Margaret Atwood – Oryx und Crake

Erster Teil der MadAddam-Trilogie

„Alles, was es braucht“, sagte Crake, „ist die Beseitigung einer einzigen Generation. Einer Generation von allem. Käfer, Bäume, Mikroben, Wissenschaftler, Leute mit Französischkenntnissen, was auch immer. Wenn man das zeitliche Bindeglied zwischen einer Generation und der nächsten unterbricht, heißt es für immer: Spiel aus.“ (S.229/230)

Wie es scheint, ist genau das passiert in Margaret Atwoods erstem Teil einer dystopischen Trilogie, die keinen Leser unberührt lassen kann. Wir befinden uns in einer nahen Zukunft, die aus der Sichtweise von Schneemensch beschrieben wird. Schneemensch hatte früher einen anderen Namen, aber der ist jetzt unwichtig geworden. Jetzt: das ist die Zeit nach der großen Katastrophe. Nach dem Ausbruch des Virus, das für die Vernichtung der Menschheit gesorgt hat. Schneemensch hat überlebt, aber er ist alleine.

Margaret-Atwood-Oryx-und-CrakeNun ja, nicht ganz alleine. Die Craker sind noch bei ihm. Dies sind genetisch veränderte Menschen, sie sind allerdings eher wie Kinder. Völlig unbedarft, da ihre Aggressionen beseitigt wurden, sie keinen Sexualtrieb besitzen, nichts von Konkurrenzdenken wissen und keine Vorstellung von Bösartigkeit haben. Schneemensch passt auf sie auf, denn diese Welt, wenngleich eine Welt ohne Menschen, ist dennoch eine gefährliche Welt.

Zum Beispiel gibt es Organschweine, Schweine, die genetisch so verändert wurden, dass sie Organe hervorbringen. Nun, Schweine sind aber noch nie dumme Tiere gewesen, und dies wurde nicht verändert. So haben sie sich einen Lebensraum erobert und verteidigen diesen auch. Überhaupt scheint es keine „normalen“ Tiere mehr zu geben, dafür aber leuchtende Hasen oder süße Wakunks (Waschbär – Skunk, Stinktier), aber auch Hunölfe, mit denen nicht zu spaßen ist.

Am Anfang der Geschichte verbraucht Snowman seine letzten Vorräte. Daher begibt er sich auf die sehr gefahrvolle Reise zum RejoovenEsense-Komplex, wo er Lebensmittel, Sonnencreme und eine Pistole zu finden hofft. Gefahren drohen nicht nur von wilden Tieren, auch das tägliche Unwetter und die erbarmungslos brennende Sonne, vor der keine Ozonschicht mehr ist,  sorgen für Probleme.  Während dieser Handlungsstrang sich weiterentwickelt, wirft Snowman immer wieder Rückblenden ein auf die Zeit „davor“.

So erfährt man, dass Snowman als Jimmy geboren wurde und in einer durchaus privilegierten Lage aufwuchs. Sein Vater war Wissenschaftler und lebte in einem der Komplexe, der die privilegierten Teile der Menschheit beherbergte. Der andere Teil lebte im „Plebsland“, Außenbezirke, die zwar den größten Teil der Menschheit beherbergten, aber sehr geringe Sicherheit versprachen. Alles und jeder war im Plebsland Freiwild.

Diese Welt entstand nach einer Reihe von Klimakatastrophen, aber Jimmy wächst damit auf, er hat nie eine andere Welt kennengelernt, verschlingt jedoch leidenschaftlich alles darüber, wie die „Welt mal war“. Dann wird sein Leben allerdings schwierig: seine Mutter verschwindet. Sie ist eine Aktivistin und protestiert gegen die von Menschenhand gemachten Katastrophen, die all der „Fortschritt“ mit sich gebracht hat. Man kann sich ein neues Gesicht oder einen Satz neuer Organe besorgen, aber einen Apfel vom Baum pflücken und essen, das ist Vergangenheit.

Sie ist also weg, und diese Tatsache macht Jimmy zum Außenseiter. Er ist schüchtern und keins von den hyperehrgeizigen Kindern, die neben ihm im Komplex aufwachsen. Doch eines Tages zieht ein neuer Junge in den Komplex: Glenn. Sie freunden sich an, sollen tatsächlich für den Rest ihres Lebens Freunde bleiben. Sie machen, was Jugendliche ihrer Zeit so tun: Pornos gucken, oder Nackt-Nachrichten, oder Hinrichtungen, oder Pädophilie-Videos. All dies ist nämlich normal in der Welt geworden, alles ist verfügbar, jederzeit, und daher auch nicht mehr so richtig aufregend, so scheinen es die Jungen zumindest zu empfinden.

