David Mitchell – Die Knochenuhren

Meine Lieben,

mir ist etwas passiert, das schon einigen von Euch auch geschehen zu sein scheint, das ich bisher aber immer als „Ich-doch-nicht!“ abgetan habe: Ich habe eine Lese- und vor allen Dingen Schreibflaute gehabt. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob sich das jetzt wieder gelegt hat, aber ich habe meinen Blog und somit auch Euch schon ziemlich vermisst. Ich habe trotzdem in der Zeit ein paar, wenn auch nicht viele, Bücher gelesen und beabsichtige, diese in den nächsten Wochen zu resensieren. Das erste davon hat mir eine liebe Kollegin geliehen, und es zog mich einigermaßen aus der Flaute heraus. Here we go.

Ich habe damals David Mitchells Wolkenatlas sehr geliebt, und auch sein Roman „Der dreizehnte Monat“ hat mir sehr gut gefallen. Nun bekam ich also die „Knochenuhren“ in die Finger und einmal mehr bin ich überrascht von Mitchells vielschichtiger Schreibe.

Wie der Wolkenatlas auch ist dieser Roman in mehrere Geschichten unterteilt, die in den 1980ern beginnen und bis in die Zukunft im Jahr 2043 reichen. Jede Geschichte wird von einer anderen Person erzählt, ist aber mit den anderen verknüpft. Es beginnt nun also in den 80ern, als ein wütender Teenager namens Holly Sykes von zu Hause wegläuft, weil die Eltern ihren Freund nicht gutheißen. Warum dies so ist, wird Holly schnell herausfinden, und sie läuft einfach weiter. Unterwegs trifft sie einen Bekannten aus der Schule, der ihr weiterhilft, und eine geheimnisvolle ältere Frau, die sie um etwas bittet. Am nächsten Tag jedoch bekommt sie eine schreckliche Nachricht, die ihr für den Rest ihres Lebens Schuldgefühle vermitteln wird…

Hugo Lamb ist College-Student, Schnösel und Schmarotzer. Er hat es in eine Gruppe von reichen Studenten geschafft und ist nun das Anhängsel mitten drin. In den Ferien in den Schweizer Alpen im Haus eines dieser „Freunde“ erlebt er sonderbare Dinge, die sein Leben komplett verändern werden…

Der Kriegsreporter Ed Brubeck war an den gefährlichsten Orten der Welt und hat unglaublich viel Schlimmes gesehen und erlebt. Dennoch kann er nicht von seiner Aufgabe, seiner Berufung lassen. Frau und Kind müssen zurückstecken, doch eines Tages erlebt er etwas, das ihn vollkommen aus der Bahn wirft…

Crispin Hershey ist Schriftsteller, er hatte in jungen Jahren einen Riesenerfolg und jagt diesem Ruhm seitdem hinterher. Er ist kein angenehmer Mensch, was ihn in eine ziemliche Isolation getrieben hat. Nur ein paar Bekannte hat er, die ihm weiterhelfen, aber Schuld und Sühne kann auch er nicht entkommen…

Zwischen all diesen Geschichten bestehen Zusammenhänge, unerklärliche Dinge geschehen, Menschen verschwinden spurlos, andere tauchen auf einmal wieder auf. Marinus, die Figur in der nächsten Geschichte, weiß einiges darüber, und über den großen Kampf, der ihnen bevorsteht…

Das letzte Kapitel schließt dann im Jahr 2043 an und ist etwas anders als die anderen. Zuerst war ich etwas irritiert, aber im Nachhinein hat mich dieses Kapitel am meisten beeindruckt. Tatsächlich gibt es mir immer noch zu denken und macht mich etwas paranoid, was ich unbedingt auf David Mitchells mitreißende Schreibe zurückführe. Dieses Kapitel ist, wie der ganze Roman, mitreißend und spannend geschrieben. Auch, wenn das Thema nicht unbedingt meins ist und ich vieles davon als, sagen wir einmal, „esoterisches Geschwurbel“ ansehe, war es ein spannender und unterhaltsamer Schmöker, der sich rasant weglesen ließ und mit einem Knallerkapitel endete.

