Buch #52: Kurt Vonnegut – Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug

Kurt Vonnegut wurde am 11. November 1922 in Indianapolis geboren. Seine Eltern entstammten beide deutschen Einwandererfamilien. Kurt arbeitete schon für die Schülerzeitung, neben seinem Studium der Biochemie arbeitete er an der College-Zeitung  der Cornell University als Redakteur und Kolumnist. Er meldete sich 1943 freiwillig zur US Army und diente in der Ardennenoffensive als Soldat in einer Aufklärungseinheit, in der 106. Infanteriedivision, die dabei teilweise aufgerieben wurde. Er geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft und erlebte die durch alliierte Bomber geführten Luftangriffe auf Dresden und die Zerstörung der Stadt mit. Diese Erlebnisse beschreibt und verarbeitet er in Slaughterhouse 5.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Reporter, und als Schriftsteller verfasste er hauptsächlich Kurzgeschichten. In seinen letzten Lebensjahren wurde er zum bitteren Gegner von Präsident Bushs Kriegspolitik. Kurt Vonnegut starb am 11. April 2007 in New York an den Folgen einer Kopfverletzung.

kurt„Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug von Kurt Vonnegut jr., einem Deutsch-Amerikaner der vierten Generation, der jetzt in angenehmen Verhältnissen in Cape Cod lebt (und zuviel raucht), der vor langer Zeit als Angehöriger eines Infanterie-Spähtrupps kampfunfähig als Kriegsgefangener Zeuge des Luftangriffs mit Brandbomben auf Dresden, „dem Elb-Florenz“, war und ihn überlebte, um die Geschichte zu erzählen. Dies ist ein Roman, ein wenig in der telegraphisch-schizophrenen Art von Geschichten von dem Planeten Tralfamadore, von wo die Fliegenden Untertassen herkommen. Friede.“

 

Diese Worte sind dem Roman vorangestellt. Es handelt sich bei Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug um eine Geschichte in der Geschichte. Der Erzähler, Kurt Vonnegut, berichtet von seiner über 20 Jahre währenden Unfähigkeit, einen Roman über seine Kriegserlebnisse zu schreiben. Dann, 1967 (es war mitten im Vietnam-Krieg), fuhr er noch einmal mit einem alten Kriegskameraden nach Dresden. Er schreibt von seiner Unfähigkeit, seine Erlebnisse in Worte zu fassen; auch wusste kein Amerikaner viel über diesen Angriff auf Dresden, und wie verheerend er gewesen war. Jedenfalls beschließt Vonnegut, seinen alten Kriegskameraden aufzusuchen und ihn nach Erinnerungen zu fragen, und stößt bei dessen Frau auf entschiedenen Widerwillen.

„‚Ihr wart nur kleine Kinder im Krieg – genau wie die im oberen Stockwerk!‘

Ich nickte zustimmend. Wir waren törichte, jungfräuliche Männer im Krieg gewesen, gerade am Ende der Kindheit angelangt.

‚Aber Sie werden es nicht so schreiben, nicht wahr!‘ Das war keine Frage. Es war eine Anklage.

‚Ich – ich weiß nicht‘, sagte ich.

‚Nun, aber ich weiß es‘, sagte sie. ‚Ihr werdet vorgeben, Männer statt Kinder gewesen zu sein, und eure Rolle wird in den Filmen von Frank Sinatra und John Wayne oder einem anderen dieser bezaubernden, kriegsbegeisterten, dreckigen alten Männer gespielt werden. Und der Krieg wird einfach wundervoll aussehen, so daß wir eine Menge anderer Kriege haben werden. Und sie werden von Kindern wie unsere Kinder oben ausgefochten werden.‘ […]

‚Wenn ich es jedoch jemals fertig schreibe, gebe ich Ihnen mein Ehrenwort: Es wird keine Rolle für Frank Sinatra oder John Wayne enthalten… Ich sage Ihnen etwas‘, setze ich hinzu. ‚Ich werde es ‚Der Kinderkreuzzug‘ nennen.'“

Und daran hält er sich. Er erzählt die Geschichte von Billy Pilgrim, der 1922 geboren wurde und ein komisch aussehender, komisch gewachsener junger Mann ist. Er soll als Diener eines Feldpredigers wirken, hat keine Waffen und keinen Einfluss auf jedwedes Kriegsgeschehen. Als er in Luxemburg ankommt, wird in der Ardennen-Offensive alles vernichtet und Billy irrt daraufhin durch Deutschland. Er gerät in Kriegsgefangenschaft, und wird Zeuge von Not und Elend, er kommt in Lager, wird in überfüllten Zügen dorthin und später nach Dresden transportiert und schließlich sitzt er im Keller des Schlachthofs Nummer Fünf, als Dresden bombardiert und in eine „Mondlandschaft“ verwandelt wird. So geht das.

Doch Billy ist anders als andere Menschen. Er überlebt den Krieg und gerät 1967 in einen Flugzeugabsturz, den er ebenfalls überlebt. Kurz nach dem Absturz wird er von Außerirdischen entführt, die ihn zum Planeten Tralfamador bringen. Hier leben Wesen, die in vier Dimensionen denken. Und Billy lernt, dass Zeit keine chronologische Abfolge ist, sondern alle Zeit ist immer. Und so wird seine Geschichte auch erzählt. Er springt von seinen Erlebnissen als Kind zu denen kurz vor seinem Tod, von Dresden zu Tralfamadore, von seiner Hochzeit zum Flugzeugabsturz und so fort. Von all diesen Erlebnissen berichtet er recht objektiv. Und beendet viele Sequenzen mit der kurzen Feststellung: So geht das.

Billy Pilgrim ist also ein Beobachter, ein Pilger durch die Zeit. Dadurch, dass er jederzeit seiner momentanen Zeit und guten wie schlechten Erlebnissen entrissen werden kann, verliert vieles seine Bedrohlichkeit. Man könnte ihn nun als einen Dummkopf sehen, als einen unbeteiligten Beobachter, der immer nur neben den Ereignissen steht und sie an sich vorüberziehen lässt. Das Wandern ohne Schuhe durch den Schnee ist beschwerlich, aber Billy wandert einfach weiter, was soll er sonst schon tun?! So geht das.

Dieser Fatalismus kann aber ebenso sehr eine Überlebensstrategie sein. Billy lässt all diese schrecklichen Erlebnisse an sich abperlen. Er befindet sich eben auf einmal mit einer sehr attraktiven Frau auf Tralfamadore, wo die Tralfamadorianer das menschliche Paarungsverhalten beobachten möchten. Oder er läuft in zusammengewürfelten Kleidungsstücken herum, die ihn wie einen absurden Clown aussehen lassen, aber es ist doch die Hauptsache, dass er Kleidungsstücke hat. So geht das.

