Ewald Arenz – Alte Sorten

Ewald Arenz hat mit „Alte Sorten“ einen ganz besonderen Roman geschrieben. Er handelt von einer Freundschaft zwischen zwei ungleichen Frauen, die beide ihr Leben außerhalb gesellschaftlicher Konventionen leben wollen und dabei ständig anecken.

Die junge Sally ist aus einem Heim abgehauen. Man sagt ihr, sie habe psychische Probleme und müsse in Behandlung sein, obwohl Sally einfach nur sie selbst sein will und nicht so, wie alle es von ihr erwarten. Wenn sie keinen Hunger hat, will sie nicht essen. Wenn sie keine Lust zu reden hat, redet sie nicht. Wenn sie kein Insta-taugliches Leben will, lebt sie dies nicht. Eigentlich ganz einfach. Nur verstehen die Erwachsenen das nicht.

Sie haut also ab, lässt ihr Handy zurück und geht, einfach immer weiter. Es wird Abend, sie überlegt, wo sie bleiben soll. Da trifft sie am Weg eine Frau mit einem Traktor, Liss. Die sieht sie an und fragt sie nur, ob sie mit anpacken könne, den festsitzenden Traktor zu befreien. Zusammen gelingt dies, und beide gehen ihrer Wege. Bis Liss anhält und Sally anbietet, auf ihrem Hof zu übernachten. Was Sally macht.

Eine stille Hausgemeinschaft entsteht, Sally schläft viel und kommt ein wenig zur Ruhe. Liss erklärt ihr das Leben auf dem Hof, die Hühnerhaltung, die Maschinen, die Bienen und die Birnen. Vor allem die Birnen, die eine besondere Verbindung zwischen den Frauen begründen.

Aber keine der beiden spricht über ihre Vergangenheit. Keine fragt. Jede lässt die andere in Ruhe und jede gibt nur preis, was sie möchte. Es entwickelt sich eine Freundschaft auf Augenhöhe. Bis Sallys Eltern sie finden und beinahe eine Katastrophe geschieht…

Mit Sally und Liss hat Ewald Arenz zwei ungewöhnliche Charaktere geschaffen, wie ich sie schon lange nicht mehr kennengelernt habe. War ich anfangs etwas besorgt, es könne sich um einen weiteren dieser modernen Heimatromane handeln, stellte sich schnell heraus, dass hier ein Roman über Freundschaft, Respekt und zwei starke Frauenfiguren vorliegt.

Diese beiden leben am Rande der Gesellschaft, können und wollen sich nicht einfügen, wollen nicht nach den Konventionen leben. Eine meint, den Kampf verloren zu haben, eine kämpft mit Klauen und Zähnen. Diese Entwicklung, wie die beiden sich ganz, ganz behutsam annähern, dabei Abstand halten, die andere sein lassen, diese Entwicklung habe ich atemlos verfolgt. Ich habe diesen Roman in drei Tagen inhaliert, und auch das nur, weil ich möglichst lange davon haben wollte.

Dies alles in der Umgebung eines Bergdorfes, mit Wäldern, Feldern und Weinbergen. Wo körperliche Arbeit getan werden muss, die jedoch auch eine Nähe zu sich selber mitbringt. Die die Frauen sich spüren lässt. In der jeder jeden kennt, und somit auch das Schicksal und die Ausgrenzung. Und in der diejenigen, die immer zu einem gehalten haben, kaum mit Gold aufzuwiegen sind. In der Traditionen Starre vorgeben, aber auch für Halt sorgen. Aus der man in die weite Welt fliehen will, die aber auch Geborgenheit verspricht.

Eine kleine Lobhudelei für einen für mich großen Roman. Ich möchte diese Geschichte über eine Frauenfreundschaft jeder und jedem ans Herz legen. Bei mir ist sie in die ewige Bestenliste eingezogen und heißer Kandidat für mein Buch des Jahres.

Ewald Arenz: Alte Sorten. DuMont Buchverlag, Köln 2019. 255 Seiten.

Double Feature: Stefan Zweig

Buch #67: Der Amokläufer und

Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung

Bild: wikipedia.de

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren. Er lebte von 1919 bis 1935 in Salzburg, von dort emigrierte er nach England und 1940 nach Brasilien. Nachdem er bereits als Übersetzer von Verlaine, Baudelaire und Verhaeren bekannt war, veröffentlichte er 1901 mit „Silberne Seiten“ seine ersten Gedichte. Sein episches Werk machte ihn ebenso berühmt wie seine historischen Miniaturen und die biographischen Arbeiten. 1944 erschienen seine Erinnerungen, in „Die Welt von Gestern“ erzählt er von einer vergangenen Zeit. 1942 schied er freiwillig aus dem Leben, nachdem er sich in seiner neuen Heimat Petropolis, Brasilien, nie ganz zu Hause fühlen konnte und die Angst, die Nationalsozialisten könnten sich die ganze Welt Untertan machen, Überhand nahm.

Bei Der Amokläufer handelt es sich um eine Sammlung von sieben Erzählungen, von denen hier stellvertretend die titelgebende Erzählung vorgestellt wird.

Ein namentlich unbekannter Ich-Erzähler berichtet von einer Schiffspassage von Kalkutta nach Europa im Jahre 1912. Er hat einen der letzten Plätze und somit der schlechtesten Kabinen bekommen, weswegen er seinen Rhythmus umstellt und tagsüber schläft und nachts an Deck geht, um die frische Luft und Ruhe zu genießen.Hier begegnet er eines Nachts im Dunklen einer anderen Person, die zunächst sehr nervös reagiert, sich dann aber an den Erzähler wendet, um seine Geschichte zu erzählen.

