Buch #50: Antonio Tabucchi – Erklärt Pereira

41v-KHRiqbL._SY344_BO1,204,203,200_Antonio Tabucchi wurde am 24. September 1943 in Vecchiano bei Pisa geboren. Er war ein italienischer Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler. Er studierte Geisteswissenschaften in Pisa und Paris, an der Universität Genua war er Professor für portugiesische Sprache und Literatur. Erklärt Pereira ist seine wichtigste Arbeit und machte ihn bekannt. Er erhielt mehrere Preise, unter anderem den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Er starb am 25. März 2012 in Lissabon.

 

Pereira erklärt. Pereira, erkläre! Erkläre diesen Pereira!

– Ein vielseitiger Titel, der all dies beinhaltet. Der Untertitel spezifiert weiter: Eine Zeugenaussage, doch weiß man lange nicht, wem er Zeugnis ablegt. Pereira ist ein alternder, übergewichtiger, ehemaliger Lokaljournalist in Portugal. Es ist das Jahr 1938 und die Salazar-Diktatur hat sich gerade etabliert. Pereira arbeitet bei einer Lokalzeitung, bei der er für den Kulturteil verantwortlich ist. Hier veröffentlicht er Übersetzungen von Erzählungen und Nachrufe. Auch wenn der Kulturteil vielleicht nicht auf den ersten Blick im Mittelpunkt der Zensur stehen mag, betrifft diese Pereira doch nicht unwesentlich.

Es beginnt damit, dass Pereira sich Gedanken über den Tod macht, im Spezifischen darüber, ob der gesamte Leib ins Jenseits hinübergeht:

„Und Pereira war Katholik, oder zumindest fühlte er sich in diesem Augenblick als Katholik, als guter Katholik, auch wenn er an eines nicht glauben konnte, an die Auferstehung des Fleisches. An die Seele schon, gewiß, denn er war sich sicher, eine Seele zu besitzen; aber das ganze Fleisch, das Fett, das seine Seele umschloß, das würde nicht auferstehen, und warum auch, fragte sich Pereira. (8)“

Der Gedanke, all das Gewicht in alle Ewigkeit mit sich herumzutragen macht ihm Angst. Dann liest er die Dissertation eines gewissen Monteiro Rossi, eine philosophische Abhandlung über den Tod. Spontan ruft er ihn an und trägt ihm seine Gedanken vor, ohne jedoch zu einem Ergebnis zu kommen. Ebenso spontan geht er auf ein Treffen mit dem jungen Mann ein.

Dieses Treffen soll Pereiras Leben verändern. Er lernt Monteiro Rossis Freundin kennen und erfährt, dass die beiden im Widerstand tätig sind. Pereira, der Bequeme, der sich eher angepasst hat an die Umwelt, wird nun nach und nach zu einem Anlaufpunkt für Monteiro Rossi. Dieser schreibt Nachrufe für ihn, die Pereira aber nicht veröffentlichen kann, da diese zu politisch sind. Dennoch gibt er ihm die Honorare. Nach und nach kommen kleine Gefälligkeiten hinzu, auch wenn Monteiro Rossi nie konkret sagt, wofür er Hilfe oder Geld braucht, und Pereira fragt nie genau nach.

Überhaupt sagt nie jemand etwas Konkretes über die Situation, weder Pereiras engster Freund, Pater António, noch sein Arzt, Doktor Cardoso. Die Situation in dem Land ist ein Tanz mit den Umständen, welches Wort ist zu viel, welches Wort nicht genug?! Nebenbei gesagte Worte, wie z.B. die Bemerkung eines Kellners, sein Cousin empfange BBC, bleiben unkommentiert, allerdings folgt doch die Frage nach „etwas Neuem“ bei jedem Besuch.

Pereira fängt im Laufe der Zeit an, sich Gedanken zu machen, er veröffentlicht Kurzgeschichten von nicht regimekonformen Künstlern, schafft es aber immer, sich herauszureden. Reden, das tut er sonst nicht viel. Er ist einsam seit dem Tod seiner Frau, er spricht mit ihrem Bild, ansonsten nur mit Pater António, der aber nie Zeit hat, und dann kommen Monteiro Rossi und seine Freundin.

Doch die Geheimpolizei ist Monteiro Rossi schon auf den Fersen, und so folgen sie ihm eines Tages bis in Pereiras Wohnung, wo Pereira attackiert und Monteiro Rossi getötet wird. Daraufhin veröffentlicht Pereira einen Artikel über die Vorkommnisse, muss jedoch natürlich ins Exil gehen deswegen…

Dieses schmale Buch von 213 Seiten ist wie eine Zwiebel. Man fängt an zu lesen, und Lage um Lage, Schicht um Schicht löst sich. Es kommt immer mehr und immer Neues zum Vorschein, weswegen die Geschichte lange Zeit beim Leser bleibt. Da Pereira nicht frei heraussprechen kann, muss man die Schichten freilegen, die das eigentlich Gemeinte verdecken. Und hier kann man viel finden. Es ist ein Buch über Freiheit, Meinungsfreiheit, darüber, sich ergeben in sein Schicksal zu fügen, oder sich in Gefahr zu begeben und aufzubegehren.

Ich möchte dieses Buch jedem ans Herz legen, es ist schnell gelesen und hält doch so vieles bereit, das einen nicht so schnell wieder loslässt.

Erklärt Pereira wurde 1995 mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt.

Antonio Tabucchi: Erklärt Pereira. Deutsch von Karin Fleischanderl. DTV, 1997. 212 Seiten.

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