Buch #30: Neal Stephenson – Cryptonomicon

Ein 1200-Seiten-Wälzer mit vier Handlungssträngen auf zwei Zeitebenen… wow. Und dies ist nicht alles, es gibt zahlreiche Nebenhandlungen, die durchaus erwähnenswert wären, den Rahmen hier jedoch sprengen würden.

Die erste Zeitebene ist die des Zweiten Weltkriegs. Hier haben wir zum einen Lawrence Pritchard Waterhouse, einen genialen Mathematiker, der nach einigen Verwicklungen zu einem Geheimkommando kommt, das deutsche Kryptographiesysteme entschlüsselt. Dies sind hauptsächlich Funksprüche der Wehrmacht. Waterhouse ist ein Mensch, der mit anderen Menschen nicht allzu gut zurechtkommt, aber in der Welt der Mathematik ist er fast einzigartig. Es dauert allerdings einige Zeit, bis das festgestellt wird.

Ebenfalls auf merkwürdigem Wege, der ihn über Manila und die Philippinen führt, stößt Bobby Shaftoe, ein amerikanischer Corporal, zu dieser Truppe. Er entschlüsselt allerdings nicht, er führt geheime Missionen aus. Shaftoe ist eine Person, die man als Haudegen bezeichnen könnte; vor welche Probleme er auch immer gestellt wird, er geht sie unerschrocken an und stellt sich ihnen. Aber dies geht nicht immer unter Befolgung der „Befehle von oben“…

Zwei nicht ganz so ausführliche Handlungsstränge behandeln zum einen Enoch Root, einen Priester, der immer wieder in die Ereignisse verwickelt wird, und auch im späteren Zeitstrang wieder auftaucht. Und Goto Dengo, ein japanischer Soldat, der alles Elend des Krieges abbekommt und nach einer Odyssee, bei der fast zu ertrinken und dann anschließend fast von Kannibalen gegessen zu werden nur einige Stützpunkte sind, und der  schließlich ein geheimes Goldlager anlegen soll und wird.

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Der andere Handlungsstrang behandelt Ende der 90er Jahre hauptsächlich Randall (Randy) Lawrence Waterhouse, ein klassischer Nerd, Enkel von Lawrence Pritchard und in seinen bisherigen Unternehmungen nicht sehr erfolgreich. Zusammen mit seinem Freund Avi will er nun ein Projekt starten, das das Internet auf die Philippinen bringt.

Im Verlauf dessen trifft er auf Douglas McArthur Shaftoe (ja, Shaftoe) und dessen Tochter America (Amy), die die Leitungen verlegen sollen. Sie finden ein Unterseeboot aus dem Zweiten Weltkrieg und einiges an Material an Bord. Randy muss einige persönliche Entwicklungen durchmachen, wobei die schöne Amy nur eine Rolle spielt, der Verlust seines Hauses, ein Gang über Minen und ein Aufenthalt im Gefängnis ein paar weitere…

Langsam stellt sich heraus, dass es um viel Gold geht, um ein geheimes Goldlager, und dieses wollen natürlich einige für sich haben…

Verwirrt? Das kann ich mir vorstellen, ich war es auch manchmal. Aber weniger aufgrund der Handlung, da jedes Kapitel eine der Personen behandelt und man so leicht den Überblick behalten kann. Aber die Erklärungen zur Mathematik und Kryptographie haben mich doch teilweise überfordert – Mathe war nie meine Stärke. Gut, dass man die Handlung trotzdem nachvollziehen kann.

Und diese hat es in sich. Der Goldschatz ist eigentlich nur ein roter Faden. Was mich viel mehr beeindruckt hat, ist die Darstellung des Krieges. Man hat den Eindruck, dass ein Krieg nicht viel mehr ist als ein taktisches Gesellschaftsspiel. Die Spieler (für die Waterhouse tätig ist) bewegen ihre Figuren (zu denen Shaftoe gehört). Was genau all den Menschen passiert, über die sie so bestimmen, kommt gar nicht an sie heran. Sie sitzen quasi im Elfenbeinturm und spielen. Und da das so ist, wird das wohl nie aufhören, da die Verantwortlichen nicht wirklich verantwortlich sein müssen. Sie bewegen nur Züge, Schiffe, versuchen, die anderen zu überlisten… fürchterlich.

Und doch wird die Geschichte mich wohl so schnell nicht loslassen. Stephenson ist ein großartiger Erzähler. Natürlich, dies ist ein Roman, der weniger von seiner Sprache, als von seiner Handlung lebt. Aber diese Handlung ist unbedingt zu empfehlen! Stephenson erschafft ein Geflecht, das mal enger, mal lockerer gewebt ist, aber immer ein Ganzes ergibt.

