Buch #8: Sándor Márai – Die Glut

Ein Tag und eine Nacht. Zwei alte Männer. Kindheitsfreunde, enger als Brüder. Eine Frau.

Eines Morgens bekommt der General die Nachricht, dass „er“ komme. Er lässt alles herrichten, genauso, wie es an einem Abend vor 41 Jahren war. Und dann ist er da. Sie speisen, sie rauchen. Sie haben etwas auszufechten.

marai_sandor-die_glutDer General fängt an zu sprechen. Er hat die letzten 41 Jahre mehr oder weniger allein verbracht. Und seine Gedanken kreisten nur um ein Thema: was ist damals passiert? Damals, als er dachte, sein bester Freund, sein ‚Bruder‘, sein innigster Vertrauter habe ihn hinterrücks erschießen wollen. Damals, als er diesen Freund aufsuchte zu einem Gespräch, ihn aber nicht mehr vorfand, da er zu einer langen Reise aufgebrochen war. Damals, als seine Frau ebenfalls in dem Haus seines Freundes erschien, und sagte: „Feigling“.

Es ist das Gespräch, vielmehr der Monolog, eines Menschen, der wieder und wieder über eine Situation nachdenkt. Der seine Gedanken nach 41 Jahren herunterbeten kann. Alle Situationen und Möglichkeiten hat er ausgeleuchtet in diesen Jahren.

Seine inzwischen verstorbene Frau hatte eine Affäre mit dem Menschen, den er als seinen Bruder angenommen hat. Er, das reiche Kind, das immer gut auf Menschen zugehen konnte, und Konrád, der Junge aus armen Verhältnissen, der stets verschlossen ist. Zwei vollkommen unterschiedliche Menschen, die sich ergänzen. Und dann Krisztina, die Konrád aus seiner Kindheit kennt, die aber den reichen Henrik heiratet. Und mit Konrád, der ihr gleich ist, betrügt.

“ ‚Sie redet von dir, Konrád“, zum ersten Mal spricht er den Namen des Gastes aus, ohne Zorn, ohne Erregung, sondern neutral und höflich, „und sie sagt, du seist kein richtiger Soldat, du seist ein Mensch anderer Art. Ich verstehe das nicht, ich weiß noch nicht, was Anderssein bedeutet… Es braucht eine lange Zeit, viele einsame Stunden, um mich zu lehren, daß es immer nur darum geht, daß es zwischen Männern und Frauen, unter Freunden und Bekannten immer um dieses Anderssein geht, das die Menschheit in zwei Parteien spaltet. Manchmal glaube ich schon, daß es auf der Welt nur diese beiden Parteien gibt und daß alle Klassenunterschiede, alle Schattierungen der Weltanschauung, der Machtverhältnisse nur Varianten dieses Andersseins sind. Und so wie nur Menschen der gleichen Blutgruppe einander in der Gefahr beistehen können, so vermag eine Seele der anderen nur dann zu helfen, wenn diese nicht ‚anders‘ ist, wenn ihre jenseits von Ansichten und Überzeugungen liegende geheimste Wirklichkeit ähnlich ist…'“

(Sándor Márai: Die Glut, S.176/177)

Ich weiß nicht, was es ist, ob man manchmal einfach Glück hat, das richtige Buch zur richtigen Zeit zu lesen, oder ob man zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas Bestimmtes hineinliest… wahrscheinlich etwas von beidem. Das Buch ist anstrengend, und der lange Monolog ermüdend, aber doch berührt es. Der alte Mann, der nur noch zwei Fragen in seinem Leben hat, das erfüllt ist von dem doppelten Verrat. Der die meiste Zeit seines Lebens damit verbracht hat, darüber nachzudenken, wie all dies passieren konnte. Und der zu keiner Lösung kam.

Ich möchte jetzt nicht vorausgreifen, ob er es herausfindet, ob er Antworten bekommt und wenn ja, welche. Aber er gewinnt im Gespräch eine Einsicht, die sich jeder zu Herzen nehmen sollte, der in einer derartigen Situation steckt oder sich auf eine andere Weise verraten fühlt. Ich weiß, ich tu es.

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