Wieder einmal hat David Mitchell mir große Unterhaltung gegeben und gezeigt, dass er schreiben kann. Ich bin gespannt auf seine weiteren Bücher, und weiß, was ich bei einer eventuellen neuerlichen Leseflaute zu tun habe.

David Mitchell: Die Knochenuhren. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg.Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, September 2017. OT: The Bone Clocks. Sceptre, London, 2014. 812 Seiten.

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Bernhard Schlink – Olga

Als ich in der Vorschau den Klappentext zu diesem Roman las, wurde ich neugierig und bestellte ein Exemplar. Ich habe gedacht, es komme eine Geschichte von zwei Menschen, die im letzten Jahrhundert spielt und wie dieses Jahrhundert ihnen mitspielte und wie sie sich gemeinsam durchschlugen. Meine Erwartungen wurden nicht erfüllt.

Denn ich bekam eine vollkommen andere Geschichte als die erwartete. Schlink erzählt in Olga von einer Frau, die in eine schwierige Zeit geboren wird. Als Waise wächst sie bei ihrer Großmutter auf, die keine Liebe für sie hat. Ihre einzigen Freunde sind Herbert und Viktoria, großbürgerlich, die als Kinderfreunde ein Teil ihres Lebens werden, im Aufwachsen jedoch getrennte Wege gehen: Viktoria begibt sich vollkommen in ihren Stand, Herbert verliebt sich in Olga und möchte sie heiraten. Doch die Eltern verbieten es.

Gegen alle Widerstände geht Olga ans Lehrerinnenseminar und bekommt bald eine Stelle an ihrer alten Dorfschule. Von Viktoria verleumdet, von Herbert geliebt, baut sie sich ein Leben auf. Herbert liebt sie, aber er hat keine Ruhe, sich niederzulassen, er will die Welt sehen. Und so beginnen seine zahlreichen Reisen, die ihn immer weiter von Olga fort und doch immer wieder zu ihr zurück bringen. Bis er eines Tages nicht zurückkommt.

Olga gibt die Hoffnung nicht auf, auch als eine Bergungsexpedition nach der anderen zurückkehrt. Sie richtet sich in ihrem Leben ein, gewinnt neue Freunde, vor allem einen kleinen Nachbarsjungen namens Eik. Sie erzählt ihm von Herberts Abenteuern, und wie dieser die ganze Welt erobern wollte. Dabei wollte Olga immer nur eine kleine Welt, eine Welt für sich und Herbert. Sie schuf ein Heim, in das er zurückkehren konnte, unterstützte ihn aber auch in seinen Plänen, da sie ihn liebte.

Ja, Herbert, der gutmütige Herbert, er liebt Olga. Und er ist einer der größten Einfaltspinsel, von denen ich je las. Seine Träume von der großdeutschen Herrlichkeit, von Weite und Ruhm sind ein einziger Humbug. Olga jedoch liebt ihn und ist so froh, wenn er wieder einmal zu ihr zurückkehrt, dass sie keine Fragen stellt. Auch lange nach seinem Verschwinden nicht. Und so vergeht der Erste Weltkrieg, die Jahre dazwischen, bis der Zweite Weltkrieg sie schließlich zwingt, nach Süddeutschland zu fliehen.

Sie ist taub geworden und arbeitet nun als Näherin. So wird sie zur Verbündeten eines anderen kleinen Jungen, der ihre Hilfe braucht und bekommt. Sie wird für ihn zur wichtigsten Ansprechperson, die sein Leben nicht unwesentlich formt…

Dies alles hört sich bruchstückhaft an, aber ich wollte genügend Leerstellen lassen, damit sich potentielle Leser finden und diesen Roman ebenso lieben lernen wie ich nun. Denn als ich mich erstmal von meinen Erwartungen verabschiedet hatte (ja, es dauerte eine Weile), konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen und las atemlos weiter, fast in einem durch.

