Margaret Atwood – Die Zeuginnen

Nun ist sie also da, die langerwartete Fortsetzung von Der Report der Magd. Oder eigentlich ist es ja die zweite Fortsetzung – ist die erste Staffel von „The Handmaid’s Tale“ noch eng an den Roman gebunden, führen die beiden nächsten die Story fort, ebenso, wie dies Die Zeuginnen tut.

Man kann jetzt natürlich sagen, dass Der Report der Magd so gut war, dass man diesen Roman so stehen lassen sollte, als ein in sich abgeschlossenes Meisterwerk, dass alles, was man dazu dichtet, überflüssig sei und unerwünscht. Oder man kann den ersten Roman als Basis ansehen, einen Entwurf einer Welt, und weitere Details hinzufügen, andere Stimmen zu Wort kommen, Hintergründe entstehen lassen und unterschiedliche Seiten beleuchten.

Denn, wenn man sich darauf einlässt, bekommt man durch die Serie und nun auch den Folgeroman neben der doch ziemlich schwarz-und-roten, oder eher schwarzen Handlung des ersten Romans neue Schattierungen. Zugegeben, sie sind außer schwarz und rot nicht vielfarbig, sie sind grün und blau, manchmal rosa, sehr oft grau. Aber für mich ist sowohl mit der Serie als auch mit dem zweiten Roman eine stimmige Fortführung dieser Welt entstanden, die – natürlich – nicht perfekt ist, aber doch viele gute Ansätze und Details verarbeitet hat.

Die Handlung von Die Zeuginnen setzt 15 Jahre nach den Ereignissen aus Der Report der Magd an. Ich bin mir nicht sicher, inwiefern Margaret Atwood die Geschehnisse der Serie berücksichtigt hat, zumal ja auch noch eine vierte Staffel kommen soll. Aber ich denke, man kann alles vereinen.

Die Zeuginnen sind nun drei Frauen, die Zeugnis ablegen über die Ereignisse aus Gilead. Von diesen drei Frauen gibt es einmal ein schriftliches Zeugnis, einen Bericht, der offensichtlich von der Gebildetesten der drei verfasst wurde und die Ereignisse von den Anfängen Gileads bis „heute“ thematisiert. Die anderen beiden Zeugnisse sind mündliche Protokolle, Zeugenaussage 369A und Zeugenaussage 369B. Eine dieser Aussagen stammt von einer Frau, die in Gilead aufgewachsen ist, die andere von einer Frau, die in Kanada groß wurde.

Hier kommt jetzt die Verbindung zur Serie ins Spiel, diejenigen, die sie gesehen haben, werden nicht viel Mühe aufwenden müssen herauszufinden, wer die drei Frauen sind. Ich werde dies an dieser Stelle nicht schreiben. Was ich schreiben werde, ist, dass durch diese drei Sichtweisen viele Hintergründe hinzukommen. Einmal, wie es dazu kam, dass Gilead entstehen konnte und wie die Tanten so viel Macht bekommen und halten konnten. Die für mich interessanteste Perspektive war diejenige der in Gilead aufgewachsenen Frau, deren ganzes Weltbild auf den Lehren dieses „Gottesstaates“ beruht und die, obwohl so viel dagegen unternommen wurde, doch selbstständig denken kann. Die dritte Perspektive, diejenige aus Kanada, ist eine, die nicht so schwierig nachvollziehbar ist, leben wir sie doch alle: „Sieh mal, was für Zustände in diesem Land herrschen, fürchterlich, die Armen“ usw.