Eines Tages sehen die beiden einen Kinderporno, in dem ein junges Mädchen zu sehen ist. Jimmy nennt sie Oryx. Beide Jungs bewahren sich ein Bild von ihr auf, Jimmy vergleicht sein Leben lang jede Frau mit ihr. Er weiß allerdings nicht, dass auch Glenn dies so sieht.

Ein sehr beliebtes Spiel vor allem von Glenn ist das Computerspiel „Extinctaton“, in dem es um ausgestorbene Tier- und Pflanzenarten geht. Glenn ist geradezu besessen von diesem Spiel, bald gehört er zu den Großmeistern. Hier nennt er sich Rednecked Crake, weswegen er für Jimmy immer nur noch Crake sein wird. Im Spiel gibt es eine zweite Ebene, die von einer Gruppe namens MadAddam betrieben wird. Hier erfährt man die Nachrichten, die sonst nirgendwo zu erhalten sind, „zur Sicherheit“, natürlich.

Es stellt sich heraus, dass die Sache mit den genetischen Spielereien nicht immer so gut läuft, dass es doch Viren gibt, die ganze Menschengruppen vernichten, dass es Proteste gibt, die nicht erfolgreich niedergeschlagen werden, dass aber Protestanten sehr oft „Unfälle“ haben. Es scheint, dass MadAddam dies zeigen und bekämpfen will.

Irgendwann gehen die beiden Jungs auf College, Jimmy in eine viertklassige Absteige, an der er „Problematiken“ studiert, was in etwa einem Linguistikstudium gleichkommt. Dies hat im Laufe der Jahre nicht an Prestige gewonnen, und so dient dieses Studium im Grunde nur noch dazu, „Werbemenschen“ hervorzubringen. Crake hingegen geht auf eine Elite-Uni und wird Bioingenieur. Nach seinem Studium arbeitet er als sehr angesehener Wissenschaftler in einem geheimen Labor, einer Einheit namens Paradice. Hier erschafft er die Craker.

Jimmy hangelt sich mehr oder weniger durch sein Studium, und auch sein erster Job ist kein großes Vergnügen. Da meldet sich Crake bei ihm und bietet ihm einen Job bei sich an: Er soll die Vermarktung für die BlyssPluss-Pille übernehmen, die das Leben angeblich verlängert. Das Produkt läuft äußerst erfolgreich… Und dann taucht Oryx  auf, sie arbeitet ebenso für die Abteilung…

Oryx und Crake hat mich sehr beeindruckt. Auch wenn es einigermaßen viel ist, das man verdauen und umsetzen muss, hat die Welt, die Margaret Atwood geschaffen (oder doch nur weitergeführt?!) hat, immer klar vor meinem inneren Auge gestanden. Sie hat mich mit sehr viel Stoff zum Nachdenken versorgt, auch wenn ich eher auf ihrer Seite bin und denke, dass der Fortschritt sich selbst überholt und irgendwann keiner mehr den Überblick behält.

Crake denkt, dass die Tiere und Pflanzen nur eine reelle Chance haben ohne den Menschen, und er ergreift drastische Maßnahmen. Hierbei kann ich seine Gedankengänge nachvollziehen. Was mir aber völlig fern liegt, sind seine Beweggründe für die Kreation von neuen Menschen bzw. genetischen Reduktion von den vorhandenen. Diese Menschen kommen mir wie Puppen vor, und ich würde sie nicht als Menschen bezeichnen. Denn alle Eigenschaften, die Crake herausprogrammiert hat, sind in meinen Augen die, die das Menschsein ausmachen, positiv wie negativ. Wenn man Wissensdurst, Neugierde, aber auch den Selbsterhaltungs- und Sexualtrieb wegprogrammiert, ja, und auch die Aggressionen oder den Religionswahn oder was es sonst noch alles gibt, was bleibt dann übrig vom Menschen? (Wobei er vielleicht beim Religionswahn nicht ganz unrecht hat.)

