Dennis Lehane – Mystic River

Dennis Lehane wirft seine Leser mitten rein ins Geschehen, ein Prequel erzählt die Geschichte von drei Jungs, Dave, Jimmy und Sean, die trotz ihrer Klassenunterschiede beste Freunde sind. Eines Tages ziehen sie durch die Straßen und ein Auto hält neben ihnen. Etwas Schlimmes wird einem von ihnen zustoßen, und sie wissen noch nicht, wie sehr sich dieses Ereignis durch ihre Lebensläufe ziehen wird.

25 Jahre später wird ein Mädchen tot aufgefunden. Es ist Katie, Jimmys Tochter, von allen geliebt. Niemand kann sich einen Reim darauf machen, wer sie umbringen können wollte. Sean ist nun Polizist und wird mit dem Fall betraut. Die Nähe zu seinen früheren Freunden hilft dem Fall so viel wie er ihn behindert.

Doch das ist nicht das Einzige, was in dieser Nacht geschieht, und alles scheint irgendwie zusammenzuhängen und zu dem einen Tag 25 Jahre früher zurückzuführen…

Etwas zum Inhalt eines Kriminalromans zu sagen, ist keine einfache Sache, deswegen umreiße ich die Handlung nur grob. Trotzdem gibt es genügend zu diesem Roman zu sagen, den ich mir eigentlich nur der Abwechslung halber aus dem Regal griff.

Ich hatte mehrere begeisterte Rezensionen zu den Romanen Lehanes gelesen, und entsprechend erwartungsvoll ging an Mystic River heran. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Es ist zwar ein Kriminalroman (die aus irgendeinem Grund den Ruf haben, nicht literarisch sein zu können, was sich eigentlich schon seit vielen, vielen Jahren geändert haben sollte), aber sprachlich ist er auf einem sehr hohen Niveau.

Lehane bewegt sich in diesem Roman zwischen der Unter- und der gehobenen Mittelschicht, was schon an der Sprache, die er gebraucht, offensichtlich wird. Die Beschreibungen der Lebensumstände und der jeweiligen Umgebungen überzeugen, man sieht die abgewrackte Arbeitersiedlung ebenso vor sich wie die sauberen Straßen der Mittelklasse, die beginnende Gentrifizierung ebenso wie die rostigen Gleise, die die Stadt durchziehen.

Und dann ist da der Schmerz, den jeder in sich trägt. Und die Schuld. Katies Ermordung bringt vieles zum Überkochen, trennt Menschen, bringt sie aber auch wieder näher zueinander. Den Schmerz, die Trostlosigkeit, aber auch die Hoffnung und den Stolz, sich etwas geschaffen zu haben – all das lässt Lehane den Leser wie am eigenen Leibe erfahren.

Leider war mir recht schnell klar, wer der Mörder ist, aber es geschieht so viel in dieser Geschichte, dass ich dennoch weiterlas, ich wollte die weitere Entwicklung zwischen den handelnden Personen erfahren und die Auflösung des Nebenplots (der hier nicht näher umschrieben werden und nur genannt werden kann).

Dennis Lehane hat mit Mystic River ein Panorama einer sich wandelnden Welt geschaffen, einem Wandel, den nicht jeder begrüßt. Die Gewinner sind da, aber wie so oft gibt es zu viele Verlierer. Verlierer nicht nur im Berufserfolgslotto, sondern auch im Persönlichen. Und so folgt man Sean bei der Aufklärung des Mordes an Katie und sieht Abgründe, die sich auftun, die das zutiefst Menschliche aufzeigen, und die oft nicht einfach zu bewältigen sind.

Wer nach gehobener Unterhaltung und Spannung sucht, ist mit diesem Roman bestens ausgerüstet, ein Pageturner, der auch noch funktioniert, wenn man weiß, wer es war. Aber weiß man das sicher?!

