Textschnipsel zum Montag – 22.5.2017

„Es lag nicht allein an den Spritzmitteln. Auch die Varroamilbe, ein winziger Parasit, der die Bienen angriff, trug eine Mitschuld. Sie setzte sich wie ein großer Ball auf dem Körper der Biene fest, saugte die Hämolymphe aus ihnen heraus und verbreitete Viren, die häufig erst viel später entdeckt wurden.

Hinzu kamen die extremen Wetterlagen. Allmählich veränderte sich das Klima auf der Welt. Ab dem Jahr 2000 ging es immer schneller. Trockene, warme Sommer ohne Blüten und Nektar töteten die Bienen. Harte Winter töteten die Bienen. Und Regen. Wenn es regnete, hielten die Bienen sich genau wie der Mensch lieber drinnen auf. Nasse Sommer bedeuteten einen langsamen Tod.

Ein weiterer Faktor war die Monokultur. Für die Bienen war die Erde eine grüne Wüste. Kilometerweit nur Felder, auf denen immer dieselben Nutzpflanzen angebaut wurden, und ein Mangel an unberührten Flächen. Der Mensch entwickelte sich rasant, und die Bienen kamen nicht hinterher. Und verschwanden.

Ohne die Bienen lagen mit einem Mal tausende Hektar bewirtschaftete Felder brach. Blühende Büsche ohne Beeren, Bäume ohne Obst. Plötzlich wurden landwirtschaftliche Erzeugnisse, die früher alltäglich gewesen waren, zur Mangelware: Äpfel, Mandeln, Apfelsinen, Zwiebeln, Brokkoli, Karotten, Blaubeeren, Nüsse und Kaffeebohnen.“ (415f.)

Bild: pixabay

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb in der Verlagsgruppe Random House Gmbh, München, 2017. OA: Bienes Historie, H. Aschehoug & Co., Oslo, 2015. 510 Seiten.

Paul Auster – 4 3 2 1

Viel wurde schon über diesen Roman geschrieben, aber auch ich muss mein Loblied loswerden über diesen Roman.

Alles beginnt mit dem Zusammenfinden von Rose Adler und Stanley Ferguson, das in der Zeugung von Archibald gipfelt, dem Helden des Romans. Ausgehend von Archies Geburt ändert Paul Auster den Lauf der Dinge und kreiert so vier verschiedene Lebensläufe, vier verschiedene Archies, die sich ab den 50er Jahren durch die Geschichte Amerikas kämpfen.

Archies Vater, Stanley, wird zunächst in eine sehr schwierige Situation gebracht, und aufgrund seiner Reaktionen darauf werden die Weichen für Archies weiteres Leben gestellt. Diese vier Möglichkeiten unterscheiden sich von Grund auf, und so werden die Leben sehr unterschiedlich verlaufen, auch wenn er im Grunde der gleiche Junge ist.

Archie ist ein aufgewecktes Kind, sportbegeistert, intelligent, mit einer ausgeprägten Liebe zu Literatur und Filmen. Doch die Umstände, in denen er aufwächst, werden diese Fähigkeiten beeinflussen, und sie verschieden stark in seinem Leben gewichten. Dies führt dazu, dass der Leser viele Einblicke in die Kultur Amerikas ab den 50er Jahren erhält, anhand von Archies Bildungswegen werden zum Beispiel Filmgeschichte und Archies Weg vom Liebhaber der Laurel-und-Hardy-Filme zum Filmkritiker verfolgt.

Ebenso verhält es sich mit der Literatur, wobei diese in allen vier Lebensläufen eine große Rolle spielt. Und so erhält der Leser mit Archies Bildung eine ganz eigene Bildung, aus den Leselebensläufen ergibt sich ein aus vielen Puzzleteilen zusammengesetztes großes Bild, über das zumindest diese Leserin sehr gerne verfügen würde, bzw. das zu erhalten sie in Angriff nehmen wird.

