Buch #9: Anna Seghers – Transit

Marseille 1940. Hier ist der Protagonist gestrandet. Frankreich ist noch unbesetzt bzw. rücken die Deutschen gerade vor, und der Hafen ist für viele die letzte Möglichkeit zur Flucht.

Nicht so für den Protagonisten. Er fühlt sich wohl in dieser Stadt, so wohl sich jemand fühlen kann, dem im Grunde genommen alles egal ist. Er hat in seiner Heimat einen SA-Jungen ins Gesicht geboxt, was ihn in ein Lager brachte. Von dort ist er mit einer handvoll Leute geflohen, die immer wieder seinen Weg kreuzen.Transit001

In Paris trifft er einen dieser Bekannten, der ihm einen Brief aushändigt mit der Bitte, diesen an einen Schriftsteller zu überbringen. Als er dort ankommt, erfährt er, dass dieser sich umgebracht hat. Er gelangt in den Besitz des Koffers des Schriftstellers, in dem ein unvollendetes Manuskript und seine Papiere für die Überfahrt nach Mexiko sind. Der Protagonist nimmt den Koffer mit. Über vielfältige Wege, die damals wohl nicht ungewöhnlich waren, ist er nun in Marseille gelandet.

Hier findet er Anschluß an eine kleine Familie, besonders der Sohn liegt ihm am Herzen. Ansonsten lässt er sich treiben, von einem Café ins andere, zum Hafen, hört sich die immer gleichen Geschichte an, von Schiffen, die kommen oder auch nicht, von Transits und Visa, Fahrkarten und dergleichen. Es sind immer andere Menschen, die sie erzählen, aber die Geschichten bleiben gleich.

Als er zum mexikanischen Konsulat geht, um den Koffer abzugeben, wird er dort für den toten Schriftsteller gehalten. Er lässt den Fehler auf sich beruhen und sich weiter treiben.

Doch eines Tages kommt eine Frau in eines der Cafés, augenscheinlich auf der Suche nach jemandem. Er sieht sie wieder und wieder, zu allen möglichen Zeiten in allen möglichen Cafés. Diese Frau rührt ihn an. Er beschließt, ihr zu folgen, doch verliert sie immer wieder aus den Augen.

Dann wird der kleine Junge krank und braucht einen Arzt. Der Protagonist holt einen deutschen Arzt, der auf seine Papiere für die Überfahrt wartet, herbei, und lässt den Jungen von ihm behandeln. Es stellt sich heraus, dass die mysteriöse Frau mit dem Arzt zusammen hier ist. Sie bitten ihn um Hilfe bei der Beschaffung der Papiere. Gewitzt, wie er ist, tut er dies auch.

Irgendwann wird ihm klar, dass die Frau, Marie, die Frau des toten Schriftstellers ist. Nach ihm ist sie auf der Suche, denn sie hat im Konsulat erfahren, dass auch er in der Stadt sei. Der Protagonist spielt daraufhin sein Spiel weiter, er will Marie retten, und erhält als der Schriftsteller schließlich alle nötigen Papiere, die ihm und „seiner Frau“ die Ausreise ermöglichen.

Aber wird er Marie gestehen, was er getan hat? Wird sie auf das Schiff gehen und mit ihm zusammen wegfahren? Das, liebe Leser, empfehle ich euch ganz dringend, selbst herauszufinden.

Es ist ein sehr eindringliches Buch. Der Protagonist hat alles verloren und scheut sich, sein Herz an etwas zu hängen, sei es an einen Ort, an einen Freund, oder an eine Frau. Er lässt alles geschehen und wartet ab. Es ist von viel Langeweile die Rede, Zeit, die einfach mit Warten verbracht wird, wobei niemand weiß, worauf gewartet wird oder sich zu warten lohnt.

Man erfährt nie den Namen des Protagonisten, was den Eindruck erweckt, er könne eine beliebige Person sein. Vielleicht ist er das auch, ich habe nicht genug Einblick in diese Zeit. Aber mit der Flucht aus Deutschland und dem anschließenden „Spiel“ als der Schriftsteller gibt er auch Teile seiner Identität auf. Vielleicht möchte er auch keine Identität als Deutscher mehr haben, weiß aber auch nicht so genau, was oder wer er sein möchte.