Wenn Ihr eine kurzweilige Lektüre mögt, die den Zweiten Weltkrieg aus Sicht der Amerikaner erzählt (auch die Deutschen kommen natürlich vor, und zwar nicht nur als hirnlose Befehlsausführer, sondern als Menschen), kann ich Euch diesen Roman wirklich ans Herz legen. Gut, er ist ein Schinken, aber er wird nie langweilig, da die Haupthandlungsstränge schon interessant sind, aber durch die zahlreichen Nebenhandlungen auch immer wieder aufgelockert werden. Eine schöne Lektüre für einige dunkle Winterabende!

Hier geht es zu Stephensons Website, ich glaube, er hat noch einiges mehr zu bieten: http://www.nealstephenson.com

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Buch #29: James Joyce – Ein Porträt des Künstlers als junger Mann

Ein Porträt des Künstlers als junger Mann ist James Joyce‘ erster Roman, er wurde 1916 veröffentlicht. Hierin wird eine irische katholische Kindheit und Jugend beschrieben, die teilweise autobiographische Züge aufweist.

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Joyce‘ alter Ego Stephen Dedalus wächst um die Jahrhundertwende in Irland auf. Dieses ist erzkatholisch, und auch Stephen Dedalus besucht eine Klosterschule. Das irische Leben ist also geprägt vom Glauben, und die andere Seite ist die Politik, d.h. die Abgrenzung zu England.

Stephens Vater ist ein wohlhabender Mann, als er ein kleiner Junge ist, doch er ist auch ein Traumtänzer, und eines Tages macht er bankrott. Daraufhin wird Stephen als derjenige auserkoren, der die Familie vertritt; als einziges Kind bekommt er eine ordentliche Schulbildung. Der Rest der Familie rutscht immer tiefer in die Armut ab.

Doch als Stephen heranwächst, geht es ihm wie wohl den meisten jungen Männern – er entdeckt seine Sexualität. Diese jedoch – egal in welcher Form – wird den Jungen als Todsünde gepredigt, was im Endeffekt dazu führt, dass Stephen sich schon in der Hölle wähnt. Er geht fast zugrunde an der Diskrepanz zwischen dem Verlangen seines Körpers und dem schlechten Gewissen, das die Kirche ihm bereitet.

In der Woche des Heiligen der Schule gibt es keinen Unterricht, dafür aber lange Stunden in der Kapelle, in denen ein Priester ihnen von Himmel und Hölle predigt. Stephen geht daraufhin zur Beichte und kehrt sein Leben um, er betet nur noch und versucht seinen Körper durch geistige Anstrengung unter Kontrolle zu halten. Dies gelingt ihm schließlich so gut, dass man ihm nahelegt, selber Priester zu werden.

Nun erwacht er aus seinem Wahn und sieht ein, dass das nicht das Leben ist, das er führen möchte. Gegen den Wunsch seiner Eltern, vor allem dem seiner Mutter, verlässt er die Klosterschule und geht ans College. Er will Künstler werden, darüber ist er sich inzwischen im Klaren.

Doch noch immer kollidiert er mit der Kirche, wenn seine Mutter möchte, dass er zur Kommunion geht und er mit seinem Glauben hadert. Und auch politisch fühlt er sich nicht in seinem Land zurecht. So beschließt er, sein Glück im Ausland zu suchen…

Soweit zum Inhalt des Buches, der einen zunächst nicht sonderlich zu faszinieren vermag. Um zu verstehen, was für ein großartiges Buch das Porträt ist, muss man anfangen zu lesen. Diese einmalige Sprache ist es nämlich, die das Buch zwar nicht leicht zu lesen macht, dafür aber den Leser unglaublich reich. Selten habe ich mir so viele Zitate herausgeschrieben, und diese werde ich nun immer bei mir haben.

Doch nicht nur die Zitate, die Beschreibung der Hölle zum Beispiel auch. Selbst ich als nichtgläubiger Mensch habe nun Angst vor der Hölle, diese Passage ist einfach genial. Und auf einmal versteht man, was für ein Sakrileg Stephen begeht, wenn er sich von der Kirche abwendet. Er geht das Risiko vollkommen bewusst ein, für immer und ewig in der Hölle zu schmoren. So hat er es sein Leben lang gehört, und das wird er auch nie wieder los werden, das fließt in seinen Adern.

„Die Boshaftigkeit, wie ohnmächtig sie immer ist, von der diese Dämonenseelen besessen sind, ist ein Übel von grenzenloser Ausdehnung, von unbegrenzter Dauer, ist ein furchtbarliches Stadium der Sündhaftigkeit, das wir kaum begreifen können, sofern wir uns nicht stets die Ungeheuerlichkeit der Sünde vor Augen halten und den Haß, mit dem Gott sie haßt.“ (146)

Und dennoch weiß er, dass er seinen Weg gehen muss, entgegen aller Widerstände. Er hat sicherlich Angst, aber auch diese kann ihn nicht daran hindern, auszubrechen.