Keiner der Archies wird jedoch vom Verlauf der Geschichte verschont bleiben, und diese wiederum wird im Laufe der Zeit ebenfalls großen Einfluss auf die Wege der Archies nehmen. Und so vermittelt Auster nicht nur Literatur und Film, sondern auch Zeitgeschichte, vor allem des Amerika der 60er Jahre, die sehr prägend für den Helden sein werden. Er muss sich mit dem Vietnam-Krieg auseinandersetzen, der Bedrohung, eingezogen zu werden, die ständig wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der jungen Männer hing, den Rassenunruhen, den Studentenunruhen. Ich habe viel darüber gelernt, und auch hier weitere Puzzlestücke zu meinem Bild hinzugewonnen. (Kurze Bemerkung am Rande: Man kann auch viel darüber in Jeffrey Eugenides‘ Middlesex erfahren, der Bilder schafft, die mir bis heute im Kopf geblieben sind, ebenso wie die von Auster hier es tun werden).

4 3 2 1 ist ein gewaltiger Schinken von 1259 Seiten, aber für mich hätten es nochmal so viele sein dürfen. Auster erschafft ein gewaltiges Bild vom Amerika der 50er und 60er Jahre, und was es bedeutete, jung zu sein und künstlerisch veranlagt, oder wie es war, in bestimmten Kreisen zu verkehren oder diese Zeit gar nicht in den USA zu verbringen und alles aus der Distanz zu beobachten.

Natürlich haben alle Archies damit zu kämpfen, ihren Weg zu finden, was durch die Umstände begünstigt oder erschwert wird, in denen jeder einzelne lebt. Aber jeder entwickelt sich nachvollziehbar zu dem, was in ihm veranlagt ist, auch wenn der Weg manchmal sehr hart ist und um Ecken und über steinige Passagen führt. Ich habe manchmal überlegt, ob ich eine der Geschichten bevorzuge, aber ich kann entschieden sagen, dass ich alle vier Versionen liebe, die sich vielleicht aber auch ergänzen und so einen einzigen sehr facettenreichen Archie ergeben.

Dieser Roman ist mit das Beste, was ich je in meinem Leben gelesen habe. Und ich weiß, dies kommt hier jetzt wie eine weitere dieser Lobhudeleien daher, aber das macht mir nichts, denn ich würde mich am liebsten sofort wieder hineinbegeben in Austers und Archies Welten, ich möchte noch einmal die Möglichkeit haben, alles kennenzulernen und die Entwicklungen zu verfolgen, mit zu Bangen und zu Hoffen. Und somit empfehle ich denjenigen, die Archie noch nicht kennen, dies so schnell wie möglich nachzuholen.

Man geht mit viel Wissen aus dieser Lektüre heraus, über Film, über Geschichte, und vor allem über Literatur. Die Begeisterung und tiefe Liebe für die Literatur, die Auster durch Archie vermittelt, hat mich überwältigt und tief ins Herz getroffen, und das werde ich Herrn Auster nie vergessen. Einige der von Archie gelesenen Werke liegen schon bereit, und 4 3 2 1 wird immer einen Ehrenplatz in meinem Regal und meinem Herzen behalten.

Paul Auster: 4 3 2 1. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 2017. Die OA erschien bei Henry Holt and Company, New York, 2017. 1259 Seiten.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar.

Paul Benjamin Auster wurde am 3 Februar 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Viele Eckpunkte seines Lebens sind in diesem Roman verarbeitet. Bekanntheit erlangte Auster 1987 mit seiner New-York-Trilogie. Für viele der Autoren, die ihn beeinflusst haben, findet er auch in 4 3 2 1 Raum. Neben seiner Tätigkeit als Autor arbeitet er auch als Regisseur, Kritiker, Übersetzer und Herausgeber. Er ist in zweiter Ehe mit Siri Hustvedt verheiratet und lebt in Brooklyn.

Buch #69: James Baldwin – Giovannis Zimmer

In Giovannis Zimmer erzählt James Baldwin die Geschichte von David, einem jungen, weißen Amerikaner, der nach Paris geht, um sich selbst zu finden. Die Geschichte beginnt mit Davids Abschied aus einem Haus in Südfrankreich, seine Freundin Hella ist abgereist, er denkt über Giovanni nach. Und breitet in Retrospektive seine Geschichte vor dem Leser aus.

Er erzählt von seiner Kindheit und Jugend, von seinem Vater, der ihn nach dem Tod seiner Mutter aufzieht und starker Trinker ist und ihn nie verstand. Und von einem Erlebnis, das er mit einem seiner Freunde hatte, und das ihn so sehr verwirrte, dass er nie mehr davon sprach.

