Buch #64: Sylvia Plath – Die Glasglocke

Esther Greenwood ist 19, als sie für einen Monat ein Praktikum bei einer bekannten Modezeitschrift in New York macht. Die eigentliche Arbeit bei der Zeitschrift steht dabei eher im Hintergrund, vielmehr gehen sie und die anderen Praktikantinnen von einem social event zum nächsten, Mode, Make-up, Männer treffen. Es ist 1953, und auch wenn Esther an einem bekannten College studiert, sind das die Dinge, die sich ihr bieten.glasglocke

Sie hat einen Freund, Buddy, der sie nach Jahren des Anhimmelns endlich erhört und eine Zukunft mit ihr planen will. Diese Zukunft besteht in einer Familie mit Kindern, und einem Buddy, der stets gönnerhaft auf das kleine Liebchen herabsieht, das solche albernen Träumchen hat wie Dichterin zu werden. Aber, und das weiß auch Esther, Dichterin und Familie, das passt nicht zusammen.

„Ich sah, wie sich mein Leben vor mir verzweigte, ähnlich dem grünen Feigenbaum in der Geschichte.

Gleich dicken, purpurroten Feigen winkte und lockte von jeder Zweigspitze eine herrliche Zukunft. Eine der Feigen war ein Ehemann, ein glückliches Zuhause und Kinder, eine andere Feige war eine berühmte Dichterin, wieder eine andere war eine brillante Professorin, die nächste war Ee Gee, die tolle Redakteurin, die übernächste war Europa und Afrika und Südamerika (…).

Ich wollte sie alle, aber eine von ihnen nehmen bedeutete, alle anderen verlieren, und während ich dasaß, unfähig, mich zu entscheiden, begannen die Feigen zu schrumpfen und schwarz zu werden und plumpsten eine nach der anderen auf den Boden unter mir.“

Seit Buddy ihr das Geständnis gemacht hat, nicht mehr „rein“ für sie zu sein, fühlt sie sich von ihm betrogen, fängt an, ihn zu verachten. Warum sollte es für ihn richtig sein, und für sie nicht? Eine Frage, die sich etliche Generationen stellten und wohl noch stellen werden.

„Und ich wußte, trotz aller Rosen und Küsse und Essen im Restaurant, mit denen der Mann die Frau überschüttete, bevor er sie heiratete, war er insgeheim darauf aus, daß sie sich nach der Hochzeit unter seinen Füßen flach machte wie Mrs. Willards Küchenmatte.“

Esther ist ohne Vater aufgewachsen, hat aber immer A`s bekommen und sich so einen Preis und ein Stipendium nach dem anderen erarbeitet. Sie hat nach dem Praktikum noch ein Jahr am College vor sich, doch zuerst stehen die Sommerferien bevor. Auf die Frage des Magazins, was sie denn einmal werden wolle, hat sie keine Antwort bereit – im Hinterkopf aber die Möglichkeit, einen Ferienkurs bei einem berühmten Schriftsteller zu machen. Als sie nach Hause kommt, findet sie jedoch eine Absage vor.

Und nun beginnt sie auseinanderzufallen. Sie hat bis dahin alles „richtig“ gemacht, hat gut gelernt, besucht ein gutes College, bekommt Stipendien und ein Praktikum, doch wozu? Im Grunde genommen geht es doch darum, die gesellschaftliche Pflicht zu erfüllen. Man wird irgendwohin geboren, und dann hat man dem Umfeld entsprechend zu sein. Esther verweigert sich dem. Sie hört auf zu duschen, sich frisch anzuziehen, zu schlafen, und sinnt auf die verschiedensten Arten, sich umzubringen.

Hier beginnt ein langer Leidensweg, der mit einem dieser Ärzte, die sich selbst für den Mittelpunkt der Welt halten und für die Dämchen schnellstmöglich eine Elektroschockbehandlung anordnen, eingeläutet wird. Sie durchläuft von hier an viele Stationen, und nimmt den Leser immer mit. Es ist eine Leidensgeschichte, aber auch eine Emanzipationsgeschichte.

Esther weiß, dass sie nicht in ein gesellschaftliches Schema zu pressen ist. Sie hat Angst, weiß nicht, wie sie ihren Weg gehen soll, versinkt in Ohnmacht:

„Ich wußte, dass ich Mrs. Guinea dankbar sein mußte, und trotzdem empfand ich nichts. Hätte sie mir eine Fahrkarte nach Europa oder eine Kreuzfahrt rund um die Welt geschenkt, so hätte sich für mich nicht das geringste verändert, denn egal, wo ich saß – ob auf dem Deck eines Schiffes oder in einem Straßencafé in Paris oder Bangkok-, immer saß ich unter der gleichen Glasglocke in meinem eigenen sauren Dunst.“

Es ist schwer, da wieder hinauszufinden. Und es ist harte Arbeit. Immer wieder von Neuem. Doch Esther lernt dazu. Lernt, dass sie wichtig ist, und nicht, was andere denken. Auch nicht ihre Mutter.