Bild: wikipedia.org

Dennis Lehane, irischer Abstammung, geboren 1965 in Dorchester, Massachusetts, arbeitete als therapeutischer Berater für geistig behinderte und sexuell missbrauchte Kinder, bevor er Creative Writing studierte. Seine erfolgreich verfilmten Bücher Mystic River und Shutter Island sind Weltbestseller. Außerdem schrieb Lehane Drehbücher für The Wire und ist Berater für Boardwald Empire. In Deutschland wurde er bereits drei Mal mit Platz 3 des Deutschen Krimipreises ausgezeichnet, zuletzt 2003 für Mystic River. Dennis Lehane lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Los Angeles und Boston. (Klappentext)

Dennis Lehane: Mystic River. Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff. Diogenes Verlag AG Zürich, 2014. OA: Mystic River. William Morrow, New York, 2001. 622 Seiten.

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Simon Beckett – Der Hof

Südfrankreich. Es ist Sommer, und glühende Hitze umfängt Sean. Er lässt das Auto, in dem er hierher fuhr, irgendwo stehen und geht zu Fuß weiter. Immer mit einem Blick über die Schulter. Auf einmal umfängt ihn ein grauenvoller Schmerz: er ist in eine Falle getreten. Und kann sich nicht befreien.

Als Sean wieder zu sich kommt, liegt er mit dick einbandagiertem Fuß in einer Scheune. Er weiß nicht, wo er ist und was geschehen ist. Mathilde, die ältere Tochter des Hofbesitzers, bringt ihm Nahrung und kümmert sich um seinen Fuß, und nach und nach bekommt er einige Details zusammen. Nur erfährt er nichts über seine ‚Gastgeber‘, Mathilde, ihre Schwester Gretchen, und ihr Vater Arnaud.

Es dauert, bis er sich wieder einigermaßen fortbewegen kann. Dann macht Arnaud ihm das Angebot, den maroden Hof wieder ein wenig auf Vordermann zu bringen, Wände neu zu mauern und ihm zur Hand zu gehen. Sean nimmt das Angebot an.

Denn es gibt noch eine Geschichte, die parallel erzählt wird. Die Geschichte, warum Sean überhaupt in Südfrankreich ist. Und warum er einiges darum gibt, dass niemand seinen Aufenthaltsort kennt. Und so scheint eine Hand die andere zu waschen, Sean hilft den Hofbewohnern im Gegenzug zu einem abgeschiedenen Rückzugsort.

Doch mit der Zeit fallen Sean einige Ungereimtheiten auf… Wem hat der Arbeitsanzug gehört, den er nun trägt? Warum reagieren die Leute im Dorf so aggressiv auf den Namen Arnaud? Wer ist der Vater von Mathildes Kind? Sean ist nicht mehr sicher, ob das Angebot eine so gute Lösung seiner Probleme ist…

Es ist schon einige Jahre her, als ich die David-Hunter-Reihe von Beckett las, aber ich habe mich damals sehr gut unterhalten gefühlt, die Romane waren spannend und anscheinend gut recherchiert, mit interessanten Plots und Figuren. Deshalb bekam ich nun „Der Hof“, als ich krank war und mich nicht so gut konzentrieren konnte, quasi ein Tröste- und Ablenkungsbuch.

Und als solches hat es seinen Zweck ganz hervorragend erfüllt. Wenn man nun aber ganz bei sich ist, bin ich mir nicht so sicher. Beckett schreibt in seiner Danksagung, er habe für diesen Roman unverhältnismäßig lange gebraucht, was ich absolut nicht nachvollziehen kann. Grundsätzlich hätte die Story auf die Hälfte eingestampft besser funktioniert, da die Spannung wohl größer und die Handlung schneller gewesen wären. So aber ist man in einer klebrigen Hitze auf einem abbruchreifen Hof in Südfrankreich gefangen, wo etwas passiert sein könnte oder nicht.

