Margaret Atwood – Die Geschichte von Zeb

Dritter Teil der MaddAddam-Trilogie

Im dritten Teil wendet sich Margaret Atwood sowohl einem Teil der Vorgeschichte als auch den Auswirkungen der „Großen Flut“ zu. Die Vorgeschichte ist die Geschichte von Zeb, sie erzählt von seiner Kindheit und wie es kam, dass er Teil der MadAddamiten-Gruppe ist. Die andere Geschichte ist die des weiteren Überlebenskampfs der restlichen Verbliebenen.

zebEinige der übriggebliebenen Menschen haben sich eine Zuflucht aufgebaut. Dort kämpfen sie ums tägliche Überleben, was ein wenig vereinfacht wird durch die Erfahrungen, die die ehemaligen Gottesgärtner mitbringen. So ist das Leben zwar schwer, aber zu bewältigen. Auch die Craker sind bei ihnen, sie sind besorgt um Schneemensch-Jimmy, der schwerverletzt ist und sowohl von Toby als auch von den Crakern gepflegt wird.

Feinde sind die allgegenwärtigen Organschweine, die den Garten verwüsten und bei Gelegenheit auch Menschen angreifen und essen. Und dann sind da noch die ehemaligen Painballer, die jedes menschliche Attribut verloren haben und nur auf Rache und Zerstörung aus sind.

Da Schneemensch-Jimmy verletzt ist, übernimmt Toby die Aufgabe, den Crakern von Crake und Oryx zu erzählen, und auch von der Welt im Allgemeinen. Sie verstehen oft nicht, was Toby meint, vor allem, wenn von Gewalt, Hass und Tod die Rede ist. Doch mit der Zeit nehmen sie Toby als Quelle des Wissens an. Und so wird Zebs Geschichte erzählt, zuerst von Zeb an Toby, die seine „Gefährtin“ wird, und dann von Toby an die Craker, die Zeb nun ebenfalls als eine Art von Prophet und Beschützer ansehen, dies nicht zuletzt, weil er der Bruder von Adam ist, dem Gründer der Gottesgärtner.

In diesen Erzählungen kommt eine Welt zum Vorschein, die praktisch nur noch den Kampf jedes Einzelnen für sich kennt. Geld und Überleben, das sind die Werte, die zählen. Einmal mehr wird offensichtlich, was Crake getrieben haben mag. Äußerst großartig ist Atwoods Coup, Adams und Zebs Vater als „Hochwürden“ darzustellen, das Oberhaupt der Kirche „Church of PetrOleum“, einer Sekte, die dem Öl huldigt.

„Sie dankten dem Allmächtigen, dass er die Welt mit CO2-Ausstößen und Giftstoffen gesegnet hatte, richteten den Blick gen Himmel, als wenn das Benzin von oben käme, und sahen dabei höllisch gottgefällig aus. […] Hochwürden hatte sich eine Theologie zurechtgezimmert, um möglichst effektiv die Kohle einzustreichen. Natürlich hatte er das Ganze auf der Bibel gegründet. Matthäus 16,18: ‚Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich bauen meine Gemeinde.‘ […] Es ist keine höhere Mathematik, hat Hochwürden immer gesagt, dahinterzukommen, dass Petrus das lateinische Wort für Stein ist und dass ich die wirkliche und wahre Bedeutung von ‚Peter‘ auf ‚Petroleum‘ bezieht oder dass Öl aus dem Stein kommt.'“ (146/147)

Man könnte sich totlachen, würde einem dieses Lachen nicht im Halse steckenbleiben angesichts Hochwürdens Erfolg. Und dies ist nur ein Beispiel für die Welt, wie sie nun ist. Und all diese Beispiele, so grotesk sie auf den ersten Blick scheinen, wirken beim zweiten Blick nicht mehr so abwegig, was die Lektüre oft sehr beklemmend macht.

Doch so hart das Leben nun, nach der großen Flut auch ist, es gibt doch auch Positives. Die Menschen sind gewungen, sich zu arrangieren. Zum einen mit den Crakern, was trotz der Verständnisschwierigkeiten recht gut gelingt, vor allem durch Einfühlung, vor allem von Toby. Einer der Craker, Blackbeard, ein kleiner Junge, hat besondere Zuneigung zu ihr gefasst, und vermittelt viel Vertändnis zwischen den beiden Gruppen.

Doch da sind immer noch die Painballer, die permanent wie eine zusätzliche Bedrohung über ihren Köpfen schwebt. Hier bekommen sie Hilfe von unerwarteter Seite: die Organschweine, mit denen unter anderem Hirnmasse für Menschen gezüchtet wurde und die deshalb ziemlich intelligent sind, bitten die Menschen um Hilfe, denn auch ihnen haben die Painballer zugesetzt. Und so kommt es zu einer außergewöhnlichen Allianz, auch hier unter Vermittlung der Craker.

