Buch #56: Mark Haddon – Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone

Ein superguter Tag ist es, wenn man auf dem Weg zur Schule fünf rote Autos hintereinander sieht. Tolle Sachen sind Primzahlen und mathematische Rätsel. Nicht schön ist es, wenn man drei oder mehr gelbe Autos sieht, dann wird der Tag schlecht und man sollte sich in Acht nehmen. Dann isst man z.B. besser nichts, denn auch die rote Lebensmittelfarbe, mit der man unangenehmes gelbes oder braunes Essen einfärben kann, hilft nicht weiter.

Christophers bester Freund ist seine Ratte Toby, und er besucht eine Sonderschule, weil er Probleme in einer richtigen Schule hätte. Aber er ist supergut in Mathematik, weswegen er sein Fachabitur in dem Fach ablegen möchte. Wenn nur nichts dazwischen kommt – wie der plötzliche Tod von Nachbarshund Wellington, den Christopher sehr geliebt hat.

Christopher leidet am Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus, bei der Menschen Probleme haben, Gefühle und Stimmungen zu verstehen und interpretieren. Auch Unordnung und Unregelmäßigkeiten verwirren sie. Dafür ist es oft so, dass sie in einem Aspekt sehr gut sind, wie Christopher mit der Mathematik, aber es gibt zum Beispiel auch Maler, die sich jedes Detail einprägen können oder Musiker, die Harmonien perfekt beherrschen.

Nun erfährt Christophers Leben also so eine Unregelmäßigkeit, einen Schock. Nachbars Pudel ist tot. Und Christopher, der vor zwei Jahren seine Mutter verloren hat und nun bei seinem Vater lebt, beschließt, diesen Verlust nicht auf sich beruhen zu lassen und den Täter ausfindig zu machen. Dass er uns davon erzählt, verdanken wir seiner Lehrerin Shiobhan, die Christopher rät, seine Geschichte aufzuschreiben, damit er sie besser verarbeiten kann. Und er erzählt uns also von all den Dingen, die er auf sich nimmt, um Wellington zu rächen. Er muss zum Beispiel die Nachbarn befragen, das bedeutet, dass er an deren Türen klingeln und mit ihnen reden muss, was ihm nicht ganz leicht fällt.

Auch wenn die meisten Leute nett zu ihm sind, können sie ihm doch bei seiner Untersuchung nicht helfen. Aber nicht nur das, in den Reaktionen der Menschen liegt noch etwas anderes, das Christopher nicht ganz herleiten kann. Sie verhalten sich mitleidig und fürsorglich, und reden äußerst vorsichtig von seiner Mutter. Warum bloß?

Als Christopher schließlich herausfindet, wer Wellington ermordet hat, kommt das einem Erdbeben in seinem Leben gleich. Nun muss er ganz mutig sein und Dinge tun, die ihm früher nicht im Schlaf eingefallen wären. Wird er sich behaupten können und mit seiner neuen Situation zurechtkommen?

Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone ist ein sehr leicht zu lesender Roman, wird er doch aus der Sicht eines autistischen Jugendlichen erzählt. Dann wiederum ist er nicht so leicht zu lesen, denn seine Sicht ist die einzige, die wir bekommen. Wir sehen seine eingeschränkte Welt, die sich in klaren Linien befinden muss, doch zum Beispiel die Welt seines Vaters, der als Alleinerziehender mit Christopher umgehen muss, wird nur am Rande berührt. Die Sorgen und Nöte, die er ausstehen muss, werden von Christopher gar nicht wahrgenommen, ebenso wenig, wie schwierig es ist, ihm diese „einfache“ Welt zu kreieren.

Geholfen hat mir hierbei, dass ich vor einiger Zeit eine Serie gesehen habe, Parenthood, in der unter anderem das Aufwachsen eines autistischen Jungen gezeigt wird. Hier erfährt man beide Perspektiven, die Sicht des Jungen, aber auch die Not der Eltern. Wen das also interessiert, dem kann ich diese Serie nur empfehlen.

Mark Haddon hat viele Jahre mit autistischen Jugendlichen gearbeitet, daher hatte er einen guten Einblick in ihre Sicht auf die Welt. Und ich denke, das hat er sehr gut vermittelt. Der Weg, den Christopher geht, ist ein für ihn sehr schwieriger, und es ist großartig, wie Haddon die Gedankengänge und „Mutproben“ beschreibt, wie Christopher die Ängste überkommt oder ganz zurückweicht, wenn er überhaupt nicht mit der Situation umgehen kann. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass es etwas offensichtlicher geworden wäre, wie Christophers Umwelt mit ihm zurechtkommen muss, aber dann wiederum ist der Roman aus Christophers Sicht geschrieben und es ist eben diese Form der Krankheit, die dies verhindert.

Ich habe den Roman sehr gern gelesen, er liest sich leicht und flüssig weg und man fiebert mit, ob Christopher in seinem Leben ankommt, ohne zu große emotionale Eruptionen zu erleben, oder falls doch, wie er sie meistert. Es ist ein einzigartiger Blickwinkel, und ich bin froh, diesen gelesen zu haben. Dementsprechend: Leseempfehlung für alle!

Bild: bbc.co.uk

Bild: bbc.co.uk

Mark Haddon wurde am 26. September 1962 in Northampton geboren. Er studierte in Oxford und an der Edinburgh University. Hauptsächlich verfasst er Kinder- und Jugendbücher,und er hat ein Drehbuch für die BBC geschrieben. 2003 bekam er den Whitbread Book of the Year Award für Supergute Tage. Er ist verheiratet und lebt in Oxford.

Mark Haddon: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone. Aus dem Englischen von Sabine Hübner. Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2005 (OA: 2003). 283 Seiten.

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