Die Hitze und die damit einhergehende Trägheit überträgt sich auf die Handlung. Sie geht nur sparsam voran, und wenn ich normal gelesen hätte, hätte ich wahrscheinlich nicht die Geduld dazu gehabt, zu Ende zu lesen. Auch die häppchenweise Anordnung des zweiten Handlungsstrangs macht dies nicht besser, im Gegenteil, das Gefühl der Zähigkeit verstärkt sich eher noch. Am Ende wird man dann mit einem für mich nicht unbedingt überraschenden Ergebnis abgespeist.

Sie sehen schon, dieses Buch hat mich ziemlich unbeeindruckt zurückgelassen. Ich halte Simon Beckett für einen durchaus guten Krimi-Schriftsteller, aber hier hat er voll daneben gehauen. Eine äußerst zähe Geschichte mit blass bleibenden Figuren und einem nicht überraschenden Ende. Hervorragend, wenn man krank ist oder sich nicht so gut konzentrieren kann, ansonsten würde ich jemandem, der einen spannenden Kriminalroman von Beckett lesen möchte, doch zu seiner David-Hunter-Reihe raten.

Bild: rowohlt.de

Simon Beckett wurde am 20. April 1968 in Sheffield, Großbritannien, geboren. Er hat nach seinem Master-Abschluss in verschiedenen Berufen gearbeitet, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Bei den Recherchen für seine Romane hat er die Polizeiarbeit genau kennengelernt. Ebenso hat er intensiv auf der Body Farm der University of Tennessee recherchiert, was in seine David-Hunter-Reihe eingeflossen ist, die von einem Forensiker handelt. Er hat den Marlowe-Award erhalten und war für den Dagger-Award nominiert. Er lebt mit seiner Frau in Sheffield.

Simon Beckett: Der Hof. Aus dem Englischen von Juliane Oahnke. OA: „Stone Bruises“, 2014. DA: Rowohlt Taschenbuchverlag, 2015

David Peace – 1974

Es ist Freitag, der 13. Dezember 1974. Der Tag, an dem Edward Dunfords Vater begraben wird. Und der Tag, an dem er seinen neuen Job antritt, die heißersehnte Stelle als Gerichtsreporter. Er wird als erstes zu einer Pressekonferenz der Polizei beordert, die bekannt gibt, dass die 10jährige Clare Kemplay auf dem Heimweg von der Schule verschwunden ist. Es gibt keinerlei Hinweise, wo sie sein könnte. Alle machen sich Sorgen, niemand macht sich große Hoffnungen.

Nach der Beerdigung seines Vaters geht Edward seine Recherchen an. Es ist eine andere Atmosphäre, als man sie aus heutigen englischen Krimiserien kennt, es gibt nicht viel O1974rdnung, der Preis für Informationen ist hoch, Befragungen finden unter Ausschluss jeder Öffentlichkeit, dafür unter Anwendung jeglicher Gewalt statt. Große Teile der Arbeit laufen in dreckigen Spelunken ab, überhaupt ist der Alkoholkonsum immens. Natürlich ist immer eine Kippe zwischen den Lippen. Edward findet also bei seinen Recherchen heraus, dass Clare nicht das erste Mädchen ist, das in den letzten Jahren verschwand. Es gab mehr, im Abstand von ein paar Jahren.

Wem immer er dies sagt, reagiert skeptisch. Niemand geht darauf ein, aber er scheint gehört zu werden. Er bekommt neue Hinweise, für die er in dunkler Nacht an zwielichtige Orte bestellt wird, er wird Zeuge grausamer Ablenkungsmanöver, und nicht zuletzt bezahlt er einen hohen körperlichen Preis für seine Informationen. Und er ist nicht der einzige, der bezahlt. Jeder, der involviert ist, der seine Nase zu tief in die Angelegenheit steckt, bezahlt einen hohen Preis.