Es handelt sich um einen Roman, der viele Fragen aufwirft und bei Weitem nicht alle beantwortet, gerade deshalb aber ungemein intensiv ist. Für Dystopieliebhaber ohnehin ein Muss, würde ich den Roman aber auch jedem empfehlen, der nicht nur Kuschelliteratur liest, zum Einen aufgrund seiner Thematik, zum Anderen wegen der wie immer großartigen Sprache Atwoods und der unglaublich klaren Vision, die sie uns von einer möglichen Zukunft vermittelt.

Margaret Atwood: Oryx und Crake. Deutsch von Barbara Lüdemann. Berlin Taschenbuch Verlag, 2003. 381 Seiten.

Eine weitere Besprechung gibt es hier.

Zum zweiten Teil, Das Jahr der Flut.

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Buch #43: Margaret Atwood – Der blinde Mörder

Margaret Atwood wurde am 18.November 1939 in Ottawa, Kanada, geboren. Ihre frühe Kindheit verbrachte sie in Ottawa, Quebec und Ontario. 1946 bekam ihr Vater, der Entomologe war, eine Stelle an der University of Toronto, wo Atwood bis zu ihrem Collegeabschluss lebte. Sie studierte englische Sprache und Literatur an der University of Toronto und in Harvard, und lehrte dann Literaturwissenschaften. Sie ist mit dem Schriftsteller Graeme Gibson verheiratet und hat eine Tochter.  Margaret Atwood veröffentlichte zunächst Lyrik und Literaturkritiken, bis 1969 ihr erster Roman, Die essbare Frau (The Edible Woman) erschien. Große Bekanntheit erlangte sie mit ihrem Roman Der Report der Magd (The Handmaid`s Tale), der auch von Volker Schlöndorff verfilmt wurde. Margaret Atwoods Hauptthema ist die Stellung der Frau in der Gesellschaft, aber auch gesellschaftliche Probleme und Umweltfragen werden von ihr behandelt, des Weiteren kanadische Geschichte und Literatur.  Für Der Blinde Mörder (The Blind Assassin) erhielt sie 2000 den Booker Prize und 2001 den Hammett Prize. Für ihr Gesamtwerk bekam sie 2008 den Prinz-von-Asturien-Preis in Spanien und 2009 den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund.

Der blinde Mörder ist der Lebensbericht, man könnte sogar sagen, die Lebensbeichte von Iris Chase. Drei ineinander verschlungene Geschichten ergeben ein Panorama des Lebens in Kanada im 20. Jahrhundert. Die Rahmenhandlung bilden die Aufzeichnungen der nun alten Iris Chase gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Sie erzählt in diesen Aufzeichnungen, die direkt an Myra, ihre Freundin, und indirekt an ihre Enkelin Sabrina gerichtet sind, zunächst einmal von ihrem momentanen täglichen Leben, dem Wechsel der Jahreszeiten, ihren Herzproblemen, wie alle Handlungen langsam schwieriger werden, vom selbständigen Wäschewaschen bis hin zu den Spaziergängen, die sie unternimmt. Sie bemerkt, dass ihre Zeit langsam kommt, und beginnt mit ihren Aufzeichnungen.

Ihre Erinnerungen beginnen zu Anfang des 20. Jahrhunderts, als Iris und ihre jüngere Schwester Laura noch klein sind. Ihre Familie, die reich geworden ist mit der Herstellung von Knöpfen, hat ein feudales Haus, befindet sich hoch oben in der Gesellschaft, was hauptsächlich an der Großmutter liegt, und „stellt etwas dar“. Es gibt drei Söhne, von denen zwei im Ersten Weltkrieg fallen, und der dritte eine junge, verträumte Frau heiratet, mit seinem Kriegstrauma aber nicht fertig wird. Als die junge Frau stirbt, stehen er und seine Haushälterin, Reenie, alleine da mit zwei kleinen Mädchen, Iris und Laura. Der Vater ist kein guter Geschäftsmann, den Fabriken geht es schlechter und schlechter, und somit beginnt auch der soziale Abstieg der Familie.

Um die Mädchen und ihre Erziehung kümmert sich niemand, so dass Iris ein naives junges Mädchen ist, als ihr Vater sie, um die Fabriken und somit die Arbeitsplätze zu retten, an Richard Griffen, einen Fabrikanten, der das junge Mädchen als notwendiges gesellschaftliches Anhängsel sieht, verheiratet. Die junge Iris wird durch Griffens Schwester Winifred „gesellschaftstauglich“ gemacht, einen eigenen Willen zu haben ist ihr aber streng verboten. Derweil bleibt Laura bei Vater und Reenie, und entwickelt sich zu einer verträumten jungen Frau, die die Welt ein wenig anders sieht als andere Leute.