Schlachthof 5 ist ein Anti-Kriegs-Roman. Er gewinnt seine Eindringlichkeit durch die Beschreibung der Schrecknisse des Krieges durch die Brille eines naiven Sonderlings, der nicht weiß, wie ihm geschieht, der die Grausamkeiten hilflos naiv mitansieht. Dass dies den meisten Kriegsteilnehmern so gehen dürfte, ist eine Ahnung, die den Leser schleichend befällt. Dresden wird zwar als Ereignis beschrieben, aber die „Mondlandschaft“, die die Stadt nach der Bombardierung ist, könnte genauso gut in Vietnam oder an einem anderen Kriegsschauplatz liegen.

Offiziell war Schlachthof 5 wegen der Beschreibungen fluchender Soldaten und sexueller Inhalte auf dem Index, und wurde von den Lehrplänen verbannt. Dies ist jedoch schlicht keine Literatur, die kriegsführende Staatsoberhäupter in den Köpfen haben wollen. Weil die Grausamkeiten, die Menschen Menschen antun, in den Köpfen bleiben. Weil die Hilflosigkeit zum Nachdenken anregt. Und wer will schon nachdenkende Soldaten. Sie sollen wie Billy alles hinnehmen. So geht das.

Kurt Vonnegut: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug. Deutsch von Kurt Wagenseil. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1972

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Buch #48: Raymond Chandler – Der lange Abschied

Raymond Chandler wurde am 23. Juli 1888 in Chicago geboren, wuchs aber in England auf.  Er besuchte von 1900 bis 1905 das Dulwich College, wo er sich für Fremdsprachen und Altphilologie interessierte, verbrachte jedoch die nächsten zwei Jahre in Vorbereitung auf die Aufnahme für den britischen Staatsdienst,  woraufhin er ein halbes Jahr für das britische Marineministerium arbeitete. Eine Begegnung mit Richard Barham Middleton (Autor von phantastischen Kurzgeschichten) beeinflusste ihn dahin, eine Schriftstellerkarriere zu verfolgen. Er arbeitete als Reporter für verschiedene Zeitungen, und veröffentlichte erste Werke. Er diente als Soldat im Ersten Weltkrieg, war freier Journalist, Buchhalter und schließlich Direktor einer kalifornischen Ölgesellschaft. Als er hier 1932 entlassen wurde, widmete er sich ernsthaft dem Schreiben.

Sein erster Roman The Big Sleep erschien 1939 und war ein großer Erfolg, ebenso wie seine Verfilmung 1946. Er schrieb in den folgenden Jahren mehrere Drehbücher und Romane, von denen The Long Good-Bye als Höhepunkt gilt, für den er den Edgar-Allan-Poe-Award erhielt. 1954 starb Chandlers Frau, woraufhin er zu trinken begann. Ein Selbstmordversuch schlug fehl, er wurde wegen Alkoholismus mehrmals in Kliniken behandelt. 1959 starb er an einer Krankheit in Kalifornien.

Mit Philip Marlowe hat Chandler einen Vertreter des hardboiled detective geschaffen, eines Ermittlers, der einen zynischen Blick auf die Welt hat und sich nur seinem eigenen Gesetz verpflichtet fühlt, gerne von seiner Schusswaffe Gebrauch macht, Alkohol, Zigaretten und Frauen nicht abgeneigt ist und oft mit der Polizei in Konflikt gerät.

chandlerPhilip Marlowe lernt eines Tages Terry Lennox kennen, der sich betrunken mit seiner Frau streitet, die ihn deshalb nicht im Auto mit nach Hause nehmen will.  Marlowe kümmert sich um ihn und sie freunden sich an. Lennox‘ schneeweißes Haar und sein narbiges Gesicht faszinieren ihn, er erfährt, dass Lennox und  seine Frau schon einmal verheiratet waren und die meisten Menschen ihn für einen Goldgräber halten, da seine Frau sehr reich ist.

Dann steht Lennox vor Marlowes Tür und bittet ihn darum, ihn über die Grenze zu bringen. Marlowe stellt nicht viele Fragen, je weniger er weiß, umso weniger muss er lügen. Er bringt Lennox zum Flughafen und fährt nach Hause. Dort wartet die Polizei: Lennox‘ Frau wurde ermordet, und Marlowes Telefonnummer in Lennox‘ Sachen gefunden. Marlowe äußert sich nicht dazu und kommt in Untersuchungshaft, wo er weiterhin den Mund hält. In der Zwischenzeit erschießt Lennox sich in Mexiko, was als Schuldspruch gewertet wird und woraufhin das Verfahren eingestellt wird.

Ein paar Tage später bekommt Marlowe den Anruf eines Verlegers, der über den Fall gelesen hat und ihn nun bittet, sich um einen seiner Autoren zu kümmern, der ein Buch fertig stellen soll, sich aber mehr um den Alkohol kümmert, dabei schon einmal seine Frau verletzt hat und nun als unberechenbar gilt. Marlowe lernt die wunderschöne Frau kennen, lehnt den Auftrag aber ab. Bis sie ihn anruft und ihn darum bittet, ihren Mann zu suchen, der im Delirium abgehauen ist und sich womöglich etwas antun wird. Marlowe findet ihn und bringt ihn zu seiner Frau.

Die beiden lassen ihn nicht mehr los, denn irgendetwas stimmt nicht in dem Haus. Die Ereignisse spitzen sich zu, und am Ende wird nicht jeder leben. Aber wie die beiden Fälle zusammengehören, wird auf einmal klar…

Dies war mein erster Roman von Raymond Chandler und ich habe ihn sehr genossen. Ich habe schon einige Kriminalromane gelesen, gerade auch mit desillusionierten Ermittlern, aber Philip Marlowe nimmt für mich eine ganz besondere Rolle ein. Der Roman ist aus seiner Perspektive geschrieben, so erfahren wir nur soviel, wie er erfährt. Dabei gibt er sich aber nicht groß damit ab, seine Befindlichkeiten darzulegen, oder warum er dieses Mal den Mund hält und ein anderes Mal spricht. Das ergibt eine recht nüchterne – oder ernüchterte – Beschreibung der Welt und der Ereignisse.

Wenn er zum Beispiel bei der Polizei ist, die mehr nach dem Recht des Stärkeren handelt als nach dem tatsächlichen Recht,  und er sich nicht einschüchtern lässt, ist das ganz großartig. Ganz nüchtern beschreibt er, wie der Ermittler ihn verhört, und man sieht die Bulldogge vor sich:

„Seine Stimme war kalt, entschieden und so widerlich wie seine routinierte Gewißheit, die Sache zu schaffen. Aber seine rechte Hand wurde immer wieder von der Schreibtischschublade angezogen. Er war noch zu jung, um Äderchen an der Nase haben zu dürfen, aber er hatte sie, und das Weiß seiner Augen war von übler Einfärbung.

„Ich hab das allmählich derart satt“, sagte ich.

„Was haben Sie satt?“ schnappte er.

