Textschnipsel zum Montag – 17.4.2017

„Vor mir steht ein Tablett, und auf dem Tablett sind ein Glas Apfelsaft, eine Vitamintablette, ein Löffel, ein Teller mit drei Scheiben braunem Toast, ein Schüsselchen, das Honig enthält, und noch ein Teller mit einem Eierbecher darauf von der Sorte, die wie ein Frauentorso aussehen, mit Rock. Unter dem Rock ist das zweite Ei und wird dort warm gehalten. Der Eierbecher ist aus weißem Porzellan mit einem blauen Streifen.

Das erste Ei ist weiß. Ich verrücke den Eierbecher ein wenig, sodass er jetzt im wässrigen Sonnenlicht steht, das durch das Fenster kommt und, heller werdend, verblassend und wieder heller werdend, auf das Tablett fällt. Die Eierschale ist glatt und zugleich körnig; kleine Kiesel von Kalzium werden vom Sonnenlicht herausgearbeitet wie Krater auf dem Mond. Es ist eine kahle Landschaft, und doch ist sie perfekt; es ist eine Wüste wie jene, in die die Heiligen sich begaben, auf dass ihr Geist nicht vom Überfluss abgelenkt würde. Ich denke, so müsste Gott aussehen: wie ein Ei. Das Leben des Mondes ist vielleicht nicht an der Oberfläche, sondern innen.

Das Ei glüht jetzt, als hätte es seine eigene Energie. Das Ei anzusehen erfüllt mich mit intensivem Vergnügen.

Die Sonne geht fort, und das Ei verblasst.“ (148/149)

Margaret Atwood: Der Report der Magd. Aus dem kanadischen Englisch von Helga Pfetsch. Neuauflage im Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017. OA: The Handmaid’s Tale. MCClelland & Stewart, Houghton Mifflin, 1985; Cape 1985. 412 Seiten.

Textschnipsel zum Montag – 27.2.2017

„Für die Zeitung zu arbeiten hieß, sich auf die Welt einzulassen, und zugleich, sich von ihr zurückzuziehen. Wenn Ferguson seine Sache gut machen wollte, würde er beide Seiten des Paradoxes annehmen und lernen müssen, das Sowohl-als-auch auszuhalten: einerseits ins Getümmel einzutauchen, andererseits als neutraler Beobachter am Rand zu stehen. Das Eintauchen verfehlte nie seine erregende Wirkung […], aber die Zurückhaltung, glaubte er, war ein potenzielles Problem, wenigstens würde er sich in den kommenden Monaten und Jahren daran gewöhnen müssen, denn die unparteiische, objektive Sicht des Journalisten einzunehmen war fast so, als schlösse er sich einem Mönchsorden an und lebte fortan in einem gläsernen Kloster – abgeschnitten von den Angelegenheiten der Menschen, auch wenn sie weiterhin von allen Seiten auf ihn eindrangen. Als Journalist konnte man nie derjenige sein, der den Stein durchs Fenster warf, mit dem die Revolution begann. Man konnte den Wurf beobachten, konnte versuchen zu verstehen, warum der Stein geworfen worden war, konnte anderen erklären, welche Bedeutung der Steinwurf für den Ausbruch der Revolution hatte, aber man konnte nie selbst einen Stein werfen oder auch nur Teil der aufgebrachten Menschenmenge sein, die den Steinewerfer anfeuerte. Seinem Temperament nach neigte Ferguson nicht zum Steinewerfen. Er war, so hoffte er, ein mehr oder weniger vernünftiger Mensch, aber in diesen aufgeheizten Tagen wirkte alles, was gegen das Steinewerfen sprach, zunehmend unvernünftig, und wenn schließlich der erste Stein geworfen wurde, würden Fergusons Sympathien dem Stein gelten und nicht dem Fenster.“ (744f.)

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Paul Auster: 4 3 2 1. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 2017. OA: 4 3 2 1. Henry Holt and Company, New York, 2017.1259 Seiten.