„Die Universität! So war er über den Anruf der Wächter denn hinaus, die die Hüter seiner Knabenzeit gewesen waren und getrachtet hatten, ihn bei sich zu behalten, auf daß er ihnen untertan wäre und ihren Zielen diene. Stolz, auf Befriedigung folgend, hob ihn hoch wie lange langsame Wellen. Das Ziel, dem zu dienen er geboren war, ohne es doch schon zu sehen, hatte ihn auf ungesehnem Pfad geführt, um zu entkommen: und jetzt machte es ihm noch einmal Zeichen und ein neues Abenteuer sollte sich vor ihm auftun.“ (185)

Ein Porträt des Künstlers als junger Mann ist meiner Ansicht nach ein ganz großes Buch. Ich kann nachvollziehen, dass Joyce so viele bedeutende Autoren beeinflusst hat (man denke nur an Samuel Beckett), denn diese Sprache ist etwas ganz Besonderes. Es ist kein leicht zu lesendes Buch, man muss sich darauf einlassen, aber dafür wird man auch mit etwas ganz Besonderem belohnt.

Ich wurde nun schon mehrfach gewarnt, dass das Porträt Joyce‘ zugänglichster Roman sei, und bin schon sehr gespannt auf Finnegan’s Wake und Ulysses. Ich werde auf jeden Fall mit einer positiven Einstellung an diese Werke herangehen, da ich mir doch erhoffe, wieder mit dieser großartigen Sprache belohnt zu werden.

James Joyce: Ein Porträt des Künstlers als junger Mann. Übersetzt von Klaus Reichert.

Buch #28: Jane Austen – Sinn und Sinnlichkeit

Sinn und Sinnlichkeit ist Jane Austens erster Roman, nachdem sie in ihrer Jugendzeit hauptsächlich Kurzprosa und Theaterstücke geschrieben hatte. Es wurde unter dem Pseudonym by a lady veröffentlicht, was schon mitten in ihre Zeit eintauchen lässt. Ende des 18. Jahrhunderts waren Frauen kaum gebildet und hatten kaum Möglichkeiten, auf eigenen Beinen zu stehen. Jane Austen ist hier eine Ausnahme, sie wuchs in einem gebildeten Haushalt auf und hatte für eine Frau ein großes Allgemeinwissen.

Das Buch hat sie zuerst unter dem Titel Elinor and Marianne geschrieben, und diese beiden Schwestern sind denn auch die Hauptpersonen. Elinor und Marianne haben noch eine kleinere Schwester, Margaret, und einen großen Bruder, John, der schon verheiratet ist. Als ihr Vater stirbt, nimmt er John das Versprechen ab, für seine Schwestern zu sorgen, was aber von seiner habgierigen Frau unterbunden wird.

Mehr oder weniger mittellos bekommen sie das Angebot eines Verwandten, auf seinem Anwesen zu leben, und dort ziehen sie dann hin. Sie werden freundlich aufgenommen und finden bald neue Freunde. Elinor ist allerdings traurig, da sie Edward zurücklassen musste, in den sie verliebt ist. Bei einem kleinen Unfall lernt Marianne Willoughby kennen, einen charmanten Nichtsnutz, dem sie mit Haut und Haaren verfällt. Als dieser von seiner Gönnerin weggerufen wird, bricht eine kleine Welt für sie zusammen, aber sie hofft auf ein gutes Ende.

Doch dazu kommt es nicht, denn Willoughby heiratet eine andere Frau, die viel Geld hat. Marianne bricht vollkommen zusammen, kann den Verlust kaum verkraften, und das einzige, was ihr über diese Zeit hinweghilft, ist die Fürsorge und Liebe ihrer Schwester Elinor.

Diese verbirgt ihren eigenen Liebeskummer genauso konsequent wie Marianne ihn auslebt. Die beiden Schwestern könnten gegensätzlicher nicht sein, und doch sind sie sich sehr ähnlich in ihren Wertschätzungen und ihrer Loyalität.

Wie es ausgeht, verrate ich an dieser Stelle nicht, aber jeder, der schon einmal ein Buch von Jane Austen oder eine dieser tollen BBC-Verfilmungen gesehen hat, wird wohl ahnen können, worauf es hinausläuft…

Und das war mein großes Problem mit diesem Roman. Ich bin wohl die unromantischste Person, die es gibt. Und – ich weiß, es wird einen Sturm der Entrüstung geben – ich habe mich zu Tode gelangweilt. Kriegt sie ihn oder kriegt sie ihn nicht?! Das ist so gar nicht mein Metier, und die Geschichte hätte es auch als Kurzgeschichte getan.

Natürlich kann ich nicht umhin, auf die Gesellschaftskritik einzugehen, die mir dann auch das einzig Lesenswerte an diesem Roman zu sein scheint. Frauen, kaum gebildet, aber möglichst hübsch anzusehen, warten im Grunde darauf, dass irgendein Herr um ihre Hand anhält. Geld spielt natürlich eine Rolle, und wenn die Frau mittellos ist, hat sie äußerst schlechte Chancen. So wird sie schon in eine Rolle hineingeboren, aus der manchmal nur Glück eine andere machen kann.

