Buch #68: Margaret Atwood – Der Report der Magd

„Glaube ist nur ein Wort, gestickt.“ (389)

„Aber ringsum an den Wänden stehen Bücherregale. Sie sind voller Bücher, Bücher, Bücher, offen sichtbar, keine Schlösser, keine Schränke. Kein Wunder, dass wir hier nicht hereindürfen. Es ist eine Oase des Verbotenen. Ich versuche, nicht hinzustarren.“ (186)

Der Report der Magd – The Handmaid’s Tale – der deutsche Titel ist hier ausnahmsweise der Bessere, weil Angebrachtere. Ein Report ist es, den Desfred uns gibt, ein Report über das Leben in einem Regime, das im späten 20. Jahrhundert in den USA entstand. Viele Faktoren spielten hinein, die Umwelt, die Umweltkatastrophen, die Religionskonflikte, AIDS, der Feminismus.

Nun ist die Welt sehr einfach. Es gibt Männer. Und es gibt drei relevante Kategorien an Frauen. Da sind die „Marthas“, die eine recht gute Stellung als Haushaltshilfe haben. Sie haben keine Rechte, sind aber vor Verfolgung mehr oder weniger sicher. Sie sind im Großen Ganzen irrelevant, nur dazu da, den Handlanger zu geben. Sie tragen grün.

Dann gibt es die Ehefrau. Die höchste Stellung, die eine Frau innehaben kann. Ehefrau. Mutter. Vorstehende des Haushalts. Repräsentation des Haushalts. Die wichtigste Position, die eine Frau haben kann. Die Wichtigste. Sie tragen blau.

Und dann gibt es die Mägde. Sie dienen als Gefäße. Falls ein hochrangiges Ehepaar nicht in der Lage ist, Kinder zu bekommen, dient die Magd als Gebärmutter. Sie trägt rot. Desfred trägt rot.

Desfred lebt als Magd bei dem „Kommandanten“, Fred, und seiner Frau Serena Joy. Sie sind kinderlos, und Desfred soll ihnen helfen. Sie wird gut ernährt und lebt wohlbehütet. Sie hat lange, verhüllende Kleider und eine Haube, die sie hindert, angesehen zu werden. Und außer einem Tunnelblick nichts zulässt. Sie darf keine persönlichen Gegenstände haben. Sie darf das Fenster nicht weiter als einen Spalt öffnen, das Glas ist bruchsicher. Sie darf nicht sprechen, außer die Floskeln, die man sie lehrte. Fromme Sprüche. Und sie darf einmal im Monat das Ritual mit dem Kommandanten vollziehen, im Schoß seiner Frau liegend, in der Hoffnung, für sie empfangen zu können.

Desfred erzählt ihre Geschichte, von ihrem jetzigen Leben, das in völliger Isolation und Abschottung von der ganzen Welt vor sich geht. Informationen zu bekommen, ist fast unmöglich. Interesse an etwas zu zeigen, kann tödlich sein. Wissen zu haben, kann zur Exekution führen.

Aber das System ist nicht vollkommen. Und Desfred gehört zur ersten Generation Frauen, die zu dieser Lebensweise gezwungen werden. Sie erinnert sich daran, wie es vorher war, als Frauen Rechte hatten, Freiheiten, Bildung, Individualität. Und sie erinnert sich daran, wie ihr alles genommen wurde. Und warum sie sich nun in ihre Rolle fügt.

Margaret Atwoods Roman aus dem Jahre 1985 ist damals ihr Durchbruch gewesen. Diese finstere Dystopie hat beim ersten Mal, als ich sie vor vielen Jahren las, so vieles bei mir ausgelöst: Ich habe eine ungeheure Faszination für Dystopien entwickelt, Margaret Atwood ist meine verehrteste Schriftstellerin, und der Anteil meiner Lektüre von Frauen liegt bei ca. 33 Prozent. All dies hat sich nun beim Wiederlesen bestätigt.

Der Report der Magd ist ein ungeheuer intensiver Roman, der perfekt kalkuliert ist. Passt man die Gegebenheiten von vor 30 Jahren an die heutigen an, ist er, gerade mit Sicht auf das letzte Jahr, wieder erschreckend aktuell. Und erschreckend ist genau das Adjektiv, das ich meine. Er nimmt einem den Atem, lässt Seite um Seite verfliegen auf der Suche nach einer Lösung, nach einem Ausweg aus dieser Situation, aus der es keinen Ausweg gibt.

Der Gedanke, dass man diese – eigentlich als Abschreckung zu verstehende – Geschichte als Handbuch nehmen könnte, hat sich mir wieder tief ins Hirn gegraben und mir einen Schlag in die Magengrube verpasst. Es darf nicht sein. Für viele Frauen ist es aber so, an so vielen Orten auf der Welt, täglich, ohne Ausweg. Man sollte dies immer vor Augen haben, immer daran denken, und dieser Roman ist eine Anmahnung all dessen.

Wie ich immer wieder zu meinem Erstaunen vernehme oder lese, gibt es anscheinend einige Menschen, die sich schwer tun mit von Frauen verfasster Lektüre. Ich kann mir beim besten Willen keinen Grund dafür vorstellen, doch scheint es so zu sein. Denjenigen möchte ich eines raten: Wenn Sie nur einen Roman, der von einer Frau geschrieben wurde, ausprobieren möchten, nehmen Sie diesen.