Textschnipsel zum Montag – 20.2.2017

„…Werke, die Ferguson zwar vom Titel kannte, aber noch nicht gelesen hatte: Väter und Söhne von Turgenjew, Tote Seelen von Gogol, drei Novellen von Tolstoi (Herr und Knecht, Die Kreutzersonate, Der Tod des Iwan Iljitsch) und Schuld und Sühne von Dostojewski. Dieses letzte Buch war es, das Fergusons kruden Phantasien, der nächste Clarence Darrow zu werden, ein Ende setzte, denn Schuld und Sühne veränderte ihn, Schuld und Sühne war der Blitzschlag, der aus dem Himmel herniederkrachte und ihn in hundert Teile zerbrach, und als er sich wieder zusammengesetzt hatte, war er über die Zukunft nicht mehr im Zweifel, denn wenn ein Buch so sein konnte, wenn ein Buch so auf Herz und Verstand und innerstes Weltgefühl eines Menschen einwirken konnte, dann war das Romanschreiben mit Sicherheit das Beste, was man im Leben tun konnte, denn Dostojewski hatte ihm vermittelt, dass erfundene Geschichten viel mehr als Vergnügen und Zerstreuung sein konnten, sie konnten einem das Innerste nach außen kehren und die Schädeldecke sprengen, sie konnten einen verbrennen oder gefrieren lassen, nackt ausziehen und in die stürmischen Winde des Weltalls hinausstoßen, und von jenem Tag an, nachdem er während seiner gesamten Kindheit wild mit den Armen gerudert hatte, versunken in einem immer dichteren Dunst der Verwirrung, wusste Ferguson endlich, wo es langging, oder wenigstens, wo er hinwollte, und in all den Jahren, die folgten, stellte er seine Entscheidung niemals in Frage, nicht einmal in der schwierigsten Zeit, als es so aussah, als könnte er vom Rand der Welt stürzen.“

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Paul Auster: 4 3 2 1. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 2017. OA: 4 3 2 1. Henry Holt and Company, New York, 2017.1259 Seiten.

Textschnipsel zum Montag – 30.1.2017

Ich las 1984 vor ungefähr 20 Jahren zum ersten Mal und war erschüttert. Der Eindruck war nachhaltig, es blieb immer eines der wichtigsten Bücher für mich. Aber es jetzt, in der aktuellen Weltsituation, wiederzulesen, verlangt noch einiges mehr vom Leser. Es scheint tatsächlich manchmal, als werde es als Handbuch missbraucht. Jeder sollte es wenigstens einmal im Leben gelesen haben.

[…] das Schrecklichste war, daß einfach alles wahr oder falsch sein konnte. Wenn die Partei sich so in die Vergangenheit einmischen und von diesem oder jenem Ereignis behaupten konnte, es habe nie stattgefunden – war das nicht wirklich furchtbarer als Folter und Tod?

Die Partei sagte, Ozeanien sei nie mit Eurasien verbündet gewesen. Er, Winston Smith, wußte seinerseits, daß Ozeanien noch vor nicht länger als vier Jahren mit Eurasien verbündet gewesen war. Aber wo war dieses Wissen verankert? Nur in seinem eigenen Bewußtsein, das unausweichlich bald in Staub zerfallen mußte. Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten -, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit. »Wer die Vergangenheit beherrscht«, lautete die Parteiparole, »beherrscht die Zukunft; wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit.« Und doch hatte sich die Vergangenheit, so wandelbar sie von Natur aus sein mochte, nie gewandelt. Das gegenwärtig Wahre blieb wahr bis in alle Ewigkeit. Es war ganz einfach. Es war nichts weiter nötig als eine nicht abreißende Kette von Siegen über das eigene Gedächtnis. Wirklichkeitskontrolle nannten sie es; in der Neusprache hieß es Zwiedenken. (S.34)

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George Orwell: 1984. Aus dem Englischen von Kurt Wagenseil. Ullstein GmbH, Frankfurt/M. – Berlin – Wien, 1976.

Textschnipsel zum Montag – 9.1.2017

„Die ganze Struktur, das ist offensichtlich, ganz gleich, an welchen berühmten Roman man zurückdenkt, ist von unendlicher Komplexität, weil sie aus so vielen verschiedenen Urteilen zusammengesetzt ist, aus so vielen verschiedenen Arten von Emotionen. Das Wunder ist, daß jedes Buch, das so komponiert ist, weit länger als ein oder zwei Jahre zusammenhält und möglicherweise dem englischen Leser ebensoviel bedeuten kann wie dem russischen oder dem chinesischen. Aber sie halten mitunter auch auf sehr bemerkenswerte Weise zusammen. Und was sie zusammenhält in diesen raren Fällen des Überlebens (ich dachte an Krieg und Frieden), ist etwas, das man Integrität nennt, obwohl es nichts damit zu tun hat, daß man seine Rechnungen bezahlt und sich in einem Notfall ehrenhaft verhält. Was man im Fall des Romanautors mit Integrität meint, ist die Überzeugung, die er einem gibt, daß dies die Wahrheit ist. Ja, findet man, nie hätte ich gedacht, daß dies so sein könnte; ich habe nie gewußt, daß Leute sich so verhalten könnten. Aber du hast mich davon überzeugt, daß es so ist, daß so etwas geschieht.“ (S. 81)

 Liverpool Central Library Picton Reading Room Photo: Michael D Beckwith


Liverpool Central Library Picton Reading Room
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Michael D Beckwith

Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein. Aus dem Englischen von Renate Gerhardt. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1981. OA: A Room of One’s Own. Copyright 1929 by Quentin Bell und Angelica Garnett.

