Zadie Smith – Swing Time

„Der eigentliche Text war nur ein einziger Satz: Jetzt weiß endlich jeder, wer du wirklich bist. Eine Nachricht, wie man sie von einer gehässigen Siebenjährigen mit einer klaren Vorstellung von Gerechtigkeit bekommt. Und wenn man einmal ausblendet, wie viel Zeit dazwischen lag, dann war es ja auch genau das.“ (15)

Die namenlose Protagonistin ist in ihren Dreißigern, als sie sich in einer Londoner Wohnung wiederfindet, ohne Job, ohne Aussichten, ohne zu verstehen, was mit ihr geschehen ist. Und so rekapituliert sie ihre Lebensgeschichte, fängt klein an, bei dem Tag, als sie Tracey zum ersten Mal traf, auf dem Weg zu ihrer ersten Ballettstunde. Beide Mädchen verbindet ihre Hautfarbe, die sie wie ein unsichtbares Band aneinanderknüpft. Sie wachsen in einer Londoner Sozialsiedlung auf, Traceys Mutter alleinerziehend, die Eltern der Erzählerin zwar zusammen, die Mutter aber mit Ambitionen, die den Horizont des Vaters bald übersteigen sollen.

Ihre Mutter hält nichts von Traceys Mutter und somit auch nichts von Tracey, sie missbilligt die Freundschaft der beiden, was die Erzählerin jedoch nur näher zu ihr treibt. Beide lieben sie den Tanz, schauen stundenlang Videos von Tanzfilmen, Tanzaufnahmen, Musicals, doch nur Tracey hat Talent. Dieses wird vehement von ihrer Mutter gefördert, und irgendwann trennen sich die Wege der beiden Mädchen, Tracey geht an eine Tanzschule, die Erzählerin in eine Einsamkeit hinein, in der sie nicht weiß, was sie mit sich anfangen soll.

Obwohl sie sich fängt, studiert und einen Job findet, geht sie doch immer den Weg des geringsten Widerstandes, immer auf der Suche nach sich selbst oder nach etwas. Bis sie eines Tages Aimée trifft, eine berühmte Sängerin, die Gefallen an ihr findet und sie zu ihrer persönlichen Assistentin macht. Von nun an wird sie vollkommen vereinnahmt von dieser Naturgewalt von Person, sie wird zu einer Verlängerung, zu einem ausführenden Organ.

Aimée kreist um sich selbst, hat jeden Tag eine Million Ideen, und die Protagonistin soll diese dann umsetzen. So kommt Aimée auf die Idee, in einem afrikanischen Dorf eine Mädchenschule zu gründen, und die Erzählerin soll dort alles vorbereiten. Nun in eine für sie vollkommen neue Welt versetzt, beginnt sie, sich zu verändern, sie stellt Fragen, über sich, über Aimée und ihre Allmacht, über ihre Hautfarbe, über ihre Stellung als Frau, als farbige Frau in der Welt. Wohin dies führt, liest man direkt zu Anfang der Geschichte, und doch entpuppt sich nach und nach eine Entwicklung, die man so nicht voraussieht.

Die beiden Mädchen, obwohl lange getrennt und nicht mehr in der jeweils anderen Leben, verlieren sich doch nie ganz aus den Augen. Auch, als sie zwei so grundverschiedene Leben führen, führt das Band, das sie aneinander bindet, sie immer wieder zusammen, ihr Schicksal scheint sie dafür bestimmt zu haben, dass sie einander brauchen.

Zadie Smith arbeitet in Swing Time eine ganze Reihe an Themen und Fragestellungen ab, von Hautfarbe, Armut und Reichtum, Politik zu Moral und den Fragen nach Richtig und Falsch ist alles vertreten. Und das ist auch auf 627 Seiten eine ganze Menge, manchmal vielleicht schon ein wenig viel. Ich wusste an einigen Stellen nicht so ganz, worauf sie hinaus wollte, oder ob weniger nicht vielleicht mehr gewesen wäre. Dann gab es Stellen, die mir ein wenig gewollt erschienen, da hätte ich darauf gehofft, dass dem Leser mehr zugetraut würde.