Langsam wird die Gewalt immer mehr, der Preis immer höher. Das bedeutet wohl, dass er auf der richtigen Spur ist… doch was ist der ultimative Preis, den Edward bezahlen muss, um die Wahrheit herauszufinden? Und will er sie überhaupt noch wissen?  Denn er hat schon so vieles geopfert – seine körperliche Unversehrtheit, seine geistige Gesundheit, und dann sind da auch noch seine Familie und nicht zuletzt zwei Frauen…

„1974“ ist einer der härtesten Romane, die ich je gelesen habe. Das war auch so angekündigt, und ich nehme an, deswegen ist Peace‘ Quartett so erfolgreich gewesen: er erzählt schonungslos eine grausame Geschichte. Die Polizeistrukturen im England der 70er und 80er Jahre werden bloßgelegt, die Korruption, die Gewalt, dieses „alles-tun-um-ein-Ergebnis-zu-erzielen“, und trifft es einen Unschuldigen – Pech gehabt. Nicht nur das, um von sich abzulenken, werden andere Personengruppen beschuldigt. Was hier passiert, hat mich doch sehr schlucken lassen. Und dies war nicht das einzige Mal, dass mir ein wenig schlecht wurde. Alle Aspekte dieser grausamen Geschichte werden im Detail dargestellt. Das ist für geübtere Krimileser als ich einer bin wahrscheinlich nicht so ungewöhnlich, für mich jedoch war es das.

Dennoch muss ich sagen, dass dieser Roman einen Sog entwickelt. Wie eine Schlingpflanze hält er den Leser fest und zieht ihn in den Abgrund. Man kann sich winden, so sehr man möchte, doch sie hält nur an, um ein weiteres Detail vorzuzeigen. Und dann geht es weiter, immer tiefer und immer tiefer, bis man nicht mehr weiß, wem man noch trauen kann und wem nicht. Ich hatte den Eindruck, dass Edward Dunford ein recht unzuverlässiger Erzähler ist, mit fortschreitendem Alkoholkonsum und fortschreitender körperlicher Degeneration werden die Aussagen unzuverlässiger, verschwimmen. Bis man am Ende da sitzt und nach Luft schnappt, froh, die letzte Seite umblättern und dem Sog entkommen zu können, aber auch im Bewusstsein, ein mächtiges Stück Literatur konsumiert zu haben, das man so schnell nicht vergisst.

Teil 2, „1977“, liegt seit dieser Woche bereit. Wenn mein Magen sich richtig anfühlt, geht es weiter.

Auch hier habe ich einen TV-Tipp, der die Polizeiarbeit im England der 1970er und 1980er Jahre anschaulich macht: es ist „Life on Mars“ und der daran anschließende Nachfolger „Ashes to Ashes“. Diese beiden Serien habe ich auch atemlos verfolgt, wobei das Buch um einiges härter war. Wer aber Interesse an einer Serie hat, die ebenfalls mit einem großem Clou endet, möge sie sich anschauen, aber nicht zu viel Wikipedia lesen, das verdirbt die Überraschung.

David Peace wurde 1967 in Ossett, West Yorkshire, geboren. Er studierte in Manchester und lebte nach seinem Studium viele Jahre in Istanbul und Tokio, bevor er nach England zurückging. Er hat eine japanische Frau und zwei Söhne. „1974“ ist der erste Teil des „Red Riding Quartett“, das aus den Teilen „1974“, „1977“, „1980“ und „1983“ besteht. Hier entwickelt er eine Geschichte um Polizeikorruption, die er vor dem Hintergrund der realen Morde des „Yorkshire Rippers“ Peter William Sutcliffe entwickelt. Peace‘ Romane basieren fast alle auf realen Ereignissen. Im Moment schreibt er an einer Kriminalromanserie, die in Tokio angesiedelt ist. Er hat zahlreiche Preise gewonnen.

 David Peace. Foto: Eamonn McCabe

David Peace. Foto: Eamonn McCabe

In meiner Liste steht tatsächlich nur „1977“, aber natürlich möchte ich alle Teile lesen, und diese in der richtigen Reihenfolge. Dementsprechend stelle ich hier den ersten Teil vor.

