Buch #11: Haruki Murakami – Mister Aufziehvogel

Als ich das Buch gestern Abend zuschlug, blieb ich glücklich, traurig, ein wenig verwirrt und mit dem Gefühl, beschenkt worden zu sein, zurück. Dieser Roman ist locker-leicht und kompliziert, die Geschichte zieht einen in ihren Bann und erfordert gleichzeitig eine Menge Denkarbeit. Kurz: der Roman ist wundervoll.

Die Geschichte wiederzugeben ist fast unmöglich, ohne sie nachzuerzählen. Es ist mir unbegreiflich, wie jemand ein solches Feuerwerk der Phantasie erschaffen kann, aber Haruki Murakami hat es geschafft.

Toru Okado, der Protagonist, hat seinen Job in einer Anwaltskanzlei an den Nagel gehängt und überlegt, was er mit seinem Leben anfangen soll. Er ist seit sechs Jahren glücklich mit Kumiko verheiratet. Eines Tages verschwindet ihr Kater, und auf der Suche nach ihm wird Toru  langsam, aber sicher in eine andere Welt gezogen. Er lernt viele Frauen kennen, die ihm aber andererseits alle bekannt vorkommen; diese scheinen ihm helfen zu wollen, geben aber nur kryptische Hinweise, die ihn nicht weiterbringen.

Und dann passiert es:  Kumiko verschwindet ebenfalls spurlos. Angeblich hat sie eine Affäre und will sich von ihm trennen. Doch Toru, in Verbindung mit den Hinweisen, kann das nicht so hinnehmen. Auf der Suche nach ihr, während er versucht, das Rätsel zu lösen, geschehen allerhand merkwürdige Dinge. Er wird zunehmend in eine andere Realität gezogen, und irgendwann weiß er nicht mehr, was wirklich ist und was nicht.

Haruki Murakami hat ein wundervolles Bild geschaffen, in dem er alle wichtigen männlichen Personen einen Vogel hören lässt: den Aufziehvogel. Dieser wird nie gesehen, nur gehört. Das Geräusch, das er macht, erinnert an eines dieser Spielzeuge, die man aufziehen muss, und beim Aufziehvogel hört es sich so an, als würde er die Welt aufziehen, damit sie sich weiter dreht. Er erscheint jedoch nur in wichtigen Situationen, die das Leben der Handelnden verändern.

Die Frauen hingegen sind allesamt mysteriöse Wesen, die nie ganz greifbar sind. Sie helfen oder verwirren, geben Rat und verschwinden. Und doch sind alle Handelnden, auch durch die Geschichte hinweg, die zur Zeit des zweiten Weltkriegs beginnt, miteinander verbunden.

Wie schon in meinem Artikel zum magischen Realismus beschrieben, verschwimmen die Welten, die „reale“ und die „hinter allem liegende“ miteinander. Es geschieht etwas – oder doch nicht. Personen sind real oder nicht. Zusammenhänge finden zueinander und driften wieder auseinander. Und all dies macht diesen Roman zu einem der spannendsten, die ich je gelesen habe.

Dies ist nur eine sehr grobe Zusammenfassung. Ich möchte ich auch nicht mehr ins Detail gehen, denn ich hoffe, dass jeder, ausnahmlos jeder, dieses Buch liest und es für sich selbst entdeckt.

Es war auch schön, etwas darüber zu lernen, wie der zweite Weltkrieg von der anderen Seite der Welt erlebt wurde, die Schlachten in der Mandschurei, die russischen Kriegsgefangenenlager, aus einer Sicht, die mir bisher unbekannt war.

In Japan wirft man Haruki Murakami oft vor, zu „westlich“ zu sein. Er ist mit westlichen Büchern aufgewachsen und mit westlicher Musik. Meiner Meinung nach schlägt er mit diesen Einflüssen eine Brücke zwischen einer mir fremden und einer mir bekannten Welt, genauso wie er eine Brücke schlägt zwischen dem Realen und dem Unbekannten, Dunklen, das in uns allen schlummert.

Ich freue mich, dass noch mehr seiner Bücher auf der Liste sind und ich weiterhin das Vergnügen haben werde, in Haruki Murakamis Gedankenwelt einzutauchen. Dieser Roman wird jedenfalls an die Spitze meiner Rangliste springen.

