Jonathan Franzen über… Artenschutz und Überbevölkerung

Anhand der Figur des Walter Berglund in seinem Roman Freiheit.

Männchen des Pappelwaldsängers (Setophaga cerulea) Bild: de.wikipedia.org

Jonathans Franzens Roman Freiheit ist nicht nur eine epische Abhandlung über die Freiheit, die der Mensch hat oder eben nicht hat, nicht nur ein Familienroman, nicht nur ein Entwicklungsroman. Franzen macht auch einige Ansichten deutlich, oder doch zumindest auf einige Dinge aufmerksam.

Seine Figur des Walter Berglund ist das, was auf (Nichtgut)Neudeutsch wohl als „Gutmensch“ bezeichnet wird. Er ist ein liebevoller, unterstützender, verständnisvoller und eben auch sehr, sehr idealistischer Mensch.

Aus diesem Idealismus heraus nimmt er einen Job an, der es ihm ermöglicht, ein Reservat für den Pappelwaldsänger zu erreichen, eine kurz vor der Bedrohung des Aussterbens stehende Vogelart. Da das Interesse der Menschen eher nicht so groß ist, wurde eine Stiftung gegründet, die reiche Menschen dazu bringen soll, sich durch großzügige Spenden wie gute reiche Menschen zu fühlen.

Um den Pappelwaldsänger zu retten, sagte Walter, beabsichtige die Stiftung nun, im Wyoming County, West Virginia, ein zweihundertfünfzig Quadratkilometer großes Areal ohne Straße zu schaffen – momentan werde es noch „Haven Gefilde“ genannt -, das von einer größeren „Pufferzone“ umgeben sei, in der gejagt und Motorsport betrieben werden dürfe. Um sich die Oberflächen- wie auch die Mineralrechte an einer so großen einzelnen Parzelle leisten zu können, müsse die Stiftung zunächst den Abbau von Kohle auf nahezu einem Drittel davon gestatten, und zwar per Gipfelabbau. Und genau diese Aussicht habe die anderen Bewerber abgeschreckt. Der Gipfelabbau, wie er gegenwärtig praktiziert werde, sei ökologisch beklagenswert – Gipfelgestein werde weggesprengt, um die darunterliegenden Kohleflöze freizulegen, umliegende Täler würden mit Geröll aufgefüllt, biologisch wertvolle Bäche zugeschüttet. (282)

Doch, wie so oft auf dieser Welt, ist es nicht so einfach, Gutes zu tun. Man muss Kompromisse schließen, und so ist Walter bereit, den Pakt mit dem Teufel einzugehen. Völlige Zerstörung, um danach für immer ungehindert wieder aufbauen zu können. Denn:

Er hingegen glaube, dass ordentlich durchgeführte Renaturierungsmaßnahmen den Schaden weit stärker in Grenzen halten könnten, als man es für möglich halte, und der große Vorteil eines völlig leergeförderten Bodens sei, dass niemand ihn noch einmal aufreißen werde. (282)

und

„Na, in aller Kürze, der Gipfelabbau hat deshalb so einen schlechten Ruf, weil die wenigsten Inhaber von Oberflächenrechten auf einer richtigen Form der Renaturierung bestehen. Bevor ein Kohleunternehmen seine Mineralrechte wahrnehmen und einen Berg abtragen kann, muss es eine Sicherheit hinterlegen, die erst zurückerstattet wird, wenn das Land wiederhergestellt ist. Das Problem dabei ist, dass diese Inhaber sich mit kahlen, flachen Weiden zufriedengeben, die oft auch noch absacken, weil sie hoffen, dass ein Bauunternehmer des Weges kommt und Luxuswohnungen darauf baut, obwohl es eine gottverlassene Gegend ist. Dabei erhält man tatsächlich einen sehr üppigen und artenreichen Wald, wenn man die Renaturierung richtig macht.“(285)

Ein Teil seiner Bereitschaft, diesen deal with the devil einzugehen, scheint daraus zu resultieren, dass die Umweltzerstörung und das Artensterben nur Symptome einer ganz anderen Krankheit sind. Und dies ist Walters Hauptanliegen.