„Mir fiel das Gesicht ein, das meine Mutter bei ihrem ersten und letzten Besuch in der Anstalt seit meinem zwanzigsten Geburtstag gemacht hatte, ein blasser, vorwurfsvoller Mond. Die Tochter in einer Anstalt! Das hatte ich ihr angetan.“

Wird es Esther am Ende besser gehen? Oder wird sie wie ihre Erschafferin enden? Man weiß es nicht. Es ist schwer, anders zu sein als die anderen. Nicht in sein Umfeld zu passen. Immer wieder einzustecken, wie albern und idealistisch man doch ist. Ein Kampf, der manchmal, wenn man nicht weiß, warum man ihn kämpft, unter einer Glasglocke endet. Esther ist sich darüber im Klaren, dass der Rest ihres Lebens diesen Kampf beinhalten wird. Aber sie nimmt ihn an. Erstmal.

Die Glasglocke ist ein ungeheuer intensives Portrait einer jungen Frau, die in der Gesellschaft verloren geht. Sie schildert schonungslos ihren Weg und nimmt den Leser mit auf jedem Schritt. Obwohl 1963 erschienen, und obwohl vielleicht einige der Ansprüche heute andere sind, ist die Lektüre immer noch blitzaktuell. Sie lässt verzweifeln und gibt doch Hoffnung. Und könnte Menschen, die keine Glasglocken kennen, zeigen, wie es ist und vielleicht ein wenig Verständnis entlocken.

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Sylvia Plath Bild: biography.com

Sylvia Plath wurde am 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei Boston, MS, geboren. Sie nahm sich am 11. Februar 1963 das Leben. Ihre Literatur wird meist im Kontext ihrer Lebensgeschichte gelesen.

Ihre Gedichte werden als Confessional Poetry gewertet, als Bekenntnislyrik, und auch in ihrem Roman Die Glasglocke, der ihr einziger geblieben ist, verarbeitete sie ihre Erlebnisse, wie einen Suizidversuch oder ihre Beziehung zu Ted Hughes, ihrem Ehemann. Ihren Durchbruch hatte sie erst postum, nachdem ihr Roman und einige nachgelassene Gedichte veröffentlicht wurden. Ihr Leben und ihr Tod wurden zum Gegenstand des öffentlichen Interesses, Plath zu einer Symbolfigur für die Frauenbewegung.

Sylvia Plath: Die Glasglocke. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1997. OA: The Bell Jar. 1963. 262 Seiten.

Don Winslow – Tage der Toten

Adán erklärt ihr, vor welchen logistischen Herausforderungen er steht, und sie hört ihm aufmerksam zu. Er weiß nicht, wo er die Menge an Waffen hernehmen soll, die er braucht, um mit Tirofio ins Geschäft zu kommen. Es ist kein Problem, hier und da Gewehre zu bekommen – die USA sind ein einziger Waffenmarkt, wenn man so will-, aber die Stückzahlen, die er im Lauf der nächsten Monate braucht, gibt selbst der amerikanische Schwarzmarkt nicht her.

Und sie müssen über die USA geschmuggelt werden. Die Yankees sind zwar wie wild hinter Drogen her, aber die Mexikaner sind noch wilder, wenn es um Waffen geht. Beklagt sich Washington über den Zustrom von Drogen aus Mexiko, reagiert Mexiko mit Beschwerden über die Waffen, die aus den USA ins Land geschmuggelt werden. Dass die Mexikaner Feuerwaffen gefährlicher zu finden scheinen als Drogen, sorgt immer wieder für Zündstoff in den Beziehungen beider Länder. Die Mexikaner verstehen einfach nicht, warum in den USA die Kleindealer längere Haftstrafen bekommen als die großen Waffenschieber. (531)

Bild: suhrkamp.de

Tage der Toten ist die Geschichte eines 25-jährigen Krieges zwischen Art Keller, Drogenfahnder bei der DEA, und dem Barrera-Clan, den Königen des mexikanischen Drogenhandels. Der „Tag der Toten“ ist ein hoher mexikanischer Feiertag, an welchem die Mexikaner ihrer Toten gedenken, der Originaltitel „The Power of the Dog“ bezieht sich auf Kerberos, den Höllenhund, der in der griechischen Mythologie den Eingang zur Unterwelt bewacht, auf dass kein Toter heraus und kein Lebender hineingelange. Beide Titel sind durchaus angemessen.

Als junger Mann, gerade bei der DEA, bekommt Arthur Keller die Gelegenheit, sich in das mexikanische Drogenkartell der Barreras einzuschleusen. Er wird praktisch als Familienmitglied behandelt, das Oberhaupt lässt sich von ihm tío, Onkel, nennen. Mit seinen Informationen erringt Keller erste kleine Siege, kann aber nichts gegen das riesige Unternehmen erreichen, das den Drogenhandel halb Mittel- und Südamerikas unter seiner Fittiche hat.

Die beiden jungen Barreras, Adán und Raúl, steigen langsam in der Hierarchie auf, sollen sie doch einst das Geschäft übernehmen. Sie sind sehr unterschiedlich, schnell kristallisiert sich heraus, dass Adán für das Geschäft und Raúl für das Grobe zuständig ist. Sie sollen gut zurechtkommen auf diese Weise.