Die einzigen Frauen, die ihr Leben so leben, wie sie es gerne wollen, sind die Witwen, die von ihrem Mann Geld geerbt haben. Diese haben eine gewisse Freiheit. Und ansonsten bleibt größtenteils nur das Hoffen. Hoffen auf eine gute Partie. Und somit bin ich froh, in der heutigen Welt zu leben. Und ich bin froh, das Buch beendet zu haben, obwohl es mir schon vor den nächsten Romanen von ihr graust.

Buch #27: Umberto Eco – Das Foucaultsche Pendel

„Die Menschheit kann den Gedanken nicht ertragen, daß die Welt per Zufall entstanden ist, durch einen Irrtum, bloß weil vier unvernünftige Atome auf der nassen Autobahn ineinandergerast sind. Also muß sie eine kosmische Verschwörung suchen. Gott, die Engel oder die Teufel.“ (372)

Von genau solch einer kosmischen Verschwörung erzählt Umberto Eco in „Das Foucaultsche Pendel“. Es beginnt damit, dass Casaubon, der Erzähler, sich im Conservatoire des Arts et Métiers in Paris einschließen lässt, um herauszufinden, was mit seinem Freund Jacopo Belbo geschehen ist. Dieser rief ihn zwei Tage vorher an, um ihm zu sagen, dass er in Gefahr sei und der Große Plan wahr.

Von hier aus entspinnt sich die Geschichte; Casaubon lässt sie Revue passieren. Wie er als Doktorand in Kontakt mit den Templern gekommen ist, wie sie ihn nie losgelassen haben, wie sie ihn über die ganze Welt verfolgt haben. Er hat Belbo und Diotallevi kennengelernt, die in einem Verlag arbeiten, und auch er hat dort später angefangen, jedoch mit einer Geschichte der Technik. Doch immer wieder kam das Thema der Templer auf und die Verschwörungstheorien, die sich damit befassen.

Sie lernen mysteriöse Menschen kennen, und befinden sich irgendwann in einem Tanz mit ihnen, wobei keiner führen möchte, sondern der eine den anderen umkreist, begierig zu erfahren, was derjenige mehr wissen könnte. Sie nehmen an Ritualen teil, sehen Druidinnen bei ihren Ritualen zu, und schließlich hat der Verlagschef die Idee, eine Reihe mit diesen Verschwörungsschriften herauszugeben.

Anfangs tragen sie nur ihr Wissen zusammen und machen sich einen Spaß aus dem Quatsch, den die Verfasser niedergeschrieben haben. Und auch aus Spaß geben sie einige Zeilen in einen Computer ein und lassen sich willkürlich etwas ausspucken. Auf einmal fangen aber auch sie an, ein Muster zu sehen hinter der Willkürlichkeit.

Von nun an nimmt der Große Plan Gestalt an. Sie sitzen an der Quelle der Schriften, haben ein breites Wissen, recherchieren und bauen sich langsam ein Gebilde durch die Jahrhunderte. Von der Zerschlagung des Templerordens geht es weiter über die Mannen, die im Untergrund überlebt und ihr Wissen weitergegeben haben, die in verschiedene Länder gegangen sind und alle 120 Jahre Treffen arrangiert haben, um ihrem Wissen einen weiteren Aspekt hinzuzufügen.

Doch eines dieser Treffen schlug fehl, und nun suchen sich die Nachkommen aus der ganzen Welt, suchen die Verbindung herzustellen über die Schriften, die Rituale, über Gebäude und dergleichen mehr.

Um was es sich bei dem Wissen handelt, das schließlich 1944 an Licht hätte kommen sollen? Um kein geringeres Wissen als das, wie die Welt funktioniert und wie man die Macht über sie erringen kann. Kein Wunder also, dass so viele prominente Figuren im Laufe der Jahrhunderte immer wieder mit den Templern und ihren Nachfolgern – den Rosencreutzern, Maurerlogen, Illuminaten, Orden und Riten – in Verbindung gebracht wurden.

Irgendwann droht der Große Plan, der ja nur die Interpretation der Drei ist, aber Überhand zu nehmen. Er ist Teil ihres Lebens, sie glauben fast selber daran, und einer macht schließlich den Fehler, ihn einer wichtigen Person gegenüber zu erwähnen… was zum Versteck im Museum führt und unglaubliche Ereignisse nach sich zieht.

Umberto Eco hat einen großartigen Roman geschrieben, der vor Fabulierlust nur so brummt. Man wird selbst in den Großen Plan hineingezogen, die Erklärungen und Verbindungen scheinen plausibel, und der Bombast an Quellen und Theorien macht es schwer, einen gelassenen Überblick zu bewahren. Vielmehr ist es so einfach, daran zu glauben. Eine Erklärung für die Welt, für alles, was geschieht, geschehen ist und geschehen wird – wer würde da nicht schwach?!