Denn Schlink hat der Erzählerstimme eine große Zartheit in seinem Bericht über Olga gegeben, sehr viel Liebe hineingelegt. Der Erzähler berichtet in Etappen von Olga, von ihrem Leben mit Herbert und wie es vor den Kriegen war, und ihrem anderen Leben danach. Ergänzend werden am Ende Briefe von Olga an Herbert eingebracht, die einige Lücken füllen. Und so entfaltet sich nach und nach der Lebensbericht über eine außergewöhnliche Frau, die nie im Rampenlicht stand und nie Großes entdeckt oder vollbracht hat.

Die aber eine erstaunliche Emanzipation vollzieht. Und auch wenn ich mir etwas mehr Geschichte und die beiden letzten Seiten hinweggewünscht hätte, bleibt mir nur zu sagen: Olga ist keine strahlende Heldin, sie ist eine stille, im Hintergrund leuchtende Heldin. Oder nein, eher so: strahlt sie vielleicht nicht vor der Geschichte, so strahlt sie im Leben des Erzählers. Und nun auch in meinem.

Bernhard Schlink: Olga. Diogenes Verlag AG Zürich, 2018. 311 Seiten.

Ich dank dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore I – Eine Idee erscheint

Es ist ein offenes Geheimnis, dass ich einer der zahlreichen Murakami-Verehrer bin und deshalb sofort seinen neuen Roman verschlingen musste (meine Rezension ist etwas spät, da bei Erscheinen jeder darüber schrieb). Also, der neue Roman, erster Teil von zweien, in wunderschöner Aufmachung, zog mich mit diesen Zeilen

„Als ich heute nach einem kurzen Mittagsschlaf erwachte, sah ich den „Mann ohne Gesicht“ vor mir. Er saß auf einem Stuhl gegenüber dem Sofa, auf dem ich geschlafen hatte, und blickte mich aus seinen nicht vorhandenen Augen an.“ (S.7)

sofort in seinen Bann. Wieder einmal ist es ein namenloser Ich-Erzähler, der hier seine Geschichte mit uns teilt. Er ist Maler und wurde gerade von seiner Frau verlassen. Daraufhin packt er seine Sachen und fährt kreuz und quer durch Japan, ziellos, so wenig Kontakt zur Außenwelt eingehend wie möglich.

Schließlich ruft er einen alten Malerfreund an, der ihm eine Hütte in den Bergen anbietet. Es ist eine schlichte Behausung, die seinem Vater gehört hat, der nun in einem Heim lebt. Dieser war ein bekannter Maler, der mit seiner Interpretation des japanischen Nihonga-Stils Berühmtheit erlangt hatte.

Der Ich-Erzähler hingegen ist Porträt-Maler, hauptsächlich porträtiert er höhergestellte Personen in Firmen. Seine Werke sind sehr beliebt, versteht er es doch, die Essenzen der Personen einzufangen. Er betrachtet es jedoch mehr als Handwerk, das seine Miete zahlt, denn als Kunst. Eines Tages bekommt er in seiner selbstgewählten Einsamkeit jedoch einen neuen Auftrag: er soll den geheimnisvollen Menshiki porträtieren, und dafür großzügig entlohnt werden.

Dann findet der Erzähler ein Bild auf dem Dachboden, das der alte Maler dort versteckt haben musste. Es heißt „Die Ermordung des Commendatore“ und ist so ganz anders als die anderen Werke des Meisters. Der Ich-Erzähler verbringt viele Stunden mit dem Bild, kann sich jedoch keinen Reim darauf machen.

Und so beginnt die Murakami-typische Sogentfaltung – ein Mensch, der eigentlich nur in Ruhe vor sich hinleben und seine Wunden lecken möchte, wird in allerhand merkwürdige und unerklärliche Situationen hineingezogen. Und da dies erst Teil 1 der Geschichte ist, bleibt der Leser mit noch mehr Fragen als Antworten zurück, als er es bei Murakami gewohnt ist…

Wer kein Murakami-Fan ist, wird auch mit diesem Roman nicht in sein Werk finden. Wer jedoch etwas für magischen Realismus übrig hat und diese besondere Verbindung von japanischer und westlicher Welt liebt, wird auch hier voll auf seine Kosten kommen. Ich würde den Roman als „typischen Murakami“ bezeichnen, in dem er viele von seinen Motiven aufgreift (wenn auch nicht alle). Dennoch ist er vielleicht leichter zugänglich als z.B. Hardboiled Wonderland  oder IQ84, in denen die erschaffenen Welten viel komplexer sind.