Denn es handelt sich auch schlicht um eine äußerst spannende Geschichte. Wie die jetzige Situation mit der damaligen und der Entwicklung zusammengebracht wird, wie stückchenweise die Welt aufgebaut und ineinander verkeilt wird, wie Desfred sich der Umstände nicht erwehren und von den Ereignissen mitgerissen wird, das ergibt einen Pageturner.

Ich weiß, das alles ist eine Menge Lobhudelei, aber ich bin diesem Roman verfallen, seit vielen Jahren schon. Er wird wohl die neue Spitzenposition in meiner Rangliste einnehmen, und mich auf jeden Fall für den Rest meines Lebens begleiten.

Ich habe den Roman ausgerechnet jetzt wiedergelesen, da ich ihn bei der Bingereaderin gewonnen habe (danke nochmal!), die ähnlich begeistert war, und weil er mit Elizabeth Moss und Joseph Fiennes als Serie verfilmt wurde, die am 26. April 2017 in den USA Premiere hat. Ich kann es kaum abwarten, jetzt noch weniger.

Margaret Atwood: Der Report der Magd. Aus dem kanadischen Englisch von Helga Pfetsch. Neuauflage im Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017. OA: The Handmaid’s Tale. MCClelland & Stewart, Houghton Mifflin, 1985; Cape 1985. 412 Seiten.

Double Feature: Stefan Zweig

Buch #67: Der Amokläufer und

Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung

Bild: wikipedia.de

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren. Er lebte von 1919 bis 1935 in Salzburg, von dort emigrierte er nach England und 1940 nach Brasilien. Nachdem er bereits als Übersetzer von Verlaine, Baudelaire und Verhaeren bekannt war, veröffentlichte er 1901 mit „Silberne Seiten“ seine ersten Gedichte. Sein episches Werk machte ihn ebenso berühmt wie seine historischen Miniaturen und die biographischen Arbeiten. 1944 erschienen seine Erinnerungen, in „Die Welt von Gestern“ erzählt er von einer vergangenen Zeit. 1942 schied er freiwillig aus dem Leben, nachdem er sich in seiner neuen Heimat Petropolis, Brasilien, nie ganz zu Hause fühlen konnte und die Angst, die Nationalsozialisten könnten sich die ganze Welt Untertan machen, Überhand nahm.

Bei Der Amokläufer handelt es sich um eine Sammlung von sieben Erzählungen, von denen hier stellvertretend die titelgebende Erzählung vorgestellt wird.

Ein namentlich unbekannter Ich-Erzähler berichtet von einer Schiffspassage von Kalkutta nach Europa im Jahre 1912. Er hat einen der letzten Plätze und somit der schlechtesten Kabinen bekommen, weswegen er seinen Rhythmus umstellt und tagsüber schläft und nachts an Deck geht, um die frische Luft und Ruhe zu genießen.Hier begegnet er eines Nachts im Dunklen einer anderen Person, die zunächst sehr nervös reagiert, sich dann aber an den Erzähler wendet, um seine Geschichte zu erzählen.

Die fremde Person war Arzt in Indien, in einer weit von aller Zivilisation gelegenen Siedlung, und hatte seine Zeit fast abgeleistet. Er war voller Tatkraft angekommen, doch die Hitze und die Einsamkeit haben ihm diese geraubt, und so verbrachte er seine Tage damit, die Zeit herumzubringen. Bis eines Tages ein unvorhergesehenes Ereignis eintrat – eine ihm unbekannte Frau bat ihn um Hilfe. Sie nannte ihren Namen nicht und war sehr bestimmt, eiskalt fast, was den Arzt fast um den Verstand brachte. Das war der Grund, warum er ihre Bitte verwehrte.

Kaum war die Dame gegangen, bereute er seine Härte und setzte ihr nach, doch ohne Erfolg. So forschte er nach und fand tatsächlich heraus, wer sie war, woraufhin er alles stehen und liegen ließ, um der Dame zu folgen und ihr seine Hilfe anzubieten. Worin diese letztlich bestand, und warum der Arzt sich auf dem Schiff befindet, sollte jeder für sich selbst herausfinden.

Diese 75 Seiten lange Erzählung liest sich in einem Atemzug weg. Zweig kreiert die tropische Stimmung so intensiv, dass man meint, die Luft höre auf, sich zu bewegen und laste schwer auf der Haut. Man sieht die Szenerie ebenso vor sich wie die eiskalten Augen der Dame, man riecht den Gestank des Schiffsmotors ebenso wie man die Weite des Sternenhimmels in der Nacht über sich sieht. Für meinen Geschmack ist es fast schon zu intensiv, ich bevorzuge ein paar Adjektive weniger, aber er versteht es doch ausgezeichnet, Stimmungen zu schaffen:

„Das Schiff war überfüllt und die Kabine schlecht, ein kleiner gepreßter, rechteckiger Winkel in der Nähe der Dampfmaschine, einzig vom trüben Blick der kreisrunden Glasscheibe erhellt. Die stockende, verdickte Luft roch nach Öl und Moder: nicht für einen Augenblick konnte man dem elektrischen Ventilator entgehen, der wie eine toll gewordene stählerne Fledermaus einem surrend über der Stirn kreiste. Von unten her ratterte und stöhnte wie ein Kohlenträger, der unablässig dieselbe Treppe hinaufkeucht, die Maschine, von oben hörte man unaufhörlich das schlurfende Hin und Her der Schritte vom Promenadendeck.“ (Amok, 71)

Im letzten Jahr brachte der Topalian & Milani Verlag zwei weitere Novellen von Zweig heraus: Buchmendel und Die unsichtbare Sammlung. Die Ausgabe ist ein wundervoller Band, in der jede der Novellen mit Illustrationen versehen ist, Die unsichtbare Sammlung mit Illustrationen von Florian L. Arnold, Buchmendel illustrierte Joachim Brandenberg, ein Nachwort zum Leben Zweigs rundet die Ausgabe ab.