„Harte kleine Männer in harten kleinen Büros, die harte kleine Redensarten von sich geben, wo nichts dahinter ist. Ich hab jetzt sechsunfünfzig Stunden im Schwerverbrechertrakt gesessen. Kein Mensch da hat mich herumgeschubst, kein Mensch hat mir beweisen wollen, daß er ein zäher Kerl ist. Das brauchten die gar nicht.“ (63)

Wer eine schnelle Story mit vielen Actionszenen erwartet, ist bei Chandler definitiv falsch. Seine Story entwickelt sich langsam, und durch die Erzählperspektive weiß man oft nicht, warum er jetzt davon berichtet, und wie der Zusammenhang zu den anderen Erlebnissen besteht. Aber nach und nach entfaltet sich eine komplexe Geschichte, Zusammenhänge werden offensichtlich und Motive entstehen. Man kann also hervorragend selbst ermitteln, da man soviel weiß wie der Ermittler. Keine harte Action, sondern ein ernüchterter Bericht eines desillusionierten Detektivs, der an der Welt verzweifelt, aber dennoch versucht, anderen zu helfen. Ich bin schon gespannt darauf, Chandlers Erstling The Big Sleep zu lesen, um mehr über Marlowe zu erfahren und empfehle Marlowes „Bericht“ jedem, der einen ebenso anspruchsvollen wie unterhaltsamen Zeitvertreib sucht.

Raymond Chandler: Der lange Abschied. Aus dem Amerikanischen von Hans Wollschläger. Diogenes, 382 Seiten. Original aus dem Jahre 1953.

Buch #42: Doris Lessing – Das goldene Notizbuch

Doris Lessing wurde 1919 als Doris May Tayler in Kermanschah (Iran) geboren. 1925 zog ihre Familie von Persien nach Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe, wo sie ein hartes Leben auf dem Land führte. Den Besuch der Klosterschule brach Doris Lessing im Alter von 14 Jahren ab. Sie hatte eine schwierige Kindheit, die sich in ihren Texten widerspiegelt. 1939 heiratete sie Frank Charles Wisdom, von dem sie 1943 geschieden wurde, und 1945 heiratete sie den deutschen Emigranten Gottfried Lessing, dessen Namen sie auch nach der Scheidung 1949 beibehielt.  Das goldene Notizbuch stammt aus dem Jahr 1962 und gilt gemeinhin als ihr Hauptwerk, auch wenn Doris Lessing selbst die Romane des Zyklus Canopus in Argos als ihr Hauptwerk bezeichnet. Sie erhielt zahlreiche Preise, darunter 2007 den Nobelpreis für Literatur.

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Das goldene Notizbuch beinhaltet eine Handlung auf mehreren Ebenen. Die Rahmenhandlung mit dem Titel „Ungebundene Frauen“ besteht aus fünf Teilen und erzählt die Geschichte der Schriftstellerin Anna Wulf. Sie ist geschieden und hat eine Tochter, ihre Freundin Molly, mit der sie zeitweise unter einem Dach lebt, ist ebenfalls geschieden und hat einen Sohn. Anna und Molly führen lange Gespräche über ihre Sicht der Welt und ihre Probleme als „ungebundene Frauen“, mit den Kindern, mit der Umgebung, mit den Ex-Ehemännern und mit den Männern, die sie kennenlernen. Anna hatte eine fünf Jahre währende Beziehung mit Michael, der sie verlassen hat, was sie nie ganz verwinden konnte. Die beiden Frauen leben in einer Welt, in der ungebundene Frauen gesellschaftlich nicht geachtet sind, aber diese Gesellschaft meiden sie größtenteils. Aber auch wenn sie nicht bereit sind, sich auf ein Leben als Ehefrau, als Anhängsel, als Haushälterin und Mutter einzulassen, ist ihre größte Hoffnung doch immer noch, den Mann zu finden, den Mann, der sie so nimmt, wie sie sind, und sie ihr eigenständiges Leben leben lassen.

Anna hat einen erfolgreichen Roman geschrieben über ihre Zeit in Afrika, als sie dort als junge Frau mit der Kommunistischen Partei versucht hat, dem Volk zu helfen. Dies ist ihr einziger Roman, sie leidet unter einer Schreibblockade. Diese rührt zum Teil daher, dass es ihr als Schriftstellerin unmöglich ist, eine Figur als komplexes Wesen mit all seinen Facetten darzustellen. Daher beginnt sie, vier Notizbücher zu führen. Jedes Notizbuch soll eine Facette ihrer Persönlichkeit behandeln. So will  sie sich selbst als Person in ihrer Ganzheit erfassen.

Das schwarze Notizbuch ist der Zeit in Afrika gewidmet, ihren Erlebnissen dort, die zu ihrem Roman „Frontiers of War“ geführt haben. Sie ist als  Mitglied einer Gruppe von Kommunisten damit beschäftigt, die Bevölkerung zu informieren, sie etwas zu „lehren“, sie in ihrer Entwicklung voranzubringen. Doch ist die Gruppe aus so unterschiedlichen Mitgliedern besetzt, dass allein ihre Dynamik Herausforderung genug ist. Der Rassismus sitzt tief in der Bevölkerung, und die Weißen durch die Unterstützung der Schwarzen aufzubringen, mündet letztendlich in einer Katastrophe. Aber nicht nur ihre Zeit in Afrika wird beschrieben, auch die Entwicklung nach dem Erscheinen des Romans und seine Rezeption werden erfasst.

Das rote Notizbuch erzählt von ihren Erfahrungen mit dem Kommunismus bzw. der Kommunistischen Partei. Für diese ist sie nicht nur in Afrika, auch zurück in London bleibt sie ihr treu, tritt sogar ein. Doch nach und nach beginnen Zweifel zu nagen, Zweifel an Russland, dem Mutterland des Kommunismus, Zweifel an der KP in England und Zweifel an ihrem Tun, an der Sinnhaftigkeit und daran, ob sie etwas bewirkt. Dazu kommt der Preis, den sie zahlen muss: der Kampf, ihren Idealismus angesichts der Geschehnisse in Russland und Afrika aufrecht zu erhalten, das wachsende Misstrauen der Bevölkerung gegen die Partei und ihre Mitglieder, und der geringer werdende Glauben an die Partei.

Das gelbe Notizbuch befasst sich mit Annas aktueller Arbeit als Schriftstellerin. Ihre Überlegungen und ihre Erlebnisse verarbeitet sie in einem Text über „Ella“, ihr Alter Ego. Ella lebt ebenfalls alleine, hat eine enge Freundin, im Gegensatz zu Anna einen Sohn (der den Namen von Annas großer Liebe, Michael, trägt), und im Grunde genommen hat sie die gleichen Probleme wie Anna.