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Magischer Realismus

Da das nächste Buch auf der Liste Haruki Murakamis Mister Aufziehvogel ist, möchte ich vorher etwas darstellen, was seine Werke ausmacht und prägt:  der magische Realismus.

Der magische Realismus ist eine Strömung in der Malerei und der Literatur, die seit den 1920er Jahren besteht.  Es handelt sich um eine Verschmelzung der realen, greifbaren, rationalen Welt und der Welt der Träume und Halluzinationen. So wird eine dritte Realität geschaffen. Hauptsächlich wird der magische Realismus in der südamerikanischen Literatur verwendet, um Mythen und Legenden zu beschreiben und sich vom „rationalen“ Europäer abzugrenzen.

Hier ein Beispiel aus der Malerei von Rob Gonsalves

(Hier ein Beispiel aus der Malerei von Rob Gonsalves)

Oft wird eine Parallele zur Fantasy-Literatur gezogen, die ich persönlich jedoch nicht bestätigen kann. Er ist natürlich kein „Realismus“, aber die Fantasy-Literatur beinhaltet meiner Meinung nach noch viele andere wesentliche Elemente, wie z.B. fantastische Wesen, andere Welten usw. Mein Eindruck des magischen Realismus ist aber vielmehr der, dass man nicht mehr genau weiß, was Traum ist und was Wirklichkeit. Die Traumwelten, die hier dargestellt werden, sind immer so nah an der Realität angesiedelt, dass der Übergang fließend ist.

Jeder hat schon einmal erlebt, dass Träume wie die Realität vorkommen, oder die Realität wie ein Traum. Man befindet sich in einem Zustand, als habe sich die Welt ein klein wenig verrückt, etwas stimmt nicht, aber man kann es nicht fassen. Sieht man seine Umgebung an, ist alles wie immer, normal, aber doch scheint die Realität ein wenig anders zu sein. Wie bei einem déjà-vu, zum Beispiel.

Normalerweise dauert dieser Zustand nicht lange an, man wundert sich ein wenig und sagt sich, dass man eine ähnliche Situation vorher geträumt haben müsse und nun komme sie einem bekannt vor.

Die Personen in der Literatur des magischen Realismus allerdings bleiben in dieser Art „Zwischenwelt“ hängen. Die reale Welt mischt sich mit einer Traumwelt, merkwürdige Dinge passieren in der Realität, wie sie sonst nur in Träumen vorkommen. Personen rufen an, die scheinbar alles wissen und geben kryptische Hinweise. Die Welt läuft anders als zuvor, aber die anderen Menschen scheinen dies nicht wahrzunehmen und gehen ihrer gewohnten Tätigkeit nach. Nur ab und an kommt wieder eine Person, die auch mehr zu wissen scheint, aber nur noch mehr Verwirrung stiftet.

Dennoch erscheint auch diese „Nicht-Realität“ wie eine Realität, da die Personen ja wirklich da sind, sprechen, essen, leben. Bei Haruki Murakami haben zum Beispiel auch Katzen eine wichtige Rolle, das Verschwinden oder Auftauchen, sie können mit bestimmten Personen reden, die dafür empfänglich sind, oder dienen als Symbol.

Ich bin nun auch einer dieser „realistischen“ Europäer und halte nichts von HokusPokus und Mummenschanz. Nichts desto trotz glaube ich, dass es Menschen gibt, die empfindsamer sind als andere und anderes wahrnehmen. Vielleicht eine kleine genetische Veränderung oder sowas, ich weiß es nicht. Aber viele Urvölker leben ja heute noch eng mit ihren Mythen verbunden, und wie man in Toni Morrisons Menschenkind sehen konnte, war der Gedanke, dass ein Geist mit im Haus lebt, für die Menschen nicht abwegig.

Es geht allerdings nicht darum, ob ich an diese Zwischenwelt glaube. Ich finde es nur äußerst faszinierend, wie Murakami sie beschreibt. Diese traumähnliche Wirklichkeit, ich kenne sie aus kurzen Momenten. Und wie Murakami sie erschafft, ist wahrhaft meisterhaft. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich ein wenig damit auseinanderzusetzen.