In Die unsichtbare Sammlung berichtet ein Kunstantiquar dem Erzähler von einem Erlebnis, das ihn sehr beeindruckt hat. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise, als Geld wertlos geworden war, kauften die Reichen nun Kunst – Bilder, Statuen und auch Stiche. Dies ging so weit, dass kaum noch Gegenstände zum Handeln vorhanden waren, bis er sich an einen alten Kunden erinnerte, der seit 1914 treuer Kunde gewesen war und eine umfassende Sammlung an Stichen zusammengetragen hatte. Er beschloss, diesen Herrn zu besuchen, und nicht wenige Überraschungen erwarteten ihn…

Buchmendel, wie immer von einem Ich-Erzähler ausgehend, berichtet von einem Mann, den der Erzähler vor vielen Jahren in Wien kannte und dessen er sich bei einem Besuch erinnert. Dieser Herr, Buchmendel, verbrachte seine Tage in einem Café, immer dasselbe Café, immer am selben Tisch. Als der Erzähler dort hingeht, findet er jedoch einen neuen Besitzer vor, der Buchmendel nicht kennt. So stellt der Erzähler Nachforschungen an… Dieser Buchmendel war ein Mensch, der jedes Buch kannte, der jedes Buch beschaffen konnte und der jeden Preis wusste. So hatte er sein kleines Auskommen im Beschaffen und Vertreiben von Büchern, für die er ein photographisches Gedächtnis besaß, die er aber nicht las. Auch in normalen, dem Überleben wichtigen Dingen, war er nicht sehr bewandert, und so kam eines Tages eins zum anderen…

Die Illustrationen geben den Novellen einen ganz besonderen zusätzlichen Reiz. Zweig erzählt keine schönen Geschichten, an seinen Erzählungen ist immer etwas faul, und dass der Ich-Erzähler alles entweder selbst erlebt oder aus erster Hand erfährt, bringt die Ereignisse noch näher. Dazu kommen die Zeichnungen, die eine zusätzliche Intensität kreieren, und die Geschichten werden nicht so schnell wieder vergessen. Auch wenn Zweig für mich persönlich vielleicht etwas überladen schreibt, haben die Erzählungen doch einen Eindruck hinterlassen, und jeder, der sich auf einige dieser Geschichten einlässt, wird die große Verzweiflung Zweigs an der Welt erkennen können, selbst wenn sie nirgendwo so eindringlich illustriert wird wie an seiner „Schachnovelle“, die mich seit nunmehr bestimmt 15 Jahren nicht mehr loslässt.

Stefan Zweig: Der Amokläufer und andere Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1989. 203 Seiten.

Stefan Zweig: Buchmendel. Die unsichtbare Sammlung. Topalian & Milani Verlag, 2016. 152 Seiten.

Ich danke dem Topalian & Milani Verlag für das Rezensionsexemplar.

Virginia Woolf – Ein Zimmer für sich allein

„Aber, so werden Sie sagen, wir baten Sie doch, über Frauen und Fiction zu sprechen – was hat das mit einem Zimmer für sich allein zu tun? Ich will versuchen, es zu erklären.“ (S.7)

Virginia Woolf bekommt den Auftrag, einen Vortrag über Frauen und Fiction zu halten (mit Fiction ist jede Art von erzählender Prosa gemeint, A.d.Ü.). Dies stellt sie vor einige Probleme, zum ersten, wie dies wohl gemeint sein könnte – wie Frauen sind, wie Frauen schreiben, wie über Frauen geschrieben wird, oder alle drei Teile? Sie stellt schnell fest, dass die Fragen nicht beantwortet werden können und bietet als „Ersatzantwort“:

„Alles, was ich tun konnte, war, Ihnen eine Meinung über einen weniger wichtigen Punkt anzubieten – eine Frau muß Geld haben und ein Zimmer für sich allein, wenn sie Fiction schreiben will; und das läßt, wie Sie sehen werden, das große Problem der wahren Natur der Frau und der wahren Natur von Fiction ungelöst“ (S.8)

1928 gibt es schon ein paar Frauen, die sich einige Lorbeeren verdient haben, Woolf denkt hier z.B. an die Brontës, Jane Austen, Nancy Mitford, George Eliot oder Elizabeth Gaskell – aber wenn man an den schier unüberblickbaren Wust an von Männern hervorgebrachter Literatur denkt, sind die Werke der Damen verschwindend in der Minderzahl.

Wie sollte es auch anders sein? Frauen waren seit Jahrhunderten hauptsächlich zum Gebären und Kochen da, nicht, um sich intellektuell zu bilden und dies auch noch in die Welt zu posaunen. Die katholische Kirche hat Frauen, die sich geweigert haben, als Hexen verfolgen lassen, sie hat die Frauen zum Eigentum der Männer gemacht (ja, bis 1976 musste der Ehemann die Erlaubnis geben, dass seine Frau arbeiten darf), ja, nächstes Jahr jährt sich der Tag der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland erst zum 100. Mal und ja, nach wie vor verdienen Frauen ca. ein Fünftel weniger als Männer.