Dann wird einer von Kellers Männern entführt und gefoltert, und dieses Ereignis lässt den Krieg ausbrechen. Von nun an ist es eine blutige Schlacht, die vor nichts und niemandem Halt macht, die Schuldige und Unschuldige gleichermaßen mit sich reißt, so dass am Ende niemand mehr von sich behaupten kann, unschuldig zu sein.

Einige der Personen, die in diesen Strudel gerissen werden, sind die Prostituierte Nora, der Killer Callan, und der Priester Parada. Sie alle spielen wichtige Rollen in diesem Krieg, und sie sind sich im Klaren, welch tödliche Ausmaße dieser annehmen kann…

Don Winslow hat für Tage der Toten sechs Jahre recherchiert, was man dem Buch durchaus anmerkt. Es ist mit Fakten vollgestopft, und viele Nebenschauplätze, wie die Partisanen in Südamerika, die Mafia in New York, die immerwährende Angst vor den Kommunisten, reich gegen arm, Macht gegen Hilflosigkeit, Glauben gegen Rücksichtslosigkeit, werden ausführlich behandelt. Manche Kritiker haben dies bemängelt, fanden den Haupthandlungsstrang nicht ausgegoren, die Charaktere nicht gut entwickelt, die Story überlastet. Das kann man so sehen.

Man kann aber auch sehen, wie sich ein Panorama entfaltet, ein Panorama der Unterwelt, von Schauplätzen, von denen man nichts wusste, von Kriegen, die man nicht täglich im Fernsehen sieht (ja, in letzter Zeit war Mexiko häufig in den Schlagzeilen), ein großes Puzzle aus einzelnen Teilen, die sich ineinanderfügen um tatsächlich ein Bild der Schlechtigkeit, fast der Hölle auf Erden zu liefern. Und hätte Winslow sich nur auf den einen Schauplatz beschränkt, wäre dieses Bild um einiges schwächer ausgefallen.

Seine Figuren sind abwechselnd Handelnde und Ohnmächtige, sie teilen aus und müssen die Ergebnisse machtlos mitansehen. Genauso wie der Leser Erschütterung empfindet ob dieser Welt, die sich da vor ihm auftut und die ihn wohl nicht mehr verlassen wird, und eine Hilflosigkeit, die sehr traurig, aber auch wütend macht.

Tage der Toten ist ein wichtiges Buch, ein eindringliches Buch, man merkt, wie sehr dieses Thema Don Winslow am Herzen liegt (das liest man übrigens auch immer noch, wenn man seinem Twitteraccount @donwinslow folgt, dieses Thema ist immer noch sehr präsent, er hört nicht auf, aufmerksam zu machen). Vielen dürfte nicht klar sein, was in Mexiko seit Jahrzehnten passiert; dieser Roman ändert das. Und, ganz nebenbei, ist er auch noch spannend, er lässt den Leser mit Figuren sympathisieren, die er vielleicht nicht so auf der Rechnung hatte, und mit ihnen mitfiebern. Nicht umsonst gewann er so viele Preise.

Don Winslow: Tage der Toten. Aus dem Amerikanischen von Chris Hirte. Suhrkamp Verlag Berlin 2010. OA: The Power of the Dog. Alfred A Knopf, a division of Random House, Inc., New York, 2005. 689 Seiten.

Weitere Meinungen gibt es bei Der Schneemann und Kriminalakte.

© Susie Knoll

Don Winslow wurde am 31. Oktober 1953 in New York City geboren. Er studierte afrikanische Geschichte und Militärgeschichte. Seit Ende der 1980er Jahre schreibt er die inzwischen fünf Teile umfassende Neal Carey-Reihe. Seinen ersten großen Erfolg hatte er 1997 mit dem Roman The Death an Life of Bobby Z.  Tage der Toten aus dem Jahr 2005 gilt als sein Meisterwerk. 2012 verfilmte Oliver Stone Savages, Winslow schrieb das Drehbuch. Dies brachte ihn in die Spitze der amerikanischen Krimiautoren. 2015 schrieb er mit dem Dokumentarroman Das Kartell die Fortsetzung von Tage der Toten, welches er drei Dutzend ermordeten Journalisten widmete. Er macht weiterhin auf die Drogenprobleme an der mexikanischen Grenze aufmerksam. Er gewann zahlreiche Preise, unter anderem den Maltese Falcon Award und Deutschen Krimipreis 2011 und 2012. Heute lebt er mit seiner Frau und ihrem gemeinsamen Sohn in Kalifornien.

Jonathan Franzen – Freiheit

„Warum die Konservativen, die doch immerhin alle drei Gewalten der Bundesregierung dominierten, noch immer so in Rage waren – auf respektvolle Zweifler am Irakkrieg, auf schwule Paare, die heiraten wollten, auf den faden Al Gore und die vorsichtige Hillary Clinton, auf gefährdete Arten und deren Fürsprecher, auf Steuern und Benzinpreise, die so niedrig wie in kaum einem anderen Industrieland waren, auf die Massenmedien, deren Besitzer doch selbst zu den Konservativen gehörten, auf die Mexikaner, die ihnen den Rasen mähten und ihr Geschirr spülten -, war für Walter ein Rätsel.“ (S.642/643)

freiheitWalter ist eine Seele von Mann. Er ist friedfertig, hat Verständnis, hört zu, hilft, vermittelt. Aber auch ihn bringen Dinge in Rage: die Überbevölkerung und die daraus resultierende Zerstörung des Lebensraums. Aber bis Walter anfängt, seiner Wut entsprechend zu handeln, geht viel Zeit ins Land.