Die Zeuginnen ist mit Sicherheit nicht Margaret Atwoods stärkster Roman, er rangiert noch nicht mal unter den Top 5, denke ich, aber für mich ist er dennoch wichtig und gelungen. Der Report der Magd war seit dem ersten Lesen, da war ich Anfang 20, Teil von mir, oft habe ich über diese Welt, die Atwood da erschaffen hat, nachgedacht und Dinge wiederentdeckt, die in der Weltgeschichte geschahen und geschehen. Trump hat ohne Zweifel vieles wieder hervorgeholt, manchmal meint(e) man, er benutze den Roman als Vorlage. Die in diesem Zuge entstandene Serie, die der Geschichte mehr Hintergrund gegeben hat, auch und vor allem auch durch die Perspektive von der anderen Seite, die der Ehefrauen, und der Roman, der die der Tanten und Töchter Gileads mitbringt, sind für mich eine absolut gelungene Ergänzung. Ich kann aber auch die Stimmen verstehen, die den ersten Roman so für sich stehen lassen wollen.

Eine weitere  Besprechung findet Ihr bei Nettebuecherkiste.

Margaret Atwood: Die Zeuginnen. Deutsch von Monika Baark. Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH 2019. OA: The Testaments. PenguinRandom House Toronto/New York/London 2019. 573 Seiten.

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Rebecca Gablé – Teufelskrone

„Wenn Du einem König deine Freundschaft schenkst, läufst du immer Gefahr, an seinen Taten zu verzweifeln.“ (Klappentext)

Rebecca Gablé nimmt uns in ihrem neuesten Roman wieder einmal mit nach Waringham. Diesmal ist es Yvain, dessen Lebenslauf wir verfolgen, und die Zeit ist die von Richard Löwenherz und King John. Die Geschichte ist also ungefähr 100 Jahre vor den anderen Waringham-Romanen angesiedelt.

Yvains Vater hat für ihn einen bestimmten Lebensweg vorgesehen: Im Gegensatz zu seinem Bruder Guillaume, der einer der engsten Ritter von König Richard Löwenherz ist, soll er zu den Templern gehen. Auf seinem Weg dorthin begegnet er allerdings dessen Bruder, King John, und Yvains Templerkarriere endet in einem Wirtshaus. Seine Karriere als King Johns Knappe und späterer Ritter beginnt jedoch.

Man kennt viele Geschichten über die Brüder Richard und John, nicht zuletzt wegen der vielen Varianten von Robin Hood & Co., oftmals wird aber nicht klar, dass z.B. Robin Hood die Reichen ausraubt, weil England für Richard Löwenherz‘ Lösegeld bezahlen muss. John paktiert hier mit Philippe von Frankreich, um Richard zu stürzen und die Krone Englands zu übernehmen, da England ihm am Herzen liegt.

Nichtsdestotrotz ist bekannt, dass John ein unberechenbarer Typ war, jähzornig, brutal und uneinsichtig, und Yvain soll sein Leben lang damit ringen, seinem König ein guter Gefolgsmann zu sein. Teil einer jungen Truppe von Knappen, umgeben von Edelleuten, erkämpft sich Yvain einen Platz in Johns engstem Kreis, wird gar manchmal zu seinem Ratgeber.

Dies bezahlt er jedoch oft mit einem hohen Preis, von der Entscheidung zu heiraten, die ihm diktiert wird, bis zu seiner persönlichen Freiheit. Mit der Schuld, im falschen Moment am falschen Ort zu sein. Mit der Verantwortung für seine Familie und Lehnsleute. Vielleicht sogar mit seinem persönlichen Glück.

Und so leitet uns Rebecca Gablé einmal mehr durch die bewegte Geschichte Englands, die mit einem Kreuzzug beginnt und mit der ersten Magna Charta endet. Mit Yvain of Waringham und seiner Familie ist es ihr wieder einmal gelungen, Protagonisten zu erschaffen, die vielschichtig sind und reflektiert, die leiden und mit ihrem Schicksal hadern und dennoch Kinder ihrer Zeit sind, die dieses Schicksal als gottgegeben betrachten und deswegen nicht anders können, als sich zu fügen. Oder vielleicht doch?