Des Weiteren hat er eine perfekte Figurenkonstellation geschaffen: derjenige, der immer ein wenig außen vor ist, derjenige, der sich schnell begeistert, derjenige, der zur Ruhe gemahnt. Und diese werden umkreist von der mysteriösesten aller Personen und von der Vernünftigsten.

Es ist nicht immer leicht, diesen Roman zu verdauen, da doch unglaublich viele Fakten und Ideen hineinspielen, die sich abwechseln mit persönlichen Geschichten und Anekdoten, die wiederum zu einem großen Ganzen zusammenfließen… aber, wie eines der Zitate besagt, das jedem Kapitel vorangestellt ist:

„Erwartet euch nicht zuviel vom Weltuntergang.“ (61)

Auch wenn es mich einige Zeit gekostet hat, habe ich dieses Buch sehr genossen, und, wie schon einige Kommentatoren angemerkt haben, es ist ein Heidenspaß, wie Eco die Verschwörungstheorien auseinanderpflückt und neu zusammenfügt und nachher einen großen Knall entstehen lässt. Eine sehr vergnügliche Lektüre, bestens geeignet für die kommenden dunklen Abende.

Umberto Eco: Das foucaultsche Pendel. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. Carl Hanser Verlag 1989

Wer noch etwas mehr über Umberto Eco erfahren möchte, hier gibt es noch zwei tolle Webseiten:

EcoOnline

Umberto Eco: Porto Ludovica

Buch #26: Kazuo Ishiguro – Was vom Tage übrig blieb

Dies ist eine der seltenen Gelegenheiten, wo ich den Film gesehen habe, bevor ich das Buch las. Die Verfilmung mit Anthony Hopkins und Emma Thompson ist großartig und auf jeden Fall zu empfehlen. Dementsprechend gespannt war ich auf das Buch, und es stellt sich heraus, dass die Verfilmung recht eng an den Roman angelehnt ist. Doch zuerst ein paar Worte zum Autor.

Kazuo Ishiguro wurde 1954 in Nagasaki, Japan, geboren, zog mit seiner Familie jedoch im Alter von 5 Jahren nach England. Er wuchs in Surrey auf und studierte Philosophie und Englisch an der Universtity of Kent in Canterbury. Seinen Master in Literatur machte er 1980 an der University of East Anglia in Norwich. Er veröffentlichte Kurzgeschichten und bekam daraufhin einen Vertrag für seinen ersten Roman, A Pale View of Hills (dt. Damals in Nagasaki), den er 1982 veröffentlichte. Für The Remains of  the Day erhielt er den Booker Prize. Heute lebt er mit Frau und Tochter in London.

Wir schreiben das Jahr 1956, und der Butler Stevens, der auf Darlington Hall lange Jahre Lord Darlington bedient hat, hat nun einen neuen Chef, den Amerikaner Farraday. Dieser ist oft auf Geschäftsreisen, und nun erlaubt er Stevens, sein Auto zu nehmen und einige Tage sein Land zu erkunden. Stevens nimmt das Angebot an und fährt los, mit dem Ziel, Miss Kenton zu treffen, eine langjährige Mitarbeiterin auf Darlington Hall.

Die Reise findet in mehreren Etappen statt, er sieht, wie wunderschön sein Land ist, und während der Reise fängt er an, über sein Leben nachzudenken. Er räsonniert über die Jahre unter Lord Darlington, der nach dem Ersten Weltkrieg ein wichtiger Mann in der Politik war, und Darlington Hall zu einem wichtigen Haus mit vielen Anlässen, zu denen hochrangige Persönlichkeiten kamen, gemacht hat.

Er geht die Jahre durch, schildert die Erlebnisse im Haus, an denen er als stiller Beobachter teil hatte, aber auch die Dinge, die ihm persönlich zugestoßen sind. Wie zum Beispiel der Tod seines Vaters, ebenfalls Butler in Darlington Hall, den er kaum mitbekommen hat vor lauter Bestreben, seine Pflicht zu erfüllen. Ebenso hat er kaum realisiert, dass Miss Kenton ihm zugetan war, dass sie mit ihren Problemen zu ihm kam und er sie nie wirklich erfasst hat.

Er denkt lange darüber nach, was einen guten Butler ausmacht, und ja, nach dem, was er aufzählt, war er ein guter Butler. Er war loyal, hat alles für seinen Arbeitgeber getan, und ein zentraler Begriff ist Würde, und ja, würdevoll ist er immer gewesen. Er übt sich auch darin, Konversation zu betreiben, kleine Späße zu formulieren, alles, um ein besserer Butler zu sein. Was er allerdings darüber vergisst, ist er selbst. Er geht vollkommen in seinem Beruf – seiner Berufung – auf, und vergisst dabei, zu leben.

Als er schließlich an seinem Ziel anlangt und Miss Kenton trifft, offenbart sie ihm einiges, was er vielleicht wahrgenommen hat in den Jahren, und was wohl auch der Grund für seine Reise ist, was aber nun auch geschehen und abgeschlossen, nicht mehr zu ändern ist. Und nun muss er sich fragen, ob er sein Leben richtig gelebt hat, ob das Dasein als der perfekte Butler es wert war, alles andere darüber zu vergessen.