Wie immer ist es die ruhige Erzählweise in seiner hervorragenden Sprache (bzw. Ursula Gräfes wie immer hervorragende Übersetzung und Übertragung), die die Geschichte zu etwas Besonderem macht. Wieder erschafft er Charaktere, die so geheimnisvoll sind, dass man unbedingt mehr wissen will, und dann wirft er seinen Protagonisten in eine Situation, in der niemand wissen kann, wie er damit umgehen soll.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht, wie der Ich-Erzähler zurechtkommt und was noch auf den Leser wartet. Es ist wiederum ein gelunger Murakami, und ich fühlte mich sofort zu Hause. Das fordert mich als Leser vielleicht nicht so sehr heraus, aber es macht mich glücklich. Und ich denke, man braucht beide Arten der Lektüre, um ein rundes Leseleben zu haben.

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore I. Eine Idee erscheint. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Buchverlag Köln, 2018. OA: Kishidancho goroshi. Killing Commendatore. Shinchosha, Tokio, 2017. 477 Seiten.

Ich danke dem DuMont Buchverlag für das Rezensionexemplar.

Buch #72: Margaret Atwood – alias Grace

„Manchmal flüstere ich es nachts vor mich hin: Mörderin, Mörderin. Es ist wie ein Dreiklang.

Mörder ist nur brutal. Mörder ist wie ein Hammer, oder wie ein Stück Metall. Ich bin lieber eine Mörderin als ein Mörder, wenn die beiden die einzige Wahl sind.“ (S. 35)

Die Geschichte um Grace Marks war eine der populärsten im Kanada des 19. Jahrhunderts. Sie war des Mordes an Nancy Montgomery und Mr. Thomas Kinnear verurteilt. Ihr Mittäter, James McDermott, wurde gehängt, sie selbst bekam lebenslänglich. Der Fall erhitzte die Gemüter, da es so viele Skandale darum gab. Die Zeitungen berauschten sich an ihr, Berichte wurden über sie geschrieben; aber, damals wie heute, wusste man nie, wie weit man sich darauf verlassen konnte. Und so blieb ihre Täterschaft ein Mysterium.

Der Fall machte auch Dr. Simon Jordan neugierig, der sich mit Geisteskrankheiten beschäftigt und feststellen möchte, ob, und falls ja, welche Geisteskrankheit bei Grace vorliegt. Grace „darf“ nach 15 Jahren guter Führung im Haus des Gefängnisdirektors arbeiten, und so wird arrangiert, dass Dr. Jordan sie dort bei der Arbeit befragen darf. Die Handlung verläuft also über zwei Ebenen, die eine befasst sich mit den Umständen zur Zeit der Befragung, die andere ist Grace‘ Geschichte, die sie Dr. Jordan in ihren Sitzungen erzählt.

Es läuft eine Petition, die Grace auf freiem Fuß sehen will, und Dr. Jordan soll dazu beitragen. Dieser jedoch hat ein anderes Motiv, er will einen berühmten Fall von Geisteskrankheit, um sich einen Namen zu machen und sein eigenes Institut zu eröffnen. Grace hingegen will Abwechslung, will aus der Kargheit des Gefängnisses entfliehen, und so entspinnt sich eine Art Katz-und-Maus-Spiel, in dem Grace nach und nach ihre Geschichte erzählt, aber immer genug zurückhält, so dass Dr. Jordan zurückkommen muss, fast wie eine Sheherazade.