Das blaue Notizbuch ist eine Art Tagebuch, über lange Strecken nur mit Zeitungsartikeln oder Überschriften beklebt. Es beinhaltet aber auch den Versuch, ihren Tagesablauf minutiös wiederzugeben, in der Hoffnung, das Erleben genau so darzustellen, wie es erlebt wurde. Es ist aber am Ende doch nur eine Aufzählung von Tätigkeiten, Tagesabläufen in all ihrer Banalität.

Der Versuch, ihre Persönlichkeit in ihre Facetten aufzuteilen, scheitert. Es ist Anna unmöglich, alles aufzunehmen, die Person als komplette und komplexe  Person darzustellen. Dazu kommt, dass sie einen Mann als Untermieter aufnimmt, der an einer gespaltenen Persönlichkeit leidet. Er ist quasi das, was sie in ihren Notizbüchern versucht hat zu erreichen. Sie wollte sich aufspalten, er ist aufgespalten, und mehr noch, er lebt jede dieser Persönlichkeiten voll aus. Das macht ihn kaputt, und es zerstört auch fast Anna. Sie sieht, dass die Notizbücher ihr Ziel nicht erreichen, und schließt alle mit einem dicken schwarzen Strich ab.

Nun lässt Anna wieder alle Handlungsstränge, alle Lebensbereiche, alle Persönlichkeiten zusammenfließen, im Goldenen Notizbuch. Sie wird wieder eine Person. Der Roman schließt dann mit dem letzten Teil von „Ungebundene Frauen“ ab.

Es ist also ein sehr komplexer Roman, der viele Aspekte abhandelt. Die verschiedenen Erzählebenen sind dazu da, die Schwierigkeit herauszuarbeiten, das Leben in seiner Komplexität zu beschreiben. Es finden sich viele Reflexionen darüber, wie schwierig dieser Vorgang ist. Aber dies ist nicht alles.

Der Roman wurde lange Zeit als Manifest für den Feminismus gebraucht, auch wenn Doris Lessing sich ausdrücklich dagegen wehrt, nur diese eine Sichtweise zu sehen. Allerdings beinhaltet er sehr ausdrücklich Frauenthemen, vom weiblichen Orgasmus über die Menstruation, von der Schwierigkeit, sich als Frau zu behaupten und das Leben zu leben, das man möchte, ohne in der Abhängigkeit eines Mannes zu sein, vielmehr mit ihm auf gleicher Höhe. Wie schwierig es manchmal ist, alleine zu sein, sich nicht auf einen faulen Kompromiss einzulassen, um diese Einsamkeit zu beenden. Oder wie man sich auf einen faulen Kompromiss einlässt, um von den Männern als „exotisches Wesen“ angesehen zu werden, eine Frau, die gut fürs Bett ist, die interessant und spannend ist, die man jedoch nicht in seinem Heim an seiner Seite haben möchte. Oder, wenn die Einsamkeit zu groß wird, oder man sich doch verliebt, die unglaubliche Einfachheit, mit der man sich selbst aufgibt, seine ganze Persönlichkeit dem Mann zu Füßen schmeißt, der, wenn er ihrer überdrüssig ist, sie mit eben diesen Füßen tritt.

Auch sucht Anna eine Psychiaterin auf, von der sie sich einerseits Hilfe erhofft, deren Hilfe sie aber auch immer wieder verweigert. Es ist ein Kampf zwischen diesen beiden Frauen, der den Kampf Annas mit sich selbst widerspiegelt, ihren Problemen, ihren Ängsten.

Dann wird auch noch das Feld der Politik behandelt, der Idealismus, der sich als hohl entpuppt, die Versuche, zu helfen, die im Nichts verlaufen. Auch hier findet eine lange Entwicklung statt, die ein wichtiger Teil von Annas Persönlichkeit ist.

Bestimmt habe ich jetzt noch einiges vergessen, aber das ganze ist auch so schon komplex genug. Aber jetzt kommt der Clou: ich habe mich unglaublich schwer getan mit dieser Rezension, da mir nicht gelingen wollte, diese Komplexität mit der Leichtigkeit von Doris Lessing wiederzugeben. Die über 800 Seiten sind nämlich in einer leichten und angenehmen Sprache verfasst, durch die Abgrenzung in die verschiedenen Ebenen behält man immer den Überblick, und Doris Lessing, die das Verfassen dieses Romans für sich selber als „eine Art Ausbildung“ beschrieben hat, die „ihr Denken über Literatur tief greifend und nachhaltig verändert hat“ (Nachwort, S. 839), vermag es, den Leser mit Leichtigkeit in den Bann zu ziehen. Dabei stellt sie ganz nebenbei essentielle Fragen, die mich noch jetzt grübeln lassen.

Der Roman spielt hauptsächlich in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, aber wieviel hat sich an der Rolle der Frau wirklich geändert? Wie viele Frauen haben immer noch lieber die Sicherheit, auch wenn sie dafür einen Kompromiss eingehen müssen? Wie viele Frauen warten nur darauf, weggeheiratet zu werden, und wie viele Männer wollen wegheiraten, aber trotzdem noch „Spaß“ haben?  Wie hat sich das Bild der Hausfrau und Mutter wirklich verändert, wo es doch so schön einfach ist, sie als „gering“ abzutun, weil sie nicht arbeiten, und die arbeitenden Frauen als „gering“, weil es ihnen so schwer gemacht wird, Hausfrau und Mutter zusätzlich zu sein? Wie sieht es mit dem Idealismus aus, dem Willen und dem Kampf, etwas zu verändern? Ist es eher möglich heutzutage, aktiv etwas zu tun, oder noch unmöglicher?

Es gibt noch eine Menge mehr Fragen, die ich aber jedem empfehlen möchte, für sich selbst herauszufinden, und sich selbst zu stellen. Mich hat dieser Roman umgehauen, ich habe es zugleich als tröstlich und verstörend empfunden, dass sich Frauen vor fünfzig Jahren, als die Emanzipation erst ins Rollen kam, die gleichen Fragen stellten wie ich es heute oft tue. Dass viele alleinstehenden Frauen als mindestens „merkwürdig“ angesehen werden, weil sie keine Kompromisse mit ihrem Leben eingehen. Ich schreibe und schreibe, und habe noch nicht einen Bruchteil dessen ergriffen, was ich eigentlich alles loswerden möchte. Daher nun nur noch die Empfehlung: lesen und etwas daraus lernen!

Doris Lessings Reaktion auf den Gewinn des Nobelpreises.

Doris Lessing: Das goldene Notizbuch. Aus dem Englischen von Iris Wagner.