Es gab natürlich immer Frauen in der Literatur – man nehme nur die Bibel und ihre Exegesen über die Stereotypen der „Hure“ und der „Heiligen“, oder Frauen als die großen „Verführerinnen“, oder Frauen als „unerreichbare Wesen, die man anbetete“ usf., kurz, Frauen als von Männern erschaffene Kreaturen. Und auch in der Wissenschaft wurden sie so gut wie nie berücksichtigt – wie viel Forschung gab es z.B. über Frauen im Mittelalter, ihre Lebensweise, ihre Bildung?

„Gelegentlich wird eine einzelne Frau erwähnt, eine Elizabeth oder eine Mary; eine Königin oder eine große Adlige. Aber unter gar keinen Umständen konnten Frauen der Mittelklasse, die nichts zur Verfügung hatten als ihren Verstand und ihren Charakter, an irgendeiner der großen Bewegungen teilhaben, die, zusammengetragen, das Bild des Historikers von der Vergangenheit ausmachen. Noch werden wir sie in irgendeiner Anekdotensammlung finden.“ (S.52)

Es geht natürlich nicht nur um die Schriftstellerei, Frauen war Wissen im Allgemeinen nicht zugänglich. Man möge sich einmal vorstellen, wie weit die Welt sein könnte, wenn die anderen 50 % an Forschung, an Arbeit, an langen Stunden des Versuchens und Scheiterns und schließlich des Fortschritts stattgefunden hätten. Aber die Damen hatten ja anderes zu tun – sie mussten für die Kinder sorgen. Und Kinder und ein eigenes Gehirn schlossen sich anscheinend kategorisch aus.

Die Natur schreibt nach wie vor vor, dass Frauen die Kinder bekommen. Aber die Gesellschaft ist, zumindest hier, ein Stück weiter gekommen, und Frauen bekommen mehr Unterstützung, so dass sie die Möglichkeit zu Zeit mit sich und ihren Gedanken haben können, und Muße, um ihr Hirn einzusetzen. Aber, und das möchte Virginia Woolf sagen, es geht nicht ohne ein Zimmer für sich allein. Ein Zimmer, in dem kein Esstisch steht, in dem niemand unterhalten werden möchte, in das keiner mit seinen Problemen kommt. Ein Zimmer, in dem sich nur die Frau und ihre Gedanken befinden. Lasst Frauen mit ihrer Bildung, ihren Gedanken, ihrer Tatkraft in Ruhe machen, und es können wunderbare Dinge geschehen. Lange genug ist das nicht geschehen.

Unsere Welt hier hat sich in den letzten Jahrzehnten ein ganzes Stück in die richtige Richtung bewegt. Die Frauen sind in der Forschung angekommen, die Frauen forschen und werden erforscht, Jahrhunderte an Schicksalen werden aufgearbeitet, Ansichten und Arbeit fließen mit ein.

Wenn es jetzt noch so weit kommen könnte, dass egal ist, ob Frau Rock oder Hose, ausgeschnittenes Top oder hochgeschlossene Bluse trägt, egal ist, dass Frau vielleicht in eine Pause gehen muss, um Kinder zu bekommen, und sie danach wiederkommen kann, wenn alle Personen das Gleiche für Gleiches bekommen und niemand mehr einfach zu Material zum „grabben“ degradiert wird, dann sind wir noch ein wenig weiter. Virginia Woolf würde das wohl gutheißen.

Dieses kleine Büchlein, das zwei Vorträge von Virginia Woolf aufgreift, ist ein wahrer Augenöffner. Ich glaube, viele Frauen in unseren Breitengraden denken, es sei doch schon so weit und alles okay, und man müsse nun nicht mehr weiterarbeiten zur vollständigen Gleichstellung. Woolf öffnet hier die Augen, sagt, Ladies, hört zu, passt auf, seht Euch um. Sie gibt die Denkanstöße, auf denen man auch heute noch so vieles aufbauen kann – und jede Person sollte dies tun.

Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein. Aus dem Englischen von Renate Gerhardt. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1981. OA: A Room of One’s Own“. Copyright 1929 by Quentin Bell and Angelica Garnett.

Porträt von Virginia Woolf als Straßenkunst in São Paulo, Brasilien (2007), via Wikipedia.de

Virginia Woolf wurde am 25.1.1882 als Tochter des Biographen und Literaten Sir Leslie Stephen in London geboren. Bereits mit 22 Jahren bildete sie gemeinsam mit ihrem Bruder den Mittelpunkt der intellektuellen ›Bloomsbury Group‹. Zusammen mit ihrem Mann, dem Kritiker Leonard Woolf, gründete sie 1917 den Verlag ›The Hogarth Press‹. Ihre Romane, die zur Weltliteratur gehören, stellen sie als Schriftstellerin neben James Joyce und Marcel Proust. Schon sehr früh engagierte sie sich für die Frauenbewegung und gemeinsam mit ihrem Mann für die sozialistischen Bestrebungen der Labour Party. Am 28.3.1941 schied sie freiwillig aus dem Leben. (s. o.a. Ausgabe)

Nederlandstalig! Gerbrand Bakker – Oben ist es still

Nach der Lektüre des tagebuchartigen Jasper und sein Knecht wollte ich unbedingt mehr von dieser ruhigen, lakonischen Sprache, mit der Gerbrand Bakker erzählt. Und so lag unterm Weihnachtsbaum Oben ist es still, Bakkers Debütroman aus dem Jahre 2006, mit dem er den International IMPAC Dublin Literary Award gewann. Meiner Meinung nach völlig zurecht.