In Paris angekommen, geht Davids Geld schnell zur Neige, und so wendet er sich an einen älteren Freund um Hilfe. Dieser gewährt sie ihm und nimmt ihn mit in eine Kneipe, wohl hoffend, David sei unter dem Einfluss von Alkohol zu mehr bereit. Doch David begegnet Giovanni, dem neuen Barmann. Sie sehen sich an und beiden ist klar, was geschehen wird. Davids Freundin ist in Spanien, und so zieht er zu Giovanni, wo die beiden in einem Zimmer zusammen leben. Es ist eine Zeit voller Glück, für Giovanni jedoch mehr als für ihn. Und je mehr Giovanni an ihm hängt, umso mehr fragt David sich, was er tun soll.

Die Geschichte spielt in den (nehme ich an) 50er Jahren, und obwohl Homosexualität in Frankreich nicht unter Strafe stand, war es doch gesellschaftlich nicht akzeptiert. Ganz zu schweigen von den USA. Und so schwankt David, kann sich nicht für oder gegen seine Freundin entscheiden, kann sich nicht für oder gegen Giovanni entscheiden. Und er geht schließlich den vermeintlich leichteren Weg, der in einer Katastrophe endet…

Mit Giovannis Zimmer hat James Baldwin bei Erscheinen 1956 für großes Aufsehen gesorgt. Die Geschichte der Beziehung der beiden jungen Männer muss damals sehr die Gemüter erhitzt haben, und wenn auch keine explizite Sprache gebraucht wird, muss es einem Skandal gleichgekommen sein. Heute ist die Schockwirkung nicht mehr so groß, so dass die Geschichte der Hin- und Hergerissenheit Davids, dem Schwanken zwischen Mut und Feigheit, zwischen Selbstaufgabe oder Ächtung von großen Teilen der Gesellschaft, und der Suche nach dem vermeintlich leichteren oder richtigen Weg eine größere Bedeutung bekommen sollten.

Giovannis Zimmer ist ein Selbstfindungsroman, und David, der die Geschichte Revue passieren lässt, wird am Ende eine Entscheidung treffen. Ich kann mir vorstellen, dass der Roman im Laufe der Jahre viele Menschen berührt, ihnen geholfen, sie aber vielleicht auch mehr verwirrt hat. Ich habe noch nicht viele Romane dieser Art gelesen, aber ich kann mich in Davids Kampf hineinfühlen, und mit dem Wissen vom Hintergrund des Schriftstellers wird es noch einmal um einiges intensiver. Es ist ein Bildungsroman, und manchmal möchte man David feste schütteln und ihm eine Ohrfeige geben, aber unter den Umständen weiß man, dass man dazu kein Recht hat. Und so ist Giovannis Zimmer einer dieser Romane, die zu denken geben, und die noch lange nachhallen.

James Baldwin: Giovannis Zimmer. Aus dem Englischen von Axel Kaum und Hans-Heinrich Wellmann. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1963.

James Baldwin. photo: de.wikipedia.org/wiki/James_Baldwin

Aufgrund des Umfangs von James Baldwins Biographie zitiere ich die Wikipedia:

James Baldwin (* 2. August 1924 in Harlem, New York City, New York, Vereinigte Staaten; + 1.Dezember 1987 in Seint-Paul de Vence, Provence-Alpes-Côte d’Azur, Frankreich) war einer der bedeutendsten afroamerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus bekannt wurde. Viele seiner Arbeiten behandeln Themen wie Rassimus und Sexualität. Seine Erzählungen sind berühmt für den persönlichen Stil, in dem Frangen der Identität von Schwarzen und Homosexuellen und damit verbundener sozialer und psychologischer Druck zur Sprache kommen, lange bevor die soziale, kulturelle oder politische Gleichstellung dieser Gruppen erkämpft wurde. Weiter geht es hier.

Textschnipsel zum Montag – 17.4.2017

„Vor mir steht ein Tablett, und auf dem Tablett sind ein Glas Apfelsaft, eine Vitamintablette, ein Löffel, ein Teller mit drei Scheiben braunem Toast, ein Schüsselchen, das Honig enthält, und noch ein Teller mit einem Eierbecher darauf von der Sorte, die wie ein Frauentorso aussehen, mit Rock. Unter dem Rock ist das zweite Ei und wird dort warm gehalten. Der Eierbecher ist aus weißem Porzellan mit einem blauen Streifen.