Dass Rebecca Gablé es versteht, eine andere Welt auferstehen zu lassen und dies jedesmal genüsslich und detailreich umsetzt, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Ich freue mich genau deshalb über jeden neuen Roman, wird man doch von ihren Geschichten für eine Weile aus der Welt herausgezogen und in eine Art Parallelwelt geschickt, die lange vergangen und doch sehr gegenwärtig ist.

Dennoch war mir „Teufelskrone“ manches Mal ein wenig too much. Ich weiß, es war eine brutale Zeit, aber die Detailtreue bei all den grausigen Dingen, die sich die Menschen damals angetan haben, hätte ich nicht immer gebraucht. Ja, ich weiß, das gehört dazu. Auf jeden Fall habe ich diesen Schmöker wieder genossen, es war schön, wieder einmal in Waringham zu sein (und wenn man die weiteren Romane betrachtet, die alle ungefähr 50 Jahre auseinander liegen, wird einem auffallen, dass Frau Gablé sich noch einen Slot offen gelassen hat).

Ich danke Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat meine Meinung in keiner Weise beeinflusst.

Rebecca Gablé: Teufelskrone. Bastei Lübbe AG, Köln 2019. 926 Seiten.

Esi Edugyan – Washington Black

„Ich war vielleicht zehn, elf Jahre alt – genau kann ich das nicht sagen -, als mein erster Master starb.“

So beginnt Esi Edugyans Roman „Washington Black“, und in diesem Satz ist schon so vieles angelegt. Washington wurde von seinem ersten Master auf den Namen George Washington Black getauft, er wird aber von allen Wash genannt. Er weiß nicht, wer seine Eltern sind, großgezogen wird er von Big Kit, die sich seiner annimmt.

Als sein erster Master stirbt, bekommt er einen neuen Master, Erasmus Wilde, ein brutaler, rücksichtsloser Mann, der die Sklaven erst einmal gefügig macht, indem er eventuellen Fluchtversuchen auf äußerst brutale Weise entgegenwirkt. Und so träumen sich Big Kit und Wash nach Dahomey, wo Big Kit herstammt, bevor sie gefangen genommen und nach Barbados verschafft wurde. Es soll immer Washs Fluchtpunkt bleiben.

Erasmus Wilde ist in Begleitung seines Bruders Christopher, der sein genaues Gegenteil ist. Er ist Gelehrter, wie ihr Vater, und dabei, ein Luftschiff zu bauen (das eindrucksvoll gezeichnet auf dem Cover abgebildet ist). Dieser sieht Washington und bittet seinen Bruder, ihn in seine Obhut zu geben. Und so ändert sich Washingtons Leben von einem Tag auf den anderen: von der harten Arbeit auf den Feldern, aus der Obhut von Big Kit gerissen, wird er Christopher Wildes Assistent.

Er lernt lesen und schreiben, streift den ganzen Tag mit ihm über die Insel und fängt an, Zeichnungen von den Dingen zu machen, die Christopher interessieren, von Pflanzen und Tieren, wofür er ein echtes Talent besitzt. So steigt er in seiner Achtung, und langsam wird die Beziehung mehr zu einer Freundschaft als die von Master und Sklave.

Dann bekommen sie Besuch von einem Cousin der Wildes, den ein dunkles Geheimnis zu umgeben scheint. Washington ist immer auf der Hut, und als es so weit ist, dass sie die ersten Experimente mit dem Luftschiff machen können, geschieht eine Katastrophe. Doch diese ist nicht die einzige für Washington, so dass er und Christopher schließlich mit dem Luftschiff fliehen müssen. Eine abenteuerliche Reise beginnt.

Sie sehen viele interessante Dinge, lernen spannende Menschen kennen, immer auf der Flucht, bis Christopher Washington schließlich verlässt und der seinen eigenen Weg finden muss.