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Bild: pixabay

„Merkwürdig: auf einmal so ein Aufhebens davon zu machen, daß ich der letzte van Wonderen bin. Ich erwarte bei mir keine Eigen-Fleisch-und-Blut-Gefühle; ohne Frau, ohne Kinder und mit einem verbrauchten Vater, der meines Wissens nie ein Wort über die Familie verloren hat. Ist es der Hof? Unser Hof, mit allem, was dazugehört, Gebäuden, Tieren, Land – etwas, das ich nicht hatte haben wollen, das mir aufgezwungen wurde, mit dem ich dann vielleicht aber im Lauf der Zeit doch verwachsen bin?“ (S.133)

In Oben ist es still erzählt Bakker die Geschichte von Helmer, einem Bauern in seinen Fünfzigern, der einen großen Schritt in seinem Leben wagt: Er verfrachtet seinen bettlägerigen Vater ins Obergeschoss und übernimmt den Rest des Hauses. Dies ist ein großer Schritt, da der Vater bisher Helmers Leben bestimmt hat, und Helmer bisher nicht viel selbst entschied. Nun kauft er neue Möbel und richtet sich ein, wie er es möchte. Und seinen Vater besucht er „oben“, wenn er Lust darauf hat.

Helmer hat keine Familie, die Nachbarsfrau und ihre beiden Söhne dienen hier ein wenig als Ersatz. Aber im Großen und Ganzen ist es ein eintöniges und einsames Leben, das Helmer führt. Keine Familie, keine Freunde, keine Bekannten. Nur das Versorgen der Tiere, tagein, tagaus, besonders der Einzigen, die ihm wirklich selbst gehören, seine beiden Esel. Die namenlos sind.

In Rückblenden entspannt sich nun Helmers Lebenslauf, vor allem angespornt durch einen unerwarteten Brief: Er soll den jungen Henk bei sich aufnehmen, da seine Mutter nicht mehr mit zurechtkommt. Der junge Mann wirbelt sein Leben ziemlich durcheinander und zwingt ihn, sich Fragen zu stellen, die er vielleicht viel früher hätte stellen sollen… und er gelangt zu Antworten, für die es nun vielleicht zu spät ist.

Oben ist es still ist ein ruhiger Roman, der nicht von der aufregenden Handlung, sondern von dem kargen Tableau lebt, das Bakker entwirft. Ein beschränktes Setting, eine kleine Anzahl an Personal – und so viele große Fragen. Vieles bleibt angedeutet, unausgesprochen, ungewiss – ein Leben wird reflektiert, das andere vielleicht schon längst hätte verzweifeln lassen. Aber was ist das Rezept zum Glück, was ist das Glück, groß oder klein, und bis wann muss man es erlebt haben?

In Jasper und sein Knecht schreibt Bakker auch über diesen Roman, und ich bin mit mehr Wissen in die Lektüre gegangen, als mir eigentlich zugestanden hätte. So war vieles nicht ganz so offen, wie es dem Roman zugedacht war, da Bakker über die gestrichenen Szenen spricht und über das Ende. Ich bin froh, dass es so war, ich hätte mit den Andeutungen leben können, aber mit der Szene im Kopf war doch einiges klarer. oben-ist-es-still

Ein Roman, eine Art Tagebuch – Bakker von zwei Seiten. Er ist kein fröhlicher Schriftsteller, kein reißerischer, kein Mann der schnellen Handlung (zumindest erwarte ich bei seinen anderen Romanen nicht das Gegenteil), er ist ein Schriftsteller des Details und der Atmosphäre. Hier fühle ich mich abgeholt und aufgehoben, und ich könnte ewig weiterlesen. Sein Stil liegt bestimmt nicht jedermann, aber bei mir trifft er ins Schwarze. Ich liebe seine Art zu schreiben, und ich hoffe, dass er doch noch weitere Romane in Angriff nimmt. Derweil werde ich mit der Zeit seine anderen Bücher erkunden und freue mich schon sehr darauf.

Oben ist es still wurde unter dem englischen Titel „The Twin“ verfilmt.

Weitere Besprechungen gibt es bei buchpost und ZeichenundZeiten und im Bücherwurmloch.

Gerbrand Bakker: Oben ist es still. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp Verlang Frankfurt am Main, 2008. OA: Boven is het stil. Uitgeverij Cossee BV, Amsterdam, 2006. 316 Seiten.

Buch #66: Kazuo Ishiguro – Alles, was wir geben mussten

Vor dem Lesen dieser Rezension: Sie enthält Spoiler und könnte eventuell die Leselust auf den Roman verderben.

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Tja, nun. Selten habe ich mich so schwer getan, etwas über einen Roman zu schreiben. Vor allem, da ich nach der Lektüre von Was vom Tage übrig blieb sehr gespannt auf dieses Buch war, dessen Verfilmung ja auch eher positiv besprochen wurde. Zudem eine Dystopie, was konnte also groß schiefgehen? Nun, so ziemlich alles.