Das erste Ei ist weiß. Ich verrücke den Eierbecher ein wenig, sodass er jetzt im wässrigen Sonnenlicht steht, das durch das Fenster kommt und, heller werdend, verblassend und wieder heller werdend, auf das Tablett fällt. Die Eierschale ist glatt und zugleich körnig; kleine Kiesel von Kalzium werden vom Sonnenlicht herausgearbeitet wie Krater auf dem Mond. Es ist eine kahle Landschaft, und doch ist sie perfekt; es ist eine Wüste wie jene, in die die Heiligen sich begaben, auf dass ihr Geist nicht vom Überfluss abgelenkt würde. Ich denke, so müsste Gott aussehen: wie ein Ei. Das Leben des Mondes ist vielleicht nicht an der Oberfläche, sondern innen.

Das Ei glüht jetzt, als hätte es seine eigene Energie. Das Ei anzusehen erfüllt mich mit intensivem Vergnügen.

Die Sonne geht fort, und das Ei verblasst.“ (148/149)

Margaret Atwood: Der Report der Magd. Aus dem kanadischen Englisch von Helga Pfetsch. Neuauflage im Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017. OA: The Handmaid’s Tale. MCClelland & Stewart, Houghton Mifflin, 1985; Cape 1985. 412 Seiten.

Buch #68: Margaret Atwood – Der Report der Magd

„Glaube ist nur ein Wort, gestickt.“ (389)

„Aber ringsum an den Wänden stehen Bücherregale. Sie sind voller Bücher, Bücher, Bücher, offen sichtbar, keine Schlösser, keine Schränke. Kein Wunder, dass wir hier nicht hereindürfen. Es ist eine Oase des Verbotenen. Ich versuche, nicht hinzustarren.“ (186)

Der Report der Magd – The Handmaid’s Tale – der deutsche Titel ist hier ausnahmsweise der Bessere, weil Angebrachtere. Ein Report ist es, den Desfred uns gibt, ein Report über das Leben in einem Regime, das im späten 20. Jahrhundert in den USA entstand. Viele Faktoren spielten hinein, die Umwelt, die Umweltkatastrophen, die Religionskonflikte, AIDS, der Feminismus.

Nun ist die Welt sehr einfach. Es gibt Männer. Und es gibt drei relevante Kategorien an Frauen. Da sind die „Marthas“, die eine recht gute Stellung als Haushaltshilfe haben. Sie haben keine Rechte, sind aber vor Verfolgung mehr oder weniger sicher. Sie sind im Großen Ganzen irrelevant, nur dazu da, den Handlanger zu geben. Sie tragen grün.

Dann gibt es die Ehefrau. Die höchste Stellung, die eine Frau innehaben kann. Ehefrau. Mutter. Vorstehende des Haushalts. Repräsentation des Haushalts. Die wichtigste Position, die eine Frau haben kann. Die Wichtigste. Sie tragen blau.

Und dann gibt es die Mägde. Sie dienen als Gefäße. Falls ein hochrangiges Ehepaar nicht in der Lage ist, Kinder zu bekommen, dient die Magd als Gebärmutter. Sie trägt rot. Desfred trägt rot.

Desfred lebt als Magd bei dem „Kommandanten“, Fred, und seiner Frau Serena Joy. Sie sind kinderlos, und Desfred soll ihnen helfen. Sie wird gut ernährt und lebt wohlbehütet. Sie hat lange, verhüllende Kleider und eine Haube, die sie hindert, angesehen zu werden. Und außer einem Tunnelblick nichts zulässt. Sie darf keine persönlichen Gegenstände haben. Sie darf das Fenster nicht weiter als einen Spalt öffnen, das Glas ist bruchsicher. Sie darf nicht sprechen, außer die Floskeln, die man sie lehrte. Fromme Sprüche. Und sie darf einmal im Monat das Ritual mit dem Kommandanten vollziehen, im Schoß seiner Frau liegend, in der Hoffnung, für sie empfangen zu können.