Textschnipsel zum Montag – 2.1.2017

„Der Brief eines Anwalts fiel in den Briefkasten, und als ich ihn öffnete, stellte ich fest, daß sie mir fünfhundert Pfund im Jahr und auf Lebenszeit ausgesetzt hatte. Von beidem – dem Stimmrecht und dem Geld – schien mir das Geld, das ich nun besaß, unendlich viel wichtiger. […] Ich fürchte, ich muß nicht erst im einzelnen beschreiben, wie hart die Arbeit war, denn Sie kennen vielleicht Frauen, die so gearbeitet haben, noch die Schwierigkeiten schildern, von dem Geld so zu leben, wie es hereinkam, denn das haben Sie vielleicht selbst schon versucht. Was mir aber immer noch als die schlimmste Zumutung von allen in Erinnerung ist, war das Gift der Angst und Verbitterung, das diese Zeiten in mir erzeugten. Vor allem, immer Arbeiten machen zu müssen, die man nicht machen wollte, und sie wie ein Sklave zu tun, schmeichelnd und kriechend, was vielleicht nicht immer notwendig war, aber notwenig schien: es stand zu viel auf dem Spiel, um ein Risiko einzugehen; und dann der Gedanke daran, daß die eine Begabung, die zu verstecken Tod bedeutete, eine kleine Begabung, die ihrer Trägerin aber teuer war, untergehen könnte und mit ihr ich selbst […]

[…]  Keine Macht der Welt kann mir meine fünfhundert Pfund nehmen. Essen, Wohnung und Kleidung sind mir für immer sicher. Es hören dadurch nicht nur Arbeit und Mühsal auf, sondern auch Haß und Bitterkeit. Ich brauche keinen Mann zu hassen; er kann mit nicht weh tun. Ich brauche keinem Mann zu schmeicheln; er kann mir nichts bieten.

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Photo: .BianConiglio.

[…]  wandelten sich nach und nach Angst und Bitterkeit in Mitleid und Nachsicht; und nach ein oder zwei Jahren vergingen auch Mitleid und Nachsicht, und die größte aller Erlösungen trat ein, die Freiheit, an die Dinge selbst zu denken.  […] Tatsächlich, die Erbschaft meiner Tante offenbarte mir den Himmel und setzte an die Stelle einer großen und aufdringlichen Figur, die Milton mir als Gegenstand ständiger Bewunderung empfahl, den Anblick des freien Himmels.“ (S. 45 ff.)

Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein. Aus dem Englischen von Renate Gerhardt. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1981. OA: A Room of One’s Own. Copyright 1929 by Quentin Bell und Angelica Garnett.

Textschnipsel zum Montag – 12.12.2016

„Ich bin ganz aufgeregt. Auf der Futterstation sitzt ein Haubenmeisenpaar. Vor einigen Wochen saß einmal eine einzelne im Mahonienstrauch. Nie zuvor hatte ich eine Haubenmeise gesehen. Und jetzt ein Paar, das bestimmt hier zu Gast ist. Damit steigt die Zahl der Meisenarten in dieser Gegend auf fünf bis sechs. Kohlmeise, Tannenmeise, Blaumeise, Weiden- oder Sumpfmeise (die beiden sind sich so ähnlich, dass ich nicht erkennen kann, um welche es sich handelt) und Haubenmeise. Gartenkumpel Han sagt, ihm seien Schwanzmeisen begegnet, aber bis ich sie mit eigenen Augen gesehen habe, bleibt der Meisenstand bei fünf. Ausgerechnet bei ornithologischen und botanischen Namen gibt es große Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Niederländischen. Mein Deutsch ist ganz leidlich, wer genau hinhört, versteht fast alles, was ich sage, und seit ich weiß, dass ein Fehler bei den Fällen nicht so tragisch ist, mache ich mir darüber auch keine Sorgen mehr. Ich spreche gern über Vögel und Pflanzen, vor allem mit Klaus und Dachdecker Rudi. Aber dann beginnen bald die Probleme.“

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Foto: Luc Viatour / http://www.Lucnix.be

Zitat aus: Gerbrand Bakker: Jasper und sein Knecht. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp Verlag Berlin 2016. S.80f.