Darüber hinaus entfaltet Atwood ein Panorama des Kanada des 19. Jahrhunderts. Sie beschreibt die Gesellschaft und wie sie funktioniert, sie beschreibt Land und Leute und was sie bewegte. Es ist auch eine upstairs-downstairs-story, war Grace doch ein Dienstmädchen, dem nicht viel Intelligenz nachgesagt wurde, das aber genau zu beurteilen weiß, wie die Gesellschaft und ihre Herrschaft funktioniert. Sie kriegt die volle Wucht des Systems zu spüren, das für ungebildete Dienstleute nicht viel übrig hat – außer der Sensation, die sich in ihrer Geschichte verbirgt.

alias Grace ist gut zu lesen, aber dennoch kein einfacher Roman. Man liest über Armut, über das Leben in der Gosse, über Ungerechtigkeit und Vorurteile und Verurteilungen, über Schicksale, die nur in einer Konsequenz münden können und die Hilflosigkeit, nichts daran ändern zu können. Ist Grace wirklich eine kaltblütige Mörderin? Oder ist sie ein Opfer der Umstände?

Man liest aber auch einen überaus spannenden Roman, dessen Spannung durch die Erzählweise stark erhöht wird. Wie Dr. Jordan bekommt der Leser nur Stückchen für Stückchen Grace‘ Geschichte serviert, und die äußeren Umstände, in denen die Begegnungen geschehen, lassen oft genug fürchten, dass man das Ende nicht erfährt. Die Frage, ob Grace schuldig ist, hängt von vielen Faktoren ab, die sich nur nach und nach zeigen. Ob sie schuldig ist? Das empfehle ich, selbst herauszufinden.

Denn dieser Roman ist einmal mehr ein Beweis für Margaret Atwoods Erzählkunst, sie kann nicht nur Zukunft, sie kann auch Vergangenheit. Darüber hinaus bindet Atwood Ausschnitte aus den damaligen Zeitungen, aus den Reports über Grace und aus der Rezeption ihrer Geschichte, z.B. in Gedichten Emily Dickinsons, mit ein, was dem Werk eine zusätzliche Perspektive und auch Faszination verleiht. Also, wieder einmal kann ich ein Werk Atwoods nur empfehlen und wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre!

Margaret Atwood: alias Grace. Deutsch von Brigitte Walitzek. btb, 1996. OA: alias Grace. McClelland & Steward Inc., Toronto, 1996. 637 Seiten.

Ken Follett – Das Fundament der Ewigkeit

[Diese Rezension wurde in der Annahme verfasst, dass dem werten Leser gewisse historische Fakten vertraut sind und deshalb keine Spoiler vorliegen.]

Wir sind wieder zurück in Kingsbridge – zehn Jahre nach Die Tore der Welt und 27 Jahre nach Die Säulen der Erde legt Ken Follett mit Das Fundament der Ewigkeit seinen dritten Kingsbridge-Roman vor. Zweihundert Jahre sind vergangen, Mary Tudor ist gerade gestorben und ihre Nachfolge teilt die Bevölkerung Englands – soll die protestantische Elizabeth England regieren, oder die katholische Maria Stuart, Königin von Schottland?

Von dieser Ausgangssituation aus führt Ken Follett seine Leser wieder nach Kingsbridge, wo die Kathedrale langsam verfällt, seit Heinrich VIII. den Katholizismus abschaffte und auch die führenden katholischen Familien einiges an Einfluss eingebüßt haben. Zum Vorteil jedoch der Protestanten und den nach beiden Seiten hin offenen Menschen, wie Ned Willard, Kaufmannssohn einer der führenden Familien, die nicht ohne Neider auskommen. Es kommt, wie es kommen muss, Ned, der zu Hause so viel verliert, bekommt ein Angebot, in die Dienste Elizabeths zu treten und wird einer ihrer engsten Vertrauten.

Er wird ihr Spion, in ganz Europa. Und so entrollt Follett wieder einmal ein Panorama eines Jahrhunderts, diesmal des 16., und zeigt an verschiedenen Stellen und Personen die Verwicklungen der damaligen Zeit. Da sind Pierre Aumande de Guise und Sylvie Palot, die am eigenen Leib die Religionswirren in Frankreich erleben, da ist die Familie Cruz in Spanien, die mit der Inquisition konfrontiert wird, da ist die Familie Wolman in den Niederlanden, die in den Krieg um die Spanische Niederlande hereingezogen wird, und da ist Bella, die wir auf Hispaniola kennenlernen, Ebrima, der aus Afrika stammt und natürlich Schotten und Engländer beider Religionen.