Nachdem ich mit Von der Schönheit schon meine kleinen Schwierigkeiten hatte, ist das hier leider nicht anders. Zadie Smith lässt mich wieder etwas ratlos zurück. Die Geschichte war eindrücklich, wenn auch etwas überladen, und in ihren Rückblicken so konstruiert, dass man nicht absehen kann, was geschehen wird, was die Entwicklung der Protagonistin nachvollziehbar und tatsächlich auch spannend macht. Ich brauche auch keine sympathische Erzählerin, um ein Buch gut zu finden. Ich kann es nicht genau benennen, ich denke, dass der manchmal etwas geschwungene Holzhammer mich davon abhält, der Geschichte alle Punkte zu geben.

Photo: lithub.com

 

Dennoch habe ich den Roman genossen und so einiges als Denkansatz genommen, was mich immer noch nicht ganz loslässt. Somit empfehle ich Swing Time als einen klugen Roman mit einer interessanten Perspektive, der vieles mitbringt, manches aber vielleicht nicht ganz durchhält. Aber machen Sie sich selbst ein Bild, es lohnt sich auf jeden Fall!

Zadie Smith: Swing Time. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. OA: Swing Time. 2016. 627 Seiten.

Ich danke Kiepenheuer&Witsch für das Rezensionsexemplar.

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Buch #53: John le Carré – Der Spion, der aus der Kälte kam

John le Carré wurde am 19. Oktober 1931 in Poole, Dorset, unter dem Namen David John Moore Cornwell, geboren. Nach seinem Studium in Bern und in Oxford war er für den britischen Geheimdienst tätig, unter anderem vernahm er Menschen, die über den eisernen Vorhang geflohen waren. Später war er, unter anderem in Bonn und Hamburg, für den MI5 und den MI6 tätig. Hier schrieb er seine ersten Romane, 1964 quittierte er den Dienst und widmete sich professionell dem Schreiben. Er war zweimal verheiratet und hat insgesamt vier Kinder. Im Jahr 2011 gab er der Bodleian Library sein gesamtes literarisches Archiv zur Aufbewahrung.

spion, kälteDer Spion, der aus der Kälte kam war le Carrés internationaler Durchbruch, er erhielt den Gold Dagger und den Edgar Award sowie den Somerset Maugham Award und 2005 den Dagger of Daggers. Seit seiner Veröffentlichung war der Roman ein Bestseller und ist in zahlreichen Auflagen erschienen.

Der Roman handelt von Alec Leamas, der im britischen Geheimdienst tätig und für Ostdeutschland zuständig ist. Hier hat er ein Spionage-Netz aufgebaut, das aber von seinem Widersacher Mundt aufgedeckt wurde. Die Handlung beginnt damit, dass Mundt den letzten verbliebenen Spion auf den letzten Metern über den Grenzübergang erschießen lässt. Leamas kehrt nach England zurück, wo er ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten hat und mit diesem einen Plan fasst. Nach außen hin wird er aufs Abstellgleis geschoben, er bekommt einen Bürojob, der ihn zu Tode langweilt, beginnt zu trinken und wird schließlich entlassen. Von nun an geht die Spirale abwärts, er beginnt stark zu trinken, hat eine Affäre mit einem Mädchen, das ihm gleichgültig zu sein scheint und landet schließlich wegen gefährlicher Körperverletzung im Knast.

Als er entlassen wird, fängt der ostdeutsche Geheimdienst an, sich für ihn zu interessieren. Könnte es möglich sein, dass er überläuft und die DDR mit wertvollem Material versorgt? Leamas lässt sich auf Gespräche ein, verfolgt aber sein eigenes Ziel: Hans-Dieter Mundt. Doch dieser ist ein sehr mächtiger Mann, mächtiger, als Leamas anzunehmen scheint. Und dann kommt auch wieder das Mädchen ins Spiel, anständige Menschen kämpfen gegen unanständige Menschen, Gut gegen Böse, und wer vermag in dieser Welt noch zu sagen, wer wer ist? Wie wird Alec Leamas sich gegen Mundt behaupten können? Wird er überhaupt eine Chance haben? Und das Mädchen schützen können?

Der Spion, der aus der Kälte kam ist insofern anders als viele Krimis, als er auf Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet. Die Geschichte ist komplex, und es scheint, das Geheimdienstmilieu ist nur auf Resultate aus, zu welchem Preis auch immer sie erreicht werden.

