Buch #59: Dashiell Hammett – Der Malteser Falke

Privatdetektiv Sam Spade nimmt eines Morgens mit seinem Partner den Auftrag einer jungen Dame, Miss Wonderly, an, die den Mann sucht, der ihre Schwester verführt hat. Spades Partner beginnt mit der Beschattung des Mannes, Floyd Thursby, und um zwei Uhr nachts klingelt Spades Telefon: Beide sind tot.

Die Polizei ist schnell involviert, es scheint, Thursby habe Spades Partner erschossen, aber wer für Thursbys Tod verantwortlich ist, bleibt ein Rätsel. Spade kooperiert nicht mit der Polizei und unternimmt seine eigene Untersuchung, die zuerst zu Miss Wonderly führt. Diese bittet ihn um Hilfe und Schutz, sei sie doch bestimmt die nächste, hinter der der Killer her ist. Und so nimmt eine Kriminalgeschichte den Anfang, die viele Wendungen macht.

Miss Wonderly ist nicht Miss Wonderly, aber tatsächlich wird sie gesucht. Denn sie weiß etwas, das sie nicht preisgibt, auch nicht Spade gegenüber. Sie weiß von dem schwarzen Vogel, dem Malteser Falken. Dieser ist eine wertvolle Statuette, und keiner von denen, die ihn jagen, weiß, wo er ist. Auch Miss Wonderly will von Spade, dass er den Vogel für sie findet. Ebenso wie die anderen Jäger der Statuette.

Und so hängt Sam Spade sein Fähnchen nach dem Wind. Mal kooperiert er hier, um einen Hinweis zu erhalten, mal macht er dort einen Schritt auf seine Kontrahenten zu, um die Wahrheit zu finden. Aber noch öfter macht er das, was ihm den schnellsten Vorteil bringt: er wendet Gewalt an. Und so kommt er Stückchen um Stückchen weiter, und der Leser mit ihm, aber der Leser weiß nie, worum es Sam Spade wirklich geht: Der Auflösung des Falls oder dem Besitz des Falken?

Er handelt immer opportunistisch, man kann ihn nie einschätzen. Und das ist der heutige Krimileser eher nicht gewohnt, hat man doch immer einen Ermittler, der ganz klar „gut“ ist, und einen Mörder, der ganz klar „schlecht“ ist. Bei Hammett gibt es das nicht. Man weiß nie, woran man ist, und welche Wendung die Geschichte als nächstes nehmen wird.

Das macht den Roman sehr spannend bis zum (unerwarteten?) Schluss, aber es hat auch eine negative Seite: Man bleibt der Hauptfigur fern, immer wieder windet sie sich aus des Lesers Griff, und es ist nicht möglich, Sympathie aufzubauen. Das ist verwirrend, weiß man irgendwann doch nicht mehr, zu wem man halten und wer den Vogel finden soll. Aber es ist auch realistisch, denn so sind die Menschen: Keine Schablonen, sondern sowohl „gut“ als auch „böse“.

Die Geschichte wird durch die vielen Wendungen spannend und hält diese Spannung bis zum Schluss. Interessanter ist an dem Roman aber die widersprüchliche Hauptfigur, die man nicht so oft geliefert bekommt. Und so kann ich jedem empfehlen, dieser Geschichte ein wenig Zeit zu schenken, ist die Erzählweise doch eine nicht alltägliche. Hammetts realistische Art zu schreiben bewirkt darüber hinaus, dass sich der Leser sehr gut in die jeweilige Kulisse hineinversetzen kann, es ist beinahe, als sehe man einen Film.

Der Malteser Falke gilt als einer der ersten Kriminalromane des Realismus, und Raymond Chandler sagte über ihn: „Hammett gab den Mord den Leuten zurück, die Grund haben, zu morden, und nicht nur da sind, um eine Leiche zu liefern.“ Man höre also auf Raymond Chandler und mich und lese diesen ungewöhnlichen Kriminalroman.

Quelle: Wikipedia

Samuel Dashiell Hammett wurde am 27. Mai 1894 in Maryland geboren. Nachdem er mit 13 die Schule verließ, wurde er Angestellter in der Detektivagentur Pinkerton. Diese Arbeit floss in seine Bücher ein. Seine Figuren sind aber zumeist Antihelden, allen voran Sam Spade. Noch vor Raymond Chandler gilt er als Begründer der hardboiled novel. Er war verheiratet und hatte zwei Töchter, seine große Liebe jedoch war die Dramatikerin Lillian Hellman. Er nahm an beiden Weltkriegen teil, aber aufgrund seiner Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei geriet er in die Mühlen der McCarthy-Ära. Er war im Gefängnis, und sein Vermögen wurde beschlagnahmt. 1953 musste er vor der McCarthy-Kommission aussagen, was im Fernsehen übertragen wurde. Seine Rundfunkbeiträge wurden gestoppt, seine Geschichten nicht mehr gedruckt. 1955 hatte er einen Herzanfall und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Er starb 1961 verarmt und wurde in Arlington beigesetzt.