Als der Krieg vorbei ist und Kommunisten langsam zum Feindbild werden, helfen die beiden Mädchen dem linken Agitator Alex Thomas, der des Mordes verdächtigt wird. Laura verfällt seinem Charme und auch Iris kann sich diesem nicht entziehen. Als Iris dann viele Jahre später, am Ende des Zweiten Weltkriegs, die Nachricht von Alex`Tod erhält und Laura davon erzählt, bringt Laura sich um.  Ihre Hinterlassenschaft ist eine Geschichte, Der blinde Mörder, die von Iris postum veröffentlicht wird und aufgrund der freizügigen Szenen einen Skandal verursacht.  Daraufhin trennt sich Iris von ihrem Mann, was dieser, der eine politische Karriere verfolgt, ihr sehr übel nimmt, und im Endeffekt muss Iris`Tochter Aimée am meisten darunter leiden.

Der Roman ist wie ein Puzzle aufgebaut, man bekommt die Informationen nur stückweise und muss sie dann zusammensetzen. Kapitel aus „Der blinde Mörder“, Zeitungsausschnitte, Iris`Erzählungen ihres Lebenslaufs und des Jetzt ergeben nach und nach ein Gesamtbild, das mit jedem Teilchen komplexer wird und auf einmal die Frage aufwirft, ob wirklich alles so ist, wie man angenommen hat…

Ich bin schon seit Jahren eine große Verehrerin von Margaret Atwood. Ihr Schreibstil ist so fein, einfach, ruhig und dabei so eindringlich und klar, dass es mich jedes Mal wieder wegpustet. Der Report der Magd ist das bisher eindringlichste Werk, das ich von ihr las, aber auch Das Jahr der Flut hat mich nachhaltig mit intensiven Bildern und Gedanken versorgt. Der Blinde Mörder ist nun keine Dystopie wie die beiden anderen, sondern eine Mischung aus verschiedenen Genres, die mich auch sehr beeindruckt hat. Das Kanada des 20. Jahrhunderts, der Stand der Frau in den dreißiger Jahren, und die Entwicklung bis heute hin waren schon ungemein spannend. Aber die Intensität der Lebensbeichte einer alten Frau, die weiß, dass sie nicht mehr viel Zeit hat und unbedingt noch etwas ins Reine bringen möchte, hat mich umgehauen. Die Art und Weise, wie sie vom „Jetzt“ berichtet, wie sich langsam ihre Gebrechen bemerkbar machen, wie sie schwankt zwischen Verwunderung, Abwehr und Akzeptanz, das ist ein sehr intensives Stück Literatur. Aber auch die anderen Teile der Geschichte, Lauras ‚Roman‘ und die Lebensgeschichte von Iris und Laura, und die Teile, die so gekonnt ineinander greifen und den Leser zweifeln lassen, ob das, was er weiß, auch so geschehen ist, sind hervorragend.

Ich kann jedem nur empfehlen, Margaret Atwood zu lesen. Diese Frau schreibt ungemein intensiv und eindrücklich, dabei aber immer leicht und klar und verständlich, und sie lässt ihre Leser nachdenklich zurück. Für mich ist sie eine der größten Autorinnen und sollte sehr viel (mehr) Aufmerksamkeit erhalten. Ich bin froh, dass ich noch immer sehr viel von ihr zu entdecken habe und freue mich schon sehr darauf!

(Ihre Vorlesungen, die sie über das Schreiben hielt, Negotiating with the Dead: A Writer on Writing, sind ebenfalls sehr zu empfehlen!)

Hier ist noch ein Interview, das Denis Scheck mit der Autorin geführt hat.

Margaret Atwood: Der blinde Mörder. Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek.

Buch #18: Michael Ondaatje – Der englische Patient

Ein Roman, der mit vielen Preisen, unter anderem dem Booker Prize, ausgezeichnet wurde. Die Verfilmung gewann neun Oscars, unter anderem für den besten Film. Ein großer Erfolg also, wohin man blickt. Und doch kann ich nur sagen: ich fand es wirklich langweilig.

