele kleine Geschichten und Anekdoten von Fischern, die ertrinken, Häusern, die über das Eis von einer Insel zur nächsten gebracht werden, vom alles bestimmenden Wetter und dem Golfstrom, der dieses bestimmt, von Eis und Hitzewellen, von Menschenschicksalen. Und langsam entwickelt sich das Bild dieser Landschaft und dem täglichen Überlebenskampf in all seinen Facetten.

Es ist überhaupt ein sehr langsames Buch. Zu Anfang konnte ich mich nicht recht anfreunden mit der Sprache der Autorin und den Figuren. Aber wenn die Quoyles nach Neufundland ziehen, ergibt plötzlich alles einen Sinn. Für die Landschaft, das Leben dort und die Menschen kann es keine andere Sprache geben. Eine karge Sprache, in kurzen Sätzen, oft ohne Verb, wird hier beschrieben. Und dadurch entsteht zugleich ein furchterregender und ein Sehnsuchtsort.

Ein kurzer Auszug, einer der ersten Eindrücke, die die Quoyles von ihrer neuen Heimat gewinnen:

„Das Auto rollte über zerklüftetes Land. Gestrüpp. Rissige Klippen unter vulkanischen Lasuren. Auf einem Vorsprung über dem Meer legte ein Seetaucher sein einzelnes Ei. Die Häfen noch vereist. Grabsteinhäuser, die auf rauhem Granit emporragten, die Küste schwarz, glitzernd wie Brocken aus Silbererz.“ (47)

Nach den anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Roman muss ich sagen, dass er mir doch gefallen hat. Die Stimmung, die kreiert wird, fängt einen ein und langsam entwickelt sich diese einsame, harte Landschaft mit dem von hartem Leben geprägten Menschen zu einer Art Ort, der doch Geborgenheit vermittelt. Der mit seinen Menschen, die nur zusammen überleben können, die Sehnsucht nach einer solchen Gemeinschaft weckt. Die Geschichten zu erzählen haben, tausende Geschichten, über das Meer, das Land, die Leute. Man möchte sich dort in eine heimelige Küche setzen und bei einer heißen Tasse Tee diesen Geschichten lauschen. Dies ist kein Buch für den Sommer, man muss es lesen, wenn die Bäume kahl sind, es regnet und der Wind bläst. Dann kann es seine volle Anziehungskraft ausüben.