Textschnipsel zum Montag – 11.9.2017

„Direkt über mir saß eine alte Frau ganz adrett auf dem Dach unseres Wagens und aß Erdnüsse aus einer Tüte, sie sah aus wie eine jamaikanische Dame, die im Lord`s-Stadion ein Kricketspiel verfolgt. Als sie mich sah, winkte sie mir zu: „Guten Morgen, wie geht es Ihnen heute Morgen?“ Der gleiche höflich-mechanische Gruß, der mir durch das Dorf folgte, egal, was ich anhatte, egal, mit wem ich unterwegs war, und den ich inzwischen als Zugeständnis an mein Fremdsein verstand, das überall für jeden offensichtlich war. Sie lächelte milde auf die wirbelnden Macheten herab, auf die Jungen, die sich gegenseitig anstachelten, sich dem tanzenden Baum zu nähern, seine wilden Bewegungen aufzugreifen – und dabei die kreisenden Klingen zu umschiffen -, mit dem eigenen schmächtigen Körper das konvulsivische Stampfen, die Drehungen, das Kauern, die hohen Kicks und die gesamte Rhythmuseuphorie nachzuahmen, die von der Gestalt in alle Winkel des Horizonts abstrahlte, auf die Frauen, auf Lamin, auf mich, auf jeden, den ich sah, während das Auto unter uns schlingerte und bebte. Sie deutete auf den Kakurang. „Das ist ein Tänzer“, erklärte sie.“ (230f.)

Zadie Smith: Swing Time. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. OA: Swing Time. 2016. 627 Seiten.

 

Bild: SD-Pictures @pixabay

Der Herbst ist da, die Gänse machen sich auf den Weg. Auch hier haben sie sich schon versammelt. Mögen Sie in Frieden ziehen und bald wiederkommen. Ich wünsche eine gute Woche.

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Textschnipsel zum Montag – 4.9.2017

„Hendrik streckte seine Beine etwas weiter vor und stieß gegen den Karton. Die Katze sah erschrocken hoch. „Entschuldige, Jonas“, sagte er. „Das wollte ich nicht.“ Maarten bückte sich und zog den Karton etwas zu sich heran. Die Katze legte sich wieder hin. Hendrik streckte seine Beine aus und bewegte seine bestrumpften Füße in der Wärme des Ofens behaglich hin und her. „Ich denke, dass Menschen gerade so viel Macht über einen ausüben können, wie man es ihnen erlaubt“, sagte er träge.

„Es ist natürlich Angst“, gab Maarten zu. „Feigheit.“

„Feigheit würde ich es nicht nennen wollen.“

„Dann Ohnmacht. Sie schreiben eine Doktorarbeit, um einen Titel zu haben, und sie benutzen den Titel, um Macht auszuüben. Es geht nicht um die Qualität, es geht um das System, denn so eine Doktorarbeit stellt doch nichts dar. Und gegen das System ist man machtlos. Wenn man keine Doktorarbeit schreibt, hat man nicht das Recht mitzureden, und wenn man eine geschrieben hat, gehört man dazu. Wenn ich darüber nachdenke, werde ich rasend vor Wut. Vor Ohnmacht.“

„Wollt ihr vielleicht einen Cognac dazu?“, fragte Nicolien, die mit dem Kaffee hereinkam.“ (S. 507)

J.J.Voskuil: Das Büro. Direktor Beerta. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. C.H.Beck oHG, München 2012. OA: Het Bureau I: Meneer Beerta. Uitgeverij G.A. von Oorschot, Amsterdam, 1996. 848 Seiten.

Photo: jackmac34 @pixabay.com

Ich wünsche Euch allen einen schönen Einstieg in den Herbst, mit vielen gemütlichen Lesestunden! Ich hoffe, hier wird es nun auch wieder etwas reger zugehen!