Buch #35: Ernest Hemingway – Wem die Stunde schlägt

Ernest Hemingway wurde 1899 geboren und starb 1961. Er war einer der bekanntesten amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts,  wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und erhielt den Literaturnobelpreis. Sein Markenzeichen ist ein knapper Schreibstil. Er war außerdem Reporter und Kriegsberichterstatter, Abenteurer, Hochseefischer und Großwildjäger. Dies hielt mich bisher auch eher davon ab, mich mit ihm zu beschäftigen, was sich als eine ziemliche Lücke erweist.

wem die stunde schlägt

„Wem die Stunde schlägt“ handelt von vier Tagen im Leben Robert Jordans. Dieser ist Amerikaner, Dozent für Spanisch und hat sich ein Jahr lang beurlauben lassen, um im Spanischen Bürgerkrieg zu kämpfen. Sein Befehlshaber, der Russe Golz, schickt ihn zu einem Guerillatrupp in den Bergen; hier soll er mit ihrer Hilfe eine Brücke sprengen, was der Auftakt zu einem großangelegten Angriff gegen die Faschisten werden soll. Robert Jordan (er wird fast ausnahmslos mit Vor- und Zunamen bezeichnet) gelangt also zu der Guerillatruppe, die von Pablo angeführt wird. Dieser kämpft schon sehr lange gegen die Faschisten, wird jedoch allmählich kriegsmüde. An seiner Seite steht Pilar, eine jener starken Frauenfiguren, die solche Kriege hervorbringen, ehemalige Prostituierte und ungemein lebenstüchtig, die die Zügel immer in der Hand und den Trupp beisammen hält.

Dann gibt es den alten Anselmo, der zu kämpfen scheint, weil etwas ihm sagt, dass das faschistische Regime falsch ist, der sich aber nicht mit dem Töten von Menschen abfinden kann. Dennoch, wenn es der Sache dient und im Endeffekt zum Frieden beiträgt, ist er bereit zu tun, was getan werden muss. Noch ein paar weitere Mitglieder gibt es, Männer, die von der Sache überzeugt, aber doch keine Krieger sind.

Sie alle haben vor einiger Zeit geholfen, einen Zug zu sprengen, erfolgreich, und haben bei dieser Gelegenheit ein junges Mädchen mitgenommen, Maria. Ihre Eltern wurden von den Faschisten erschossen, sie nahm man gefangen, hat ihr das Haar geschoren und sie vergewaltigt, immer wieder. Nun, da sie entkommen ist, hat Pilar sich ihrer angenommen und versucht, die seelischen und körperlichen Wunden zu lindern. Als sie auf Robert Jordan trifft, ist ihr Haar schon ein Stück nachgewachsen, es ist also schon eine Weile her.

Als Robert Jordan zu der Gruppe kommt, ist es, als käme er in eine Familie. Pilar und Anselmo sind ihm sofort sehr nahe, mit Pablo bekriegt er sich, und in Maria verliebt er sich, wie sie sich auch in ihn.

Robert Jordan findet also in diesen Tagen, genau genommen in den 72 Stunden vor der Sprengung, so etwas wie Glück. Große Teile des Romans sind ein innerer Monolog Robert Jordans. Wir erfahren hier seine Geschichte, sowohl die, die zurückliegt in Amerika, als auch die, die geschehen ist, seit er in Spanien kämpft. Er macht sich Gedanken darum, wie gefährlich sein Auftrag ist, und dass er vielleicht das, was andere ein „Leben“ nennen, in diese 72 Stunden pressen muss; dass er es kennenlernt, aber im Grunde nur einmal kurz sehen darf. Weit beeindruckender sind allerdings die Passagen, in denen er mit sich hadert. Wenn er sich nicht sicher ist,  wo die Berechtigung zu töten anfängt und wo sie aufhört. Was man tun darf, um „die gerechte Sache“ durchzusetzen und wann man eine Grenze überschreitet.

Unterstützt werden diese Gedanken von Pilar, die von ihren Erlebnissen erzählt, wie sie die Vernichtung der Faschisten in den Dörfern mitgemacht hat, welche Grausamkeiten stattgefunden haben, und dass sich hier beide Seiten sehr gleich sind. Dann ist da auch Anselmo, der Alte, der an die Freiheit glaubt und daran, dass jeder Mensch sein Schicksal selbst bestimmen können soll; und der doch fast nicht in der Lage ist, einen Menschen zu töten, der zwar weiß, dass er „der Sache dient“, aber fast daran zugrunde geht.  Und dann Maria, die Robert Jordan nach und nach von ihren Erlebnissen berichtet, und doch nichts weiter will, als ein normales Leben und ein kleines bisschen Glück.  Und immer tickt die Uhr weiter, immer näher rückt der Zeitpunkt des Kampfes, der für alle einen ungewissen Ausgang bereithält…

Dieser Roman hat mir einiges abverlangt. Oft habe ich ihn beiseite legen müssen, zum Beispiel nach Pilars Schilderungen. Ich habe zusammen mit Robert Jorden mit der Frage gerungen, wo die Grenze ist, wie weit man gehen darf, wie weit eine Sache  „gerecht“ und „richtig“ ist. Kann man es – auch im Krieg – rechtfertigen, Menschen zu töten, und wenn ja, wie? Ab wann steht man auf einer Stufe mit den „Bösen“? Aber dann ist es doch auch so, dass man nicht zusehen kann, wie andere die Macht an sich reißen, mit Gewalt, und versuchen, ein totalitäres System zu errichten auf den Rücken derer, die sich nicht wehren können.

Die Sprache ist einfach gehalten, es geht um „normale Menschen“, die in die Situationen geraten, und die mit ihrem Gewissen ausmachen müssen, was sie tun oder getan haben. Das Buch konfrontiert einen mit vielen Fragen, auf die es vielleicht keine Antworten gibt, die man sich aber – meiner Meinung nach – durchaus einmal stellen sollte. Ich habe dieses Buch als beklemmend, aber auch als bereichernd wahrgenommen; und ich denke, dass es nicht schaden kann, wenn man mal sein Gewissen prüft, auch wenn das keine angenehme Sache ist. Man lernt auf jeden Fall etwas über sich.

Informationen zu Ernest Hemingway stammen aus dem gleichnamigen Wikipedia-Artikel, abgerufen am 3.3.2013

Ernest Hemingway: Wem die Stunde schlägt. Deutsche Übertragung von Paul Baudisch.

Buch #34: Jack Kerouac – On the Road (Die Urfassung)

Warnung!

Bitte lesen Sie nicht weiter, wenn Sie völlig zufrieden damit sind, einfach nur zu leben.

Bitte lesen Sie nicht weiter, wenn Sie sich für nichts wirklich begeistern können.

Bitte lesen Sie nicht weiter, wenn Sie sich über nichts wirklich aufregen können.

Bitte lesen Sie nicht weiter, wenn Sie eine menschliche Amöbe sind, essen, verdauen, arbeiten, sich beschallen lassen und es für das höchste der Gefühle halten, einen neuen Wagen, einen neuen Flachbildschirm, ein neues Handtelefon oder etwas Ähnliches zu besitzen. Und die Sicherheit des voraussehbaren Morgen, und Übermorgen usw.