Wir befinden uns in Italien, kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs, die deutschen Truppen sind schon abgezogen. Hier lebt Hana in einer ehemaligen Villa. Sie ist Kanadierin und Krankenschwester, hat sich freiwillig gemeldet und ist hier gestrandet. Sie kümmert sich um den „englischen Patienten“, der am ganzen Körper verbrannt ist und deswegen nicht bewegt werden kann.

Hana hat in diesem Krieg ein Kind verloren, und auch ihr Vater ist gestorben. Sie hat etliche Soldaten sterben sehen, und irgendwann hat sie sich vollkommen in sich selbst zurückgezogen. Der englische Patient – er kann sich nicht mehr an seinen Namen erinnern – besitzt eine Ausgabe von Herodot, in die er Notizen gemacht hat und Seiten aus anderen Büchern, die ihm gefallen, hineingeklebt hat. Bücher sind es dann auch, die eine Verbindung zwischen Hana und dem Engländer herstellen.

Seine Geschichte ist die Hauptgeschichte. Vor dem Krieg hat er versucht, die Wüste zu kartographieren, was ihm teilweise auch gelungen ist. Dann lernt er jedoch eine verheiratete Frau kennen und verliebt sich in sie, was nicht gut enden kann. Zu Hanna ist er gestoßen, weil er aus einem brennenden Flugzeug fiel, und die Wüstenvölker ihn am Leben erhielten.

Eines Tages stößt Caravaggio zu ihnen. Er ist ein Dieb, und hat sich früher in den Gesellschaftskreisen von Hanas Vater bewegt, sie kennen sich also. Caravaggio hat gegen die Deutschen gearbeitet und wichtige Dokumente gestohlen; daraufhin haben sie ihm beide Daumen abgeschnitten.

Der vierte im Bunde ist Kip. Dieser ist Inder und wurde von den Engländern dazu ausgebildet, Bomben zu entschärfen. Es wurden während des Krieges zig Bomben gebaut und alles wurde damit verwanzt, und im gleichen Maß wie sie lernten, sie zu entschärfen, wurden neue Varianten ersonnen. Kip befreit also die Villa und mit und mit die Umgebung von Bomben.

Die Vier, die auf so merkwürdige Art dort gestrandet sind, sind alle traumatisiert von dem, was sie erlebt haben. Sie sind hauptsächlich auf sich selbst fixiert. Das Zimmer des englischen Patienten wird allmählich aber zu einer Art Fixpunkt, an dem die Wege der Vier sich immer wieder kreuzen. Hauptsächlich, um herauszufinden, wer der verbrannte Fremde ist.

Und so kommen die unterschiedlichen Lebensgeschichten Stück für Stück ans Licht, langsam gewöhnt man sich aneinander und fängt an, sich zu einem gewissen Grad zu vertrauen. Es entspinnt sich sogar eine zarte Liebe zwischen Hana und Kip.  Und dann kommt der Tag, an dem sie die Nachricht über die  Atombomben erhalten…

Die Geschichte wird hauptsächlich aus der Retrospektive erzählt. Die Szenen, die tatsächlich im „Jetzt“ handeln, zeigen die Auswirkungen, die die langsam enthüllten Lebenswege auf die Figuren hatten. Hierbei hat der englische Patient den größten Anteil. Alles wird jedoch in einer ruhigen Art erzählt, wie ein langsamer Fluss, der immer gleich fließt. Das mag ich bei Geschichten nicht, ich habe gerne Abwechslung zwischen Phasen, in denen ruhig erzählt wird und denen, in denen eine Menge passiert.

Auch hier kommen wir wohl mal wieder an den Punkt der Geschmackssache. Es handelt sich um eine weitere Aufarbeitung des zweiten Weltkriegs, aus der Perspektive von vier Personen, die manchmal nicht ganz sicher sind, ob sie alles richtig gemacht haben, oder ob sie unfreiwillig dazu verholfen haben, weitere Kriegsschauplätze zu kreieren, oder für neue Konflikte zu sorgen.

Die Art, wie die vier Leben an diesem Punkt zusammengeführt werden, hat mir gefallen. Aber dass man ihnen quasi „aus der Nase ziehen muss“, was sie an diesen Punkt gebracht hat und warum sie alle mehr oder weniger resigniert haben, fand ich sehr anstrengend. Der immergleiche Sprachfluss hatte zwischenzeitlich etwas Einschläferndes auf mich.

Ich bin also nicht von dem Buch überzeugt, und werde mir vielleicht die Verfilmung ansehen, um herauszubekommen, was diesen Erfolg verursacht haben könnte.