Er hat keine glückliche Kindheit gehabt, Walter, aber als er ans College kommt, wendet sich sein Glück. Er findet einen Freund fürs Leben – den Musiker Richard Katz. Und er findet seine große Liebe – die Basketballspielerin Patty Emerson. Auch diese beiden hatten keine glückliche Kindheit, und erhoffen sich von der Zukunft Großes. Allerdings sieht dieses sehr unterschiedlich bei den Dreien aus.

Nachdem Patty einige Zeit zwischen Walter und Richard hin- und hergerissen ist, heiratet sie schließlich Walter und erfüllt sich ihren Traum: die perfekte Vorstadtfamilie, in der alles harmonisch abläuft und das Zusammenleben erstrebenswert ist. Sie haben zwei Kinder, Jessica und Joey. Und eben dieser Joey wird so gar nicht, wie Patty ihn brauchen kann: er weiß immer alles besser, stellt alles in Frage, ist wahnsinnig intelligent und zieht zu den Nachbarn, um mit deren Tochter zusammenzuleben. Als er auf der Highschool ist.

Patty kommt mit dieser Situation nicht zurecht, alles, was sie sich erträumt hatte, löst sich in Luft auf. So leidet auch ihre Ehe zu Walter. Dieser wiederum vergräbt sich in seiner Arbeit, versucht, Gutes zu tun und sieht sich mit gigantischen Hürden konfrontiert. Und Richard wird lange brauchen, bis er Erfolg hat, aber dieser Erfolg basiert auf ganz besonderen Freunden: Walter und Patty. Und so umkreisen sich die drei in immer anderen Konstellationen, kollidieren, streben voneinander weg und wieder aufeinander zu.

Freiheit kreist um die Freiheit der Individuen, und die Frage, inwiefern sie tatsächlich existiert oder ein reines Gedankenkonstrukt ist. Franzen gibt seinen Figuren „Freiheit“ – an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben haben sie die Möglichkeit, genau das zu tun, was sie sich immer gewünscht haben, und dies mit Erfolg. Lauter glückliche Menschen, sollte man annehmen.

Doch eine Entscheidung für etwas ist gleichzeitig auch immer eine Entscheidung gegen etwas, und dies ist doch im Grunde genommen die einzige Freiheit, die es gibt: Entscheidungen zu treffen. Denn genau dann hört die Freiheit auf, wenn man die Konsequenzen seiner Entscheidungen tragen muss. Auch dies lässt Franzen seine Figuren spüren, er führt sie geradezu vor auf ihrem Höhenflug mit der anschließenden Talfahrt.

Aber auch hier spielt das Leben, wie es nun einmal spielt: Nach dem tiefen Fall fährt die Achterbahn wieder aufwärts, damit der Sturz abgebremst wird, und auch wenn die Bahn in den Kurven arg hin- und hergeschüttelt wird, kommt sie doch am Ende am Ziel an.

Wie zerzaust die Mitfahrenden danach sind, ist eine andere Geschichte. Und eine dieser Geschichten erzählt Jonathan Franzen in seinem Roman, und man sollte ihn unbedingt lesen. Und sich vor einem schlechten Gewissen, einigen Wutanfällen und ständigen Hinterfragungen wappnen. Die gibt Franzen einem nämlich immer mal wieder mit auf den Weg. Wie kleine Schläge auf den Hinterkopf oder mitten in die Fresse rein. Es kommt auf jeden Fall an.

© Beowulf Sheehan

Jonathan Franzen: Freiheit. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, April 2012. OA: Freedom. Farrar, Straus and Giroux, New York 2010. 731 Seiten.

Jonathan Franzens Die Korrekturen wurden schon rezensiert.

Buch #62: Truman Capote – Kaltblütig

„Das Material zu diesem Buch stammt, sofern es nicht auf meinen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen beruht, aus offiziellen Berichten oder es ist das Ergebnis von zahlreichen Interviews mit den unmittelbar beteiligten Personen, von Interviews, die sich oft über eine ziemlich lange Zeit erstreckten.“

Kalt wie Stein. Foto:mg

So lautet der erste Satz des Vorwortes zu Kaltblütig. Diese unmittelbar beteiligten Personen sind Angehöre, Freunde und Bekannte der Familie Clutter, von der vier Mitglieder ermordet wurden. Die Mörder, Perry Edward Smith und Richard Eugene Hickock, genannt Dick, kommen selbst zu Wort, aber auch die Menschen aus ihrem Umfeld. Und dann gibt es noch den ganzen Apparat, den solch ein Verbrechen in Bewegung setzt, von der Polizei über die Presse bis hin zu den Gerichtsangehörigen. Ja, es kommen viele Menschen zu Wort, und was sie zu sagen haben, lässt dem Leser manchmal den Atem stocken.

Perry und Dick, beide vorbestraft, treffen sich, nachdem sie sich im Gefängnis kennengelernt haben, eines Tages wieder. Obwohl keiner der beiden das vorhatte, führen die Ereignisse doch dahin. Sie haben von der Clutter-Farm gehört, die angeblich einen Tresor mit viel Geld beherbergt und machen sich auf, diesen auszuräumen. Es ist ihnen klar, dass dabei keine Zeugen zurückbleiben sollen.