David Peace: 1974. Aus dem Englischen von Peter Torberg. OA 1999. DA Wilhelm Heyne Verlag, München, 2006. 384 Seiten.

Buch #53: John le Carré – Der Spion, der aus der Kälte kam

John le Carré wurde am 19. Oktober 1931 in Poole, Dorset, unter dem Namen David John Moore Cornwell, geboren. Nach seinem Studium in Bern und in Oxford war er für den britischen Geheimdienst tätig, unter anderem vernahm er Menschen, die über den eisernen Vorhang geflohen waren. Später war er, unter anderem in Bonn und Hamburg, für den MI5 und den MI6 tätig. Hier schrieb er seine ersten Romane, 1964 quittierte er den Dienst und widmete sich professionell dem Schreiben. Er war zweimal verheiratet und hat insgesamt vier Kinder. Im Jahr 2011 gab er der Bodleian Library sein gesamtes literarisches Archiv zur Aufbewahrung.

spion, kälteDer Spion, der aus der Kälte kam war le Carrés internationaler Durchbruch, er erhielt den Gold Dagger und den Edgar Award sowie den Somerset Maugham Award und 2005 den Dagger of Daggers. Seit seiner Veröffentlichung war der Roman ein Bestseller und ist in zahlreichen Auflagen erschienen.

Der Roman handelt von Alec Leamas, der im britischen Geheimdienst tätig und für Ostdeutschland zuständig ist. Hier hat er ein Spionage-Netz aufgebaut, das aber von seinem Widersacher Mundt aufgedeckt wurde. Die Handlung beginnt damit, dass Mundt den letzten verbliebenen Spion auf den letzten Metern über den Grenzübergang erschießen lässt. Leamas kehrt nach England zurück, wo er ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten hat und mit diesem einen Plan fasst. Nach außen hin wird er aufs Abstellgleis geschoben, er bekommt einen Bürojob, der ihn zu Tode langweilt, beginnt zu trinken und wird schließlich entlassen. Von nun an geht die Spirale abwärts, er beginnt stark zu trinken, hat eine Affäre mit einem Mädchen, das ihm gleichgültig zu sein scheint und landet schließlich wegen gefährlicher Körperverletzung im Knast.

Als er entlassen wird, fängt der ostdeutsche Geheimdienst an, sich für ihn zu interessieren. Könnte es möglich sein, dass er überläuft und die DDR mit wertvollem Material versorgt? Leamas lässt sich auf Gespräche ein, verfolgt aber sein eigenes Ziel: Hans-Dieter Mundt. Doch dieser ist ein sehr mächtiger Mann, mächtiger, als Leamas anzunehmen scheint. Und dann kommt auch wieder das Mädchen ins Spiel, anständige Menschen kämpfen gegen unanständige Menschen, Gut gegen Böse, und wer vermag in dieser Welt noch zu sagen, wer wer ist? Wie wird Alec Leamas sich gegen Mundt behaupten können? Wird er überhaupt eine Chance haben? Und das Mädchen schützen können?

Der Spion, der aus der Kälte kam ist insofern anders als viele Krimis, als er auf Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet. Die Geschichte ist komplex, und es scheint, das Geheimdienstmilieu ist nur auf Resultate aus, zu welchem Preis auch immer sie erreicht werden.

