Buch #54: John Steinbeck – Die Straße der Ölsardinen

John Steinbeck wurde am 27. Februar 1902 in Salinas, Kalifornien, geboren. Er gehört zu den erfolgreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts, weswegen ein Kurzlebenslauf fast unmöglich hier ist. Wer daran interessiert ist, möge hier nachlesen. Steinbeck verfasste viele Romane, Kurzgeschichten und Novellen, war Journalist und Kriegsberichterstatter. Er gewann sowohl den Pulitzer-Preis als auch den Nobelpreis. Er starb am 20. Dezember 1968 in New York.

 

 

„Die Straße der Ölsardinen

ist mehr als nur eine Straße, es ist die Gegend der Ölsardinen und Konservenbüchsen, ist ein Gestank und ein Gedicht, ein Knirschen und Knarren, ein Leuchten und Tönen, ist eine schlechte Angewohnheit von Jugend auf, mein Traum. Cannery Row – in Monterey, Kalifornien, zusammen- und auseinandergeschleudert – besteht aus Alteisen, Blech, Rost, Hobelspänen, aufgerissenem Pflaster, Baustellen voll Unkraut und Kehrichthaufen, aus Fischkonservenfabriken in Wellblechschuppen, aus Wirtschaften, Hurenhäusern, Chinesenhütten, Laboratorien, Läden voll Kram, aus Lagerhäusern und faulen Fischen. Die Einwohner? Huren, Hurensöhne, Kuppler, Stromer und Spieler, mit einem Wort: Menschen; man könnte mit gleichem Recht sagen: Heilige, Engel, Gläubige, Märtyrer – es kommt nur auf den Standpunkt an.“ (S. 7)

Ich stelle mir eines dieser amerikanischen Häuser vor, die die große Veranda vor dem Haus haben. Auf dieser Veranda steht eine Bank, auf der ich sitze, und ein Schaukelstuhl, in dem der Erzähler sitzt. Gemütlich vor- und zurückschwingend erzählt er mir von der Cannery Row und ihren Einwohnern.

Diese Einwohner leben am untersten Rand der Gesellschaft, sie leben in Hütten und Häuschen, manche sogar in den ehemaligen Tanks der Fabriken. Sie haben nichts, außer ihrer Armut und ihrer Sklavenarbeit. Aber ihre Lebenseinstellung ist eine, die der Leser eher nicht erwartet. So ist z.B. eine Einwohnerin eines Tanks ganz verzweifelt, weil sie doch so gerne schöne Vorhänge kaufen würde, doch hat der Tank keine Fenster. Oder eine andere Frau hört auf, ihren Mann windelweich zu schlagen und ihm die Schuld zu geben, weil er im Gefängnis Ruhe vor ihr, ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit hat, was sie ihm missgönnt.

Hier leben Menschen, die vom Leben alles andere als verwöhnt werden. Es gibt z.B. Lee Chong, den chinesischen Ladenbesitzer und somit etwas besser Situierten, der aber auch unzählige Deckel hat, auf denen die Leute angeschrieben haben. Oder da ist Dora, die Puffmutter, die mehr für die Allgemeinheit bezahlt als jeder andere, der dort lebt. Sie hat immer jemanden da, der ihre Mädchen beschützt, und auch diese bekommen Urlaub, weil sie sich mal „erholen“ müssen.

Dann sind da Mack und die Jungs. Sie sind ein Trupp (freiwilliger) Junggesellen, die zusammen leben und nur an heute und ganz, ganz eventuell an Morgen denken. Sie arbeiten, wenn sie Geld brauchen, und sonst leben sie. Man könnte sie ebenso gut Tagediebe wie Lebenskünstler nennen. Sie sind auf jeden Fall eine Gemeinschaft, jeder sorgt für jeden, jeder trägt etwas bei.

Und dann ist da Doc, der wohl der einzige wirklich gebildete Mensch hier ist. Er möchte forschen, weswegen er manchmal Mack und den Jungs den Auftrag gibt, Katzen oder Meeresgetier für ihn zu fangen, und ihnen einen ordentlichen Lohn bezahlt. Ist Not am Mann, wie z.B. bei einer Grippeepidemie, bei der sich die wenigsten Einwohner der Cannery Row einen Arzt leisten können, ist Doc zur Stelle und kümmert sich Tag und Nacht um alle. cannery row

Der Roman besteht aus vielen kleinen Episoden, Geschichten über einzelne Einwohner, über einzelne Ereignisse, kurze Ausschnitte, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Ein alle Einwohner verbindender Handlungsstrang aber ist der Versuch von Mack und den Jungs, eine Party für Doc zu organisieren, um ihren Dank und ihre Freundschaft auszudrücken. Naturgemäß haben alle an so einer Party teil, aber nicht alles läuft ohne Schwierigkeiten ab.

Ich habe dieses Buch geliebt, weil es mir mit so großer Liebe Menschen nahe bringt, die sonst kaum in der Literatur berücksichtigt werden, und wenn, dann nicht in positiven Bildern. Hier sind die Ärmsten der Armen, die ein armes Leben führen, das jedoch so arm nicht erscheint. Denn hier gibt es ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das es wohl nirgendwo anders in dem Maße gibt. Keiner hat etwas, doch das wenige, das da ist, ist für alle da.

Ich sitze auf meiner imaginären Bank und hoffe, dass mein Erzähler, gemütlich schaukelnd, mehr erzählen möge. Ich möchte mehr Geschichten hören über Doc, über Mac und die Jungs, über Lee Chong und wie sie alle heißen. Ich möchte in die Cannery Row reisen und all die Menschen sehen, die mir mein Erzähler so liebevoll beschreibt. Auch wenn es vielleicht langsam dunkel wird und Zeit, von der Veranda aufzustehen und ins Bett zu gehen.

John Steinbeck: Die Straße der Ölsardinen. Aus dem Amerikanischen übertragen von Rudolf Frank. Diana Verlag AG, Zürich, 1984. 270 Seiten.

* Das Buch ist Ed Ricketts gewidmet, Meeresbiologe und Philosoph und ein enger Freund Steinbecks, der ihm mit der Figur des Doc ein Denkmal gesetzt hat.

* Die Ausgabe aus dem Diana Verlag ist übrigens mit Zeichnungen ausgestattet, die einige der erzählten Bilder darstellen. Sehr sehenswert!

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