Ich weiß gar nicht so recht, wie anfangen soll, über dies Buch zu urteilen. Zuerst einmal: ja, es ist ein absolut würdiger Abschluss der Trilogie, und ich wünschte, ich hätte die Bücher direkt am Stück gelesen, so dass mir noch mehr Details aufgefallen wären. Doch auch so sind es genügend. Diese Welt, die Margaret Atwood geschaffen hat, hat mich so beeindruckt und sich meinem Hirn so nachhaltig eingepresst, dass es von nun an wohl oft der Fall sein wird, dass ich Bilder hieraus sehe, wenn ich an die Zukunft denke oder irgendetwas passiert, das auf eine derartige Entwicklung schließen lässt. Diese Welt ist zersetzt von Verzweiflung und Bösartigkeit, von Egozentrismus und, ja, Dummheit.

Crake tut etwas Unvorstellbares, aber man kann ihn nicht vollkommen verurteilen. Vor allem, wenn man die Welt danach sieht, die zumindest völlig neue Möglichkeiten offenbart. Man kann Arbeiten über dieses Buch bzw. die Trilogie schreiben, zum Beispiel über die „Rückkehr der Schrift“ oder wie sofort nach Neuanfang ein neuer Gott geschaffen wird, der auch für die Craker das Wichtigste zu sein scheint, und dessen „Wort“ sie tagtäglich zu hören verlangen. Und wie die Menschen ihnen genau das geben, anstatt den Neuanfang als genau solchen zu nehmen und dies gar nicht erst zu installieren. Dies lässt darüber nachdenken, inwieweit Kultur und Glauben überlebensnotwendig sind, und ob es überhaupt möglich ist, ohne eine „höhere Macht“ zu leben bzw. eine Gesellschaftsordung aufzustellen.

Ich möchte jedem diese Trilogie unbedingt ans Herz legen. Ich glaube, mich persönlich werden Teile von ihr für den Rest meines Lebens begleiten, und obwohl ich gerne mehr erfahren würde, finde ich, dass Margaret Atwood einen würdigen Abschluss gefunden hat, mit Kloß im Hals und ein wenig Hoffnung im Lächeln unter Tränen. Es ist ein außergewöhnliches Gedankenexperiment, das auf den zweiten Blick nicht so weit hergeholt ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Und mit diesem sollte man sich durchaus einmal auseinandersetzen. Im Nachwort schreibt Frau Atwood:

„Obgleich „Die Geschichte von Zeb“ ein fiktionales Werk ist, gibt es darin keine Technologien oder Biowesen, die nicht bereits existieren, sich im Bau befinden oder theoretisch möglich wären.“

Margaret Atwood: Die Geschichte von Zeb. Aus dem Englischen von Monika Schmalz. Berlin Verlag, 2013. 477 Seiten.

Die Vorgeschichte:

Oryx und Crake

Das Jahr der Flut

Eine weitere Besprechung gibt es bei Bingereader.

Darren Aronofsky hat sich die Rechte gesichert, eine TV-Serie aus dem MaddAddam-Stoff zu machen. Ich hoffe, das wird passieren!

Margaret Atwood -Das Jahr der Flut

Zweiter Teil der MadAddam-Trilogie

 

Das Jahr der Flut spielt zur gleichen Zeit und am gleichen Ort wie Oryx und Crake. Auch Jimmy bzw. Schneemensch spielt eine kleine Rolle, aber die eigentlichen Protagonisten sind dieses Mal zwei Frauen: Toby und Ren. Es ist Anfangs etwas verwirrend, den Handlungen zu folgen, da die Kapiteleinteilung etwas gewöhnungsbedürftig ist. Jede der Beiden erzählt ihre Geschichte, einmal den Teil, der zu den Ereignissen führt, die schon in Oryx und Crake beschrieben werden, dann den Teil, der im „Jetzt“ spielt, im Jahr 25, und ihr Leben nach der Katastrophe schildert. Unterbrochen werden diese Berichte von „Predigten“ und „Kirchenliedern“ der „Gottesgärtner“. Diese bilden eine Gruppe, die es sich zur Religion gemacht hat, möglichst „grün“ zu leben, sie sind Veganer, produzieren alles, was sie konsumieren, selber und verkaufen auch einen Anteil davon. Sie sind radikal, aber ihre größte Radikalität besteht meines Erachtens darin, dass sie sich komplett vom Rest der Welt und seiner Lebensweise distanzieren.