Was vom Tage übrig blieb ist ein sehr ruhiges Buch, mit den Etappen der Reise sind die Etappen eines Lebens verbunden. Ein Leben, das von Pflichterfüllung geprägt ist, und das wenig außerhalb dieser Pflichterfüllung wahrnimmt. Die Reise führt Stevens in die Vergangenheit, seine eigene, aber auch die historische Vergangenheit.

Was mich an dem Roman gestört hat, ist, dass er sich so perfekt dazu eignet, als Grundlage einer Arbeit zu dienen. So viele Begriffe werden abgearbeitet, und so viele Themen werden auf dem Tablett serviert. Man muss sich nichts erschließen, alles liegt vor. Das ist ein wenig einfach, aber als Grundlage für eine Hausarbeit natürlich perfekt. Trotzdem muss ich sagen, dass mir der Roman gut gefallen hat, und das liegt vor allem an der Geschichte um Lord Darlington und sein politisches Streben und Einwirken, an den Gästen und den Intrigen im Laufe der Jahre.

Auch hat mir der Aufbau gut gefallen, mit jeder Etappe der Reise wird eine Etappe der Erinnerung verbunden. Die Sprache ist hervorragend gewählt, man kann ihn buchstäblich hören, mit seinem Akzent, und seiner Wortwahl, an der er immerzu feilt, um noch perfekter und distinguierter zu erscheinen.

Es ist ein Roman über ein Leben, das im Dienste anderer Leben gestanden hat, und an dessen Ende die Frage steht, ob Pflichtbewusstsein und Pflichterfüllung, die im Grunde von klein an im Mittelpunkt seines Lebens standen, es wert waren, sich selber vollkommen darüber zu vergessen.

Insgesamt habe ich das Buch gemocht, und auch die Verfilmung ist sehr zu empfehlen. Beides sind sehr ruhige, nachdenkliche Werke, die sehr von der Atmosphäre leben und einen Anstoß geben, sich auch über sein eigenes Leben ein paar Gedanken zu machen.

Buch #25: Douglas Adams – Per Anhalter durch die Galaxis

In der letzten Woche hatte ich nur im Bus Zeit zu lesen. Dort herrscht ja immer ein gewisser Geräuschpegel, Leute unterhalten sich miteinander, Jugendliche lassen uns an ihrer „Musik“ aus den Handys teilhaben, wieder andere brüllen in ihr Handy… und ja, auch ich habe mein Scherflein beigetragen: Ich bin mehrmals in lautes Lachen ausgebrochen. Erstaunlicherweise hat das mir die irritierten Blicke eingebracht, aber von einem Leser erwartet man wohl eher, dass er still ist.

Per Anhalter durch die Galaxis ist also ein sehr amüsantes Buch. Ich lese eigentlich keine Science-Fiction, obwohl ich sie im Fernsehen sehr mag – zum Beispiel ist meine absolute Lieblingsserie Doctor Who (falls es sich jemand anschauen mag: bitte unbedingt im Original gucken!).

Wir befinden uns zunächst auf der Erde und begegnen Arthur Dent, ein durchschnittlicher Erdenbewohner, dessen Haus abgerissen werden soll, um Platz für eine Umgehungsstraße zu machen. Als er sich in den Matsch vor sein Haus wirft, um die Bulldozer davon abzuhalten, wird er von Prefect Ford abgeholt, der ihm sagt, dass es nichts ausmache und er lieber ein Bier mit ihm trinken solle.

Es macht nichts aus, da ein paar Minuten später mehrere Raumschiffe über der Erde erscheinen, um diese zu sprengen, da eine galaktische Umgehungsstraße gebaut werden soll. Ford Prefect entpuppt sich als Außerirdischer, ein Anhalter, der mehrere Jahre auf der Erde gestrandet war. Er entkommt auf eines der Schiffe und nimmt Arthur mit sich.

Als die Vogonen – die außerirdischen „Erdenzerstörer“ – die Anhalter an Bord bemerken, werfen sie sie raus in den Weltraum. In letzter Sekunde werden Arthur und Ford auch hier gerettet. Zaphod Beeblebrox, ein alter Freund Ford’s, hat das nagelneue Raumschiff „Herz aus Gold“ entführt, das die beiden aufliest. Nun werden Zaphod, Ford, Arthur, Zaphods Co-Pilotin Trillian und der Roboter Marvin zu einem lange verschollenen Planeten gebracht, Magrathea. Und auch hier gibt es einige Abenteuer zu erleben.


Per Anhalter durch die Galaxis ist eigentlich ein Reiseführer, der Material über galaktische Völker, Planeten, Sterne, Bräuche und dergleichen mehr sammelt. Ford Prefect war auf der Erde, um den Artikel, der die Erde beschreibt, zu ergänzen. Aus dem Eintrag „harmlos“ wird nun „größtenteils harmlos“. Nicht alle Einträge sind so kurz gehalten.