Desfred erzählt ihre Geschichte, von ihrem jetzigen Leben, das in völliger Isolation und Abschottung von der ganzen Welt vor sich geht. Informationen zu bekommen, ist fast unmöglich. Interesse an etwas zu zeigen, kann tödlich sein. Wissen zu haben, kann zur Exekution führen.

Aber das System ist nicht vollkommen. Und Desfred gehört zur ersten Generation Frauen, die zu dieser Lebensweise gezwungen werden. Sie erinnert sich daran, wie es vorher war, als Frauen Rechte hatten, Freiheiten, Bildung, Individualität. Und sie erinnert sich daran, wie ihr alles genommen wurde. Und warum sie sich nun in ihre Rolle fügt.

Margaret Atwoods Roman aus dem Jahre 1985 ist damals ihr Durchbruch gewesen. Diese finstere Dystopie hat beim ersten Mal, als ich sie vor vielen Jahren las, so vieles bei mir ausgelöst: Ich habe eine ungeheure Faszination für Dystopien entwickelt, Margaret Atwood ist meine verehrteste Schriftstellerin, und der Anteil meiner Lektüre von Frauen liegt bei ca. 33 Prozent. All dies hat sich nun beim Wiederlesen bestätigt.

Der Report der Magd ist ein ungeheuer intensiver Roman, der perfekt kalkuliert ist. Passt man die Gegebenheiten von vor 30 Jahren an die heutigen an, ist er, gerade mit Sicht auf das letzte Jahr, wieder erschreckend aktuell. Und erschreckend ist genau das Adjektiv, das ich meine. Er nimmt einem den Atem, lässt Seite um Seite verfliegen auf der Suche nach einer Lösung, nach einem Ausweg aus dieser Situation, aus der es keinen Ausweg gibt.

Der Gedanke, dass man diese – eigentlich als Abschreckung zu verstehende – Geschichte als Handbuch nehmen könnte, hat sich mir wieder tief ins Hirn gegraben und mir einen Schlag in die Magengrube verpasst. Es darf nicht sein. Für viele Frauen ist es aber so, an so vielen Orten auf der Welt, täglich, ohne Ausweg. Man sollte dies immer vor Augen haben, immer daran denken, und dieser Roman ist eine Anmahnung all dessen.

Wie ich immer wieder zu meinem Erstaunen vernehme oder lese, gibt es anscheinend einige Menschen, die sich schwer tun mit von Frauen verfasster Lektüre. Ich kann mir beim besten Willen keinen Grund dafür vorstellen, doch scheint es so zu sein. Denjenigen möchte ich eines raten: Wenn Sie nur einen Roman, der von einer Frau geschrieben wurde, ausprobieren möchten, nehmen Sie diesen.

Denn es handelt sich auch schlicht um eine äußerst spannende Geschichte. Wie die jetzige Situation mit der damaligen und der Entwicklung zusammengebracht wird, wie stückchenweise die Welt aufgebaut und ineinander verkeilt wird, wie Desfred sich der Umstände nicht erwehren und von den Ereignissen mitgerissen wird, das ergibt einen Pageturner.

Ich weiß, das alles ist eine Menge Lobhudelei, aber ich bin diesem Roman verfallen, seit vielen Jahren schon. Er wird wohl die neue Spitzenposition in meiner Rangliste einnehmen, und mich auf jeden Fall für den Rest meines Lebens begleiten.

Ich habe den Roman ausgerechnet jetzt wiedergelesen, da ich ihn bei der Bingereaderin gewonnen habe (danke nochmal!), die ähnlich begeistert war, und weil er mit Elizabeth Moss und Joseph Fiennes als Serie verfilmt wurde, die am 26. April 2017 in den USA Premiere hat. Ich kann es kaum abwarten, jetzt noch weniger.

Margaret Atwood: Der Report der Magd. Aus dem kanadischen Englisch von Helga Pfetsch. Neuauflage im Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017. OA: The Handmaid’s Tale. MCClelland & Stewart, Houghton Mifflin, 1985; Cape 1985. 412 Seiten.

Warum ich lese – 40 Liebeserklärungen an die Literatur

Letztes Jahr stellte Sandro vom Blog Novelero sich die Frage, warum er eigentlich liest. Dies inspirierte viele Menschen dazu, das Gleiche zu tun, was in einer großen Anzahl von Beiträgen gipfelte. Auch ich schrieb meine Geschichte dazu.