„Inzwischen näherte sich der Tag meiner endgültigen Voladung auf das Konsulat der Vereinigten Staaten. Ich war fest entschlossen, mir das Transit zu sichern. Für mich war das damals alles ein Spiel. Doch die Gesichter der Menschen, die in der Vorhalle warteten, um in die höhere Vorhalle hinaufgelassen zu werden, waren bleich vor Furcht und Hoffnung. Ich wußte, die heute mit mir vorgelassenen Männer und Frauen hatten ihr bestes Zeug geschont und gebürstet, sie hatten auch ihre Kinder zu gutem Verhalten ermahnt, als ob sie zur ersten Kommunion sollten. (…)

Ich aber, ganz elend von dem Transitgeflüster, ich staunte sehr, wenn ich derer gedachte, die in den Flammen der Bombardements und in den rasenden Einschlägen des Blitzkrieges zugrunde gegangen waren, zu Tausenden, zu Hunderttausenden, und viele waren daselbst auch zur Welt gekommen, ganz ohne Kenntnisnahme der Konsuln. Die waren keine Transitäre gewesen, keine Visenantragsteller. Die waren auch hier nicht zuständig. Und selbst wenn von diesen Unzuständigen einige sich bis hierher gerettet hatten, an Leib und Seele noch blutend, sich in dieses Haus hier doch noch geflüchtet hatten, was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“

(Anna Seghers: Transit, S. 132/133)

Anna_SeghersDie Langeweile findet ihre Entsprechung in der fast kafkaesk anmutenden Hetze nach den Papieren. Ohne Transit kein Visa, ohne Visa keine Fahrkarte, dann braucht man noch einen Schein, um in der Stadt bleiben zu dürfen, damit man sich die Papiere zusammensammeln kann, und einen, um die Stadt zu verlassen, ganz zu Schweigen von Schiffen, die dann nicht abfahren. Ist ein Schein abgelaufen, beginnt die ganze Sache von vorne, oder endet in einem Lager. Es ist verrückt, es ist zermürbend, und viele gehen daran (fast) zugrunde.

Die Frauen, die im Leben des Protagonisten eine Rolle spielen, werden alle beim Namen genannt. Sie scheinen also einen Eindruck auf ihn zu machen. Ein Freund, der sein Bein verlor und dem trotzdem die Flucht gelang, ebenso wie ein Mitflüchtling, der sich noch besser als der Protagonist durchfuchst, haben Namen. Die restlichen Personen haben beschreibende Namen, das Kapellmeisterlein, der Mittransitair, dergleichen. Sie sind Teil der ständig wechselnden und doch immer gleichen Masse an Flüchtlingen, sie sind austauschbar.

Wie man schon meinem vorherigen Artikel entnehmen kann, hat mich dieses Buch nicht kalt gelassen. Die Entwurzelung, nicht mehr zu wissen, wer man ist, die ständige Furcht auf der einen Seite und die vollkommene Abstumpfung auf der anderen, das alles ist schwer zu begreifen und doch so nachvollziehbar.

Ich möchte dieses schmale Buch jedem ans Herz legen, denn es ist auch noch sehr spannend geschrieben, ich konnte es kaum aus der Hand legen.

Werbeanzeigen

Literatur zum 2. Weltkrieg

Da ich gerade Transit von Anna Seghers lese, möchte ich hier noch ein paar Anmerkungen machen. Ich habe vor einigen Jahren Das siebte Kreuz gelesen, das mich schon sehr beeindruckt hat. Und auch Transit ist eines dieser Bücher, die man nicht so schnell vergisst.