„Ich hasse das alles, ich bin es leid. Aber es ist die Welt, es ist die Menschheit, die verrückt geworden ist. Wir wären doch nur ein kleiner Preis. Aber es ist überall das gleiche, Menschen, betrogen und irregeführt, ganze Leben weggeworfen, Menschen erschossen und im Gefängnis, ganze Gruppen und Klassen abgeschrieben – für nichts.“ (248)

Es ist immer schwierig, einen Kriminalroman zu beschreiben, ohne allzu viel von der Handlung zu verraten. Dieser bleibt jedoch bis zum Ende so in seine Wendepunkte verstrickt, dass man nie weiß, woran man ist. In einer allzu nüchternen Sprache wird der Verbündete zum Feind, der Feind zum Verbündeten gemacht, und wieder umgekehrt. Die nüchterne Sprache steht im Kontrast zu den plötzlichen Gefühlseruptionen, dann wird geschrieen und gebrüllt, und dies kommt immer plötzlich. Aber eben durch die Schlichtheit und den vielfach nur beschreibenden Stil entfaltet sich eine sehr beklemmende Stimmung, und man wähnt sich tatsächlich an der Seite einer der Figuren im Trenchcoat, geht mit ihnen durch das London der Sechziger Jahre, weiß aber nie genau, wo man ist und woran man ist, ob der Feind sich gleich als Freund zu erkennen gibt oder der Freund ein Verräter ist.

Spannend ist diese Geschichte, auch wenn mir Raymond Chandlers desillusionierter Protagonist besser gefallen hat. Aber wer einen Samstag oder Sonntag mit einem guten Buch und einer wendungsreichen Geschichte verbringen möchte, ist hier gerade recht beraten. Ob man viel Sympathie für die handelnden Personen empfindet, oder in ein Wechselbad der Gefühle eintaucht, das mag bei jedem Leser anders sein. Auf jeden Fall wird jeder Leser gut unterhalten werden.

John le Carré: Der Spion, der aus der Kälte kam. Aus dem Englischen von Manfred von Conta. Econ Ullstein List GmbH & Co. KG, München 2001, OA aus dem Jahre 1963. 256 Seiten

Buch # 49: Rose Tremain – Die Farbe der Träume

Rose Tremain wurde am 2. August 1943 als Rose Thomson in London geboren. Sie studierte an der Sorbonne Anglistik und schloss ihr Studium 1967 an der University of East Anglia ab. Von 1988 bis 1995 war sie dort Dozentin für Creative Writing. Neben ihren Romanen veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Hörspiele und Drehbücher für Fernsehfilme. Sie hat zahlreiche Preise erhalten, unter anderem den Orange Prize for Fiction. Sie lebt mit dem Biographen Richard Holmes in Norfolk.

die_farbe_der_traeume-9783458357025_xlDie Farbe der Träume ist ein historischer Roman, der 2003 erschienen ist. Er handelt vom englischen Ehepaar Joseph und Harriet, die im 19. Jahrhundert mit Josephs Mutter nach Neuseeland auswandern, um dort ihr Glück zu finden. In Neuseeland gibt es günstiges Land, und sie wären nicht die Ersten, die dort durch harte Arbeit zu Wohlstand, und, wie sie hoffen, zu ihrem Glück kommen.

Joseph war in England Viehauktionator, ein Beruf, den er von seinem Vater übernahm, für den ihm jedoch jegliches Talent fehlte. Er war nicht glücklich, doch eines Tages traf er Rebecca, und diese eröffnete ihm eine völlig neue Welt. Doch nun, als er in Neuseeland ankommt, wird er von seinen Schuldgefühlen Rebecca und ihrer Familie gegenüber geplagt. Er will zu Geld kommen, um eine Schuld zu begleichen.

Harriet war lange Jahre als Gouvernante tätig, fast hätte sie ihren Traum von Freiheit, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit aufgegeben. Dann traf sie Joseph, und sie heiratete ihn, in der Hoffnung, Liebe und ein neues Leben zu finden.

Als Josephs Vater stirbt, brechen sie nun nach Neuseeland auf, im Schlepptau seine Mutter Lilian, die unter dem Verlust ihres Mannes und der Verpflanzung in eine neue, unbekannte Welt sehr leidet.