Es ist ein aufregendes, gewalttätiges Jahrhundert, und wer denkt, Glaubenskriege seien etwas Neues, möge hier darüber lesen, wie Christen sich gegenseitig abgeschlachtet haben. Elizabeth führte eine Politik der Toleranz ein, aber diese war von beiden Seiten unerwünscht, da jede sich im absoluten Recht sah. Die vielen Toten auf beiden Seiten sprechen eine andere Sprache.

Wiederum hat Follett Figuren geschaffen, die mehrdimensional sind, was die Zerrissenheit der handelnden Personen widerspiegelt. (Fast) niemand ist als ganz gut oder böse einzuordnen, viele werden Opfer ihrer Zeit und Umstände, die an den Figuren aufgearbeitet werden. Und so ist man auch hier wieder nach der Lektüre um einiges klüger, kann Zusammenhänge einordnen, kann Handlungen nachvollziehen oder in einen zeitlichen Kontext stellen.

Das mag ich so an diesen historischen Romanen – Follett schreibt unterhaltsame Geschichtsstunden, hält sich aber meistens aus der Wertung heraus. Der Leser muss hier für sich selbst entscheiden, ob und auf welche Seite er sich stellt (diese Leserin hält sich auch raus). War es richtig oder wenigstens nachvollziehbar, warum Maria Stuart ihren Kopf verlieren musste, wie konnte die Bartholomäusnacht geschehen – welche Ereignisse konnten zu solch einer Grausamkeit hinführen?

Aber auch einfache Dinge wie das alltägliche Leben, Neid und Gier und Stellung in der Bevölkerung, die Arbeit eines Spions oder den Alltag auf einem (Piraten)Schiff lernt man kennen – man wird hier um ein paar Jahrhunderte zurückversetzt. Mein persönliches Highlight war die Schlacht gegen die Spanische Armada, aber es gab so viele „Höhepunkte“ in diesem Jahrhundert, der Leser möge sich seinen Favoriten selbst herauspicken.

Denn ja, wieder einmal empfehle ich Ken Follett, der Geschichte so anschaulich und unterhaltsam verpackt, dass man atemlos aus einem anderen Jahrhundert auftaucht und nicht aus einer Geschichtsstunde. Wagen Sie sich in den dunklen, langen Winternächten wieder nach Kingsbridge und fiebern Sie mit den Figuren mit in diesem düsteren, schwierigen 16. Jahrhundert.

Mehr von Ken Follett auf diesem Blog gibt es hier.

Ken Follett: Das Fundament der Ewigkeit. Übersetzung aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher. Bastei Lübbe AG, Köln. 2017. OA: A Column of Fire. Viking, 2017. 1162 Seiten.

Ich danke Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar.

Bloggeburtstag!

photo: pixabay.com

Ja, dieses Jahr habe ich endlich mal wieder dran gedacht: Heute vor sechs Jahren habe ich hier meinen ersten Blogartikel veröffentlicht. Ich wusste damals nicht, was mich erwartet, die Literaturbloggergemeinde war noch recht übersichtlich und ich habe einfach mal was in den Äther geschickt. Es lief langsam an, sehr langsam, aber irgendwann kam das erste Like, der erste Kommentar und ich fing an, mich zurechtzufinden.

Heute kann ich sagen, dass ich immer noch sehr glücklich über diesen Schritt bin, hat er mir doch eine Gruppe von Menschen nahe gebracht, die ich im Reallife nach wie vor sehr vermisse: Euch. Euch Blogger, die ihr mit so viel Leidenschaft über Literatur, den Betrieb, Kunst, Film und Fernsehen bloggt, und mir inzwischen zu einer Art Familie geworden seid. Euch allen danke ich für Eure Passion, mit der Ihr täglich mein Leben bereichert.