Buch #3: Annie Proulx – Schiffsmeldungen

Nun, ganz ehrlich: damit habe ich nicht gerechnet. Ich habe eine Romanze erwartet, vor dem Hintergrund einer kanadischen Küste. Und dann kommt dieses Buch daher.

In Schiffsmeldungen geschieht nicht viel, die Geschichte ist schnell erzählt. Sie spielt in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts und handelt von Quoyle, einem Jungen, der groß und breit ist, mit einem riesigen Kinn ausgestattet, das er immer mit einer Hand verdeckt, damit es nicht so auffällt. Von seinem Vater und seinem Bruder wird er immer nur ausgelacht und nicht für voll genommen, weswegen er sich selbst auch nichts zutraut. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bis er einen Freund und eine Anstellung bei einer Zeitung findet. Er ist auch hier nur für Belangloses zuständig, trifft aber auf Petal, eine Frau, die ihn will und auch heiratet. Wie sich aber sehr bald herausstellt, ist sie eine Art Nymphomanin und macht Quoyle ebenfalls das Leben zur Hölle.

Doch sie schenkt ihm auch zwei Töchter. Als Petal Quoyle verlassen will und ihre Töchter verkauft, um ihre Reise zu finanzieren, hat sie einen tödlichen Autounfall. Quoyle holt die Mädchen zurück, und eine Tante besucht ihn, um ihn zu unterstützen. Die Familie kommt ursprünglich aus Neufundland, wohin die Tante und Quoyle mit den Mädchen zurückgehen. Hier bauen sie sich ein neues Leben auf, mit echten Freunden, die alle durch die raue Landschaft und das harte Leben an der Küste geprägt sind. Eigentlich sind die Leute dort alles Originale, sie sind komische, traurige, liebenswerte, aufrechte Menschen. Und es gibt eine Frau, Wavey, die ein ähnliches Schicksal erlitten hat wie Quoyle. Langsam, sehr langsam kommen die beiden sich näher.

Dies wird ergänzt durch viele kleine Geschichten und Anekdoten von Fischern, die ertrinken, Häusern, die über das Eis von einer Insel zur nächsten gebracht werden, vom alles bestimmenden Wetter und dem Golfstrom, der dieses bestimmt, von Eis und Hitzewellen, von Menschenschicksalen. Und langsam entwickelt sich das Bild dieser Landschaft und dem täglichen Überlebenskampf in all seinen Facetten.

Es ist überhaupt ein sehr langsames Buch. Zu Anfang konnte ich mich nicht recht anfreunden mit der Sprache der Autorin und den Figuren. Aber wenn die Quoyles nach Neufundland ziehen, ergibt plötzlich alles einen Sinn. Für die Landschaft, das Leben dort und die Menschen kann es keine andere Sprache geben. Eine karge Sprache, in kurzen Sätzen, oft ohne Verb, wird hier beschrieben. Und dadurch entsteht zugleich ein furchterregender und ein Sehnsuchtsort.

Ein kurzer Auszug, einer der ersten Eindrücke, die die Quoyles von ihrer neuen Heimat gewinnen:

„Das Auto rollte über zerklüftetes Land. Gestrüpp. Rissige Klippen unter vulkanischen Lasuren. Auf einem Vorsprung über dem Meer legte ein Seetaucher sein einzelnes Ei. Die Häfen noch vereist. Grabsteinhäuser, die auf rauhem Granit emporragten, die Küste schwarz, glitzernd wie Brocken aus Silbererz.“ (47)

Nach den anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Roman muss ich sagen, dass er mir doch gefallen hat. Die Stimmung, die kreiert wird, fängt einen ein und langsam entwickelt sich diese einsame, harte Landschaft mit dem von hartem Leben geprägten Menschen zu einer Art Ort, der doch Geborgenheit vermittelt. Der mit seinen Menschen, die nur zusammen überleben können, die Sehnsucht nach einer solchen Gemeinschaft weckt. Die Geschichten zu erzählen haben, tausende Geschichten, über das Meer, das Land, die Leute. Man möchte sich dort in eine heimelige Küche setzen und bei einer heißen Tasse Tee diesen Geschichten lauschen. Dies ist kein Buch für den Sommer, man muss es lesen, wenn die Bäume kahl sind, es regnet und der Wind bläst. Dann kann es seine volle Anziehungskraft ausüben.