40 dieser Beiträge hat der Homunculus Verlag nun zu einem wundervollen Buch gestaltet – und mein Beitrag ist auch dabei! Ich freue mich sehr, Teil dieses Projekts zu sein, und hoffe, der Eine oder die Andere interessiert sich für die Geschichten, die „Lesenswege“, und fühlt sich vielleicht inspiriert, über seinen oder ihren Weg zum Lesen nachzudenken. Es sind sehr persönliche Geschichten, unterhaltend, traurig, fröhlich, anregend. Und nach der Lektüre kann es nur einen Weg geben: Den zum Bücherregal!

Erhältlich ist das Buch hier:

Warum ich lese.
40 Liebeserklärungen an die Literatur

Ich wünsche viel Freude mit diesem tollen Buch und hoffe, es möge viele Leser finden!

 

Double Feature: Stefan Zweig

Buch #67: Der Amokläufer und

Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung

Bild: wikipedia.de

Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren. Er lebte von 1919 bis 1935 in Salzburg, von dort emigrierte er nach England und 1940 nach Brasilien. Nachdem er bereits als Übersetzer von Verlaine, Baudelaire und Verhaeren bekannt war, veröffentlichte er 1901 mit „Silberne Seiten“ seine ersten Gedichte. Sein episches Werk machte ihn ebenso berühmt wie seine historischen Miniaturen und die biographischen Arbeiten. 1944 erschienen seine Erinnerungen, in „Die Welt von Gestern“ erzählt er von einer vergangenen Zeit. 1942 schied er freiwillig aus dem Leben, nachdem er sich in seiner neuen Heimat Petropolis, Brasilien, nie ganz zu Hause fühlen konnte und die Angst, die Nationalsozialisten könnten sich die ganze Welt Untertan machen, Überhand nahm.

Bei Der Amokläufer handelt es sich um eine Sammlung von sieben Erzählungen, von denen hier stellvertretend die titelgebende Erzählung vorgestellt wird.

Ein namentlich unbekannter Ich-Erzähler berichtet von einer Schiffspassage von Kalkutta nach Europa im Jahre 1912. Er hat einen der letzten Plätze und somit der schlechtesten Kabinen bekommen, weswegen er seinen Rhythmus umstellt und tagsüber schläft und nachts an Deck geht, um die frische Luft und Ruhe zu genießen.Hier begegnet er eines Nachts im Dunklen einer anderen Person, die zunächst sehr nervös reagiert, sich dann aber an den Erzähler wendet, um seine Geschichte zu erzählen.

Die fremde Person war Arzt in Indien, in einer weit von aller Zivilisation gelegenen Siedlung, und hatte seine Zeit fast abgeleistet. Er war voller Tatkraft angekommen, doch die Hitze und die Einsamkeit haben ihm diese geraubt, und so verbrachte er seine Tage damit, die Zeit herumzubringen. Bis eines Tages ein unvorhergesehenes Ereignis eintrat – eine ihm unbekannte Frau bat ihn um Hilfe. Sie nannte ihren Namen nicht und war sehr bestimmt, eiskalt fast, was den Arzt fast um den Verstand brachte. Das war der Grund, warum er ihre Bitte verwehrte.

Kaum war die Dame gegangen, bereute er seine Härte und setzte ihr nach, doch ohne Erfolg. So forschte er nach und fand tatsächlich heraus, wer sie war, woraufhin er alles stehen und liegen ließ, um der Dame zu folgen und ihr seine Hilfe anzubieten. Worin diese letztlich bestand, und warum der Arzt sich auf dem Schiff befindet, sollte jeder für sich selbst herausfinden.