Dashiell Hammett: Der Malteser Falke. Neu übersetzt von Peter Naujack. OA: The Maltese Falcon, 1930, Alfred A. Knopf, Inc., New York. DA: Diogenes Verlag AG Zürich, 1974. 235 Seiten.

Ranglistenupdate 9

Lang ist sie her, die letzte Folge, doch hier ist nun das neue Ranglistenupdate. Wie immer absolut persönlich und vollkommen subjektiv. Mit dabei sind diesmal:

Philip Roth – Verschwörung gegen Amerika: Neu auf Platz 23. Ein spannendes Gedankenexperiment, das sich durchaus lohnt, einmal einzugehen.

Julian Barnes – Flauberts Papagei: Neu auf Platz 10. „Die Entstehung einer Biographie“, die bestens unterhält, und der ich viele, viele Leser und vielleicht den ein oder anderen Nachahmer wünsche.

Raymond Chandler – Der lange Abschied: Neu auf Platz 18. Eine hardboiled detective – Story, die eben nicht durch rasante Action besticht.

Rose Tremain – Die Farbe der Träume: Neu auf Platz 46. Eine Auswandergeschichte, die leider mit vollkommen blassen Hauptfiguren aufwartet.

Antonio Tabucchi – Erklärt Pereira: Neu auf Platz 5. Ein Roman über Mut und Meinungsfreiheit, der sich sehr vielschichtig präsentiert. Das Highlight dieser fünf Romane, auch wenn es insgesamt eine gelungene Runde war.

Die komplette Liste gibt es oben am Kopf der Seite oder über den kurzen Weg.

Buch #48: Raymond Chandler – Der lange Abschied

Raymond Chandler wurde am 23. Juli 1888 in Chicago geboren, wuchs aber in England auf.  Er besuchte von 1900 bis 1905 das Dulwich College, wo er sich für Fremdsprachen und Altphilologie interessierte, verbrachte jedoch die nächsten zwei Jahre in Vorbereitung auf die Aufnahme für den britischen Staatsdienst,  woraufhin er ein halbes Jahr für das britische Marineministerium arbeitete. Eine Begegnung mit Richard Barham Middleton (Autor von phantastischen Kurzgeschichten) beeinflusste ihn dahin, eine Schriftstellerkarriere zu verfolgen. Er arbeitete als Reporter für verschiedene Zeitungen, und veröffentlichte erste Werke. Er diente als Soldat im Ersten Weltkrieg, war freier Journalist, Buchhalter und schließlich Direktor einer kalifornischen Ölgesellschaft. Als er hier 1932 entlassen wurde, widmete er sich ernsthaft dem Schreiben.

Sein erster Roman The Big Sleep erschien 1939 und war ein großer Erfolg, ebenso wie seine Verfilmung 1946. Er schrieb in den folgenden Jahren mehrere Drehbücher und Romane, von denen The Long Good-Bye als Höhepunkt gilt, für den er den Edgar-Allan-Poe-Award erhielt. 1954 starb Chandlers Frau, woraufhin er zu trinken begann. Ein Selbstmordversuch schlug fehl, er wurde wegen Alkoholismus mehrmals in Kliniken behandelt. 1959 starb er an einer Krankheit in Kalifornien.

Mit Philip Marlowe hat Chandler einen Vertreter des hardboiled detective geschaffen, eines Ermittlers, der einen zynischen Blick auf die Welt hat und sich nur seinem eigenen Gesetz verpflichtet fühlt, gerne von seiner Schusswaffe Gebrauch macht, Alkohol, Zigaretten und Frauen nicht abgeneigt ist und oft mit der Polizei in Konflikt gerät.

chandlerPhilip Marlowe lernt eines Tages Terry Lennox kennen, der sich betrunken mit seiner Frau streitet, die ihn deshalb nicht im Auto mit nach Hause nehmen will.  Marlowe kümmert sich um ihn und sie freunden sich an. Lennox‘ schneeweißes Haar und sein narbiges Gesicht faszinieren ihn, er erfährt, dass Lennox und  seine Frau schon einmal verheiratet waren und die meisten Menschen ihn für einen Goldgräber halten, da seine Frau sehr reich ist.