„Ich habe die Sache zurückverfolgt“, sagte er (Walter, eig.Anm.), „weil ich weiterhin nicht schlafen konnte. Erinnerst du dich an Aristoteles und seine Ursachenlehre? Die Wirk-, die Form- und die Finalursache? Also, Nestraub durch Krähen und Wildkatzen ist eine Wirkursache für den Rückgang des Waldsängers. Und Fragmentierung des Lebensraumes ist eine Formursache davon. Was aber ist die Finalursache? Die Finalursache ist die Wurzel von so ziemlich jedem Problem, das wir haben. Die Finalursache ist: verdammt nochmal zu viele Menschen auf der Erde. Das wird besonders klar, wenn wir nach Südamerika fahren. Ja, der Pro-Kopf-Verbrauch steigt. Ja, die Chinesen räumen dort illegal Rohstoffe ab. Aber das wahre Problem ist der Bevölkerungsdruck. Sechs Kinder pro Familie gegenüber eins Komma fünf. Die Leute versuchen verzweifelt, die Kinder zu ernähren, die ihnen der Papst in seiner unendlichen Weisheit abverlangt, also ruinieren sie die Umwelt.“ (292)

Walter hat die Zahlen parat, er verbringt schlaflose Nächte darüber, verzweifelt, und ist doch weiterhin bemüht, auf das Problem aufmerksam zu machen, hinzuweisen, Krawall zu schlagen, nicht locker zu lassen. Ja, Walter ist kein Philanthrop, seine Welt könnte durchaus auch nur von Pappelwaldsängern und ihren Gefährten bevölkert sein.

„Allein in Amerika“, sagte er, „wird die Bevölkerung in den nächsten vier Jahrzehnten um fünfzig Prozent anwachsen. Überleg dir mal, wie dicht besiedelt die Speckgürtel jetzt schon sind, denk an den Verkehr und die Zersiedelung und die Umweltzerstörung und die Abhängigkeit von ausländischem Öl. Und dann rechne noch fünfzig Prozent dazu. Und das ist nur Amerika, was theoretisch eine viel größere Bevölkerung ernähren kann. Und dann denk an die CO²-Emissionen weltweit, an Völkermord und Hunger in Afrika und an die radikalisierte, chancenlose Unterschicht in der arabischen Welt, an die Überfischung  der Weltmeere, an illegale Siedlungen in Israel und an die Han-Chinesen, die Tibet überrennen, an Hundertmillionen Arme im Atomstaat Pakistan: Es gibt kaum ein Problem auf der Welt, das nicht dadurch gelöst oder wenigstens gewaltig gelindert würde, wenn es weniger Menschen gäbe.“ (293)

Nun, das ist recht schlecht möglich. Eine Lösung ist wohl nicht in Sicht, weswegen er hingeht und wenigstens das Wenige zu tun versucht, das er zu tun vermag. Auch wenn dies hoffnungs- und sinnlos erscheint:

„„Was wir in unserem kleinen Rahmen jetzt tun könnten, um ein wenig Natur zu retten und eine gewisse Lebensqualität zu bewahren, wird von den schieren Zahlen erdrückt werden, denn die Menschen können zwar ihre Verbrauchergewohnheiten ändern – das kostet Zeit und Mühe, aber es geht -, doch wenn die Bevölkerung weiterwächst, wird nichts von dem, was wir tun, etwas ausrichten können. Und trotzdem spricht niemand öffentlich über das Problem. Obwohl es auf der Hand liegt und uns umbringt. (293)

Da es sich bei Freiheit um einen Roman handelt und bei Walter um eine fiktive Figur, kann man natürlich wieder hervorragend die Frage stellen, inwiefern die Meinung des Autors eingeflossen ist. Ob er wirklich so extreme Ansichten hat. Ob er genauso denkt wie seine Figur. Ob er gar mit seiner Figur identisch ist.