Die Geschichte in Alles, was wir geben mussten wird von Kathy B. erzählt, einer, wie anzunehmen ist, jungen Frau, die in einem Internat aufwuchs. Sie erzählt von dieser Zeit und ihrem täglichen Leben dort, von der Schule und von ihren Freunden, insbesondere von Ruth und Tommy. Kathy und Ruth sind beste Freundinnen, Tommy ist ein jähzorniger Junge, der sich aber im Laufe der Zeit fängt und mit Ruth zusammenkommt.

Kathy erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in dem Institut, Hailsham, von ihren „Aufsehern“, von ihren Tauschmärkten, auf denen sie ihre eigenen „Kunstwerke“ gegen andere tauschen, von „Madame“, die regelmäßig vorbeikommt und „Kunstwerke“ für ihre Galerie mitnimmt. Sie wundern sich darüber, bekommen sie doch keinen Gegenwert, und Madame ist ihnen auch unheimlich, sieht sie sie doch eher an, als seien sie wilde Tiere.

Im Laufe der Erzählung gibt es also einen kleinen Hinweis nach dem anderen, aber es dauert sehr lange, bis der Leser weiß, was los ist. Der Roman ist in drei Teile geteilt, der erste erzählt von der Schulzeit, der zweite von der Zeit danach, und der dritte dürfte Kathys unmittelbare Vergangenheit darstellen. Langsam, sehr langsam entziffert sich der Leser also, was Kathy sagen will, nämlich dass sie alle Klone sind, die nur dem Zweck dienen sollen, ihre Organe zu spenden. Diese Spenden erfolgen anscheinend Stück für Stück, wobei manche nach der zweiten „abschließen“, manche bis zur vierten durchhalten, wonach ihnen alle bleibenden Organe entnommen werden und sie dann „abschließen“.

Nun braucht man aber nicht zu denken, dass irgendeiner der Klone damit größere Probleme zu haben scheint. Sie nehmen alles hin, wie es ist, und tun das, was sie tun sollen. Gerade Kathy ist sehr ergeben, nicht nur ihrer Zukunft, sondern ihrer ganzen Welt gegenüber. Ihr Erzählstil ist äußerst ruhig, emotionslos, wie ein Bericht. Und so berichtet sie, wie sie Ruth und Tommy hilft, wie sie sie wieder zusammenbringt, wie sie emotionale Momente mit Tommy verbringt, aber auch, wie sie nie etwas sagt, bis Ruth den beiden schließlich die Erlaubnis gibt, zusammen zu sein, sehr spät erst allerdings, als Tommy schon angefangen hat zu spenden. Nun ja, dann haben sie halt dann eine schöne Zeit.

Ebensowenig stellt Kathy jemals eine Frage zu ihrer „Aufgabe“. Sicher, sie wundern sich alle, wissen unterbewußt, dass mit ihnen etwas anders ist, aber sie graben lieber nicht zu tief. Zufällige Bemerkungen ihrer „Aufseher“ werden zwar registriert, aber nicht weiter hinterfragt. Als sie aus der Schule entlassen werden, erfahren sie gerüchteweise, dass Paare, die nachweisen können, dass sie sich wirklich lieben (wie auch immer das funktionieren soll), sich zurückstellen lassen können. Aber auch da forschen sie nie nach, bis Ruth ihnen sagt, sie sollen es tun. Auch das wieder viel später. Als sie dann schließlich hinter einige Geheimnisse von Hailsham kommen, auch das eher zufällig, wissen sie zwar mehr, nehmen aber auch das hin.

So ist dies ein Roman über „Schafe“, die sich willig zur Schlachtbank führen lassen, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Organspende wird hier in diesem Sinne dargestellt. Ich weiß allerdings beim besten Willen nicht, warum man ihnen ein Organ nach dem anderen entnimmt und sie sich dann erholen lässt, wobei, wenn man es so betrachten wollte, es sicherlich besser wäre, wenn schon, dann alle auf einmal zu entnehmen und den Körper keiner Regeneration auszusetzen, zumal es ja auch nicht lange weitergehen kann und dann doch alle entnommen werden.

So hat diese ganze Sache natürlich einen Beigeschmack, der sich, wie ich mir vorstelle, doch in dem einen oder anderen Kopf festsetzt und Menschen davon abhält, einen Ausweis auszufüllen. Als ein Mensch, der in unmittelbarem Umfeld eine Spende miterlebt hat, kann ich das absolut nicht nachvollziehen. Ich habe den Ausweis, seit ich 18 bin, und wenn ich tot bin, können sie gerne alles von mir haben, ich brauche es dann nicht mehr. Aber andere Menschen schon. Andere Menschen können dann weiterleben. Andere Menschen können bei ihren Familien bleiben, oder welche gründen, oder ihre Leben weiterleben. Würden mehr Menschen so denken, bräuchte man sich über solche Szenarien keine Gedanken zu machen. So einfach ist das.