Aber natürlich sind das als Germanistikstudentin nicht meine einzigen Berührungspunkte mit dieser Literatur. Ganz im Gegenteil, ich habe mehrere Seminare besucht, in denen sie Thema war, und deshalb auch einen – wahrscheinlich immer noch winzig kleinen – Einblick gewonnen. Als unbedingten Lesetipp möchte ich hier – da nicht auf der Liste – Hermann Kasacks Stadt hinter dem Strom empfehlen. Wenn man etwas über die Gefühlslage und die Aussichtslosigkeit lernen möchte, ist dieses Buch sehr erhellend.

Aber nun zum eigentlichen Anreiz für diesen Artikel. Ich gehöre zu der sogenannten „Enkelgeneration“. Für mich heißt das, dass man damit aufgewachsen ist, bei bestimmten Wörtern, Gesten, kurz, allem, was mit dem 2. Weltkrieg zu tun hat, leicht zusammenzuzucken. Es war immer ein großes Tabuthema. Darüber wurde nicht gesprochen, das war ein absolutes No-Go.

Natürlich hat man das Thema in der Schule behandelt, aber es blieb doch immer abstrakt. Wie sollte es auch anders sein, wir hatten es ja nicht miterlebt. Es ist mehr wie ein Schatten, den man in die Wiege gelegt bekommt, er ist immer da, aber man kann ihn nicht fassen.

Ich bin mir nicht sicher, ob und wie man sich ein Urteil über unsere Vorfahren erlauben darf. Und alle, die es tun, haben meiner Meinung nach nicht das Recht dazu, solange sie nicht in der Situation gewesen sind. Hier helfen auch die Bücher zum Thema. Das, was mir am meisten aufgefallen ist, ist nämlich die Hilflosigkeit angesichts dessen, was in der Welt passiert. Die Welt ist verrückt geworden, und alles bricht zusammen. Und man kann nur hilflos zusehen.

Ich weiß nicht, ob und was man hätte tun können. Sicher, es gibt die Beispiele der Widerstandskämpfer, aber diese mussten ihren Widerstand meist mit dem Leben bezahlen. Was, wenn man eine Familie hatte? Kinder, Großeltern, für die man sorgen musste? Wenn man etwas gegen das Regime unternommen hätte, hätte man sie in den Sog mit hineingerissen. Man war verantwortlich.

Wie gesagt, ich kann nur ahnen, wie es damals war. Und ich bin froh über die kleinen Einblicke. Und natürlich hat meine Erziehung, egal wo sie stattgefunden hat, immer für Aufklärung gesorgt, immer war das Thema irgendwie präsent, und ich denke, in vielen Köpfen ist es auch genauso verankert: so etwas darf nie wieder passieren.

Was aber nun mit all den Hohlköpfen anfangen, bei denen das nicht angekommen ist? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass der Kampf noch nicht ausgestanden ist, das Trauma ist nach wie vor da, und man muss alles tun, damit die Geschichte sich nicht wiederholt.

Was mir nun aber wieder übel aufstößt, ist etwas, was mir letztens passiert ist. Ein ausländischer Gaststudent fand es lustig, die erste Strophe zu singen. Ich sagte ihm, ich könne den Mist noch nicht einmal. Und irgendwie hat mich das sehr verletzt. Wir sind Freunde, und ich habe ihm nie Gelegenheit gegeben, anzunehmen, dass ich so denke.

Natürlich gibt es auch hier immer noch genug Hohlbirnen, aber lassen die sich nur auf White Trash festlegen? Ich denke nicht. Abschaum ist Abschaum. Aber dass ich allein durch meine Staatsangehörigkeit dazugerechnet werde, ist ungerecht. Wie gesagt, ich habe das alles nicht miterlebt, ich weiß nicht, wie die Situation war, und diejenigen, die darüber urteilen, wissen es ebensowenig.

Aber der Stempel ist da. Und ich bin mir nicht sicher, ob wir ihn jemals loswerden. Naja, die NPD und die ganzen Rechten, die überall sitzen, machen das alles nicht einfacher. Aber ich weigere mich, diesen Stempel zu tragen.

Ich denke, ich werde meinem Mitbürger das Buch geben, wenn ich damit fertig bin. Damit er sieht, dass es auch anderes gibt. Dass man uns nicht alle verurteilen und in einen Topf werfen kann.