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Denn dann wird Ihnen dies hier nichts sagen. Dieser Text, der laut Legende an 22 Tagen, genau genommen zwischen dem 2. und dem 22. April 1951, entstand, auf einer einzigen langen Rolle Papier, ohne einen Absatz geschrieben, wird Ihnen vorkommen wie ein verrückter Hipster, der sich nicht in die Gesellschaft eingliedern will. Der nicht akzeptieren kann, Teil eines in Konformismus erstarrten Systems zu sein, der nichts von Homogenität und Konsens hält, sondern „mehr“ vom Leben erwartet. Was dieses „mehr“ ist? Das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber um die Suche nach diesem „mehr“, diesem „ES“, geht es in On the Road. Die Urfassung nennt alle Personen bei ihren richtigen Namen, nicht wie in der ersten Buchfassung. So haben wir also Jack Kerouac, der von Neal Cassady hört, und dieser kommt ihm vor wie „a dream come true“. Dieser Neal ist angeblich der durchgeknallteste, furchtloseste Typ, ein Typ, der macht, was ihm gerade in den Sinn kommt, der sein eigenes Leben in den Vordergrund stellt, seine Gefühle, die glücklichen Momente ebenso wie die unglücklichen, alles kostet er aus, dieser Neal, alles saugt er in sich auf. Jack Kerouac erzählt nun von seinen Reisen mit Neal, der immer unterwegs ist, immer auf der Suche. Wir fahren mit ihnen von der Ost- an die Westküste und zurück, trampen, machen Halt, überführen Wagen, fahren diese oder selbst gekaufte Wagen zu Schrott im Bemühen, uns möglichst schnell fortzubewegen, wir fahren Zug oder Überlandbus, kurz, wir sind immer auf der Straße. Wir ver- und entlieben uns, für eine Stunde, einen Tag, eine Lebenszeit, Personen kommen und gehen, begleiten uns ein Stück des Weges, ein Lied lang, eine Stunde, eine Nacht, eine Woche, sie verschwinden und tauchen wieder auf, ständig ist alles in Bewegung. Neal ist verheiratet mit Louanne, die er verlässt, zu der er zurückkehrt, die die einzige Frau zu sein scheint, die ihn zu verstehen mag und teilweise an dem Vagabundenleben teilhat. Dann wieder schmeißt sie ihn raus, läßt sich scheiden, konkurriert mit der neuen Frau an Neals Seite, gewinnt ihn zurück. Auch die Beziehung ist immer in Bewegung. Auf unserem Trip treffen wir Allen Ginsberg, Verfasser des legendären „Howl“, der eine Liaison mit Neal hatte. Wir treffen Bill Burroughs, den Verfasser von Naked Lunch und verfolgen seine Trips. Wir begegnen Hobos, Pennern, Gelegenheitsarbeitern, kurz, dem „Aussatz“ Amerikas, die hier allzu menschlich werden. Wir haben großartige Momente mit Musikern, die in ihrer Melodie aufgehen und „ES“ fast finden und an ihr Publikum weitergeben, wir hören unglaublich dumme und unglaublich tolle Sätze. Wir fliegen hoch und fallen tief. Wir werden enttäuscht, wir entzweien uns von Neal, wir sehen ihn wieder und geraten erneut in seinen Bann. Wir fahren und fahren, wir leben. Und über allem das Land, das großartige, erschütternd schöne und ebenso schreckliche Land, das oft weh tut, vor Schönheit, vor Ekelhaftigkeit. Wir pfeifen auf das, was die Gesellschaft erwartet, und wünschen es uns doch manchmal. Kurz davor springen wir aber wieder auf und düsen ab. Neues zu entdecken. „ES“ zu finden. Wir hören nächtelang Neals Erzählungen zu, wie er sich über banalste Dinge begeistern kann, wie er jede Einzelheit einer Begegnung wiedergibt, wie er uns totquatscht und uns mitreißt, und man weiß nie, was als Nächstes kommt. Keine Sicherheit. So viel ist sicher.

*

Ich kann diejenigen durchaus verstehen, die keinen großen Gefallen an dem Buch finden. Die meinen, es sei übertrieben, und dieses Leben sei nicht das Richtige. Ich kann verstehen, wenn Menschen die Sicherheit vorziehen. Wenn sie sich lieber in die Gesellschaft integrieren und ihre Meinung zurückhalten. Oder nein, das kann ich nicht verstehen, aber ich weiß, dass die meisten Menschen dieses Leben vorziehen. Und ich respektiere es. Ich jedoch finde mich auf der anderen Seite wieder. Ständig auf der Suche nach dem „ES“, nach etwas, das „mehr“ ist, das mir zeigt, dass das nicht alles gewesen sein kann. Und ständig die Enttäuschungen. Aber auch die Hochgefühle, wenn man ein paar Liedzeilen hört und einfach loslegen muss, wenn man etwas liest, und gar nicht darüber hinwegkommen kann, gefolgt vom Tiefpunkt, an dem einen alle anblicken mit tiefem Stupor und einem ein „ach, schön für dich“ hinhauchen. Und dann dieser innere Furor, der mich seit einer Woche beherrscht, in der ich Jack und Neal kennengelernt habe und für kurze Zeit mit ihnen zusammensein dürfte. Ich dürfte mit ihnen reisen, an ihren Gedanken, an ihren Ausuferungen teilhaben, fliegen und stürzen, die wunderschöne und die abgrundtief hässliche Welt sehen. Kurz, dieses Buch kam zur rechten Zeit, und ich bin so begeistert, wie man von einem Buch zur rechten Zeit nur sein kann. Ich wünschte, ich hätte einen Neal in meinem Leben, einen derart begeisterungsfähigen Menschen, und ich wünschte, ich könnte so durch die Welt reisen, ohne Angst. Aber das ist heutzutage als Frau alleine wohl immer noch nicht drin. Und so kann ich Euch nur erzählen, wie die Lektüre für mich war, dieses Buch, das scheint, als fange jemand an zu erzählen und rede zwei Tage und drei Nächte, und ich sitze mit ihm an der Bar, trinke ein Bier, rauche eine Zigarette und lasse mich von seiner Begeisterung einhüllen. Die Welt braucht ein wenig mehr Begeisterung. Und Empörung. Und weniger Gleichmut. Und nun, da meine Reise mit Jack und Neal zu Ende ist, kann ich wieder fallen. Und werde hoffentlich eine neue Begeisterung finden.

Jack Kerouac: On the road. Die Urfassung. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2011. OA: On the Road: The Original Scroll. Viking Penguin, New York, 2007.

Weiteres zur Beatgeneration gibt es hier.

Buch #32: J.R.R. Tolkien – Der Herr der Ringe

Zum ersten Mal las ich den Herrn der Ringe in den Monaten, bevor der erste Teil ins Kino kam. Ich war begeistert! Dann ging ich hoffnungsfroh mit einer Freundin ins Kino- und kam mit Tränen in den Augen wieder hinaus. Nichts war so, wie ich es mir vorgestellt hatte! Einzig Aragorn und Gandalf kamen meinem Bild nahe. Der Rest des Films war so, wie die Welt für Frodo sein muss, wenn er den Ring überstreift: Schemenhaft, dunkel und verstörend. Wieder einmal hatte sich bestätigt, dass die Verfilmung dem Buch bei Weitem nicht das Wasser reichen kann.