Ich habe, als ich das Buch zuschlug, andere Meinungen darüber gelesen, weil ich so unglaublich erzürnt war und wissen wollte, wie es ankam (tatsächlich hauptsächlich positiv). Viele sprechen von einer Parabel auf die Gesellschaft, die Menschen, die sich nicht wehren, die ihr Leben tagein, tagaus leben ohne eine Nachfrage. Das mag ja sein, aber ich bezweifle, dass diese Menschen das Buch erreicht und sie aufrüttelt. Oder geht es vielmehr darum, dass Gentechnik die Ausgeburt der Hölle ist? Dass aber gezeigt werden soll, dass Klone auch menschliche Menschen sind, und man sich deshalb viele Gedanken darüber machen sollte, ob man sie erschafft? Geschenkt. Ich weiß wirklich nicht, was ich über diesen Roman sagen soll, außer, dass ich es für eine riesige Zeitverschwendung halte, dieses Manifest des Übersichergehenlassens zu lesen, und für eine riesige Unverschämtheit, das vor einem Thema auszubreiten, das Menschen davon abhalten könnte, Menschenleben zu retten.

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Das einzig Gute war, dass ich bemerkt habe, dass ich nach meinem Umzug keinen aktuellen Ausweis mehr hatte. Man bekommt sie beim Arzt, in Apotheken, beim Blutspenden, als Download.

Und wenn Ishiguro Eindruck hätte machen wollen, hätte er eine Heldin kreieren sollen, die um sich, ihr Leben, ihre Liebe kämpft, damit man beim Zuschlagen des Buches wenigstens nicht das Gefühl hat, in einen dumpfen Wattebausch gesteckt worden zu sein, und sich feste schütteln will, damit irgendene Bewegung entsteht. Wie gesagt, mir ist klar, dass viele viele Leser diesen Roman für unglaublich gut und unglaublich weise halten, aber ich weiß nicht warum. Und, mich wird auch keiner vom Gegenteil überzeugen können, deswegen bitte ich darum, mir dies zu ersparen.

Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Wilhelm Heyne Verlag, München. Verlagsgruppe Random House. 2016. OA: Never let me go. Faber and Faber Ltd., London. 349 Seiten.

Ich danke Random House für das Rezensionexemplar.

Nederlandstalig! Gerbrand Bakker – Jasper und sein Knecht

„Ich habe eine Theorie. Psychologen und Psychiater werden mich bestimmt tüchtig auslachen. Sie lautet, dass es grob gesagt zwei Arten von Depressiven gibt. Die Ängstlichen und die Ich-leg-mich-ins-Bett-und-steh-nie-wieder-auf-Depressiven. Die Ängstlichen leiden öfter an allerlei »Begleiterscheinungen« wie Zwangsgedanken, Phobien und noch viel mehr. Sie wollen von dieser Angst befreit sein, sie wollen keine Zwangsgedanken haben, sie wollen nicht immer leise gegen ein unsichtbares Etwas kämpfen müssen.“ (S. 270)

Gerbrand Bakker hat mit Jasper und sein Knecht ein sehr persönliches Buch geschrieben, eine Art Tagebuch, das etwas mehr als ein Jahr in seinem Leben erfasst und am 3. Dezember 2014 beginnt. Bakker ist ein niederländischer Schriftsteller, der mit seinem Debütroman Oben ist es still und den darauf folgenden große Erfolge feiern konnte. jasper

Nun hat er sich ein Haus in der Eifel gekauft, ein altes Haus, an dem es eine Menge zu tun gibt. Außerdem hat er sich einen Hund zugelegt, Jasper, ein Findelkind von der Insel Thassos. Und so leben die beiden nun in dem Haus und versuchen, gemeinsam zurecht zu kommen. Dies ist oft nicht einfach, Bakker hat keine Ahnung, was Jasper in seinem früheren Leben erlebt hat, und der Hund hat einige merkwürdige und schwierige Eigenheiten, ebenso wie sein Herrchen.

Und wie das Haus. Vieles wird renoviert oder umgebaut, und vor allem der Garten ist Bakkers Leidenschaft, mit seiner Vogelfutterstelle. Vor den Romanen hat er schon ethnologische Bücher geschrieben, er kennt sich also aus und liebt es, die Vögel in seinem Garten zu beobachten, kann auch ganz freudig aufgeregt werden, wenn seltene Besucher vorbeischauen.

In Jasper und sein Knecht schildert Bakker nun sein Leben in diesem Jahr, sein Leben in der Eifel, in seinem zweiten Haus in Amsterdam (man hat ja Verpflichtungen als Autor), in seiner Umgebung mit den Menschen in ihr. Dies tut er in einer ganz speziellen, unaufgeregten Art. So beschreibt er etwas, das geschehen ist, und von dort lässt er seine Gedanken schweifen… zu seiner Jugend, seiner Familie, den Dingen, die sein Leben geprägt haben.

Und so entsteht ein ganz intimes Portrait eines Mannes, der Schwierigkeiten hat, und lange Zeit nicht wusste, was das ist, was ihn quält, wie er damit umgehen soll, was er dagegen tun kann. Er stand immer außerhalb, sah den anderen Menschen zu, unfähig, teilzuhaben. Und unfähig, diese Unfähigkeit zu benennen. Bis es irgendwann klar ist, was viel und genauso nicht viel nützt, da es nie weggehen wird. Man kann nur damit leben.