Esi Edugyan hat eine Mischung aus einer Coming-of-Age-Geschichte und einem Abenteuerroman geschrieben, die mitreißend und spannend ist. Sie verwendet eine wundervolle Sprache, und auch die brutalen Szenen bleiben immer erträglich, dennoch eindringlich. Sie nimmt uns mit in eine Zeit, in der Menschen Besitz sind, die aber auch geprägt ist vom raschen Wandel in der Wissenschaft, und schafft es immer, auf diesem Grat zu balancieren.

Sie hat mit ihren Figuren, allen voran natürlich Washington, glaubhafte Charaktere geschaffen, wobei dieser im Laufe der Geschichte vielleicht eine Wende zuviel, einen Schicksalsschlag, dessen es nicht bedurft hätte, aufgebrummt bekommt. So zieht sich die Geschichte gen Ende ein wenig hin. Dennoch gelingt ihr ein glaubhafter, eindrücklicher Abschluss, so dass der Roman mir sehr positiv im Gedächtnis bleiben wird.

Dies, zusammen mit der schönen Sprache und den wundervollen Bildern, die Edugyan verwendet, machen diesen Roman zu einem Schmöker, den ich jedem empfehlen kann. Sie baut viele Details ein, die aber immer nachvollziehbar sind und so ein Panorama einer Zeit bilden, in der ich mich nicht so gut auskenne und nun froh bin, ein wenig mehr darüber zu wissen.

Eine weitere Rezension könnt Ihr hier bei der großartigen Bingereaderin finden.

Ich danke dem Eichborn Verlag für das Rezensionsexemplar. Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat meine Meinung in keiner Weise beeinflusst.

Esi Edugyan: Washington Black. Aus dem kanadischen Englisch von Annabelle Assaf. Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG Köln, 2019. 509 Seiten.

Nederlandstalig! Ein Tag in Haarlem

Guten Tag und groetjes!

Heute, zum Ende des Sommers, gibt es noch mal eine kleine Abwechslung auf dem Blog. Lange gab es keine Neuigkeiten in nederlandstalig! mehr, aber ich war gestern für einen Tag in Haarlem, und daran möchte ich Euch gerne teilhaben lassen! Diese Woche also keine Lektüre, diese Woche gibt es Bilder, die hoffentlich inspirieren, diese wunderschöne Stadt zu besuchen!

Dank der immer wiederkehrenden großartigen Angebote, die es für die niederländische Bahn gibt, haben wir uns ein Erste-Klasse-Ticket geholt (23 Euro! Für den ganzen Tag! Erste Klasse!), uns morgens um zehn vor acht in den Zug gesetzt und waren um viertel nach zehn in Haarlem.

Statue Ripperda & Hasselaer, Foto@mg

Erst mal orientieren. Auf dem Bahnhofsvorplatz lenkte sofort eine Statue von Wigbolt Ripperda und Kenau Simonsdochter Hasselaer, die sich im Achtzigjährigen Krieg (auch Spanisch-Niederländischer Krieg) den Truppen entgegenstellten (was er mit seinem Kopf bezahlte), die Aufmerksamkeit auf sich.

Grachtenbrücke mit Blumen, Foto@mg

Weiter ging es in Richtung Zentrum, erstmal auf der Suche nach einem Kaffee (der Kaffeeservice im Zug hatte uns leider nicht erreicht).

 

Vorbei ging es an den ersten Grachten und über Brücken, die mit ausladenden Blumenarrangements geschmückt sind und die Sommer-Sonne-Lebensfreude nur so herbeizaubern!

Flowers, flowers, flowers! Foto@mg

Am Markt angekommen, gab es erstmal einen Kaffee und den Ausblick auf den mit Ständen aller Art gefüllten Marktplatz. Direkt vor uns befand sich ein Fischstand, aber man merkte nichts davon (der frische Fisch kommt aus ca. fünf Kilometern Entfernung). Und dann die Blumenstände! Es war eine Freude, diese Pracht einfach einwirken zu lassen, die Farben, dieser Duft, diese Manifestation der Lebensfreude!