Auch wenn man über Raumschiffe, andere Wesen, die Galaxis, also eher Unbekanntes, liest, ist die Lektüre sehr leicht. Hätte ich mehr Zeit gehabt, hätte ich es so runtergelesen. Das Buch ist amüsant und kurzweilig, es gibt einige tolle Figuren und die Handlung nimmt immer wieder neue Richtungen an. Am besten gefallen hat mir der depressive Roboter Marvin. Man kann auch einige Anleihen entdecken, die von späteren Filmen, Serien, Büchern gemacht wurden (das Buch stammt aus dem Jahr 1979).

Trotzdem muss ich sagen, dass man dieses Buch nicht unbedingt gelesen haben muss. Ich empfehle es als leichte Lektüre für zwischendurch, die einem durchaus das ein oder andere prustende Lachen beschert. Es ist der erste Teil einer Reihe, deshalb ist das Ende etwas abrupt. Die große Frage nach allem Sein wird auch beantwortet, aber diese passt nicht zur Frage. Also wird seit nunmehr Millionen von Jahren nach der passenden Frage gesucht. Vielleicht kann mir ja einer der Leser sagen, ob diese im Verlauf der Serie gefunden wird!

Douglas Adams: Per Anhalter durch die Galaxis. Aus dem Englischen von Benjamin Schwarz. Wilhelm Heyne Verlag Gmbh & Co. KG, München 2003.

Buch #24: Jonathan Franzen – Die Korrekturen

Ich habe so meine Marotten: Bücher werden von Anfang bis Ende gelesen, niemals nehme ich das Ende vorweg. Reihen werden von Band 1 an chronologisch gelesen. Verfilmungen werden erst dann angeschaut, wenn ich das Buch gelesen habe. Und allem, was gehypt wird, stehe ich zutiefst misstrauisch gegenüber.

Mit den Korrekturen habe ich nun so ein gehyptes Buch. Jonathan Franzen gewann mit ihm den National Book Award, war Finalist für den Pulitzer-Preis und verkaufte dieses Buch weltweit bisher 2,85 Millionen Mal. Im Klappentext steht, „er hat ein Werk der Weltliteratur geschaffen, das – seiner Menschlichkeit, vor allem aber der literarischen Reichtümer wegen – aus unseren Regalen bald nicht mehr wegzudenken ist“.

Es handelt sich bei den Korrekturen um einen Familienroman. Erzählt wird die Geschichte der Familie Lambert, Alfred und Enid mit ihren Kindern Gary, Chip und Denise. Die Lamberts leben im Mittelwesten der USA, jenem Landstrich, der viel aus Traditionen schöpft, ein wenig „zurückgeblieben“ ist und weder landschaftlich noch kulturell viel zu bieten hat.

Alfred und Enid sind seit 48 Jahren verheiratet, aber sie stecken in einer Ehe fest, die sie nie hätten schließen sollen. Alfred ist ein Mann mit Prinzipien, der sich in seiner Privatsphäre am wohlsten fühlt und gerne alles mit sich selbst ausmacht. Enid hingegen hatte gehofft, einen Mann zu heiraten, der stark ist und ihr etwas bieten könne. Nun, sie hat ein Haus und eine Familie, sie sind nicht reich und nicht arm, geleistet haben sie sich Zeit ihres Lebens aber nicht viel, von ein paar Reisen einmal abgesehen.

Ihre Kinder wachsen in einem Haushalt auf, in dem der Vater meist auf der Arbeit ist, und ihre Mutter ständig etwas auszusetzen hat. Keines der Kinder kann je etwas richtig machen. Und alle Kinder gehen, sobald sie ihre Highschool abgeschlossen haben, möglichst weit weg.

Gary, der Älteste, der sich stets mit einem gewissen Grad an Humor der Enge des Familienlebens und der elterlichen Ansichten entzogen hat, wird Abteilungsleiter bei einer Bank, heiratet eine wunderschöne Frau und bekommt mit ihr drei Söhne. Diese Frau jedoch versucht ihm eine Depression einzureden, wenn sie nicht bekommt, was sie will. Sie verbündet sich mit den Kindern und hetzt sie gegen sich auf.