Ich gehöre nicht zu denen, die wöchentlich oder sogar mehrmals in der Woche einen neuen Artikel schreiben können (wie macht Ihr das bloß, müsst Ihr nicht arbeiten?!), und dieses Jahr ist nicht das beste Lesejahr für mich gewesen (obwohl ich einige sehr dicke Schinken dabei hatte). Aber trotzdem möchte ich meinen Blog nicht missen, und ich hoffe, ich werde nie die Lust daran verlieren, und dass es 2018 um einiges besser läuft (erste Vorsätze!).

Um ein wenig Revue passieren zu lassen, kommen hier meine meistgeklickten Artikel of all times (wobei die älteren natürlich mehr Chancen haben):

Erstaunlicherweise liegen mit Abstand Burroughs` „Naked Lunch“ und Mitchells „Wokenatlas“ vorne, gefolgt von Celines „Reise ans Ende der Nacht“,  Zadie Smiths „Von der Schönheit“ und Hemingways „Wem die Stunde schlägt“.

Ein wenig traurig sind die Zahlen zu meinem geliebten Projekt Nederlandstalig!, anscheinend ist die Welt nicht so sehr an dieser Literatur interessiert wie ich – was aber nur bedeutet, dass ich weiterhin „Pionierarbeit“ leisten werde!

Was ich jedoch mag, ist, dass – eher unbewusst – circa ein Drittel meiner besprochenen Bücher von Frauen geschrieben wurden. Ich denke, diese Zahl wird noch weiter nach oben gehen.

Ich habe mehrere Interviews geben dürfen, und dieses Jahr ist etwas besonders Schönes geschehen, als ich mit meinem Artikel zu Warum ich lese Aufnahme in diesem wundervollen Buch fand. Aber das Schönste an der ganzen Sache sind natürlich Eure Kommentare und Likes, die Diskussionen, die sich entspinnen und die Freude, wenn man mir mitteilt, dass ich ein neues geliebtes Buch vermittelt habe. Vielen Dank Euch allen dafür!

Da ich nun schon einmal Eure Aufmerksamkeit habe, gibt es noch eine kleine Umfrage:

Ich lass das mal bis Donnerstag offen.

So, nun wünsche ich Euch eine wundervolle Woche und hoffe, unsere schöne Gemeinschaft bleibt noch auf lange Zeit so bestehen – mit alten und neuen Freunden und Bekannten, mit vielen tollen Entdeckungen und wiedergefundenen Schätzen!

Rebecca Gablé – Die Fremde Königin

Der neue Roman von Rebecca Gablé, Die Fremde Königin, ist der zweite Teil zur deutschen Geschichte, nach Das Haupt der Welt. Er schließt im Jahre 951 an, ca. zwanzig Jahre nach den Geschehnissen des vorherigen Romans.

„Wenn Ihr leben wollt, müsst Ihr graben“, raunte der Mönch in dem ausgefransten, staubigen Habit.

Adelheid blickte nicht auf und ging weiter zur Kapelle, ohne ihren Schritt zu verlangsamen. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass der Mönch seinen Weg in entgegengesetzter Richtung fortsetzte – nicht hastig, nicht gemächlich, aber würdevoll, so wie Mönche eben gingen. Sie wusste trotzdem, dass dieser Mann nicht war, was er zu sein vorgab.

So wie alle Männer in ihrem Leben.“ (13)

Dies sind die ersten Sätze. Adelheid von Burgund, Königin von Italien, wird von einem Widersacher festgehalten, der sie zwingen will, seinen Sohn zu heiraten, um diesen so zum König zu machen. Adelheid weigert sich, weiß jedoch nicht, wie lange sie noch durchhält, ist doch ihre Tochter mitgefangen. Und so nimmt sie den Rat des Mönches an und gräbt. Es folgt eine abenteuerliche Flucht, die sie schließlich an den Hof König Ottos führt. Sie wird seine Frau.

 

Gaidemar, Adelheids Fluchthelfer, ist als Bastard aufgewachsen und weiß nicht, wer seine Eltern waren. Er genoß eine gute Ausbildung und ist nun Mitglied der Panzerreiter, einer Elitetruppe im Heer König Ottos. Ihre gemeinsame Flucht schweißt die beiden zusammen, und er wird Adelheids wichtigster Berater. Doch seine Liebe zu ihr muss er verbergen.