Joseph erwirbt Land und baut eine Hütte für die drei darauf, wobei er Ratschläge der Einheimischen in den Wind schlägt und sie auf einer Anhöhe errichtet. Als die Hütte fertig ist, holt er die Frauen, wobei Lilian einen Plan nach dem anderen schmiedet, um wieder in die Stadt zurückzugehen. Harriet hingegen geht voller Elan ihre neuen Aufgaben an: sie legt einen großen Gemüsegarten an, und kümmert sich um die Kuh.

Bald zeigt sich, dass der Platz auf der Anhöhe ein schlechter Platz war, den Elementen jederzeit ausgesetzt, und als einmal überraschend Schnee fällt, verlieren sie die Kuh, was für die Darbenden ein herber Verlust ist.

Doch eines Tages scheint sich das Blatt zu wenden: Joseph findet einen Schimmer Gold. Von nun an ist er besessen – wenn er nur Gold finden würde, wären alle seine Probleme wie fortgeblasen. Er könnte seiner Mutter endlich zeigen, dass er ein Mann ist, der für sie sorgen kann, er könnte Harriet ein richtiges Haus bauen und er könnte seine Schuld begleichen. Und so begibt er sich in den Westen des Landes, an die Goldschürferorte, und hofft auf sein Glück.

Harriet bleibt derweil beim Haus und versorgt Lilian, die jedoch eines Tages stirbt. Um dies Joseph mitzuteilen, reist sie ihm hinterher. Doch sie findet einen ausgezehrten, besessenen Mann vor, der an nichts anders mehr denken kann als an Gold. Doch das Wunder geschieht – Harriet findet Gold. Aber das Land ist unberechenbar, und ob es sein Gold einfach so hergibt, und ob ein Mann mit so einer Schuld es verdient, sein Glück zu finden, sind ganz andere Fragen…

Zuerst einmal muss ich sagen, dass ich sehr gerne historische Romane lese. Aber dieses Genre ist inzwischen ein riesiger Markt, und somit gibt es eine ganze Menge interessanter, spannender und gut zu lesender historischer Romane. Dieser gehört meiner Meinung nach nicht unbedingt dazu. Die Hauptfigur ist mit einem heulenden Waschlappen besetzt worden, dessen einziger Verdienst darin besteht, Harriet nach Neuseeland gebracht zu haben. Harriet ist eine recht gut gelungene Figur, die ihre Chancen dort ergreift, wo sie sich ihr bieten, die harte Arbeit nicht ablehnt, und Versprechen nicht bricht, selbst wenn es bedeutet, sich in Lebensgefahr zu begeben.

Wovon der Roman aber im Grunde lebt, das sind die Nebenfiguren. Hier ist die Maori-Frau Pare, die, als sie jung ist, als Kindermädchen arbeitet und dort in Konflikt mit ihrer Geisterwelt gerät. Dieser Konflikt hält ihr Leben lang an und belastet nicht nur sie, sondern auch den Jungen, den sie damals gehütet hat. Oder der Chinese Pao Yi, der Gemüse an die Goldgräber verkauft und ebenfalls eine Schuld gegenüber seiner Familie hat, der jedoch auch Harriet ein großes Geschenk macht. Diese Figuren sind fein gezeichnet und geben der Glückssuche-Geschichte einen eigenen Anstrich, der es für mich dann noch ein wenig herausgerissen hat.

Doch auch sprachlich ist alles sehr steif, die Figuren werden insgesamt wenig empathisch gezeichnet und bleiben sehr blass, was ich von historischen Romanen wirklich anders erwarte. Hier erwarte ich, in eine andere Zeit und eine andere Welt einzutauchen und dort eine Zeitlang zu leben, doch Die Farbe der Träume war für mehr wie das Betrachten einiger Photographien. Insgesamt kann ich sagen, dass der Roman sich gut lesen lässt, aber es nicht unbedingt ein Verlust ist, wenn man dies nicht tut.

Rose Tremain: Die Farbe der Träume. Aus dem Englischen von Christel Dormagen. Insel Verlag Berlin 2010. 456 Seiten.

Wer das Buch käuflich erwerben möchte, sollte sich selbst und seiner Buchhandlung um die Ecke einen Gefallen tun und seine Kondition ein wenig trainieren, indem er sich dorthin bewegt.