Cover Credit: PHOTOGRAPH BY DAN WINTERS FOR TIME

Aber all dies würde nirgendwohin führen. Denn Franzens persönliche Meinung kennen wir nicht, wir wissen nur, was er getan hat: er hat aufmerksam gemacht. Er hat alle seine Leser auf der ganzen Welt auf die Problematik hingewiesen. Keiner der Leser des Romans konnte sich dem entziehen, es ist unmöglich, die Stellen kurz zu überfliegen, sind sie doch eng in einem der Protagonisten angelegt.

Und so hat Jonathan Franzen nicht nur einen „großen amerikanischen Roman“ geschrieben, er hat noch mehr getan. Er hat seine Leser gezwungen, sich mit Umweltthemen und der Überbevölkerung auseinander zu setzen, was wohl gerade in den USA nicht immer gern gesehen worden sein dürfte. Aber auch mich hat es sehr, sehr nachdenklich gemacht. Nicht, dass ich Lösungen hätte. Nicht, dass Walter und somit wohl auch Jonathan Lösungen hätten. Aber vielleicht gibt es ja jemanden. Der sich Gedanken macht und Vorschläge hat. Das wäre großartig.

Jonathan Franzen: Freiheit. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, April 2012. OA: Freedom. Farrar, Straus and Giroux, New York 2010. 731 Seiten.

Warum was lesen?

Ich hatte gestern ein interessantes Gespräch mit einem Freund. Er sagte, er lese zwar meinen Blog, aber er könne nichts dazu sagen, da er ja die Bücher nicht kenne. Aber zum Beispiel, nachdem er meine Rezension über Das Gleichgewicht der Welt gelesen habe, habe er das Buch nicht mehr lesen wollen. Dafür gebe es einen Grund: er lese, um sich zu entspannen, um gute Geschichten kennenzulernen, und um unterhalten zu werden. Aber eher auch, um etwas Schönes zu erfahren, und sich nicht mit solchen fürchterlichen Dingen auseinanderzusetzen. Die Welt ist schlecht genug, warum dann noch tiefer darin eintauchen? Da hat er natürlich nicht unrecht, und es gibt ja auch genügend Abwechslung in bestimmten Kategorien, die man interessant findet.

Nun meine Frage: wie sieht das denn bei Euch so aus? Warum lest Ihr und was? Ich kann von meiner Warte nur sagen, dass ich auch sehr gerne mal eine etwas leichtere Story lese, die ich so runterratter und die mich auf nette Art unterhält. So zum Beispiel passiert mit Harry Potter, habe ich geliebt. Aber gefordert hat es mich nicht. Und das ist bei mir der Punkt: natürlich sind nicht alle Geschichten toll und spannend oder leicht konsumierbar, aber bildet das nicht auch einen gewissen Reiz? Wenn man sich mit Dingen auseinandersetzt, auch den Unschönen? Ich muss sagen, ich habe beim Mistry arg mitgelitten, es hat mich zwischenzeitlich richtig fertig gemacht. Aber ich möchte es auch nicht missen. Oder wenn ich mich wieder einmal tragen lassen soll von Foster Wallaces Gedankenflügen, ist das manchmal großartig, und manchmal kostet es einfach nur Nerven. Aber der Prozess des Sich-Auseinander-Setzens und des Entdeckens ist das alles – in meinen Augen – wert.

Könnte man es nicht mit fernsehen vergleichen? Ich gucke mir gerne mal ne RomCom an und lasse mich unterhalten, aber Dokumentationen und dergleichen sind doch auch wichtig, oder wie seht ihr das? Ich weiß, jeder hat seinen eigenen Geschmack, und ich bin ja immer froh, wenn Leute lesen, seien es auch eine Chicklit oder Vampirstory oder ein Krimi nach dem anderen. Nachher weiß man immer mehr, das ist super. Aber wenn man sein Spektrum etwas erweitert, erfährt man eben auch Sachen, von denen man vorher nicht mal geträumt hätte.

Das ist für mich, was Literatur ausmacht. Deswegen mache ich diesen Blog hier, weil ich möglichst viele Facetten kennenlernen möchte. Aber das ist natürlich meine Sache, ihr lest ja bestimmt aus anderen Gründen. Also, schreibt mir doch etwas über diese Gründe, ich bin gespannt!