Textschnipsel zum Montag – 31.7.2017

„Und sie [die Form] zeigt eine Wahrheit über den Schnittpunkt von ästhetischen Formen und menschlichem Geist auf: Denn sogar wenn wir plötzlich heimatlos wären, in einem fremden Land, nichts mehr hätten, was uns gehört – weil wir alles verloren haben-, fänden wir Heimat noch in der ästhetischen Form, in der Vertrautheit, der unveränderlichen Sicherheit, die ein Rhythmus, den wir kennen, eine Linie, die wir schon mal gesehen haben, die Form einer Geschichte, die uns geläufig ist, die eine Melodie oder Zeile, eine Wendung oder ein Satz uns jedes Mal wieder vermitteln, sogar wenn sie uns längst entfallen waren. I placed a jar in Tennessee. Sobald wir von dem Krug in Tennessee wissen, wissen wir nie mehr nicht davon. Rough winds do shake the darling buds of May (Des Maies Lieblinge jagt Sturmwind von den Zweigen). Das wir er immer. Der Rhythmus selbst ist in gewisser Weise eine Form und wird, ob in der Poesie oder in der Prosa, für uns zur Wohnstatt. (S.85)

Bild: pixabay.com

Ali Smith: Wem erzähle ich das? Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Luchterhand Literaturverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München, 2017. OA: Artful. Hamish Hamilton, Penguin Random House UK, London. 2012. 223 Seiten.

Textschnipsel zum Montag – 24.7.2017

Und sie fügte hinzu: „Die Kunst ist erhabener als die Naturwissenschaft. Erst kommt die Kunst, und dann die Naturwissenschaft.“

Die große Karte hing über der Wandtafel, denn die Geographiestunde hatte gerade begonnen. Miss Brodie wandte sich ihr zu, um mit dem Zeigestock auf Alaska zu deuten. Aber sie drehte sich noch einmal zu den Mädchen um und sagte: „Kunst und Religion kommen zuerst; dann Philosophie, und zum Schluss die Naturwissenschaften. Das ist die Reihenfolge der großen Dinge im Leben, die Reihenfolge nach ihrer Wichtigkeit.“

Dies war der erste Winter der zwei Jahre, in denen diese Klasse von Miss Brodie unterrichtet wurde. Das Jahr neunzehnhunderteinunddreißig hatte inzwischen begonnen. Miss Brodie hatte bereits ihre Lieblingsschülerinnen ausgewählt, beziehungsweise diejenigen, denen sie vertrauen konnte; oder besser gesagt diejenigen, deren Eltern sie vertrauen konnte, keine Beschwerden über die fortgeschrittenen und umstürzlerischen Ansichten ihrer Erziehungsmethode zu führen. (S. 42/43)

Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie. Aus dem Englischen von Peter Naujack. Diogenes Verlag AG Zürich,1983. OA: The Prime of Miss Jean Brodie. Macmillan Publishers Ltd., London, 1961. 231 Seiten.

Textschnipsel zum Montag – 22.5.2017

„Es lag nicht allein an den Spritzmitteln. Auch die Varroamilbe, ein winziger Parasit, der die Bienen angriff, trug eine Mitschuld. Sie setzte sich wie ein großer Ball auf dem Körper der Biene fest, saugte die Hämolymphe aus ihnen heraus und verbreitete Viren, die häufig erst viel später entdeckt wurden.

Hinzu kamen die extremen Wetterlagen. Allmählich veränderte sich das Klima auf der Welt. Ab dem Jahr 2000 ging es immer schneller. Trockene, warme Sommer ohne Blüten und Nektar töteten die Bienen. Harte Winter töteten die Bienen. Und Regen. Wenn es regnete, hielten die Bienen sich genau wie der Mensch lieber drinnen auf. Nasse Sommer bedeuteten einen langsamen Tod.

Ein weiterer Faktor war die Monokultur. Für die Bienen war die Erde eine grüne Wüste. Kilometerweit nur Felder, auf denen immer dieselben Nutzpflanzen angebaut wurden, und ein Mangel an unberührten Flächen. Der Mensch entwickelte sich rasant, und die Bienen kamen nicht hinterher. Und verschwanden.

Ohne die Bienen lagen mit einem Mal tausende Hektar bewirtschaftete Felder brach. Blühende Büsche ohne Beeren, Bäume ohne Obst. Plötzlich wurden landwirtschaftliche Erzeugnisse, die früher alltäglich gewesen waren, zur Mangelware: Äpfel, Mandeln, Apfelsinen, Zwiebeln, Brokkoli, Karotten, Blaubeeren, Nüsse und Kaffeebohnen.“ (415f.)