Dann steht Lennox vor Marlowes Tür und bittet ihn darum, ihn über die Grenze zu bringen. Marlowe stellt nicht viele Fragen, je weniger er weiß, umso weniger muss er lügen. Er bringt Lennox zum Flughafen und fährt nach Hause. Dort wartet die Polizei: Lennox‘ Frau wurde ermordet, und Marlowes Telefonnummer in Lennox‘ Sachen gefunden. Marlowe äußert sich nicht dazu und kommt in Untersuchungshaft, wo er weiterhin den Mund hält. In der Zwischenzeit erschießt Lennox sich in Mexiko, was als Schuldspruch gewertet wird und woraufhin das Verfahren eingestellt wird.

Ein paar Tage später bekommt Marlowe den Anruf eines Verlegers, der über den Fall gelesen hat und ihn nun bittet, sich um einen seiner Autoren zu kümmern, der ein Buch fertig stellen soll, sich aber mehr um den Alkohol kümmert, dabei schon einmal seine Frau verletzt hat und nun als unberechenbar gilt. Marlowe lernt die wunderschöne Frau kennen, lehnt den Auftrag aber ab. Bis sie ihn anruft und ihn darum bittet, ihren Mann zu suchen, der im Delirium abgehauen ist und sich womöglich etwas antun wird. Marlowe findet ihn und bringt ihn zu seiner Frau.

Die beiden lassen ihn nicht mehr los, denn irgendetwas stimmt nicht in dem Haus. Die Ereignisse spitzen sich zu, und am Ende wird nicht jeder leben. Aber wie die beiden Fälle zusammengehören, wird auf einmal klar…

Dies war mein erster Roman von Raymond Chandler und ich habe ihn sehr genossen. Ich habe schon einige Kriminalromane gelesen, gerade auch mit desillusionierten Ermittlern, aber Philip Marlowe nimmt für mich eine ganz besondere Rolle ein. Der Roman ist aus seiner Perspektive geschrieben, so erfahren wir nur soviel, wie er erfährt. Dabei gibt er sich aber nicht groß damit ab, seine Befindlichkeiten darzulegen, oder warum er dieses Mal den Mund hält und ein anderes Mal spricht. Das ergibt eine recht nüchterne – oder ernüchterte – Beschreibung der Welt und der Ereignisse.

Wenn er zum Beispiel bei der Polizei ist, die mehr nach dem Recht des Stärkeren handelt als nach dem tatsächlichen Recht,  und er sich nicht einschüchtern lässt, ist das ganz großartig. Ganz nüchtern beschreibt er, wie der Ermittler ihn verhört, und man sieht die Bulldogge vor sich:

„Seine Stimme war kalt, entschieden und so widerlich wie seine routinierte Gewißheit, die Sache zu schaffen. Aber seine rechte Hand wurde immer wieder von der Schreibtischschublade angezogen. Er war noch zu jung, um Äderchen an der Nase haben zu dürfen, aber er hatte sie, und das Weiß seiner Augen war von übler Einfärbung.

„Ich hab das allmählich derart satt“, sagte ich.

„Was haben Sie satt?“ schnappte er.

„Harte kleine Männer in harten kleinen Büros, die harte kleine Redensarten von sich geben, wo nichts dahinter ist. Ich hab jetzt sechsunfünfzig Stunden im Schwerverbrechertrakt gesessen. Kein Mensch da hat mich herumgeschubst, kein Mensch hat mir beweisen wollen, daß er ein zäher Kerl ist. Das brauchten die gar nicht.“ (63)

Wer eine schnelle Story mit vielen Actionszenen erwartet, ist bei Chandler definitiv falsch. Seine Story entwickelt sich langsam, und durch die Erzählperspektive weiß man oft nicht, warum er jetzt davon berichtet, und wie der Zusammenhang zu den anderen Erlebnissen besteht. Aber nach und nach entfaltet sich eine komplexe Geschichte, Zusammenhänge werden offensichtlich und Motive entstehen. Man kann also hervorragend selbst ermitteln, da man soviel weiß wie der Ermittler. Keine harte Action, sondern ein ernüchterter Bericht eines desillusionierten Detektivs, der an der Welt verzweifelt, aber dennoch versucht, anderen zu helfen. Ich bin schon gespannt darauf, Chandlers Erstling The Big Sleep zu lesen, um mehr über Marlowe zu erfahren und empfehle Marlowes „Bericht“ jedem, der einen ebenso anspruchsvollen wie unterhaltsamen Zeitvertreib sucht.

Raymond Chandler: Der lange Abschied. Aus dem Amerikanischen von Hans Wollschläger. Diogenes, 382 Seiten. Original aus dem Jahre 1953.