fcd30214d1Toby hat früh ihre Mutter verloren, sie ist nicht ganz sicher, was passiert ist, vermutet jedoch, dass diese einem Experiment zum Opfer fiel. Um die Familie ruhigzustellen, wurde sie bedroht und fast vernichtet. Toby beginnt, bei einem Burgerrestaurant zu arbeiten und gerät dort in die Hände des Chefs, der sie als sein Eigentum und seine persönliche Sklavin betrachtet. Eines Tages bekommt sie unerwartet Hilfe von den Gottesgärtnern und schließt sich diesen an, auch wenn sie nicht von der „Religion“ überzeugt ist. Aber es geht ihr gut, sie hat zu essen und ihren Frieden, und vor allem Schutz.

Ren bzw. Brenda wächst bei den Gottesgärtnern auf. Ihre Mutter ist mit einem der führenden Gottesgärtner durchgebrannt und lebt nun mit diesem zusammen. Ren kennt es nicht anders und ist recht zufrieden dort, auch wenn sie die sogenannten Plebsler sieht, die „normal“ lebenden Jugendlichen und sich auch manchmal wünscht, schöne Dinge und Kleidung zu haben. Aber sie hat eine Freundin und eines Tages kommt mit Amanda eine Plebslerin zu den Gottesgärtnern, die Rens beste Freundin wird. Nach einem Streit nimmt Rens Mutter sie allerdings wieder mit in einen der Komplexe, wo Ren dann ein „normales“ Leben führt, mit allem Luxus, richtigem Schulunterricht und danach der Uni. Hier trifft sie auch auf Jimmy, in den sie sich unsterblich verliebt.

Doch nun, in der „Jetzt-Zeit“, ist die Katastrophe passiert, die wasserlose Flut über sie hinweggerollt. Es leben nicht mehr viele Menschen, und diejenigen, die noch da sind, sind gewalttätig und nur auf den momentanen Vorteil bedacht. Ren hat überlebt, weil sie als Tänzerin in Quarantäne war, abgeschottet vom Rest der Welt. Toby hat sich in einem Spa verschanzt und lebt von dem, was noch übrig ist und was eventuell neu wächst.

Doch eines Tages kreuzen sich ihre Wege wieder, und nicht nur ihre, sondern auch die von Gewalttätern, von ehemaligen Gottesgärtnern, von Jimmy, und auch die Craker werden entdeckt. Wie all dies weitergeht und zusammenfindet, wird hoffentlich in Die Geschichte von Zeb thematisiert, der dritte Teil, der die Trilogie hoffentlich befriedigend abschließt.

Ich habe Das Jahr der Flut vor Jahren schon einmal gelesen, ohne damals vorher Oryx und Crake zu kennen. Es ist kein allzu großes Problem, die Geschichte auch so zu verstehen, aber wenn man die Möglichkeit hat, sie in der Reihenfolge zu lesen, würde ich das schon auf jeden Fall empfehlen, vor allem, weil die „wasserlose Flut“ sonst ein sehr schwammiges Ereignis bleibt. Mir hat der zweite Teil aber auch sehr gut gefallen, vor allem natürlich wegen Margaret Atwoods immer hervorragender Sprache.

Aber auch die Geschichte wird weiterentwickelt, von der Perspektive Jimmys, der im Mittelpunkt all dessen stand, was passierte und passiert, wird übergeschwenkt auf die Gesellschaft, die plötzlich mit etwas vollkommen Ungeheurem konfrontiert wird. Diese Gesellschaft ist damit heillos überfordert, ist sie doch durch und durch technisiert und, Entschuldigung, zu größten Teilen vollkommen verblödet. Sogar für die Gottesgärtner ist das Überleben eine Herausforderung, doch sie haben am Ende die besten Karten… oder nicht?

Auch wenn es nicht immer leicht ist zu wissen, wo in der Handlung man gerade steht, ist auch dieses Buch absolut zu empfehlen. Die Welt, die Margaret Atwood erschaffen hat, wird konsequent weitergeführt, und mit Unbehagen fragt man sich oft, ob sie nicht doch nur ein Fenster in die Zukunft geöffnet hat. Man muss sich auch mit diesem Buch auseinandersetzen, aber es lohnt sich.

Margaret Atwood: Das Jahr der Flut. Deutsch von Monika Schmalz. Berlin Verlag, 478 Seiten.