Die Polizei steht vor einem Rätsel, außer zwei Fußspuren gibt es keine Anhaltspunkte, über das Motiv der Täter ganz zu schweigen. Die Clutters waren angesehen und wurden gemocht, und warum jemand Vater, Mutter, eine Teenage-Tocher und einen Teenage-Sohn ermorden wollen könnte, ist ihnen nicht ersichtlich.

Während die Polizei rätselt, vergnügen sich Perry und Dick auf einer Tour durch die Staaten bis hin nach Mexiko; als ihnen jedoch das Geld ausgeht, kehren sie zurück. Zu keinem Zeitpunkt denken sie, dass man ihnen etwas nachweisen könnte, denn auch sie wissen, dass das Motiv nicht ersichtlich ist und ja, sie haben ja keine Zeugen zurückgelassen.

Warum die Polizei dennoch auf ihre Spur kommt und wie sie erwischt und verurteilt werden, das erzählt Capote in Kaltblütig. Es ist zu keinem Zeitpunkt ein whodunnit, die einzige Spannung ist im Grunde genommen, ob und wie die Täter gefasst werden. Und Capote versteht es, diese Spannung aufzubauen. Er entwickelt die Geschichte von Standpunkt zu Standpunkt, erzählt zuerst von der Familie Clutter und der Tat, um dann überzuschwenken zu den Tätern.

Zu diesen entstehen zwei ausführliche Täterprofile, die sich aus ihren eigenen Erzählungen in Kombination mit denen der Menschen, die sie zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben begleitet haben, zusammensetzen. Und so bekommt der Leser Einblick in die Entwicklung der „kaltblütigen“ Mörder, wie sie dorthin gekommen sind, und dies macht diesen „Tatsachenroman“ spannender als so manchen Thriller. Genau dies wollte Truman Capote schaffen, und er bereitete damit den Weg für ein neues Genre, den New Journalism.

Ich schiebe die Besprechung des Buches nun schon seit einigen Tagen vor mir her, da ich geteilter Meinung darüber bin. Es stimmt, dass Capote mit seinem wahrheitsgemäßen Bericht einen wirklich spannenden Roman, ja fast schon Thriller, geschrieben hat. Jetzt ist es aber so, dass die Entwicklung des Täterprofils heutzutage nichts Neues mehr ist, dass z.B. Serien wie Criminal Minds diese Art der Erzählung regelmäßig benutzen und man weiß, dass nicht alles einfach schwarz und weiß ist.

Die Geschichte der Tat und der Jagd nach den Tätern, ebenso wie die Einschübe der verschiedenen Perspektiven der Personen, die die Täter oder die Opfer gekannt haben, hat Capote wirklich meisterhaft verwoben, an keiner Stelle wird es langweilig. Aber der Part, als es an die Gerichtsverhandlung geht, mit den Verhandlungs“pannen“ und dem Gefängnisaufenthalt, hat einen etwas schalen Geschmack hinterlassen. Auf einmal erzählt Capote von den Zellengenossen im Todestrakt und führt deren Verbrechen aus, und wie sie alle interagieren, was jedoch für die Geschichte und den Bericht völlig unerheblich ist.

Als letzter Teil des Buches ist dies im Gedächtnis geblieben, und es stört mich immer noch ein wenig. Aber dennoch habe ich Kaltblütig schnell und gern gelesen, es ist im Grunde dann doch ein „wahrer Thriller“, und diese Realität lässt den Leser schlucken und mitfiebern. Ich empfehle es also doch jedem als einen außergewöhnlich gebauten „realen“ Roman, ein Konzept, das spannend ist und funktioniert und wünsche mir, dass nicht alle schon so „abgebrüht“ sind wie ich, um einige Stellen besser würdigen zu können.

Truman Capote: Kaltblütig. Deutsch von Kurt Heinrich Hansen. Deutsche Buch-Gemeinschaft Berlin-Darmstadt-Wien, 1967. OA: In Cold Blood. Random House, New York, 1966. 408 Seiten.

Bild: Wikipedia

Truman Capote wurde am 30. September 1924 in New Orleans geboren. Er hatte mit Breakfast at Tiffany’s weltweiten Erfolg. Danach recherchierte er mit seiner Jugendfreundin Harper Lee sechs Jahre lang die Morde an der Familie Clutter und verarbeitete dies zu Kaltblütig. Dieser Roman wurde zu einem Bestseller, der eine Medienlawine auslöste, die darin endete, dass Capote die 500 berühmtesten Persönlichkeiten der USA zu seinem legendären Black und White Ball einlud, einer Mega-Party.