Frans-Hals-Museum, Foto@mg

Ein weiterer mit Sicherheit sehenswerter und interessanter Ort ist das Frans-Hals-Museum, das aber leider keinen Eintritt in unseren Tagesplan gefunden hat – wir müssen also noch einmal wiederkommen! Hier ist die Fassade, aufgrund des Marktes leider nur von schräg unten.

St.-Bavokerk, Foto@mg  

Nächster Stopp war die St. Bavokerk, die eine wunderschöne Holzdecke hat, und eine sehr imposante Orgel. Ansonsten war sie jedoch eher karg, aber für eine protestantische Kirche doch recht sehenswert.

Moeder Venus (Mutter Venus), foto@mg

Viel interessanter fand ich jedoch die darin stattfindende Ausstellung von Holzfiguren, hauptsächlich zwar von Engeln und Heiligen, aber diese hier fand ich dann doch unglaublich: Moeder Venus, Mutter Venus.

 

 

Krähen essen auch gern zu Mittag, Foto@mg

Nach einem sehr guten Mittagsmahl, an dem auch die Krähen teilzuhaben versuchten (man beachte das langsame Herantasten hinter dem Dekoglas hervor), ging es weiter durch die kleinen Straßen, in denen es so viel zu entdecken gibt. Haarlem gilt als die beste Einkaufsstadt der Niederlande, mit zahlreichen kleinen und individuellen Läden, die in wundervollen, teils sehr alten, teils hochmodernen Ladenlokalen beheimatet sind. Stöbern lohnt sich unbedingt, wenn man gerne ausgefallene Sachen hat!

Sparne mit Gravestener Brug, foto@mg

Häuser an der Gracht, Foto@mg

 

Weiter ging es, wieder Richtung Wasser. Hier kommen jetzt noch ein paar Grachtenfotos, die ich Euch zum Genießen überlasse.  Hier sieht man die Gravestener Brug, eine Klappbrücke über die Sparne.

 

Und auch die Häuserfronten finde ich immer wieder atemberaubend, mit den verschiedenen Fassaden und den Figuren, die die Häuser schmücken.

 

Der Gegensatz zum geschäftigen Amsterdam: Haarlem, relaxt. Foto@mg

Dann habe ich zum Schluss noch eines der schönen Sträßchen für Euch, das stellvertretend für all die anderen schönen Sträßchen und Plätze steht, die Ihr Euch, solltet Ihr die Gelegenheit bekommen, unbedingt ansehen solltet! Viel Spaß!

 

Han Kang – Deine kalten Hände

Der Roman Deine kalten Hände ist ein frühes Werk der Autorin Han Kang, die mit ihren jüngeren Büchern viel Beachtung gefunden hat. Für mich ist es jedoch der erste Roman, den ich von ihr lese, was meinen Eindruck vielleicht etwas anders als den derjenigen macht, die schon mehr von ihr gelesen haben.

Die Schriftstellerin H. hat durch Zufall mehrere Kunstwerke des Künstlers Jang Unhyong erlebt, welche großen Eindruck bei ihr hinterlassen haben. Jang Unhyong nimmt Abdrücke von Körperteilen, um diese als Formen zu verwenden oder neue Kunstwerke daraus zu kreieren. Eines Tages treffen sich die beiden, und H. fragt Unhyong nach seinem Antrieb. Er bleibt die Antwort schuldig. Einige Zeit später kontaktiert seine Schwester H., um ihr mitzuteilen, dass Unhyong vermisst werde, er aber ein Manuskript hinterlassen habe, in dem auch sie erwähnt werde. Sie schickt ihr dieses Manuskript.

Das Manuskript ist in drei Teile unterteilt, von dem das erste seine Kindheit, das zweite seine Begegnung mit L. und das dritte die Begegnung mit E. beschreibt. Schon als kleiner Junge war ihm bewusst, dass wir in einer Welt der Masken leben, jeder, er selbst ebenso.