Kommen wir also zum Buch bzw. den Büchern. Meine Ausgabe teilt sich in drei Bände auf, die aus sechs Büchern bestehen, die sich wiederum in mehrere Kapitel unterteilen.

Herr der Ringe

Band 1: Die Gefährten

Gandalf, der Zauberer, überzeugt den inzwischen alten Bilbo Beutlin (der Kleine Hobbit), den Ring in Frodos Obhut zu übergeben. Bilbo geht fort, um seinen Lebensabend bei den Elben zu verbringen. Doch bald kommt Gandalf mit schlechten Neuigkeiten zu Frodo: Im Osten zieht eine dunkle Macht herauf, die sich allmählich auch in Mittelerde bemerkbar macht. Dunkle Gestalten sind auf der Suche nach etwas, sie suchen den Ring. Denn dieser ist ein sehr mächtiger Ring,

Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,

Ins Dunkel zu treiben, und ewig zu binden,

Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.

Und in Mordor sitzt Sauron, der Dunkle Herrscher, der wiedererstarkt ist und sich die Welt untertan machen will. Und hierzu braucht er den Ring.

Frodo bricht auf, um den Ring „loszuwerden“, damit dies nicht geschehen kann. Mit ihm gehen sein „Diener“ Sam (er wird immer als Diener bezeichnet, und nennt Frodo „seinen Herrn“, doch in Wahrheit ist er der beste Freund, den Frodo haben kann) und seine Freunde Merry und Pippin. Eine Reise voller Abenteuer beginnt, auf der sie von dunklen Reitern gejagt werden, aber auch neue Freunde und Helfer in der Not finden.

Die erste Etappe endet in Bruchtal, bei Elrond, dem Elben. Hier treffen die vier Freunde auf die Menschen Aragorn und Boromir, den Elben Legolas und den Zwerg Gimli, und auch Gandalf findet sich ein. Frodo wird zum Ringträger erklärt; er soll den Ring vernichten, dort, wo er geschmiedet wurde: Am Schicksalsberg, im Lande Mordor. Nun beginnt für die neun Gefährten eine schwierige Reise; Frodo soll den Weg nicht alleine gehen, und die Gefährten wachsen eng zusammen. Doch nicht alle werden überleben…

Band 2: Die zwei Türme

Die Gefährten werden getrennt. Frodo und Sam gehen alleine weiter. Der Weg wird immer schwieriger, und ihnen schließt sich nun Gollum an, dem Bilbo einst den Ring abnahm. Gollum führt sie weiter, durch Sümpfe, über Berge, immer bedroht von bösen Wesen und unter den Augen Saurons. Gollum wiederum ist  immer hin- und hergerissen zwischen seinen beiden Wesen, zwischen Gollum, dem Wesen, zu dem ihn der Ring gemacht hat und Smeagol, dem Rest seines ursprünglichen Wesens, zwischen der Hilfe für den Ring, seinen „Schatz“, und dem Verrat an Frodo, um den Ring wieder in seinen Besitz zu bekommen.

Die anderen Gefährten ziehen in den Krieg. Sie schlagen Schlachten, gewinnen neue Verbündete und bereiten sich doch nur auf die große Schlacht in Minas Tirith vor, vor den Toren von Saurons Reich. Würde Sauron die Festung erobern, würde er enorm an Einfluss gewinnen. Außerdem glaubt er, der Ring befinde sich dort, an der Hand eines der Gefährten…

Band 3: Die Wiederkehr des Königs

Während Frodo und Sam mit Gollum immer weiter in Saurons Reich vordringen, findet die große Schlacht in Minas Tirith statt. Auch sie geht nicht ohne Verluste vonstatten.

Für Frodo wird der Weg immer schwerer, der Ring gewinnt an Einfluss über ihn und fordert seinen Tribut. Ohne Sam wäre er längst verloren. Doch da ist auch immer noch Gollum, ganz abgesehen von Saurons riesiger Armee, und dem Ring, der zu seinem mächtigen Herrn will…

Dies ist nur ganz, ganz grob die Handlung. Die Geschichte fängt langsam an, und gewinnt dann so an Fahrt, dass man die Bücher nicht mehr aus der Hand legen kann. Tolkiens Phantasie fesselt, verzaubert, verängstigt, man lacht beglückt im einen Moment und im nächsten wagt man es nicht zu atmen.

Man kann sicherlich über die literarischen Qualitäten streiten, es gibt „größere“ Schriftsteller. Dennoch gehört der Herr der Ringe meines Erachtens nach unbedingt auf die Liste der Bücher, die man gelesen haben sollte. Ich kann und will nicht mehr sagen als: Lesen! Wer nur die Filme kennt, wandelt im Dunklen. Mir ist auch bewusst, dass Fantasy nicht Jedermanns Sache ist. Aber ich weiß auch, dass es ein Verlust ist, die Geschichte nicht zu kennen. Und wer die Filme nicht kennt, wird die größte Freude daran haben, dieses Reich der Phantasie unbenommen vor seinem inneren Auge entstehen zu lassen. So wie ich, bevor ich den ersten Teil der Verfilmung sah.

J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe. Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Krege.

Buch #24: Jonathan Franzen – Die Korrekturen

Ich habe so meine Marotten: Bücher werden von Anfang bis Ende gelesen, niemals nehme ich das Ende vorweg. Reihen werden von Band 1 an chronologisch gelesen. Verfilmungen werden erst dann angeschaut, wenn ich das Buch gelesen habe. Und allem, was gehypt wird, stehe ich zutiefst misstrauisch gegenüber.

Mit den Korrekturen habe ich nun so ein gehyptes Buch. Jonathan Franzen gewann mit ihm den National Book Award, war Finalist für den Pulitzer-Preis und verkaufte dieses Buch weltweit bisher 2,85 Millionen Mal. Im Klappentext steht, „er hat ein Werk der Weltliteratur geschaffen, das – seiner Menschlichkeit, vor allem aber der literarischen Reichtümer wegen – aus unseren Regalen bald nicht mehr wegzudenken ist“.

Es handelt sich bei den Korrekturen um einen Familienroman. Erzählt wird die Geschichte der Familie Lambert, Alfred und Enid mit ihren Kindern Gary, Chip und Denise. Die Lamberts leben im Mittelwesten der USA, jenem Landstrich, der viel aus Traditionen schöpft, ein wenig „zurückgeblieben“ ist und weder landschaftlich noch kulturell viel zu bieten hat.