Danach ging es bergab mit Capote, er hatte eine Schaffenskrise und verfiel Drogen und Alkohol. Nach acht Jahren ohne Veröffentlichung wurde 1975 das erste Kapitel von Answered Prayers im Esquire-Magazin abgedruckt. Hier beschrieb er intimste Geheimnisse der High Society, was in einem Selbstmord und zahlreichen gekündigten Freundschaften und Capotes gesellschaftlicher Ächtung endete. Er verfiel in Depressionen. Am 25. August 1984 starb er vereinsamt in Los Angeles. (Quelle: Wikipedia)

Chad Harbach – Die Kunst des Feldspiels

„Genau das verlieh der Geschichte nämlich etwas Episches: Der Spieler, der Held, musste auf dem Weg zum finalen Triumph erst gehörig leiden. Schwartz wusste, dass die Leute es liebten zu leiden, solange das Leiden zu etwas führte. Alle Menschen litten. Das Entscheidende war, sich für eine Form des Leidens zu entscheiden.“ (183)

In Die Kunst des Feldspiels erzählt Chad Harbach das Aufeinander- und voneinander-Abprallen mehrerer Personen während der vier College-Jahre, die Henry Skrimshander am Westish College in der Nähe von Chicago, verbringt. Henry ist ein großes Baseballtalent, er spielt jedoch als Shortstop, welches nicht die glamouröseste Position ist, weswegen er auch nicht angeworben wurde. Bis eines Tages Mike Schwartz auf ihn aufmerksam wird und sein großes Talent erkennt. Mike leitet in die Wege, dass Henry nach Westish kommt und wird, obwohl nur ein Jahr weiter, sein Mentor.

Henrys Zimmergenosse ist der Buddha – Owen, schwul, belesen, mit einem Preis ausgezeichnet und auch Baseballspieler. Die beiden, obwohl grundverschieden, freunden sich an. Mit wem der Buddha sich noch anfreundet, ist der Zeit seines Lebens heterosexuelle Direktor des Colleges, Guert Affenlight. Dieser fand als junger Student – ebenfalls am Westish – ein verschollenes Manuskript von Herman Melville. Dies brachte ihm eine Karriere und dem College eine gewisse Berühmtheit ein.

Affenlights Tochter Pella, die noch als Schülerin weglief und einen älteren Mann heiratete, kommt zu Affenlight zurück. Sie will sich aus ihrer unglücklichen Ehe lösen und ein neues Leben aufbauen – Studium, neuer Freund – aber auch sie kämpft mit ihren Grenzen.

Die Kunst des Feldspiels beschreibt die Höhen und Tiefen der verschiedenen Lebensläufe. Fünf vollkommen unterschiedliche Personen treffen aufeinander, manchmal intensiver, manchmal nur am Rande. Und doch hängen alle Schicksale zusammen, gerät eines ins Wanken, verlieren auch die anderen die Balance.

Hier sind keine „Helden“ beschrieben, sondern Lebensläufe, die heute aus dem Leben gegriffen scheinen. Es gibt Höhen, doch der Fall danach ist umso tiefer. Licht und Schatten, Erfolg und Misserfolg, Kampf und Kapitulation, viele Themen werden geschickt aufgegriffen und miteinander verwoben. Dass Baseball, ein Sport, der hierzulande nicht allzu geläufig ist, den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte bildet, stört hierbei überhaupt nicht. Auch wenn man nicht genau weiß, was die Sportler gerade tun, die Spannung und Dramatik kommen beim Leser an, man fiebert und leidet mit den Figuren mit.

Ich möchte der lieben Bingereaderin danken, dass sie mich auf dieses Buch aufmerksam machte – ich wäre wohl daran vorbei gegangen. Und dann könnte ich kein Loblied auf diesen Roman singen, der für mich jetzt schon ein Highlight in diesem Jahr ist. Ich habe lange keinen so intensiven Roman mehr gelesen, der die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, der Erfolge und Misserfolge, denen man sich im Leben stellen muss, so eindringlich behandelt. Aber nicht nur das, auch schon scheinbar „eingefahrene“ Lebensläufe werden thematisiert, Wendungen, die sich spät im Leben ereignen und mit denen man umgehen lernen muss.

Hier sind Lebensläufe, die krumm und schief sind, sich nach vorne und rückwärts winden, die schmerzhaft sind, und doch ihre wundervollen Momente haben. Es sind Figuren, die kämpfen müssen, und ich als Leser habe mich verstanden und geachtet gefühlt, weil hier einer schreibt, der weiß, wie Leben ist, und der sich und seinen Lesern keine Träumereien und Illusionen aufbürdet. Dabei hat er ganz charmante Figuren geschaffen mit denen man sich identifizieren kann und die man ins Herz schließt.

Ich weiß, Literatur soll einen in andere Welten führen und neue Perspektiven eröffnen. Aber manchmal ist es auch ganz hervorragend, von „normalen“ Menschen zu lesen, deren Lebensläufe dem eigenen ähnlich sind, und die trotzdem keine Millisekunde langweilen. Eine absolute Empfehlung für diesen Roman (auch wenn ich Baseball immer noch nicht verstanden habe)!

Foto: wikipedia.deChad Harbach wurde 1975 in Racine, Wisconsin, geboren. Er studierte Journalistik in Harvard und machte seinen Master an der University of Virginia. Mit mehreren Autoren und Journalisten gründete er die Literaturzeitschrift n + 1. Die Kunst des Feldspiels ist sein Debütroman, mit dem er viele Erfolge feierte.

Eine weitere Besprechung findet man bei Mara auf Buzzaldrins.