Bild: pixabay

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb in der Verlagsgruppe Random House Gmbh, München, 2017. OA: Bienes Historie, H. Aschehoug & Co., Oslo, 2015. 510 Seiten.

Textschnipsel zum Montag – 17.4.2017

„Vor mir steht ein Tablett, und auf dem Tablett sind ein Glas Apfelsaft, eine Vitamintablette, ein Löffel, ein Teller mit drei Scheiben braunem Toast, ein Schüsselchen, das Honig enthält, und noch ein Teller mit einem Eierbecher darauf von der Sorte, die wie ein Frauentorso aussehen, mit Rock. Unter dem Rock ist das zweite Ei und wird dort warm gehalten. Der Eierbecher ist aus weißem Porzellan mit einem blauen Streifen.

Das erste Ei ist weiß. Ich verrücke den Eierbecher ein wenig, sodass er jetzt im wässrigen Sonnenlicht steht, das durch das Fenster kommt und, heller werdend, verblassend und wieder heller werdend, auf das Tablett fällt. Die Eierschale ist glatt und zugleich körnig; kleine Kiesel von Kalzium werden vom Sonnenlicht herausgearbeitet wie Krater auf dem Mond. Es ist eine kahle Landschaft, und doch ist sie perfekt; es ist eine Wüste wie jene, in die die Heiligen sich begaben, auf dass ihr Geist nicht vom Überfluss abgelenkt würde. Ich denke, so müsste Gott aussehen: wie ein Ei. Das Leben des Mondes ist vielleicht nicht an der Oberfläche, sondern innen.

Das Ei glüht jetzt, als hätte es seine eigene Energie. Das Ei anzusehen erfüllt mich mit intensivem Vergnügen.

Die Sonne geht fort, und das Ei verblasst.“ (148/149)

Margaret Atwood: Der Report der Magd. Aus dem kanadischen Englisch von Helga Pfetsch. Neuauflage im Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017. OA: The Handmaid’s Tale. MCClelland & Stewart, Houghton Mifflin, 1985; Cape 1985. 412 Seiten.

Textschnipsel zum Montag – 27.2.2017

„Für die Zeitung zu arbeiten hieß, sich auf die Welt einzulassen, und zugleich, sich von ihr zurückzuziehen. Wenn Ferguson seine Sache gut machen wollte, würde er beide Seiten des Paradoxes annehmen und lernen müssen, das Sowohl-als-auch auszuhalten: einerseits ins Getümmel einzutauchen, andererseits als neutraler Beobachter am Rand zu stehen. Das Eintauchen verfehlte nie seine erregende Wirkung […], aber die Zurückhaltung, glaubte er, war ein potenzielles Problem, wenigstens würde er sich in den kommenden Monaten und Jahren daran gewöhnen müssen, denn die unparteiische, objektive Sicht des Journalisten einzunehmen war fast so, als schlösse er sich einem Mönchsorden an und lebte fortan in einem gläsernen Kloster – abgeschnitten von den Angelegenheiten der Menschen, auch wenn sie weiterhin von allen Seiten auf ihn eindrangen. Als Journalist konnte man nie derjenige sein, der den Stein durchs Fenster warf, mit dem die Revolution begann. Man konnte den Wurf beobachten, konnte versuchen zu verstehen, warum der Stein geworfen worden war, konnte anderen erklären, welche Bedeutung der Steinwurf für den Ausbruch der Revolution hatte, aber man konnte nie selbst einen Stein werfen oder auch nur Teil der aufgebrachten Menschenmenge sein, die den Steinewerfer anfeuerte. Seinem Temperament nach neigte Ferguson nicht zum Steinewerfen. Er war, so hoffte er, ein mehr oder weniger vernünftiger Mensch, aber in diesen aufgeheizten Tagen wirkte alles, was gegen das Steinewerfen sprach, zunehmend unvernünftig, und wenn schließlich der erste Stein geworfen wurde, würden Fergusons Sympathien dem Stein gelten und nicht dem Fenster.“ (744f.)

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picture: mary1826 via pixabay.com

Paul Auster: 4 3 2 1. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 2017. OA: 4 3 2 1. Henry Holt and Company, New York, 2017.1259 Seiten.