Buch #1: Ian McEwan – Der Zementgarten

Zum Anfang gibt es ein kurzes Buch, damit ich auch etwas zu berichten habe. Ian McEwans Zementgarten ist mit 208 Seiten und recht großer Schrift nicht sehr umfangreich. Ich habe von ihm schon Saturday (das noch zu einem späteren Zeitpunkt besprochen wird) und Solar gelesen, und meine Erwartungen waren hoch, da mir beide sehr gut gefallen haben.

Wir haben es hier mit einem frühen Buch des Autors zu tun, aus dem Jahre 1978. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive des fünfzehnjährigen Jack erzählt. Er hat eine ältere und eine jüngere Schwester und einen sechsjährigen Bruder. Es beginnt damit, dass Jacks Vater, der nach einem Herzanfall in Rente ist, Zement für seinen Garten kommen lässt, den er ganz nach seinen Plänen gestalten möchte. Als Jack und sein Vater beginnen, den Zement zu mischen, stirbt der Vater. Die Mutter ist krank und wird nach einiger Zeit bettlägerig. Als die Kinder eines Tages aus der Schule kommen, ist sie gestorben. Die Frage ist nun:  was tun? Würden sie es melden, würden sie in Pflegefamilien kommen und auseinandergerissen werden. Also beschließen sie, die Mutter im Keller einzuzementieren.

Jack ist mitten in der Pubertät. Er ist voller Pickel und hat, wie es scheint, niemanden, der ihm nahe steht, außer seinen Geschwistern; allen voran seine ältere Schwester Julie, die nach dem Tod der Mutter das Regiment übernimmt. Sie sorgt dafür, dass etwas zu essen da ist und Kleidung, dass der kleine Tom versorgt wird und alles irgendwie weiter läuft. Da Jack aber in einen Zustand des Wachtraums verfällt und unfähig ist, seine Umgebung richtig wahrzunehmen und zu interagieren, bleibt alles an Julie hängen. Dies äußert sich dann zum Beispiel in übervollen Mülltonnen, unaufgeräumten Küchen oder einem sechsjährigen Jungen, der entweder ‚Mädchen‘ oder ‚Baby‘ spielen möchte.

Nichts desto trotz läuft alles ganz gut weiter. Julie hat irgendwann einen Freund, Derek, der Billardspieler ist und sich über die Geschwister wundert. Aber er will sich um sie kümmern und akzeptiert die merkwürdigen Lebensbedingungen. Eines Tages, Jack hat sich seit Monaten nicht mehr gewaschen, gekämmt oder sonst irgendwie gepflegt, fällt ihm auf, dass etwas stinkt. Er beginnt, sich zu schrubben und alles zu säubern, aber der Geruch bleibt da.

Im Keller stellen die Geschwister fest, dass der Zement einen Riss bekommen hat. Auch Derek bemerkt dies bei einem seiner Besuche. Sie erzählen ihm, es sei ein Hund, den Jack habe „mumifizieren“ wollen, was Derek ihnen nicht ganz abkauft.

Wie die Geschichte ausgeht, werde ich euch natürlich an dieser Stelle nicht erzählen, nur soviel: es gibt ein überraschendes Ende.

Nun zu meiner Meinung. Wie ich schon sagte, habe ich recht hohe Erwartungen gehabt. Diese sind nur bedingt bestätigt worden. Die Geschichte hat mich nicht vollkommen mitgerissen. Aber die Art McEwans, die Welt aus der Sicht eines Fünfzehnjährigen zu schildern, der gerade seine Eltern verloren hat und nicht weiß, was er mit sich anfangen soll, ist großartig. Dazu pubertiert er noch heftigst und ist sehr mit der Entdeckung seiner Sexualität beschäftigt. Man meint, man sei eben dieser Junge und befinde sich in seiner Situation. Die Sprache ist sehr schlicht, kurze Sätze, oft hat man einen gelangweilten, oberflächlichen Eindruck. Und doch kann man sich nicht erwehren, in Jacks Gefühlwelt hineingezogen zu werden. Beziehungsweise seine Nicht-Gefühlswelt, seine Trauer, die sich darin äußert, dass er unfähig ist, etwas zu tun. Oder dass er sich nur streitet. Und doch weiß man immer, dass er für seine Geschwister durchs Feuer gehen würde.

Also, alles in allem, nicht ganz das, was ich erhofft habe, aber ich kann den Zementgarten durchaus empfehlen, wie ich Ian McEwan im Allgemeinen nur empfehlen kann.

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