„Mit der großen, schwarzen, viereckigen Hornbrille sah ich mir selbst nicht mehr ähnlich. Dass mein Gesicht völlig verändert aussah, war befreiend. Wie in einer guten Verkleidung hatte ich den Eindruck, dass mich niemand mehr erkennen konnte.“ (S.51/52)

Er ist sehr einsam, fühlt sich nicht zugehörig, sein liebloses Elternhaus gibt ihm keine Geborgenheit, kann ihm seine Ängste nicht nehmen.

„Ich bekam gute Noten, war gehorsam und tüchtiger als alle anderen. Aus diesem Grund wurde ich nicht im Stich gelassen.“ (68)

Er geht auf die Universität und studiert Kunst. Erste Ausstellungen werden positiv aufgenommen. Er wendet sich von den Masken ab, ist besessen von Händen. Und er begegnet L., die stark übergewichtig ist und die für ihn faszinierendsten Hände hat. Sie wird sein Modell, zuerst für die Hände, später für den ganzen Körper. Es entwickelt sich etwas zwischen ihnen, und sie öffnet sich ihm langsam, und erzählt ihm ihre Geschichte. Und verlässt ihn für einen anderen, ein zerstörerischer Schritt.

Als er E. kennenlernt, übt diese eine ganz andere Faszination auf ihn aus. Er will ihr Gesicht, eine Maske ihres Gesichts. Doch sie will ihre Maske vor ihrem Gesicht behalten, denn auch sie hat eine Geschichte dahinter zu verbergen.

Deine kalten Hände ist ein einfühlsamer, brutaler Roman. Ja, das ist möglich, Han Kang macht es möglich. Viele Themen werden angeschnitten, was manche Rezensenten bemängelt haben, es geht um Gewalt, Körperidentität, Krankheit, und ja, die Masken, die wir alle tragen. Sie behandelt ihre Themen in einer recht kühlen Sprache, sie lässt Unhyong erzählen, aber selten wird er emotional. Was genau diese Emotionalität auf mich zurückgeworfen hat. Der Roman hat mich im Inneren gepackt und in den Magen geboxt, er hat mich hineingesogen und wieder ausgespuckt, er war ekelhaft und so nah an mir dran.

Jeder trägt seine Masken, sie bieten Schutz, man kann sich verstecken, muss der Welt nicht sein Innerstes herausposaunen. Doch dreht man diese Masken um, sieht man, je fester sie auf dem Gesicht gesessen haben, jede Linie, jedes Abzeichen, das das Leben hinterlassen hat, eingeprägt, für immer konserviert. Vielleicht will man sie dann zerschlagen. Bevor jemand sie betrachten kann.

Ich weiß nicht, wie viel meisterlicher Han Kang schreiben kann, bin einerseits gespannt, wie sie sich weiter entwickelt hat, andererseits ein wenig abwartend, weil dieser Roman mir so gut gefallen hat.

Ich danke dem  Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar. Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat meine Meinung in keiner Weise beeinflusst.

Han Kan: Deine kalten Hände. Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel. Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2019. OA: Erschienen bei Moonji Publishing, 2002. 312 Seiten.

Gloria Steinem – Aufbruch

Ich stand also da in der Buchhandlung und hatte bereits fünf Bücher in der Hand, die mir ins Einfinden in die feministische Literatur helfen sollten, da fielen mir ein pinkes Buch ins Auge und dieses hier, das auf den ersten Blick nicht viel damit zu tun haben scheint. Aber ich nahm diese beiden und brachte die anderen wieder an ihren Platz zurück. Zum Glück (erstmal, die anderen sind ja nicht vergessen).