Es ist eine unruhige Zeit, immer wieder versuchen innere und äußere Feinde, König Otto vom Thron zu stoßen oder ihm Teile seines Königreichs abzujagen. Die Ungarn fallen von außen über das Reich her, doch auch im Inneren brodelt es, auch in König Ottos engstem Umfeld werden Intrigen gegen ihn und die seinen gesponnen, die nicht selten mit dem Leben bezahlt werden…

Rebecca Gablé hat mit Die Fremde Königin ein weiteres Mal bewiesen, dass sie ihr Handwerk versteht. Die von meiner Seite lang erwartete Fortsetzung zur deutschen Geschichte (der vorige Roman war ja wieder ein Waringham), schließt nicht unmittelbar an, wo die Geschichte aufhörte, und auch die Personen kommen nur am Rande vor. Wieder entwirft sie jedoch ein opulentes Bild davon, wie es gewesen sein mag, und man kann sich die Welt von damals durchaus so vorstellen.

Und was kann die Frau Schlachten schreiben! Auch hier liest man wieder atemlos, wie die Heere aufeinandertreffen, wie eng Sieg und Niederlage beieinanderliegen und oft gar nicht zu unterscheiden sind. Szenen wie diese haben mich aber diesmal dafür entschädigen müssen, dass ich nie so richtig Zugang zu den Figuren fand. Ich fieberte und litt nicht mit wie damals mit Tugomir, hoffte nicht so, bangte nicht so. Das tut mir immer sehr leid bei einem großen Unterhaltungsroman, der meiner Ansicht nach ja genau davon lebt.

Aber wie immer hat Rebecca Gablé natürlich genau das hingelegt: einen weiteren großen historischen Unterhaltungsroman, der Geschichte so schreibt, wie sie gewesen sein könnte. Sie recherchiert ihre Romane akribisch und die Beschreibungen der Gegebenheiten – sei es Landschaft, sei es Gebäude – vermag sie immer in die damalige Zeit zu transferieren.

Diese historischen Romane sind in meiner Familie so etwas wie Wanderpokale, jeder Gablé wird ebenso wie jeder Follett von einer Hand in die nächste gereicht. Ich belasse es normalerweise bei diesen beiden, habe dieses Jahr aber somit den Jackpot von insgesamt ca. 2000 Seiten gezogen (die Besprechung vom Follett folgt in Kürze). Und auch wenn Die Fremde Königin bei mir nicht so punkten konnte wie Das Haupt der Welt, habe ich mich doch gerne wieder auf ihre Sicht der damaligen Zeit eingelassen und angenehme Lesestunden verbracht. Ich hoffe, sie wird die Reihe weiterführen, denn es folgt ja noch einiges an interessanten Dingen – ich sage nur Barbarossa.

Eines ist mir jedoch bitter aufgestoßen, und das ist das Nachwort. Ich finde es erschreckend und verstörend, dass eine Autorin historischer Romane sich davon distanzieren muss, von bestimmten Gruppen vereinnahmt zu werden. Sie schreibt über einen König, der ein großes Reich unter sich hatte, was anscheinend von nationalistischen Wirrköpfen dazu missbraucht wird, als Beleg für die Überlegenheit des deutschen Volkes zu dienen. Mir wäre dieser Gedanke mal wieder nicht im entferntesten gekommen, dienen solche Romane für mich doch zur Unterhaltung, die mir ein paar historische Fakten liefert zusammen mit einem Bild, wie es gewesen sein könnte. Nicht mehr und nicht weniger. Ich hoffe, Frau Gablé lässt sich sich nicht davon abschrecken und schreibt diese Reihe weiter, damit sich um so mehr Menschen ein eigenes Bild machen und eine eigene Meinung bilden können – oder zumindest einen Ansatz dazu finden.

Rebecca Gablé: Die Fremde Königin. Bastei Lübbe AG, Köln, 2017. 763 Seiten.

Hier geht es zu der Besprechung von Der Palast der Meere von Rebecca Gablé.