Nederlandstalig! Anna Enquist – Das Meisterstück

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Der Maler, der Schreiber, die Beobachterin und die, die den größten Verlust erfuhr – das „Meisterstück“ (Foto:mg)

Anna Enquist ist ausgebildete Konzertpianistin. Dies ist ihrem Romandebüt aus dem Jahre 1994, Das Meisterstück, deutlich anzumerken. Sie hat diesen Roman wie ein komplexes Musikstück geschrieben, in dem eine Leitmelodie herrscht, um die sich andere Melodien ranken. Sie werden eingeflochten, aufgegriffen, variiert, um dann wieder in die über allem stehende Melodie eingefügt zu werden.

Diese Melodie ist Alma, Mutter von Oscar und Johan. Sie steht über allen anderen Melodien, spielt in sie hinein, beeinflusst sie, schreibt sie um. Sie hat ihre Söhne allein groß gezogen, nachdem ihr Mann Charles, Maler und Musiker, sie verlassen hat, um in Amerika Karriere zu machen; und sie ist nach wie vor ein Dreh- und Angelpunkt im Leben der nun erwachsenen Männer.

Ihr Sohn Johan hat seinem Vater nachgeeifert und ist ebenfalls Maler geworden. Nun steht seine große Stunde an, die Ausstellung, die sein Meisterstück zur Krönung hat. Alle sollen sie kommen, Alma, seine Mutter, sein Bruder Oscar, der Journalist ist, seine Ex-Frau Ellen, die einen unbeschreiblichen Verlust erfahren hat, und ihre Freundin Lisa, die Psychoanalytikerin. Nach seiner Ausstellungseröffnung soll es ein großes Festessen geben, für das alle beteiligten Personen auf ihre Art planen.

Enquist greift nun einen Handlungsstrang nach dem anderen auf, verwebt sie miteinander und leitet sie ineinander über. So macht Lisa sich Gedanken über die bevorstehende Feier und führt alle Melodien kurz ein, ansatzweise, angedeutet, bis sie an die Reihe kommen, sich zu entfalten. Und so erfährt man die Lebensgeschichten der verschiedenen Personen. Johans und Ellens Ehe aus ihren beiden Perspektiven, den unglaublichen Verlust aus beiden Perspektiven, der Umgang damit aus beiden Perspektiven. Hin und her geht die Melodie, geht die Handlung.

Unterbrochen wird sie von Almas Geschichte, die sich aufgrund einer dummen Bemerkung Johans Hoffnung macht, ihr Mann könne zum Fest zurückkehren. Die alte Dame ist aufgeregt wie seit Jahrzehnten nicht mehr, versucht, sich in ihrer Unbeholfenheit attraktiv für den Mann zu machen, der sie vor so vielen Jahren verschmähte. Ihren anderen Sohn, Oscar, wühlt diese Nachricht ebenfalls sehr auf, aber auf eine negative Weise. Er hat die Vaterrolle übernommen, wollte seine Mutter wieder glücklich machen, hat für Johan gesorgt. Doch all seine Bemühungen wurden nie gesehen, sein Talent nicht beachtet, der Jüngere ihm immer vorgezogen. Und so rächt er sich zunächst auf die ihm eigene Weise, indem er einen Schmähartikel über Johan verfasst, nicht ahnend, welche Ereignisse er damit in Bewegung setzt…

Ellens Melodie ist eine traurige, auch wenn ein paar fröhliche Anklänge zu vernehmen sind. Ihr Leben ist überschattet von Verlust und Trauer, ihre Geschichte eindrücklich und berührend dargestellt. An ihrer Seite ist ihre Freundin Lisa, die Psychoanalytikerin, die den Beobachterposten einnimmt, sich vorsichtig in die Melodien einwebt und aus der nahen Distanz erzählt.

Alle Melodien führen am Ende zu einem großen Finale, der Ausstellung, auf der so viele Hoffnungen ruhen. Aber wird dieses Finale in Dur oder in Moll enden?

Anna Enquist ist mit ihrem Erstlingsroman ein ganz großes Buch gelungen, fast ein Meisterstück. Es gelingt ihr, fünf grundverschiedene Handlungsstränge kunstvoll miteinander zu verweben, sie ineinander greifen zu lassen, das Tempo anzuziehen, wieder zurückzunehmen, den Leser immer wissen zu lassen, dass Paukenschläge folgen werden. Nur wann, nur wann? Ein wundervoll komponierter Roman, der mit einer unglaublich bildhaften Sprache aufwartet (schießlich ist Anna Enquist auch Lyrikerin), und den Leser mitzureißen vermag, der atemlos den verschiedenen Handlungssträngen folgt, um am Ende im Ausstellungssaal zu stehen, keuchend, erwartungsvoll, ahnend, was sich da anbahnt.

Wenn Sie einen großartigen niederländischen Roman lesen möchten, lesen Sie diesen. Und hoffen, dass das Debüt dieser Schriftstellerin nur der Anfang war, und ihr weiteres Werk weitere Höhen erklimmt.

Anna Enquist: Das Meisterstück. Deutsch von Hanni Ehlers. Deutscher Taschenbuchverlag, München. 1997. OA: Het meesterstuk. Uitgeverij de Arbeiderspers. 1994. 316 Seiten.

Foto: Bianca Sistermans

Anna Enquist, eigentlich Christa Widlund-Broer, wurde am 19. Juli 1945 in Amsterdam geboren. Sie studierte Klavierspiel und klinische Psychologie in Den Haag und Leiden. Seit 1991 veröffentlicht sie Gedichte, Essays und Romane.  Der Roman „Das Meisterstück“ ist ihr Debüt, er stand wochenlang auf den niederländischen Bestsellerlisten, 1995 erhielt er den Preis für den besten Erstlingsroman.

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