Chad Harbach: Die Kunst des Feldspiels. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner und Johann Christoph Maass. DuMont Buchverlag, Köln. 2013. OA: The Art of Fielding. Little, Brown and Company, New York. 2011. 606 Seiten.

Buch #59: Dashiell Hammett – Der Malteser Falke

Privatdetektiv Sam Spade nimmt eines Morgens mit seinem Partner den Auftrag einer jungen Dame, Miss Wonderly, an, die den Mann sucht, der ihre Schwester verführt hat. Spades Partner beginnt mit der Beschattung des Mannes, Floyd Thursby, und um zwei Uhr nachts klingelt Spades Telefon: Beide sind tot.

Die Polizei ist schnell involviert, es scheint, Thursby habe Spades Partner erschossen, aber wer für Thursbys Tod verantwortlich ist, bleibt ein Rätsel. Spade kooperiert nicht mit der Polizei und unternimmt seine eigene Untersuchung, die zuerst zu Miss Wonderly führt. Diese bittet ihn um Hilfe und Schutz, sei sie doch bestimmt die nächste, hinter der der Killer her ist. Und so nimmt eine Kriminalgeschichte den Anfang, die viele Wendungen macht.

Miss Wonderly ist nicht Miss Wonderly, aber tatsächlich wird sie gesucht. Denn sie weiß etwas, das sie nicht preisgibt, auch nicht Spade gegenüber. Sie weiß von dem schwarzen Vogel, dem Malteser Falken. Dieser ist eine wertvolle Statuette, und keiner von denen, die ihn jagen, weiß, wo er ist. Auch Miss Wonderly will von Spade, dass er den Vogel für sie findet. Ebenso wie die anderen Jäger der Statuette.

Und so hängt Sam Spade sein Fähnchen nach dem Wind. Mal kooperiert er hier, um einen Hinweis zu erhalten, mal macht er dort einen Schritt auf seine Kontrahenten zu, um die Wahrheit zu finden. Aber noch öfter macht er das, was ihm den schnellsten Vorteil bringt: er wendet Gewalt an. Und so kommt er Stückchen um Stückchen weiter, und der Leser mit ihm, aber der Leser weiß nie, worum es Sam Spade wirklich geht: Der Auflösung des Falls oder dem Besitz des Falken?

Er handelt immer opportunistisch, man kann ihn nie einschätzen. Und das ist der heutige Krimileser eher nicht gewohnt, hat man doch immer einen Ermittler, der ganz klar „gut“ ist, und einen Mörder, der ganz klar „schlecht“ ist. Bei Hammett gibt es das nicht. Man weiß nie, woran man ist, und welche Wendung die Geschichte als nächstes nehmen wird.

Das macht den Roman sehr spannend bis zum (unerwarteten?) Schluss, aber es hat auch eine negative Seite: Man bleibt der Hauptfigur fern, immer wieder windet sie sich aus des Lesers Griff, und es ist nicht möglich, Sympathie aufzubauen. Das ist verwirrend, weiß man irgendwann doch nicht mehr, zu wem man halten und wer den Vogel finden soll. Aber es ist auch realistisch, denn so sind die Menschen: Keine Schablonen, sondern sowohl „gut“ als auch „böse“.

Die Geschichte wird durch die vielen Wendungen spannend und hält diese Spannung bis zum Schluss. Interessanter ist an dem Roman aber die widersprüchliche Hauptfigur, die man nicht so oft geliefert bekommt. Und so kann ich jedem empfehlen, dieser Geschichte ein wenig Zeit zu schenken, ist die Erzählweise doch eine nicht alltägliche. Hammetts realistische Art zu schreiben bewirkt darüber hinaus, dass sich der Leser sehr gut in die jeweilige Kulisse hineinversetzen kann, es ist beinahe, als sehe man einen Film.

Der Malteser Falke gilt als einer der ersten Kriminalromane des Realismus, und Raymond Chandler sagte über ihn: „Hammett gab den Mord den Leuten zurück, die Grund haben, zu morden, und nicht nur da sind, um eine Leiche zu liefern.“ Man höre also auf Raymond Chandler und mich und lese diesen ungewöhnlichen Kriminalroman.

Quelle: Wikipedia

Samuel Dashiell Hammett wurde am 27. Mai 1894 in Maryland geboren. Nachdem er mit 13 die Schule verließ, wurde er Angestellter in der Detektivagentur Pinkerton. Diese Arbeit floss in seine Bücher ein. Seine Figuren sind aber zumeist Antihelden, allen voran Sam Spade. Noch vor Raymond Chandler gilt er als Begründer der hardboiled novel. Er war verheiratet und hatte zwei Töchter, seine große Liebe jedoch war die Dramatikerin Lillian Hellman. Er nahm an beiden Weltkriegen teil, aber aufgrund seiner Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei geriet er in die Mühlen der McCarthy-Ära. Er war im Gefängnis, und sein Vermögen wurde beschlagnahmt. 1953 musste er vor der McCarthy-Kommission aussagen, was im Fernsehen übertragen wurde. Seine Rundfunkbeiträge wurden gestoppt, seine Geschichten nicht mehr gedruckt. 1955 hatte er einen Herzanfall und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Er starb 1961 verarmt und wurde in Arlington beigesetzt.