„Ich hasse das alles, ich bin es leid. Aber es ist die Welt, es ist die Menschheit, die verrückt geworden ist. Wir wären doch nur ein kleiner Preis. Aber es ist überall das gleiche, Menschen, betrogen und irregeführt, ganze Leben weggeworfen, Menschen erschossen und im Gefängnis, ganze Gruppen und Klassen abgeschrieben – für nichts.“ (248)

Es ist immer schwierig, einen Kriminalroman zu beschreiben, ohne allzu viel von der Handlung zu verraten. Dieser bleibt jedoch bis zum Ende so in seine Wendepunkte verstrickt, dass man nie weiß, woran man ist. In einer allzu nüchternen Sprache wird der Verbündete zum Feind, der Feind zum Verbündeten gemacht, und wieder umgekehrt. Die nüchterne Sprache steht im Kontrast zu den plötzlichen Gefühlseruptionen, dann wird geschrieen und gebrüllt, und dies kommt immer plötzlich. Aber eben durch die Schlichtheit und den vielfach nur beschreibenden Stil entfaltet sich eine sehr beklemmende Stimmung, und man wähnt sich tatsächlich an der Seite einer der Figuren im Trenchcoat, geht mit ihnen durch das London der Sechziger Jahre, weiß aber nie genau, wo man ist und woran man ist, ob der Feind sich gleich als Freund zu erkennen gibt oder der Freund ein Verräter ist.

Spannend ist diese Geschichte, auch wenn mir Raymond Chandlers desillusionierter Protagonist besser gefallen hat. Aber wer einen Samstag oder Sonntag mit einem guten Buch und einer wendungsreichen Geschichte verbringen möchte, ist hier gerade recht beraten. Ob man viel Sympathie für die handelnden Personen empfindet, oder in ein Wechselbad der Gefühle eintaucht, das mag bei jedem Leser anders sein. Auf jeden Fall wird jeder Leser gut unterhalten werden.

John le Carré: Der Spion, der aus der Kälte kam. Aus dem Englischen von Manfred von Conta. Econ Ullstein List GmbH & Co. KG, München 2001, OA aus dem Jahre 1963. 256 Seiten

Kathy Reichs – Tote lügen nicht

Kathleen Joan Reichs wurde 1950 in Chicago, Illinois geboren.  Sie ist eine von nur 88 durch die American Board of Forensic Anthropology zugelassenen Anthropologen. Sie ist für das Office of the Medical Examiner in North Carolina und für das Laboratoire de Sciences Judiciaires et de Médecine Légale in Montréal tätig, sie ist Professorin an der University of North Carolina in Charlotte und doziert an der Akademie des FBI in Quantico, Virginia. Diese Schauplätze kommen auch in ihren Romanen vor. Nach 9/11 hat sie außerdem an der Identifizierung der Opfer mitgearbeitet.

9783453435599Kathy Reichs ist also eine Wissenschaftlerin, die  Kriminalromane schreibt. Auf sie aufmerksam geworden bin ich durch die Fernsehserie Bones, die lose auf ihren Romanen basiert. Und ich muss sagen, wie auch die Serie gefallen mir ihre Romane sehr gut, da sie spannend sind und dabei durchaus lehrreich.

Nun also zu ihrem Debütroman, Tote lügen nicht  (Déja dead). Temperance Brennan, genannt Tempe, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am gerichtsmedizinischen Institut von Montreal. Sie ist dafür zuständig, anhand von Leichenteilen die Identität und die Todesursache ihrer Opfer zu bestimmen.

Sie bekommt die Leiche einer mißbrauchten, erdrosselten und zerstückelten jungen Frau ins Labor, die in einem Müllsack gefunden wurde. Böse Vorahnungen überkommen sie, als sie an einen Fall zurückdenkt, der eine gewisse Ähnlichkeit mit diesem besitzt. Doch die Kollegen von der Polizei tun ihre  Gedanken als lächerlich und die Zusammenhänge als zufällig ab. Aber Tempe lässt sich nicht beirren, und weitere Funde sollen ihren Verdacht erhärten…

Doch sie kommt mit diesem Fall nicht so recht voran, da sie von äußeren Umständen abgelenkt wird. Ihre beste Freundin Gabby, die eine Studie über Prostituierte macht und sich zu dieser Zeit hauptsächlich im Rotlichtmilieu bewegt, verhält sich immer merkwürdiger. Sie ist ruhelos und gedankenabwesend. Vor Tempe schiebt sie es auf die Studie, und Tempe nimmt diesen Gedanken nur allzu gern an, da sie vollauf beschäftigt mit den zerstückelten Leichen ist.