Alfred und Enid sind seit 48 Jahren verheiratet, aber sie stecken in einer Ehe fest, die sie nie hätten schließen sollen. Alfred ist ein Mann mit Prinzipien, der sich in seiner Privatsphäre am wohlsten fühlt und gerne alles mit sich selbst ausmacht. Enid hingegen hatte gehofft, einen Mann zu heiraten, der stark ist und ihr etwas bieten könne. Nun, sie hat ein Haus und eine Familie, sie sind nicht reich und nicht arm, geleistet haben sie sich Zeit ihres Lebens aber nicht viel, von ein paar Reisen einmal abgesehen.

Ihre Kinder wachsen in einem Haushalt auf, in dem der Vater meist auf der Arbeit ist, und ihre Mutter ständig etwas auszusetzen hat. Keines der Kinder kann je etwas richtig machen. Und alle Kinder gehen, sobald sie ihre Highschool abgeschlossen haben, möglichst weit weg.

Gary, der Älteste, der sich stets mit einem gewissen Grad an Humor der Enge des Familienlebens und der elterlichen Ansichten entzogen hat, wird Abteilungsleiter bei einer Bank, heiratet eine wunderschöne Frau und bekommt mit ihr drei Söhne. Diese Frau jedoch versucht ihm eine Depression einzureden, wenn sie nicht bekommt, was sie will. Sie verbündet sich mit den Kindern und hetzt sie gegen sich auf.

Als Enid schließlich den Wunsch äußert, ein letztes Mal Weihnachten mit allen Kindern zu Hause zu feiern, gerät Gary in eine Zwickmühle: Er möchte seiner Mutter die Freude machen, aber Caroline, seine Frau, tut alles dagegen, was in ihren Möglichkeiten steht…

Chip, der zweite Sohn, ist Geisteswissenschaftler geworden. Immer trägt er sich mit dem Gedanken, in den Augen seiner Eltern versagt zu haben, dass er nicht Anwalt oder Arzt geworden ist, was seinen Eltern in der Heimat doch ein gewisses Ansehen verleihen würde. Selbst als angehender Professor fühlt er sich, als sei dies alles nichts wert, und schließlich setzt er alles aufs Spiel und beginnt eine Affäre mit einer Studentin. Dieses Spiel verliert er, er verliert seinen Job und findet sich in New York wieder, wo er sich als Drehbuchschreiber versucht und zwischendurch als Lektor arbeitet. Eines Tages bekommt er aber ein gutes Angebot, das ihm helfen könnte, seine inzwischen erwirtschafteten Schulden begleichen zu können und das auch noch eine Menge Vergnügen verspricht: Ein litauischer Geschäftsmann verdingt ihn als Internetbetrüger. Dies geht solange gut, bis in Litauen politische Unruhen ausbrechen…

Denise, die Person, mit der ich eigentlich am Meisten anfangen konnte, ist das Nesthäkchen. Ihre Mutter hatte so viele Hoffnungen in sie gesetzt, das hübsche und kluge Mädchen hätte einen wundervollen Ehemann in der Nähe finden und eine wundervolle Familie gründen können. Doch sie ging ans College, das sie aber nach einiger Zeit schmiss, um als Köchin zu arbeiten. Hier ist sie sehr erfolgreich. Sie heiratet ihren Chefkoch, doch als sie alles von ihm gelernt hat und ihm überlegen ist, zerbricht die Ehe.

Sie bekommt ein Angebot von einem reichen Mann, ein Restaurant mit ihm zu eröffnen. Dieser Mann, dessen Ehe nicht mehr so richtig rundläuft, begleitet sie auf einer Reise durch Europa, um sich kulinarische Ideen zu holen. Kommt es, wie es kommen muss? Fast. Aber die Entwicklung, die tatsächlich stattfindet, ist eine überraschend andere…

Derweil verfällt Alfred immer mehr. Er hat Parkinson, Depressionen, Demenz und ein Nervenleiden in den Beinen. Seine klaren Momente, oder zumindest die, die seiner Außenwelt Beachtung schenken, werden immer seltener. Enid bemüht sich, so gut es geht, alles beisammen zu halten. Aber sie hat ein Hüftleiden und ist mit ihrem Mann vollkommen überfordet. Sie kann ihm seine Eigenheiten, seine Abweisung und Insichgekehrtheit während der langen Jahre ihrer Ehe nicht verzeihen. Sie kann ihm nicht verzeihen, dass die anderen Männer ihren Frauen so viel mehr bieten. Sie kann ihren Kindern nicht verzeihen, dass sie nicht die Leben leben, die sie sich ausgemalt hat.

Ihr größter Wunsch ist es nun, noch einmal die ganze Familie um den Weihnachtstisch zu scharen. Ein letztes Zusammentreffen, wie in glücklicheren Jahren. Mit ihrem Mann, der sich kümmert, und allen Kindern und Enkelkindern.

Doch wie wird es um Alfreds Gesundheit bestellt sein? Kommt Garys Familie doch ein letztes Mal mit? Macht Denise sich frei aus dem Restaurant? Und Chip, der in Litauen ist? Wird Enids Wunsch erfüllt werden – und wenn ja, mit welchem Ergebnis?
Dieser Roman hat unglaublich viele Facetten, und ich bin froh, dass ich ihn trotz meiner Vorbehalte gelesen habe. Diese habe ich auch größtenteils aufgegeben, auch wenn das Nörgelige Enids, ihre ständige Unzufriedenheit und ihr ständiges Beschweren mich mit der Zeit schon ziemlich genervt haben. Sprachgewaltig ist dieser Roman ohnegleichen, die Bilder, die Franzen heraufbeschwört, haben oft eine dermaßen kühle Poesie, dass es einem den Atem verschlägt.

Auch fand ich die Entwicklung sehr interessant. Durch Rückblenden erfährt man, wie die Ehe begonnen hat, welche Stimmung im Haus herrschte, als die Kinder klein waren. Viele kleine Begebenheiten führten zu dem, was die Personen heute sind. Die Korrekturen, die die Kinder ihrem Leben auferlegt haben, um nicht so zu werden wie ihre Eltern, haben nicht immer zum gewünschten Ziel geführt.

Alle Personen strampeln sich ab, um ein einigermaßen zufriedenes Leben zu führen, aber alle Personen sind auch zerfressen von Schuldgefühlen darüber, nicht so zu sein, wie sie sein sollen. Ein ständiges Dilemma, das einige umpopuläre Entscheidungen treffen lässt, aber doch immer nachvollziehbar bleibt.

Der Roman hat mir insgesamt gut gefallen, vor allem die Sprache Franzens. Ich glaube allerdings nicht, dass er nachhaltig hängen bleiben wird, dafür war er an einigen Stellen doch zu seicht und hat zu oft auf etwas herumgeritten. Allerdings kann ich ihn empfehlen, denn die Lektüre geht leicht von der Hand, und irgendetwas in den Personen findet man mit Sicherheit auch in sich selbst oder seinem Leben wieder.

Jonathan Franzen: Die Korrekturen. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt, 2002