Dashiell Hammett: Der Malteser Falke. Neu übersetzt von Peter Naujack. OA: The Maltese Falcon, 1930, Alfred A. Knopf, Inc., New York. DA: Diogenes Verlag AG Zürich, 1974. 235 Seiten.

Buch #58: Stephen King – Shining

King+ShiningJack Torrance ist einer dieser Menschen, die wohl gemeinhin als „Loser“ bezeichnet werden könnten. Nach einer unschönen Kindheit mit einem ständig alkoholisierten Vater, der gerne Prügel verteilte, und einer duckmäuserischen Mutter, die sich und ihre Kinder nicht verteidigen konnte, entfloh er seinem Elternhaus. Er wurde Lehrer, heiratete die schöne Wendy und bekam einen Sohn, Danny. Doch er konnte sein Leben nicht zusammenhalten, verfiel ebenfalls dem Alkohol, verlor seinen Job und beinahe seine Familie.

Er sieht sich eigentlich als Schriftsteller, doch auch dies läuft nicht so, wie er es sich wünscht. Eines Tages kommt er hinzu, als Danny die beschriebenen Seiten seines Stücks bemalt, sieht rot und bricht ihm den Arm. Ab diesem Punkt traut Wendy ihm nie mehr so recht, auch als er den Alkohol aufgibt und unter größten Mühen ein neues Leben beginnen will. Und hier kommt die letzte Chance ins Spiel: Jacks letzte Chance ist ein Hausmeisterjob, als Hausmeister in einem Hotel, dem Overlook, das er über den Winter, wenn es eingeschneit ist, hüten soll.

Und so packt er seine Frau und seinen Sohn ein und nimmt den Job an. Er freut sich auf die Ruhe und Einsamkeit, hofft er doch, sein Stück zu Ende schreiben und seiner Frau beweisen zu können, dass er doch etwas wert ist. Doch sein Sohn Danny hat ein schlechtes Gefühl bei der ganzen Sache. Er ist hellsichtig, und die Dinge, die er sieht, oder die ihm sein „imaginärer“ Freund Tony zeigt, machen ihm große Angst.

Er will seine Eltern warnen, den Winter nicht im Hotel zu verbringen, denn dort seien sie nicht sicher. Doch er weiß auch, dass seinem Vater dann nichts übrig bleiben würde als Jobs anzunehmen, die dieser für unter seiner Würde hält, und das würde ihn zerstören. So vertraut er seine Ängste nur dem Koch des Hotels, Dick Halloran, an, der auch ein wenig hellsichtig ist und Danny versichert, er werde ihm helfen, wenn dieser in Schwierigkeiten sei.

Und dann ist der Tag da, an dem sie alleine im Overlook zurückbleiben. Zuerst ist es sehr idyllisch und alles, was Jack sich gewünscht hat. Doch sein Sohn gerät nach und nach in den Bann des Hotel, das ihm Dinge und Menschen zeigt, die vor Jahren und Jahrzehnten geschehen sind. Und dann bleibt es nicht mehr bei Bildern, und nicht nur Danny sieht und erfährt Dinge. Als es zu schneien beginnt und das Overlook eingeschneit ist, beginnt ein Kampf um Leben und Tod, den nicht alle gewinnen werden…

Soweit ganz grob die Zusammenfassung des ersten Horrorromans meines Leselebens. Dies ist eigentlich gar nicht mein Genre, weder im Buch noch als Film, und so habe ich es bis jetzt gemieden. Aber ich muss sagen, Shining hat mich in seinen Bann gezogen. Stephen Kings Art zu schreiben entwickelt einen Sog, dem man nicht entfliehen kann, bis er den Bann selber bricht und seine Leser atemlos entlässt. Nicht, dass die Geschichte sonderlich komplex wäre, und meiner Meinung nach hätte er auch ein paar Seiten weniger darauf verwenden können. Aber: die Art, wie er eine Welt erschafft und dann kleine Details so verändert, dass die Situation eine komplett andere wird und man nie weiß, wie weit er es jetzt ernst meint, und was nur im Kopf der Figuren passiert, hat mich sehr für ihn eingenommen.

Und so kann ich Shining auch Leuten empfehlen, die wie ich nicht viel mit Horrorgeschichten anfangen können, aber sich gerne in eine rasante Geschichte hineinziehen lassen. So gruselig ist es nicht, ich fand manche Aspekte dann auch eher etwas lächerlich. Aber ob, zum Beispiel, zum Leben erwachte Heckentiere nun Jedermanns Sache sind oder nicht, King macht sie zu einem Aspekt der Geschichte, der einem den Atem dann doch ein wenig verschlägt.

Grundsätzlich habe ich Der Anschlag lieber gelesen, da mich dieses Thema mehr interessiert. Aber als Einstieg oder als Versuch, einen Blick ins Horrorgenre zu werfen, kann ich Shining gut empfehlen.

Weitere Infos zu Stephen King gibt es hier. Shining ist von Stanley Kubrick mit Jack Nicholson als Jack Torrance verfilmt worden.

Stephen King: Shining. Aus dem Englischen übersetzt von Harro Christensen. OA: 1977, Deutsche Lizenzausgabe 1982, Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe. 397 Seiten.