David Foster Wallace: Unendlicher Spaß/2

Nachdem ich nun ein Drittel durch habe, möchte ich euch wieder etwas über das Buch erzählen. Man sagt ja immer, Schriftsteller würden Welten entstehen lassen in ihren Werken. Dem stimme ich uneingeschränkt zu, aber zu diesem Buch muss ich sagen: David Foster Wallace hat ein Universum kreiert.

Ein Freund hat mir gesagt, wenn ich Unendlicher Spaß lese, solle ich zusehen, dass ich es möglichst am Stück tu. Eine Unterbrechung, und sei es auch nur ein paar Tage, und ich werde unheimliche Schwierigkeiten haben, wieder reinzukommen. Er hatte Recht. Dieses Buch ist so komplex und erzählt von so vielen verschiedenen Personen, die verschiedene Handlungsstränge verfolgen, dass es eine Herausforderung ist, dem zu folgen. Diese Personen und Handlungsstränge verquicken zudem immer wieder ineinander, und die 134 Seiten an Fußnoten tragen auch nicht zum einfacheren Lesen bei. (Letztens dachte ich mir, ich lese noch ein paar Seiten, und dann folgte eine über zwanzig Seiten lange Fußnote).

Nichts desto trotz muss ich sagen: ich liebe es. Es ist ein Kreuz, es zu lesen, und ich denke, wenn ich durch bin, werde ich ein mehr oder weniger zerfleddertes Buch vor mir haben (ja, ich schleppe es auch überall hin mit, das ist nicht hilfreich zur Erhaltung).  Aber die Szenarien, die David Foster Wallace entwirft, sind schon umwerfend.

Gestern las ich das Szenario von einem „Spiel“, das an der Tennisakademie gespielt wird. An einem Feiertag, wenn das Training ruht, spielt die gesamte Akademie seit Jahren ein Spiel: Eschaton. Hier wird auf den Tennisplätzen eine „Welt“ entworfen, mit verschiedenen Ländern, Angriffszielen, Verteidungsanlagen und seit Jahren genau festgelegten Regeln. Jedes Jahr wird eine neue Situation vorgestellt, mit der die Spieler dann umgehen müssen. Diese Situation ist nicht weniger als ein Weltkriegsszenario. Verschiedene Gruppen stellen verschiedene Länder oder Länderpakte dar, z.B. INDPAK, Indien und Pakistan, oder IRLYBSYR (überlegt selbst). Geschlagene Tennisbälle sind Bomben, Treffer nukleare Anschläge und dergleichen. Man stelle sich vor, 11- bis 17jährige spielen ein komplexes Weltkriegsszenario nach. Mit Tennisausrüstung. Sie taktieren und planen, um ihre Verteidigungsposten zu retten, einen atomaren Krieg zu vermeiden und irgendwie als Sieger aus diesem Spiel hervorzugehen.

Dann aber fängt es an zu schneien. Es folgt eine Diskussion, ob der Schnee in der Realität Auswirkungen auf die Weltlage im Spiel hat, und auf einmal brennen die Sicherungen durch, es gibt gebrochene Nasen und die Saison beendende Verletzungen. Alles ist ein großes Chaos.

Man könnte dies jetzt als lächerliches Schulfeiertagsspiel lesen. Die Kinder spielen, haben ihre Nerven nicht im Zaum und alles endet mit einem großen Tohuwabohu. Oder man könnte es als Anspielung auf die Realität sehen. Überall auf der Welt sitzen Nationen und ihre Politiker auf ihren (nuklearen) Waffen, bedrohen sich gegenseitig, und sei es nur durch die Anwesenheit dieser Möglichkeiten, andere Nationen und vielleicht sogar die ganze Menschheit auszulöschen, und dann bekommt einer einen Tennisball an den Kopf und dreht durch. Das Spiel wird beendet, aber die Wirklichkeit sieht anders aus.

Ein schönes Beispiel, wie man in der Literatur spielerisch auf Missstände aufmerksam machen und die Menschen dazu bringen kann, etwas zu Ende zu denken. Nur wird es leider nicht helfen, oder den Tennisball vermeiden, wie ich befürchte.