Aufbruch – das soll es wohl auch für mich sein, denn ich denke, ich habe hiermit die beste Wahl getroffen, einen Einstieg zu finden. Gloria Steinem gibt hier einen Bericht über ihr Leben und ihre Reisen ab, von ihrer Kindheit mit einem Vater, der als Antiquitätenhändler durch die Lande tingelte, bis 2015, als dieses Buch erschien.Es umfasst also achtzig Jahre des Reisens, des Kennenlernens von Land und Leuten, der Begegnungen, die sie nachhaltig geprägt haben.

Als Kind, mit einem derart rastlosen Vater, der nie lange an einem Ort sein konnte, wünschte sie sich ein festes Zuhause. Dennoch hat ihr Vater sie so sehr geprägt, dass sie, als sie nach ihrem Studium nach Indien fuhr, dort auch durch die Lande zog, und seitdem zwar ein Heim hat, aber nie lange dort ist. In Indien machte sie ihre ersten Erfahrungen damit, was es bedeutet, durch ein Land zu Reisen, abseits von touristischen Pfaden, Reiseführern, geleiteten Touren, sondern sich auf Land und Leute einzulassen.

Seitdem tut sie genau das: sie reist – hauptsächlich in den USA – durch das Land, und das Wichtigste, was sie von jeder Reise mitnehmen will, sind die Erzählungen der Menschen. So hat sie selten das Flugzeug genommen, sondern fuhr mit dem Zug, Unmengen an Taxis, mit Freiwilligen, die sie abholten und irgendwo hin brachten. Und diese Menschen hat sie nach ihren Geschichten gefragt, nach ihren Erlebnissen, nach Gedanken zu Aktuellem oder Traditionen, nach dem, was für sie wichtig ist.

Diese Berichte trägt sie hier zusammen (es ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt, sie hat wohl so viele Menschen getroffen). Und ich habe sie voller Faszination und, ja, Dankbarkeit gelesen. So viele Stimmen, von denen ich sonst nie gehört hätte, so viele Erfahrungen, von denen ich nie gelesen hätte, so viele neue Gedanken, die ich sonst nie hätte haben können – das hat mir dieses Buch gegeben.

Sie setzt sich nicht nur intensiv mit dem Feminismus auseinander, mit den Menschen, die mit ihr zusammen gekämpft haben und kämpfen, sondern auch mit der Kultur der Ureinwohner, von denen sie viele getroffen hat. Und so viele Menschen haben sich ihr geöffnet, ihre Geschichten erzählt, mit ihr Projekte initiiert, Ungerechtigkeiten bekämpft. Sie muss schon ein bemerkenswerter Mensch sein.

Sie steht für den intersektionalen Feminismus ein, und erzählt von Freunden und Wegbegleitern, die sich nicht wie sie „nur“ mit Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts auseinandersetzen mussten und müssen. Sie berichtet von diesen Menschen und ihren Kämpfen, und bringt sie der Leserin nahe. Sie hat sich immer für eine bessere Welt eingesetzt, und ich denke, sie hat dazu beigetragen.

Außerdem gibt sie zahlreiche Hinweise, sei es zur Literatur, zu Studien, zu Zeitungsartikeln, die zum Weiterlesen animieren, und dies bei dieser Leserin geschafft haben. Das Buch ist in sieben Kapitel aufgeteilt: In den Fußstapfen meines Vaters, Gesprächskreise, Warum ich nicht Auto fahre, Ein großer Campus, Wenn das Politische privat wird, Surrealismus im Alltag, Was einmal war, kann wieder sein.

Ich möchte es jedem ans Herz legen, denn es handelt sich hier nicht nur um eine Geschichte des Feminismus, sondern auch um eine Geschichte der USA der letzten Jahrzehnte, und es werden Perspektiven mit hineingenommen, die nicht selbstverständlich sind und normalerweise eher klein gehalten werden. Nach der Lektüre ist man reicher.

Gloria Steinem: Aufbruch. Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné. btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 2019. OA: My Life on the Road. Random House, New York 2015. Leider nur 383 Seiten.