Margaret Atwood – Oryx und Crake

Erster Teil der MadAddam-Trilogie

„Alles, was es braucht“, sagte Crake, „ist die Beseitigung einer einzigen Generation. Einer Generation von allem. Käfer, Bäume, Mikroben, Wissenschaftler, Leute mit Französischkenntnissen, was auch immer. Wenn man das zeitliche Bindeglied zwischen einer Generation und der nächsten unterbricht, heißt es für immer: Spiel aus.“ (S.229/230)

Wie es scheint, ist genau das passiert in Margaret Atwoods erstem Teil einer dystopischen Trilogie, die keinen Leser unberührt lassen kann. Wir befinden uns in einer nahen Zukunft, die aus der Sichtweise von Schneemensch beschrieben wird. Schneemensch hatte früher einen anderen Namen, aber der ist jetzt unwichtig geworden. Jetzt: das ist die Zeit nach der großen Katastrophe. Nach dem Ausbruch des Virus, das für die Vernichtung der Menschheit gesorgt hat. Schneemensch hat überlebt, aber er ist alleine.

Margaret-Atwood-Oryx-und-CrakeNun ja, nicht ganz alleine. Die Craker sind noch bei ihm. Dies sind genetisch veränderte Menschen, sie sind allerdings eher wie Kinder. Völlig unbedarft, da ihre Aggressionen beseitigt wurden, sie keinen Sexualtrieb besitzen, nichts von Konkurrenzdenken wissen und keine Vorstellung von Bösartigkeit haben. Schneemensch passt auf sie auf, denn diese Welt, wenngleich eine Welt ohne Menschen, ist dennoch eine gefährliche Welt.

Zum Beispiel gibt es Organschweine, Schweine, die genetisch so verändert wurden, dass sie Organe hervorbringen. Nun, Schweine sind aber noch nie dumme Tiere gewesen, und dies wurde nicht verändert. So haben sie sich einen Lebensraum erobert und verteidigen diesen auch. Überhaupt scheint es keine „normalen“ Tiere mehr zu geben, dafür aber leuchtende Hasen oder süße Wakunks (Waschbär – Skunk, Stinktier), aber auch Hunölfe, mit denen nicht zu spaßen ist.

Am Anfang der Geschichte verbraucht Snowman seine letzten Vorräte. Daher begibt er sich auf die sehr gefahrvolle Reise zum RejoovenEsense-Komplex, wo er Lebensmittel, Sonnencreme und eine Pistole zu finden hofft. Gefahren drohen nicht nur von wilden Tieren, auch das tägliche Unwetter und die erbarmungslos brennende Sonne, vor der keine Ozonschicht mehr ist,  sorgen für Probleme.  Während dieser Handlungsstrang sich weiterentwickelt, wirft Snowman immer wieder Rückblenden ein auf die Zeit „davor“.

So erfährt man, dass Snowman als Jimmy geboren wurde und in einer durchaus privilegierten Lage aufwuchs. Sein Vater war Wissenschaftler und lebte in einem der Komplexe, der die privilegierten Teile der Menschheit beherbergte. Der andere Teil lebte im „Plebsland“, Außenbezirke, die zwar den größten Teil der Menschheit beherbergten, aber sehr geringe Sicherheit versprachen. Alles und jeder war im Plebsland Freiwild.

Diese Welt entstand nach einer Reihe von Klimakatastrophen, aber Jimmy wächst damit auf, er hat nie eine andere Welt kennengelernt, verschlingt jedoch leidenschaftlich alles darüber, wie die „Welt mal war“. Dann wird sein Leben allerdings schwierig: seine Mutter verschwindet. Sie ist eine Aktivistin und protestiert gegen die von Menschenhand gemachten Katastrophen, die all der „Fortschritt“ mit sich gebracht hat. Man kann sich ein neues Gesicht oder einen Satz neuer Organe besorgen, aber einen Apfel vom Baum pflücken und essen, das ist Vergangenheit.

Sie ist also weg, und diese Tatsache macht Jimmy zum Außenseiter. Er ist schüchtern und keins von den hyperehrgeizigen Kindern, die neben ihm im Komplex aufwachsen. Doch eines Tages zieht ein neuer Junge in den Komplex: Glenn. Sie freunden sich an, sollen tatsächlich für den Rest ihres Lebens Freunde bleiben. Sie machen, was Jugendliche ihrer Zeit so tun: Pornos gucken, oder Nackt-Nachrichten, oder Hinrichtungen, oder Pädophilie-Videos. All dies ist nämlich normal in der Welt geworden, alles ist verfügbar, jederzeit, und daher auch nicht mehr so richtig aufregend, so scheinen es die Jungen zumindest zu empfinden.