Als Enid schließlich den Wunsch äußert, ein letztes Mal Weihnachten mit allen Kindern zu Hause zu feiern, gerät Gary in eine Zwickmühle: Er möchte seiner Mutter die Freude machen, aber Caroline, seine Frau, tut alles dagegen, was in ihren Möglichkeiten steht…

Chip, der zweite Sohn, ist Geisteswissenschaftler geworden. Immer trägt er sich mit dem Gedanken, in den Augen seiner Eltern versagt zu haben, dass er nicht Anwalt oder Arzt geworden ist, was seinen Eltern in der Heimat doch ein gewisses Ansehen verleihen würde. Selbst als angehender Professor fühlt er sich, als sei dies alles nichts wert, und schließlich setzt er alles aufs Spiel und beginnt eine Affäre mit einer Studentin. Dieses Spiel verliert er, er verliert seinen Job und findet sich in New York wieder, wo er sich als Drehbuchschreiber versucht und zwischendurch als Lektor arbeitet. Eines Tages bekommt er aber ein gutes Angebot, das ihm helfen könnte, seine inzwischen erwirtschafteten Schulden begleichen zu können und das auch noch eine Menge Vergnügen verspricht: Ein litauischer Geschäftsmann verdingt ihn als Internetbetrüger. Dies geht solange gut, bis in Litauen politische Unruhen ausbrechen…

Denise, die Person, mit der ich eigentlich am Meisten anfangen konnte, ist das Nesthäkchen. Ihre Mutter hatte so viele Hoffnungen in sie gesetzt, das hübsche und kluge Mädchen hätte einen wundervollen Ehemann in der Nähe finden und eine wundervolle Familie gründen können. Doch sie ging ans College, das sie aber nach einiger Zeit schmiss, um als Köchin zu arbeiten. Hier ist sie sehr erfolgreich. Sie heiratet ihren Chefkoch, doch als sie alles von ihm gelernt hat und ihm überlegen ist, zerbricht die Ehe.

Sie bekommt ein Angebot von einem reichen Mann, ein Restaurant mit ihm zu eröffnen. Dieser Mann, dessen Ehe nicht mehr so richtig rundläuft, begleitet sie auf einer Reise durch Europa, um sich kulinarische Ideen zu holen. Kommt es, wie es kommen muss? Fast. Aber die Entwicklung, die tatsächlich stattfindet, ist eine überraschend andere…

Derweil verfällt Alfred immer mehr. Er hat Parkinson, Depressionen, Demenz und ein Nervenleiden in den Beinen. Seine klaren Momente, oder zumindest die, die seiner Außenwelt Beachtung schenken, werden immer seltener. Enid bemüht sich, so gut es geht, alles beisammen zu halten. Aber sie hat ein Hüftleiden und ist mit ihrem Mann vollkommen überfordet. Sie kann ihm seine Eigenheiten, seine Abweisung und Insichgekehrtheit während der langen Jahre ihrer Ehe nicht verzeihen. Sie kann ihm nicht verzeihen, dass die anderen Männer ihren Frauen so viel mehr bieten. Sie kann ihren Kindern nicht verzeihen, dass sie nicht die Leben leben, die sie sich ausgemalt hat.

Ihr größter Wunsch ist es nun, noch einmal die ganze Familie um den Weihnachtstisch zu scharen. Ein letztes Zusammentreffen, wie in glücklicheren Jahren. Mit ihrem Mann, der sich kümmert, und allen Kindern und Enkelkindern.

Doch wie wird es um Alfreds Gesundheit bestellt sein? Kommt Garys Familie doch ein letztes Mal mit? Macht Denise sich frei aus dem Restaurant? Und Chip, der in Litauen ist? Wird Enids Wunsch erfüllt werden – und wenn ja, mit welchem Ergebnis?
Dieser Roman hat unglaublich viele Facetten, und ich bin froh, dass ich ihn trotz meiner Vorbehalte gelesen habe. Diese habe ich auch größtenteils aufgegeben, auch wenn das Nörgelige Enids, ihre ständige Unzufriedenheit und ihr ständiges Beschweren mich mit der Zeit schon ziemlich genervt haben. Sprachgewaltig ist dieser Roman ohnegleichen, die Bilder, die Franzen heraufbeschwört, haben oft eine dermaßen kühle Poesie, dass es einem den Atem verschlägt.

Auch fand ich die Entwicklung sehr interessant. Durch Rückblenden erfährt man, wie die Ehe begonnen hat, welche Stimmung im Haus herrschte, als die Kinder klein waren. Viele kleine Begebenheiten führten zu dem, was die Personen heute sind. Die Korrekturen, die die Kinder ihrem Leben auferlegt haben, um nicht so zu werden wie ihre Eltern, haben nicht immer zum gewünschten Ziel geführt.

Alle Personen strampeln sich ab, um ein einigermaßen zufriedenes Leben zu führen, aber alle Personen sind auch zerfressen von Schuldgefühlen darüber, nicht so zu sein, wie sie sein sollen. Ein ständiges Dilemma, das einige umpopuläre Entscheidungen treffen lässt, aber doch immer nachvollziehbar bleibt.

Der Roman hat mir insgesamt gut gefallen, vor allem die Sprache Franzens. Ich glaube allerdings nicht, dass er nachhaltig hängen bleiben wird, dafür war er an einigen Stellen doch zu seicht und hat zu oft auf etwas herumgeritten. Allerdings kann ich ihn empfehlen, denn die Lektüre geht leicht von der Hand, und irgendetwas in den Personen findet man mit Sicherheit auch in sich selbst oder seinem Leben wieder.

Jonathan Franzen: Die Korrekturen. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt, 2002