Diese 75 Seiten lange Erzählung liest sich in einem Atemzug weg. Zweig kreiert die tropische Stimmung so intensiv, dass man meint, die Luft höre auf, sich zu bewegen und laste schwer auf der Haut. Man sieht die Szenerie ebenso vor sich wie die eiskalten Augen der Dame, man riecht den Gestank des Schiffsmotors ebenso wie man die Weite des Sternenhimmels in der Nacht über sich sieht. Für meinen Geschmack ist es fast schon zu intensiv, ich bevorzuge ein paar Adjektive weniger, aber er versteht es doch ausgezeichnet, Stimmungen zu schaffen:

„Das Schiff war überfüllt und die Kabine schlecht, ein kleiner gepreßter, rechteckiger Winkel in der Nähe der Dampfmaschine, einzig vom trüben Blick der kreisrunden Glasscheibe erhellt. Die stockende, verdickte Luft roch nach Öl und Moder: nicht für einen Augenblick konnte man dem elektrischen Ventilator entgehen, der wie eine toll gewordene stählerne Fledermaus einem surrend über der Stirn kreiste. Von unten her ratterte und stöhnte wie ein Kohlenträger, der unablässig dieselbe Treppe hinaufkeucht, die Maschine, von oben hörte man unaufhörlich das schlurfende Hin und Her der Schritte vom Promenadendeck.“ (Amok, 71)

Im letzten Jahr brachte der Topalian & Milani Verlag zwei weitere Novellen von Zweig heraus: Buchmendel und Die unsichtbare Sammlung. Die Ausgabe ist ein wundervoller Band, in der jede der Novellen mit Illustrationen versehen ist, Die unsichtbare Sammlung mit Illustrationen von Florian L. Arnold, Buchmendel illustrierte Joachim Brandenberg, ein Nachwort zum Leben Zweigs rundet die Ausgabe ab.

In Die unsichtbare Sammlung berichtet ein Kunstantiquar dem Erzähler von einem Erlebnis, das ihn sehr beeindruckt hat. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise, als Geld wertlos geworden war, kauften die Reichen nun Kunst – Bilder, Statuen und auch Stiche. Dies ging so weit, dass kaum noch Gegenstände zum Handeln vorhanden waren, bis er sich an einen alten Kunden erinnerte, der seit 1914 treuer Kunde gewesen war und eine umfassende Sammlung an Stichen zusammengetragen hatte. Er beschloss, diesen Herrn zu besuchen, und nicht wenige Überraschungen erwarteten ihn…

Buchmendel, wie immer von einem Ich-Erzähler ausgehend, berichtet von einem Mann, den der Erzähler vor vielen Jahren in Wien kannte und dessen er sich bei einem Besuch erinnert. Dieser Herr, Buchmendel, verbrachte seine Tage in einem Café, immer dasselbe Café, immer am selben Tisch. Als der Erzähler dort hingeht, findet er jedoch einen neuen Besitzer vor, der Buchmendel nicht kennt. So stellt der Erzähler Nachforschungen an… Dieser Buchmendel war ein Mensch, der jedes Buch kannte, der jedes Buch beschaffen konnte und der jeden Preis wusste. So hatte er sein kleines Auskommen im Beschaffen und Vertreiben von Büchern, für die er ein photographisches Gedächtnis besaß, die er aber nicht las. Auch in normalen, dem Überleben wichtigen Dingen, war er nicht sehr bewandert, und so kam eines Tages eins zum anderen…

Die Illustrationen geben den Novellen einen ganz besonderen zusätzlichen Reiz. Zweig erzählt keine schönen Geschichten, an seinen Erzählungen ist immer etwas faul, und dass der Ich-Erzähler alles entweder selbst erlebt oder aus erster Hand erfährt, bringt die Ereignisse noch näher. Dazu kommen die Zeichnungen, die eine zusätzliche Intensität kreieren, und die Geschichten werden nicht so schnell wieder vergessen. Auch wenn Zweig für mich persönlich vielleicht etwas überladen schreibt, haben die Erzählungen doch einen Eindruck hinterlassen, und jeder, der sich auf einige dieser Geschichten einlässt, wird die große Verzweiflung Zweigs an der Welt erkennen können, selbst wenn sie nirgendwo so eindringlich illustriert wird wie an seiner „Schachnovelle“, die mich seit nunmehr bestimmt 15 Jahren nicht mehr loslässt.

Stefan Zweig: Der Amokläufer und andere Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1989. 203 Seiten.

Stefan Zweig: Buchmendel. Die unsichtbare Sammlung. Topalian & Milani Verlag, 2016. 152 Seiten.

Ich danke dem Topalian & Milani Verlag für das Rezensionsexemplar.