Eines Tages sehen die beiden einen Kinderporno, in dem ein junges Mädchen zu sehen ist. Jimmy nennt sie Oryx. Beide Jungs bewahren sich ein Bild von ihr auf, Jimmy vergleicht sein Leben lang jede Frau mit ihr. Er weiß allerdings nicht, dass auch Glenn dies so sieht.

Ein sehr beliebtes Spiel vor allem von Glenn ist das Computerspiel „Extinctaton“, in dem es um ausgestorbene Tier- und Pflanzenarten geht. Glenn ist geradezu besessen von diesem Spiel, bald gehört er zu den Großmeistern. Hier nennt er sich Rednecked Crake, weswegen er für Jimmy immer nur noch Crake sein wird. Im Spiel gibt es eine zweite Ebene, die von einer Gruppe namens MadAddam betrieben wird. Hier erfährt man die Nachrichten, die sonst nirgendwo zu erhalten sind, „zur Sicherheit“, natürlich.

Es stellt sich heraus, dass die Sache mit den genetischen Spielereien nicht immer so gut läuft, dass es doch Viren gibt, die ganze Menschengruppen vernichten, dass es Proteste gibt, die nicht erfolgreich niedergeschlagen werden, dass aber Protestanten sehr oft „Unfälle“ haben. Es scheint, dass MadAddam dies zeigen und bekämpfen will.

Irgendwann gehen die beiden Jungs auf College, Jimmy in eine viertklassige Absteige, an der er „Problematiken“ studiert, was in etwa einem Linguistikstudium gleichkommt. Dies hat im Laufe der Jahre nicht an Prestige gewonnen, und so dient dieses Studium im Grunde nur noch dazu, „Werbemenschen“ hervorzubringen. Crake hingegen geht auf eine Elite-Uni und wird Bioingenieur. Nach seinem Studium arbeitet er als sehr angesehener Wissenschaftler in einem geheimen Labor, einer Einheit namens Paradice. Hier erschafft er die Craker.

Jimmy hangelt sich mehr oder weniger durch sein Studium, und auch sein erster Job ist kein großes Vergnügen. Da meldet sich Crake bei ihm und bietet ihm einen Job bei sich an: Er soll die Vermarktung für die BlyssPluss-Pille übernehmen, die das Leben angeblich verlängert. Das Produkt läuft äußerst erfolgreich… Und dann taucht Oryx  auf, sie arbeitet ebenso für die Abteilung…

Oryx und Crake hat mich sehr beeindruckt. Auch wenn es einigermaßen viel ist, das man verdauen und umsetzen muss, hat die Welt, die Margaret Atwood geschaffen (oder doch nur weitergeführt?!) hat, immer klar vor meinem inneren Auge gestanden. Sie hat mich mit sehr viel Stoff zum Nachdenken versorgt, auch wenn ich eher auf ihrer Seite bin und denke, dass der Fortschritt sich selbst überholt und irgendwann keiner mehr den Überblick behält.

Crake denkt, dass die Tiere und Pflanzen nur eine reelle Chance haben ohne den Menschen, und er ergreift drastische Maßnahmen. Hierbei kann ich seine Gedankengänge nachvollziehen. Was mir aber völlig fern liegt, sind seine Beweggründe für die Kreation von neuen Menschen bzw. genetischen Reduktion von den vorhandenen. Diese Menschen kommen mir wie Puppen vor, und ich würde sie nicht als Menschen bezeichnen. Denn alle Eigenschaften, die Crake herausprogrammiert hat, sind in meinen Augen die, die das Menschsein ausmachen, positiv wie negativ. Wenn man Wissensdurst, Neugierde, aber auch den Selbsterhaltungs- und Sexualtrieb wegprogrammiert, ja, und auch die Aggressionen oder den Religionswahn oder was es sonst noch alles gibt, was bleibt dann übrig vom Menschen? (Wobei er vielleicht beim Religionswahn nicht ganz unrecht hat.)

Es handelt sich um einen Roman, der viele Fragen aufwirft und bei Weitem nicht alle beantwortet, gerade deshalb aber ungemein intensiv ist. Für Dystopieliebhaber ohnehin ein Muss, würde ich den Roman aber auch jedem empfehlen, der nicht nur Kuschelliteratur liest, zum Einen aufgrund seiner Thematik, zum Anderen wegen der wie immer großartigen Sprache Atwoods und der unglaublich klaren Vision, die sie uns von einer möglichen Zukunft vermittelt.

Margaret Atwood: Oryx und Crake. Deutsch von Barbara Lüdemann. Berlin Taschenbuch Verlag, 2003. 381 Seiten.

Eine weitere Besprechung gibt es hier.

Zum zweiten Teil, Das Jahr der Flut.