Die fremde Person war Arzt in Indien, in einer weit von aller Zivilisation gelegenen Siedlung, und hatte seine Zeit fast abgeleistet. Er war voller Tatkraft angekommen, doch die Hitze und die Einsamkeit haben ihm diese geraubt, und so verbrachte er seine Tage damit, die Zeit herumzubringen. Bis eines Tages ein unvorhergesehenes Ereignis eintrat – eine ihm unbekannte Frau bat ihn um Hilfe. Sie nannte ihren Namen nicht und war sehr bestimmt, eiskalt fast, was den Arzt fast um den Verstand brachte. Das war der Grund, warum er ihre Bitte verwehrte.

Kaum war die Dame gegangen, bereute er seine Härte und setzte ihr nach, doch ohne Erfolg. So forschte er nach und fand tatsächlich heraus, wer sie war, woraufhin er alles stehen und liegen ließ, um der Dame zu folgen und ihr seine Hilfe anzubieten. Worin diese letztlich bestand, und warum der Arzt sich auf dem Schiff befindet, sollte jeder für sich selbst herausfinden.

Diese 75 Seiten lange Erzählung liest sich in einem Atemzug weg. Zweig kreiert die tropische Stimmung so intensiv, dass man meint, die Luft höre auf, sich zu bewegen und laste schwer auf der Haut. Man sieht die Szenerie ebenso vor sich wie die eiskalten Augen der Dame, man riecht den Gestank des Schiffsmotors ebenso wie man die Weite des Sternenhimmels in der Nacht über sich sieht. Für meinen Geschmack ist es fast schon zu intensiv, ich bevorzuge ein paar Adjektive weniger, aber er versteht es doch ausgezeichnet, Stimmungen zu schaffen:

„Das Schiff war überfüllt und die Kabine schlecht, ein kleiner gepreßter, rechteckiger Winkel in der Nähe der Dampfmaschine, einzig vom trüben Blick der kreisrunden Glasscheibe erhellt. Die stockende, verdickte Luft roch nach Öl und Moder: nicht für einen Augenblick konnte man dem elektrischen Ventilator entgehen, der wie eine toll gewordene stählerne Fledermaus einem surrend über der Stirn kreiste. Von unten her ratterte und stöhnte wie ein Kohlenträger, der unablässig dieselbe Treppe hinaufkeucht, die Maschine, von oben hörte man unaufhörlich das schlurfende Hin und Her der Schritte vom Promenadendeck.“ (Amok, 71)

Im letzten Jahr brachte der Topalian & Milani Verlag zwei weitere Novellen von Zweig heraus: Buchmendel und Die unsichtbare Sammlung. Die Ausgabe ist ein wundervoller Band, in der jede der Novellen mit Illustrationen versehen ist, Die unsichtbare Sammlung mit Illustrationen von Florian L. Arnold, Buchmendel illustrierte Joachim Brandenberg, ein Nachwort zum Leben Zweigs rundet die Ausgabe ab.

In Die unsichtbare Sammlung berichtet ein Kunstantiquar dem Erzähler von einem Erlebnis, das ihn sehr beeindruckt hat. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise, als Geld wertlos geworden war, kauften die Reichen nun Kunst – Bilder, Statuen und auch Stiche. Dies ging so weit, dass kaum noch Gegenstände zum Handeln vorhanden waren, bis er sich an einen alten Kunden erinnerte, der seit 1914 treuer Kunde gewesen war und eine umfassende Sammlung an Stichen zusammengetragen hatte. Er beschloss, diesen Herrn zu besuchen, und nicht wenige Überraschungen erwarteten ihn…

Buchmendel, wie immer von einem Ich-Erzähler ausgehend, berichtet von einem Mann, den der Erzähler vor vielen Jahren in Wien kannte und dessen er sich bei einem Besuch erinnert. Dieser Herr, Buchmendel, verbrachte seine Tage in einem Café, immer dasselbe Café, immer am selben Tisch. Als der Erzähler dort hingeht, findet er jedoch einen neuen Besitzer vor, der Buchmendel nicht kennt. So stellt der Erzähler Nachforschungen an… Dieser Buchmendel war ein Mensch, der jedes Buch kannte, der jedes Buch beschaffen konnte und der jeden Preis wusste. So hatte er sein kleines Auskommen im Beschaffen und Vertreiben von Büchern, für die er ein photographisches Gedächtnis besaß, die er aber nicht las. Auch in normalen, dem Überleben wichtigen Dingen, war er nicht sehr bewandert, und so kam eines Tages eins zum anderen…

Die Illustrationen geben den Novellen einen ganz besonderen zusätzlichen Reiz. Zweig erzählt keine schönen Geschichten, an seinen Erzählungen ist immer etwas faul, und dass der Ich-Erzähler alles entweder selbst erlebt oder aus erster Hand erfährt, bringt die Ereignisse noch näher. Dazu kommen die Zeichnungen, die eine zusätzliche Intensität kreieren, und die Geschichten werden nicht so schnell wieder vergessen. Auch wenn Zweig für mich persönlich vielleicht etwas überladen schreibt, haben die Erzählungen doch einen Eindruck hinterlassen, und jeder, der sich auf einige dieser Geschichten einlässt, wird die große Verzweiflung Zweigs an der Welt erkennen können, selbst wenn sie nirgendwo so eindringlich illustriert wird wie an seiner „Schachnovelle“, die mich seit nunmehr bestimmt 15 Jahren nicht mehr loslässt.

Stefan Zweig: Der Amokläufer und andere Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1989. 203 Seiten.

Stefan Zweig: Buchmendel. Die unsichtbare Sammlung. Topalian & Milani Verlag, 2016. 152 Seiten.

Ich danke dem Topalian & Milani Verlag für das Rezensionsexemplar.