Dies alles ist aber keineswegs eine deprimierende oder depressive Lektüre. Sie ist ehrlich, manchmal heiter, manchmal melancholisch, und sehr erhellend. Hier gibt jemand seinen Lesern zu verstehen, wie es ist, und ich denke mir, dass er entweder erreicht, dass Menschen, die ähnliche Probleme haben, fühlen, dass sie vielleicht nicht die einzigen sind mit den schwarzen Strudeln und dem immerwährenden Kampf. Oder dass Menschen, die es nicht kennen, sich ein wenig einfühlen können, es ein wenig nachvollziehen können, verstehen können, wie es diesen Menschen geht.

Wem das noch nicht genug ist: Neben wundervollen Naturbeschreibungen, in denen seine Liebe für Flora und Fauna offensichtlich wird, ist Bakker in seinem Buch radikal ehrlich, und das beinhaltet nicht nur seine Befindlichkeiten zu sich selbst oder seinem nächsten Umfeld, sondern auch seine Gedanken über Gott und die Welt, genauer gesagt, z. B. den Literaturbetrieb in den Niederlanden und im Allgemeinen, seine Landsleute, seine neuen Landsleute, Meinungen zu Fernsehsendungen und Artikeln und dergleichen mehr. Und das sind keineswegs immer freundliche Gedanken. Ich frage mich, mit wem er alles Ärger bekommen hat, auch wenn das Lesen diebische Freude bereitet.

Vielleicht sollte er dies in einem nächsten Buch, das vielleicht das Jahr 2016 bzw. nun 2017 umfasst, niederschreiben. Ich könnte jedenfalls ewig weiterlesen, und bin Gerbrand Bakker sehr dankbar für viele neue Gedanken, die sehr tröstend waren. Dies ist eine Liebeserklärung an ein Buch, das eines meines beiden Highlights im vergangenen Jahr war, und bestimmt noch lange, lange Zeit bleiben wird.

Gerbrand Bakker: Jasper und sein Knecht. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp Verlag Berlin 2016. OA: Jasper en zijn knecht, De Arbeiderspers, Amsterdam 2016. 446 Seiten.

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Besprechungen gibt es bei literaturleuchtet und Herrn Hund und ZeichenundZeiten.

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Bild: suhrkamp.de

Gerbrand Bakker wurde am 28. April 1962 in Wieringerwaard geboren. Er studierte Sozialwissenschaften in Leeuwarden, und Sprach- und Literaturwissenschaft in Amsterdam, außerdem hat er ein Diplom als Gärtner. Sein erstes Buch war ein Jugendbuch, Birnbäume blühen weiß. Mit seinem ersten Roman, Oben ist es still (2006) gelang ihm der Durchbruch. Seither hat er noch drei Romane und Jasper und sein Knecht veröffentlicht. Er hat zahlreiche Preise erhalten, unter anderem den hochdotierten IMPAC Dublin Literary Award.

2016 – ein kurzer Rückblick

2016 war kein gutes Jahr, und ich habe die Befürchtung, es soll uns nur vorbereiten auf das, was noch kommt. Dennoch – den Kopf in den Sand zu stecken hilft auch niemandem. Hoffen wir also darauf, dass die meisten Menschen vernünftig bleiben und sich ihren Anstand bewahren, dann wäre man ja schon mal ein Stück weit.

Mein Lesejahr war auch nicht so gut, ich habe sehr viele Bücher nur teilweise gelesen, um sie dann abzubrechen, weil es nicht der richtige Zeitpunkt für sie war. Das Gute daran ist allerdings, dass ich keinen Leseflop aufzuweisen habe – der hat es nie soweit geschafft 🙂

Und hier kommen meine Highlights, in chronologischer Reihenfolge:

 

Chad Harbach – Die Kunst des Feldspiels.

Ein Coming-of-Age-Roman, der an einem amerikanischen College angesiedelt ist und sich um Baseball dreht. Kann nicht interessant sein? Irrtum, dieser Roman hat alles, was ein guter Schmöker braucht.

 

 

Emily Bronte – Sturmhöhe

Ein Klassiker, der nicht die identifikationsfreundlichsten Figuren aufweist, dafür aber eine Sprache und Atmosphäre, die man so schnell kein zweites Mal findet.

 

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Anna Enquist – Das Meisterstück

Ein Roman wie ein komplexes Musikstück, ein Meisterstück. Wer einen Einstieg in die niederländische Literatur sucht, ist hiermit gut beraten.

 

Bild: suhrkamp.de

 

Don Winslow – Tage der Toten

Einer der besten Krimis, die ich je las, und mein Krimi des Jahres.

 

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Niña Weijers – Die Konsequenzen

Ein Debütroman, der mich eingesogen und als begeisterter Fan wieder ausgespuckt hat. Eins meiner beiden absoluten Highlights des Jahres!

 

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Sylvia Plath – Die Glasglocke

Muss man hierzu wirklich noch etwas sagen?!

 

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Charlotte Bronte – Jane Eyre

Die Geschichte einer jungen Frau, die ihren Weg im Leben sucht. 150 Jahre alt, immer noch aktuell.

 

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Gerbrand Bakker – Jasper und sein Knecht

Mein zweites absolutes Highlight in diesem Jahr. Dieses Buch hat mir unglaublich viel gegeben – die Rezension folgt.

 

Und nun bleibt mir eigentlich nur, Euch allen einen guten Rutsch und ein wirklich fantastisches Jahr 2017 zu wünschen. Danke an die Leser, die mich schon so lange begleiten und Willkommen an alle neu Hinzugekommenen. Ich freue mich auf ein weiteres tolles Lesejahr mit Euch allen!