Einiges neu und: „The Future is Female!“

Liebe Leserinnen,

lange habt Ihr nichts mehr von mir gehört. In den letzten Monaten hat sich sehr viel in meinem Leben verändert, und es war und ist nicht einfach, mit all dem umzugehen. Die erste Konsequenz, nachdem es jetzt soweit ist, dass ich alles ein wenig verarbeiten kann, ist, dass mir aufgefallen ist, wie wenig mir mein Blog noch passt. Nach achteinhalb Jahren und einer Lernkurve für mich und der Entwicklung in der Community fühlt er sich einfach nicht mehr richtig an.

Daher habe ich einiges geändert. Visuell, wie Ihr wohl auf den ersten Blick bemerkt habt. Und inhaltlich: ich habe die ganze Sache mit der Liste herausgenommen, auch die persönliche Rangliste. Dort ist so lange nichts mehr passiert, dass ich mir denke, niemand wird es vermissen. Nichtsdestotrotz habe ich sie noch und werde sie weiterhin abarbeiten, nur eben nicht mehr als erstes Ziel.

Das erste Ziel wird von nun an sein, alles zu lesen, wovon ich denke, dass es mir hilft: mich weiterbringt, mich tröstet, mich aufregt, mich zum Lachen bringt… Ihr wisst schon. Und dann werde ich ein neues Fass aufmachen: feministische Literatur. Ich möchte mich da weiter bilden. Es ist ja nicht so, als habe ich bisher nicht viel Literatur von und für Frauen gelesen (mehr als ein Drittel der besprochenen Bücher), aber ich möchte mehr in die Theorie gehen, so dass ich in bestimmten Situationen mehr Rüstzeug habe.

Ich hoffe, Ihr werdet mich alle weiterhin begleiten (so viel wird sich ja nicht ändern) und freue mich, wenn Ihr weiter dabei seid. Und nun zu meinem ersten, nicht so ganz gelungenen Versuch:

Hrsg.: Scarlett Curtis: „The Future is Female!“

Diesen wunderschön pinken Band (die Farbe heißt ‚Baker-Miller-Pink‘, was es damit auf sich hat, berichtet einer der Beiträge) habe ich mir zugelegt in der Hoffnung, hier einen Einstieg in die feministische Literatur zu bekommen. Es handelt sich um einen Band, der aus zahlreichen Beiträgen von hauptsächlich jungen Frauen besteht, und was Feminismus für sie bedeutet.

Er ist in mehrere Teile unterteilt: Erleuchtung, Zorn, Freude, Zeit für ein bisschen Poesie, Aktion, Bildung, abgerundet von einer Lektüreempfehlung von Emma Watson und einem „Was als nächstes kommt“ der Herausgeberin Scarlett Curtis.

Es waren einige interessante Beiträge dabei. Doch ich muss für mich sagen, ich hätte genauer hingucken sollen. Dieser Band richtet sich an junge Frauen, die sich vielleicht noch gar nicht mit dem Thema auseinander gesetzt haben. Die Beiträge haben mir sicherlich ein wenig geholfen, aber im Großen und Ganzen war ich nicht die Zielgruppe.

Daher werde ich Folgendes tun: Ich werde ihn in der nächsten Woche zu unserer kleinen Bibliothek tragen und die Damen und Herren dort bitten, es in ihren Bestand aufzunehmen, damit er hoffentlich der einen oder anderen jungen Dame oder dem ein oder anderen jungen Herrn helfen möge, sich neue Gedanken zu machen, sich nicht allein zu fühlen, neue Projekte zu finden oder was auch immer er inspirieren mag.

Hrsg.: Scarlett Curtis: „The Future is female!“. Erweiterte deutsche Erstausgabe. Verlagsgruppe Random House GmbH, München, 2018. OA: „Feminists don’t wear pink and other lies. Amazing women on what the F-word means to them.“ Penguin Books UK, 2018. 414 Seiten.