Aber sie kommt nirgendwo weiter, die Polizei glaubt nach wie vor nicht an einen Zusammenhang, obwohl noch mehr Leichen auftauchen, und Gabby verschwindet immer öfter für mehrere Tage. Hin- und hergerissen zwischen dem Verdacht auf einen Serienmörder und der Sorge um ihre Freundin versucht sie, beides so gut wie möglich unter einen Hut zu bekommen.

Dann findet sie erste handfeste Beweise für eine Verbindung zwischen den Leichen. Und Gabby steht völlig aufgelöst vor ihrer Tür und gesteht ihr, dass sie einen Stalker hat, der sogar in ihr Haus eingedrungen ist und sie bedroht, woraufhin ihr Tempe ihr Gästezimmer zur Verfügung stellt.

Doch als ein Schädel in ihrem Garten auftaucht und Gabby mal wieder spurlos verschwindet, gerät alles außer Kontrolle. Ob die Fälle zusammenhängen, und ob der attraktive Detective Ryan Tempe helfen kann, liest am besten jeder selbst.

Im Gegensatz zu der Fernsehserie, in der ein Team mit effizientesten Mitteln in kürzester Zeit Fälle löst, wird in dem Roman die forensische Arbeit beschrieben, wie sie wirklich ist: sehr viel langsamer. Da Kathy Reichs jedoch weiß, worüber sie schreibt, ist dies zu keiner Zeit langweilig, sondern vielmehr rasend spannend. Sie läßt sich Zeit für Erklärungen der forensischen Arbeit, für die man wohl einen guten Magen und die Fähigkeit Abzuschalten braucht.

Und in ihren gut gezeichneten Figuren kommt der Kampf, der in diesem Beruf jeden Tag ausgefochten werden muss, sehr gut zu Tage. Tempe, die ehemalige Alkoholikerin, geschieden, Mutter einer Tochter, Freundin, Wissenschaftlerin, die versucht, den Toten ihren Namen und so etwas wie Gerechtigkeit zu verschaffen. Gabby, die lebenslustige, oft aber auch gedankenlose Freundin, die sich in ihre Studien verbeißt und versucht, etwas zum Besseren zu wenden, wenn es auch nur Kleinigkeiten sind. Detective Ryan, der Womanizer, der Tempe umgarnt, ihr aber auch Gehör schenkt und sie zu beschützen versucht. Die Wissenschaftler, die tagtäglich mit dem Tod arbeiten und versuchen, nicht daran zu Grunde zu gehen. Und schließlich verlorene Seelen, die Dummes tun, und Verbrecher, die gewissenlos sind.

Dies alles wird erzählt vor der Kulisse Montreals, über das ich bisher noch nichts gelesen habe. Auch hier beweist Kathy Reichs viel Liebe fürs Detail und läßt den Ort mit all seinen Eigenheiten vor dem inneren Auge entstehen.

Tote lügen nicht fällt heraus aus der großen Schar an Kriminalromanen, da er durch viel Hintergrundwissen und Liebe fürs Detail besticht. Es ist sowohl Lehrbuch als auch Thriller, eine, wie ich finde, nicht zu oft vorkommende Kombination. Wer Bones kennt, wird sich einige Dinge besser vorstellen können, z.B. die auf dem Tisch anatomisch korrekt ausgebreiteten Knochen, aber ein wirkliches Gespür für diese Arbeit bekommt man durch diesen Roman.

Ich kann diese gelungene Krimikost nur empfehlen – wenn nicht mehr für einen langen, dunklen Winterabend, dann vielleicht für ein paar Urlaubstage – und freue mich auf mehr Geschichten über Tempe Brennan.

Kathy Reichs:  Tote lügen nicht. Aus dem Amerikanischen von Thomas A. Melk. 1997.